Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (2017)

Als Sänger der Band Here We Go Magic und solo unter seinem bürgerlichen Namen hat Luke Temple schon mit zahlreichen, mehr oder weniger folkig angehauchten Platten Erfolg. Nun erfindet er sich noch mal neu und verzaubert uns mit kunstvoll gebastelten Songs, die zwischen verträumten und verspulten elektronischen Sounds pendeln.

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VÖ: 14.7.2017 auf Western Vinyl Records
Klingt fast ein bisschen wie: Arthur Russel, sir Was, Aero Flynn, The Frightnrs
Schlagworte: Nachts / Regen / Tee / Alleine

Dass Luke Temple ein begnadeter Songwriter, Gitarrist und Sänger ist, ist keine Neuigkeit. Überraschend ist eher, wie weit er sich unter seinem neuen Künstlernamen von seiner bisherigen musikalischen Comfort Zone entfernt. Als Art Feynman tauscht er seine Gitarrensammlung gegen eine Armada aus Synthesizern und Drum Machines, die klassischen Songstrukturen gegen ausufernde Loops und das Storytelling gegen assoziativ strömende Textfragmente. Dabei greift er unter anderem auf Modelle aus der elektronischen Musik und aus afrikanischen Kulturen zurück, was dem Ganzen einen zeitlosen, globalen und futuristischen Charakter gibt.

Das Video ist in höchstem Maße passend, denn die Musik zieht in einer gewissen emotionalen Distanz an uns vorbei wie das Nachtleben einer Metropole bei der Fahrt auf der Stadtautobahn. Und bis auf wenige Ausraster, bei denen die Experimente am Keyboard oder an der E-Gitarre ein wenig zu weit gehen, ist dabei aber eine extrem gut hörbare Platte entstanden. Der wilde Stilmix wird von einem sehr individuellen und persönlichen Charakter der Musik stimmig zusammengehalten. Man darf gespannt sein, ob und wie dieses Album überhaupt auf der Bühne umsetzbar ist, aber in aufgenommener Form stellt es durchaus eine einzigartige Produktion von besonderem künstlerischen Wert dar.

The War on Drugs – A Deeper Understanding (2017)

Drei Jahre nach dem epochalen „Lost in the dream“ sind die Erwartungen für die langerwartete vierte Platte extrem hoch. Aber The War on Drugs lassen nichts anbrennen und liefern einen in jeder Hinsicht adäquaten Nachfolger ab, der auch überraschende Seiten hat.

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VÖ: 25.8.2017 auf Atlantic Records
Referenzen: Bruce Springsteen, Dire Straits, Tom Petty
Stichworte: Abends / Sonne / Bier / Freunde

Es gab durchaus Grund zur Sorge, dass The War on Drugs nach dem Erfolgsalbum Lost in the dream und dem unvermeidlichen Wechsel zu einem Major Label beim Sound und vor allem der Länge der Songs Kompromisse machen müssen. Die Erleichterung war deutlich zu spüren, als jeder der vorab online veröffentlichten Songs das herkömmliche Radioformat um ein vielfaches überschritt und keineswegs auf das für die Band typische, minutenlange atmosphärische Wabern von Gitarrenechos und Synthieflächen verzichtete. Keine böse Überraschung also, und man darf Mastermind Adam Granduciel durchaus dazu gratulieren, dass er sich auch noch für die nächste Platte vertraglich die alleinige künstlerische Entscheidungsgewalt hat zusichern lassen. Nach weit über zehn Jahren mäßig erfolgreicher, aber immer mit vollem Herzen ausgeübter Tätigkeit als Rockmusiker mit sinnlosen Nebenjobs in schäbigen Bars hat er es mehr als jeder andere verdient, für ein paar Jahre anständig allein dafür bezahlt zu werden, dass er zwei Jahre im Studio Musik macht und das Ergebnis zur Veröffentlichung freigibt.

Und so ist das einzige Zugeständnis an die Welt der Major Labels, dass fünf der zehn Songs schon vor dem eigentlichen Album-Release online gestreamt werden konnten. Mir persönlich hätten drei Songs gereicht, um die nötige Vorfreude zu entwickeln und mich auf ein zusammenhängendes Hörerlebnis am Erscheinungstag zu freuen. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau, denn Plattenverträge können bekanntlich weitaus desaströsere Auswirkungen haben. Mit dem ersten offiziellen Video Holding On stellten The War on Drugs jedenfalls klar, dass sie musikalisch noch die alten sind. Mal wieder ist der Titel Programm, die refrainartig wiederkehrende Zeile Keep keepin‘ on illustriert, worum es Adam und seinen Freunden geht: Weitermachen, zurechtkommen, sich selbst treu bleiben. Und da deutet sich auch schon an, dass nach der stellenweise desolaten Melancholie des Vorgängers nun auch versöhnlichere Klänge möglich sind.

Der optimistischere Blick auf das eigene Schicksal ist natürlich auch den veränderten Lebensumständen der Musiker geschuldet, die nach Jahrzehnten der prekären Lebensweise mit Anfang vierzig endlich mal durchatmen können. So etwas lässt sich nicht wegwischen und darf auch hörbar werden, solange es nicht in behäbige Selbstzufriedenheit ausartet. Natürlich werden einige Fans enttäuscht sein, vor allem diejenigen, die in der Band zuletzt vor allem verlässliche Freunde und Leidensgenossen in dunklen, einsamen Stunden gesehen haben.

Das Nirgendwo zwischen der klaustrophobischen Enge der Melancholie und den unendlichen Weiten des Klangs, in dem man sich zuvor verlieren konnte, löst sich auf A Deeper Understanding jedenfalls zunehmend auf. Das neue Zuhause der Band ist ein Rückzugsraum, in dem man sich durchaus wohlfühlen kann, der aber weder die Mühen seiner Erbauung noch die Spuren einer dunklen Vergangenheit verleugnet. Dementsprechend wurde die Palette an Sounds und Stimmungen nur behutsam erweitert. Dort, wo ein Saxophon, ein Glockenspiel oder ein balladeskes Vorspiel auf dem elektrischen Klavier uns beim ersten Hören noch fremdeln lässt, da ist das neue Element bei der zweiten Begegnung schon voll integriert in unsere Vorstellung dessen, was den Sound dieser Band ausmacht. Und spätestens ab dem dritten mal will man diese kleinen Schritte nicht mehr missen, ist man froh, dass es weitergeht.

Natürlich ist es fast unmöglich, nach einem epochalen Album gleich wieder für ein ähnliches Aha-Erlebnis zu sorgen. Ebenso schwierig ist es, an ein stimmungsvolles Album unmittelbar anzuknüpfen, ohne ein überflüssiges Sequel zu produzieren. The War on Drugs sind weise genug, einen unaufgeregten Mittelweg zu gehen und sich nicht von den äußeren Erwartungen beeinflussen zu lassen. Sie haben sich hingesetzt und ein Album aufgenommen, das zumindest so klingt als sei nichts gewesen. Das Ergebnis ist ein lebensfroher kleiner Bruder zu ihrem düsteren Meisterwerk und isoliert betrachtet immer noch eine fantastische Veröffentlichung, die allenfalls hinsichtlich ihrer popkulturellen Wirksamkeit hinter Lost in the dream zurückbleibt. A Deeper Understanding ist ein Album, das sehr vielen Menschen den Soundtrack zum nächsten Abschnitt ihres Lebens liefert und den Ruf von The War on Drugs als bedeutendste Rockband unserer Zeit weiter zementiert.

The War on Drugs – Lost in the dream (2014)

Mit ihrem dritten Album „Lost in the dream“ schafften The War on Drugs 2014 den Sprung vom Geheimtipp zu einer international erfolgreichen Band. Verdientermaßen, denn die Platte ist nicht nur ihre bisher beste, sondern könnte sich sogar als Wendepunkt in der Entwicklung der Rockmusik herausstellen.

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VÖ: 17.3.2014 auf Secretly Canadian
Referenzen: Dire Straits, Bruce Springsteen, Tom Petty, Don Henley
Stichworte: Nachts / Regen / Whisky / Alleine

Nach dem Ausstieg von Quasi-Frontmann Kurt Vile, der kurze Zeit später mit einem großartigen Solo-Debüt durchstarten sollte, wurde es zunächst ruhig um die fast schon alteingesessene Band aus Philadelphia. Viele hatten The War on Drugs wohl schon abgeschrieben, als mit Lost in the dream das erste Album unter der Federführung des bis dato eher zweitrangigen Gitarristen Adam Granducziel erschien. Im Vergleich zu den vorangegangenen Produktionen setzte man auf einen teuren und perfektionistischen Vintage-Sound, der sich deutlich hörbar an den großen Hochglanzproduktionen des analogen Zeitalters orientiert. Zusammen mit einem Hauch Americana-Feeling, unzähligen verhallten Gitarren in gigantischen Echoschleifen und dem durchaus melodischen, aber eher sporadischen und meistens genuscheltem Gesang führten die weit über das Radioformat hinausgehenden Songs zu Vergleichen mit zahlreichen legendären Gestalten der Rockmusikgeschichte.

Das ist zunächst ein mal harter Tobak, aber tatsächlich sind diese Vergleiche mit unhippen grauen Eminenzen, die zum Zeitpunkt des Erscheinens von vielen noch als Kritik verstanden wurden, nicht zu hoch gegriffen. Im Gegenteil, die Qualitäten von The War on Drugs gehen weit über den virtuosen Rock-Klassizismus hinaus, der inzwischen viele Bands konkreten Vorbildern aus den 70ern nacheifern lässt. Hier werden die alten Muster nicht einfach kopiert und der Sound archäologisch nachgebildet, sondern in ein eindeutig im Heute verorteten Netz subjektiver Melancholie eingewoben. Lost in the dream ist deshalb ein außergewöhnlich passender Titel, weil er nicht nur auf emotionaler, sondern auch auf kulturphänomenologischer Ebene die Identität dieses Albums reflektiert. The War on Drugs verlieren sich buchstäblich in den Echoräumen des amerikanischen Traums, und ihre künstlerische Beschäftigung mit diesem Gefühl ist nicht nur brandaktuell, sondern auch spartenübergreifend eine der intensivsten, gelungensten und auch schönsten Versuche überhaupt, dem mythischen Kern dieser tragischen Verfallsgeschichte beizukommen.

Eine weitere, vielleicht entscheidende Qualität dieser Platte ist wahrscheinlich auch die krachende Absage an die verwertungslogisch konzipierten Formate der heutigen Zeit. Es gibt von allen Liedern Maximalversionen mit ausufernden Intros und Outros, unübersichtlichen Übergängen und endlosen Instrumentalparts. So etwas trägt normalerweise leider nicht nur zur atmosphärischen Dichte des Albums bei, sondern schreckt oft auch einen Großteil der Radiomacher und Playlist-Kuratoren und damit indirekt auch viele Plattenkäufer ab. Normalerweise, denn The War on Drugs machen dieser Kalkulation einen fetten Strich durch die Rechnung und sammeln Abermillionen Streams und Radioplays sowie abertausende verkaufte physische Einheiten ein, vor allem auf Vinyl. Es geht also doch, man muss „nur“ zehn gute Lieder machen, die inhaltliche Relevanz, Innovation und die Verbindung zu den Traditionsfeldern der Rockmusik miteinander in Einklang bringen, anstatt sie kurzerhand als Widerspruch zu brandmarken. Eigentlich ganz einfach zu verstehen, aber doch schwer umzusetzen in einer Industrie, die Musik seit Jahren vermarktet wie Scherzartikel: Hier schau mal, so etwas hast du noch nicht gesehen.

The War on Drugs knüpfen an die goldenen Zeiten der Rockmusik an, weil sie wie Großteile des Publikums eine intensive Auseinandersetzung mit diesen pflegen und von dieser gemeinsamen Basis aus nach vorne schauen. Ganz nebenbei leiten sie damit etwas ein, was sich hoffentlich in einigen Jahren nicht nur als kurzlebiger Trend, sondern als Renaissance des Albums herausstellen wird. Für mich als Musikhörer war die Begegnung mit dieser Platte nicht weniger als ein Erweckungserlebnis, das letztlich den Grundstein gelegt hat für meine Auseinandersetzung mit dem Albumformat und damit auch für diesen Blog. Unabhängig von meinem persönlichen Empfinden zögere ich außerdem nicht, Lost in the dream zu den wichtigsten Platten unserer Zeit und zu den besten Platten aller Zeiten zu zählen.

H. Hawkline – I Romanticize (2017)

Für sein zweites Album hat sich der Waliser H. Hawkline Verstärkung von Landsfrau Cate Le Bon und Stella Mozgawa von Warpaint ins Studio nach LA geholt. Das Ergebnis ist eines zugänglichsten und besten Post-Punk-Alben der letzten Jahre.

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VÖ: 2.7.2017 auf Heavenly
Referenzen: Television, Robyn Hitchcock, The Stranglers, Metronomy
Stichworte: Abends / Regen / Bier / Freunde

Post-Punk ist auf dem Papier ungefähr so weit weg von Soft Rock wie Cardiff von Los Angeles. Trotzdem hat sich H. Hawkline mit seiner neuzusammengestellten Band aus Wales nach Kalifornien begeben und ein Album aufgenommen, das man nicht so einfach ignorieren kann. Schon nach der Vorab-Single „Engineers“ war klar, dass der Sänger und Gitarrist zunehmend Vorbildern aus den späten 70s nacheifert, die teilweise auch unserer Zeit noch voraus sind. Das Geheimnis dieser mit dem Pop liebäugelnden Gegenbewegung zum rauen Punkrock ist der luftige Minimalismus, die Klarheit der Sounds und der Anschein von emotionaler Distanz.

Die legendäre Band Television aus New York wird sogar mit einem Songtitel bedacht, allerdings von einem der schwierigeren Songs auf dem Album. Zwischendurch häufen sich tatsächlich ein paar experimentelle Nummern, die den Rahmen der Platte ein wenig sprengen und beim entspannten Durchhören auch mal ein wenig nerven können. Nichtsdestotrotz ist das ingesamt eine runde Sache, die eigentlich ausreichend gute Ideen für zwei Alben in sich trägt. Einzelne Melodien und ein atmosphärischer Gesamteindruck prägen sich schon nach einmaligem Hören ein und richten sich tagelang in dem Teil des Musik-Gedächtnis ein, der auch als Zwischenspeicher für spontane Pfeif-Sessions dient. Gerade die Songs am Anfang und am Ende sind von einer Qualität und Charakterstärke, die man nicht nur heute sehr selten findet.

Slow Dancer – In A Mood (2017)

Das Debüt-Album von Slow Dancer aus Melbourne macht aus Belanglosigkeit eine Tugend: Soft Rock im Stile der 70er und Bedroom-Pop von heute treffen sich auf halbem Wege um für 40 Minuten zu kuscheln. Das Ergebnis lässt sich nicht nur extrem gut durchhören, sondern enthält auch ein paar heimliche Hits.

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VÖ: 9.6.2017 auf ATO

Klingt fast ein bisschen wie: Boz Scaggs, Van Morrison, Christopher Cross
Stichworte: Abends / Sonne / Weißwein / Zu zweit

Wie aus dem Nichts tauchte dieses Album plötzlich auf ATO Records und in zahlreichen Musikmagazinen auf. Ein junger Australier namens Simon Okely hat es ganz allein in seinem Schlafzimmer in Melbourne eingespielt. Da würde man natürlich eher elektronische Spielereien und psychedelische Sounds erwarten, als perfektionistisches Pophandwerk und unmittelbare Eingängigkeit, wie sie zum Beispiel in Don’t Believe zu finden ist.

Slow Magic hat offensichtlich seine Hausaufgaben gemacht und arbeitet sich im Laufe der Platte an einer ganzen Reihe offensichtlicher großer Vorbilder ab, deren berühmte Songs heute noch im Radio laufen. Viele Musiker haben in den letzten 40 Jahren schon versucht, diese Erfolgsformeln zu kopieren, meistens wirkten die Ergebnisse aber nur altmodisch und abgelutscht. Dass der junge Australier ganz alleine nicht nur das Level der Vorbilder erreicht , sondern dabei auch noch frisch und irgendwie zeitgemäß klingt, ist schon eine besondere Leistung. Vor allem aber ist sein Debüt-Album eine Wundertüte voller musikalischer Süßigkeiten und für überreizte Kennergaumen eine willkommene Dirty Pleasure.

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Nick Hakim – Green Twins (2017)

Auf seinem Debüt beweist Nick Hakim, dass Soul sich nicht immer an den goldenen Sechzigern orientieren muss. Mit Green Twins gelingt ihm nicht nur auf Anhieb ein fantastisches Album, sondern auch ein wichtiger Impuls für eine musikalisch zuletzt etwas stagnierende Szene.

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VÖ: 19.5.2017 auf ATO
Klingt fast ein bisschen wie: Shuggie Otis, Roy Ayers, The Foreign Exchange
Stichworte: Nachts / Regen / Cola / Zu Zweit

Obwohl er noch gar nicht so alt ist, kann man Nick Hakim fast als Spätstarter bezeichnen. Erst mit zwanzig Jahren begann er, intensiv Musik zu machen und einzelne Songs im Internet zu veröffentlichen. Nach drei Jahren Arbeit veröffentlicht der Sänger und Gitarrist nun endlich sein Debüt-Album, auf dem er die psychedelischen Abwege des Soul Mitte der Siebzigern nachspürt und diese teilweise mit elektronischen Mitteln von heute neu interpretiert.

Dabei ist nicht nur extrem stilvolle und entspannte Musik entstanden, sondern auch eine Entdeckungsreise in eine oft links liegen gelassene Spielart psychedelischer Popmusik. Das Interesse an Soul richtet sich heute fast ausschließlich auf die klassische Zeit um 1970 und den fetten, geradlinigen Vintagesound von Labels wie Stax und Motown. Ein Bereich, aus dem selbst zweit- und drittrangige Namen heute gerade bei Plattensammlern wohlbekannt und teilweise äußerst begehrt sind. Von den Künstlern, die später mit psychedelischen Sounds aus Synthesizern und Drumcomputern herumexperimentiert haben, sind nur noch eine Handvoll im Gespräch. Das ist sehr schade, aber vielleicht kann Nick Hakim mit seinem fantastischen und vor allem in den USA vielbeachteten Album dazu beitragen, dass dieser zu Unrecht in Vergessenheit geratene Seitenarm der Popmusikgeschichte wiederentdeckt wird.