Nick Mulvey – Wake up now: Entspannt aufwachen im Himmel

Als Drummer des Portico Quartets hat Nick Mulvey in jungen Jahren schon die Luft der großen weiten Indiewelt geschnuppert. Nach dem Ausstieg griff er erst mal zur Gitarre, seinem ursprünglich erlernten Instrument, und lieferte ein beachtliches Debütalbum ab. Auf seiner zweiten Platte konsolidiert er seine einzigartige Mischung aus Indie Folk und afrikanischen Rhythmen und bewirbt sich damit überzeugend für ein breiteres Publikum.

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Erschienen am 8.9.2017 auf Fiction / Harvest

Nicht erst seit dem großen Durchbruch von Mac DeMarco erlebt die Nylongitarre ein ungeahntes Comeback in der Popmusik. Tatsächlich war die perkussivere, aber auch sanftere Schwester der stahlbesaiteten Westengitarre nach ihrem Siegeszug im Songwriterpop der 60er dauerhaft weg vom Fenster, von ein paar kurzen Intermezzi auf McCartneys Soloplatten in den 70ern mal abgesehen.

Auf Nylonsaiten in die Zukunft

In Nick Mulveys Händen wirkt das Instrument aber eher wie eine Neuentdeckung, denn aufgrund seiner Vorgeschichte als Drummer, Ethnomusikologe und Gast in iberoamerikanischen Ländern hat er eine durchaus innovative Verwendung kultiviert. Ganz anders als seine schrammelnden oder versonnen klimpernden Kollegen spielt Mulvey eine Rhythmusgitarre im eigentlichen Sinne, am ehesten Vergleichbar mit ihrer Rolle in der spanischen Volksmusik. Sie ist das bewegliche Rückgrat eines lebendigen und extrem detaillierten Grooves, den sie nicht nur maßgeblich vorantreibt, sondern auch strukturiert und mit Akzenten versieht.

Um seine durchweg ansteckend optimistischen und großartig geschriebenen Songs in Szene zu setzen, sammelt sich auf Albumlänge ein ganzes Arsenal solcher Grooves an. Hier und da erinnern Discorhythmen zusammen mit kurzen Vokalisen leider ein wenig an die abgenudelte Mixtur aus elektronischer Tanzmusik und Indie Folk, die sich in Coffee Shops großer Beliebtheit erfreuen. Das gilt vor allem für den Titeltrack Wake up now, der aber immerhin ein wenig Aufklärung über die Bedeutung des Ganzen liefert.

Die Kaffeehausplaylist von innen zersetzen

Denn glücklicherweise ist Nick Mulvey kein Verschwörungstheoretiker, der die vermeintlichen Schlafschafe überheblich zum sofortigen Aufwachen anhält. Vielmehr legt er seinem Publikum nahe, aus der allgemeinen Lethargie zu erwachen und das Schicksal mit kreativen Ideen in die Hand zu nehmen. Das ist philosophisch vielleicht nicht unbedingt das dickste Brett, das aktuell auf Bohrungen wartet. Doch irgendwo muss man die ganzen Abonnenten der Kaffeehaus-Playlisten ja abholen, und das gelingt Nick Mulvey mit ausreichend Charme und genialen Ideen, um auch außerhalb des neobiedermeierlichen Wohlfühlkokons eine gewisse Relevanz zu kultivieren.

Flat-White-Moms und -Dads, die sich zu Nick Mulvey am Sonntagmorgen gerne mal ein Porridge mit Zimt gönnen, kuscheln auch zu diesen Platten auf der Couch:
OCS – Memory of a cut off head: Verspultes Folk-Vergnügen
Twain – Rare Feeling: Musik an der Schwelle zur Magie
The Weather Station – The Weather Station: Intimer Folk mit elektrischen Impulsen

 

OCS – Memory of a cut off head: Verspultes Folk-Vergnügen

John Dwyer ist offensichtlich nicht ausgelastet mit seinen Projekten The Oh Sees, Damaged Bug und dem Label Caste Face. Mit OCS kehrt er überzeugend zu seinen Wurzeln zurück, die bis tief in den psychedelischen Folk der frühen Siebziger reichen.

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17.11.2017 / Castle Face

OCS war ein mal der Ausgangspunkt für die erfolgreichen The Oh Sees, mit denen John Dwyer den Garage Punk als popkompatibles Erfolgsmodell neu erfand. Auf Memory of a cut off head kehrt er aber nicht zurück zu den Lo-Fi-Experimenten der frühen Tage. Vielmehr handelt es sich um einen Neuanfang mit psychedelischem Folk, wie er ab Ende der 60er Jahre in England entstand. Dieser irgendwann ausgetrocknete Seitenarm unterscheidet sich vom Freak Folk der 00er Jahre vor allem durch eine größere Ernsthaftigkeit, handwerkliche Präzision und kompositorische Komplexität.

Eine ganze Reihe von Songs knüpft nahtlos an Qualitäten an, die immer zu erkennen sind, wenn Dwyer im Spiel ist. Da wäre vor allem eine außerordentliche musikalische Dynamik zu nennen, aber auch intensive poetische Bilder und großartige Melodiebögen, die immer über der jeweiligen stilistischen Spielart zu schweben scheinen. Dazugekommen ist ein herausragendes Gespür für Arrangements, vor allem die kammermusikalischen Extras über der geschmackvoll zurückhaltenden Band-Grundlage sind bestechend. Unterm Strich gelingt ihm damit ein Album, das erfolgstechnisch vielleicht nicht unbedingt an seine anderen Projekte heranreicht, aber aufgrund von verdientermaßen euphorischen Rezensionen hoffentlich eine Fortsetzung findet.

Bibio – Phantom Brickworks: Zimmer mit Aussicht im Overlook Hotel

Bibio alias Stephen Wilkinson gilt als Erfinder des Electronic Folk und hat damit eine der interessantesten Ausdrucksformen der gegenwärtigen Popmusik zu verantworten. Auf seinem neuen Album Phantom Brickworks taucht er noch tiefer in die meterdicke Soundwatte ein, die seine Musik schon immer auszeichnete.

Bibio - Phantom Brickworks - Artwork

3.11.2017 – Warp Records / Rough Trade

In den West Midlands sind schon im Herbst die Nächte lang und dunkel. Außerdem hat die Gegend eine große Folktradition und auch heute noch eine sehr aktive Musikszene. Bibio ist es gelungen, diesen Background mit elektronischen Tüfteleien zu verfeinern und damit international Aufmerksamkeit auf sich und seine beschauliche Heimat zu lenken. Im Video zur gekürzten Vorab-Single Phantom Brickworks III taucht sie außerdem in Form eines Waldwegs auf, der ein paar Minuten lang so etwas wie die Hauptrolle des kurzen Streifens spielen darf.

Bislang hat Bibio mit jedem Album hörbar Türen geöffnet und seinem Repertoire an musikalischen Ausdrucksformen stets weitere Komponenten hinzugefügt. Auf der neuen Platte schließt er aber die meisten der bisher geöffneten Türen wieder und zieht sich scheinbar vollständig in eine Art Innenleben aus klingenden Landschaften zurück, die so etwas wie das Grundrauschen seines bisherigen Schaffens waren. Doch mit zunehmender Spieldauer tun sich Fenster auf, die den Blick auf eine unwirkliche Außenwelt freigeben. Der Rückzug hat sich also gelohnt, denn er bringt die zahlreichen Fans von Bibios einzigartiger Musik noch näher heran an die Wurzel ihres Entstehens: Die unaufhörliche Meditation über den Wesen des Klangs.