Bonny Doon – Long Wave

Bonny Doon haben es nicht eilig: Die wundervoll vor sich hin schlurfenden Songs auf ihrem zweiten Album entstanden bereits vor zwei Jahren. Jetzt kommt das Material endlich heraus und beweist, dass die Jungs aus Michigan ein Händchen für großartige Roadtrip-Musik haben.

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Erschienen am 23. März 2018 bei Woodsist

Wenn es um Musik in Michigan geht, denken viele erst mal an die Rapszene von Detroit. Dabei gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Bands, die ausgehend von kleineren Städten wie Benton Harbor zumindest im Rest der USA für Aufmerksamkeit sorgen. Eine davon ist Bonny Doon, die vor gerade ein mal einem Jahr mit einem nicht uninteressanten, aber etwas unfertigen Debüt-Album um die Ecke kam. Das Label Woodsist hat das außergewöhnliche Talent der Jungs anscheinend sofort erkannt und gehörig auf die Tube gedrückt, um die zweite Platte möglichst schnell hinterher zu schieben.

Schon nach den ersten Takten von Long Wave ist aber klar, dass die Band es überhaupt nicht eilig hat, schon gar nicht musikalisch betrachtet. Kein Wunder, denn die Songs entstanden bei einem total entspannten Bandurlaub am wunderschönen Mystic Lake. Das war bereits 2016, seither lag das Material auf Eis und wartete geduldig auf seine Veröffentlichung. Schade eigentlich, denn seither mussten schon eine ganze Menge Roadtrips ohne die perfekte musikalische Untermalung überstanden werden. Denn was hier auf Albumlänge in aller Ruhe ausgefahren wird, eignet sich wie kaum etwas anderes für eine ausgiebige Runde Halbschlaf auf dem Beifahrersitz. Und diese Qualität ist kein Zufall: Die durchaus lebendige Konversation zwischen den Gitarren verläuft in raumgreifenden Wiederholungszaklen und wird fast überall durch eine subtile Orgel oder ein leise singendes Pedal Steel grundiert, womit das Geschehen wie durch einen Sepiafilter verschleiert wird. Ein extrem kohärentes und stimmungsvolles Album, das am Ende mit der fragmentarischen Schlussnummer Walkdown förmlich in seine Einzelteile zerfällt.

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Robert Earl Thomas – Another Age: So geht Soloalbum
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Jackson Macintosh – My Dark Side

Als Bassist von Tops, Sänger von Sheer Agony und Produzent von Homeshake hat sich Jackson Macintosh schon weit über seine Heimatstadt Montreal hinaus einen Namen in der Indieszene gemacht. Die Qualität des ersten Soloalbums unter eigenem Namen legt nahe, dass sein kreativer Input bei seinen bisherigen Projekten und Kollaborationen wohl deutlich höher war als bislang angenommen.

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Release: 2. März 2018 / Sinderlyn

Wer Bass spielt, steht oft im Hintergrund. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch musikalisch und in der Wahrnehmung des Publikums. Dabei müsste spätestens seit Paul McCartney, Roger Waters und Sting klar sein, dass am Bass oft die Weichen gestellt werden für große Popmusik. Wer sich genauer mit den Bassläufen von Jackson McIntosh bei Tops beschäftigt, wird schnell feststellen, dass der Multi-Instrumentalist entscheidend zum unwiderstehlich schwerelosen Groove der Band beiträgt. Zum einen durch das Weglassen von genau den Tönen, die man nach Ansicht der Lehrkräfte für Bass an der örtlichen Musikschule unbedingt betonen muss. Zum anderen durch das Vermeiden und Umspielen von Grundtönen, die normalerweise eine Harmonie eindeutig befestigen würden.

Und auch auf der ersten Soloplatte unter eigenem Namen spielt der Bass eine entscheidende Rolle. In den Strophen der ersten Single „Lulu“ spielt er ohne Rücksicht auf den Rest des Geschehens seinen Stiefel herunter und sorgt so für eine reizvolle harmonische Spannung. Im Refrain übernimmt der Basslauf dann die Führung und gibt den anderen Instrumenten die Akkorde eindeutig vor. Im weiteren Verlauf der Platte lassen sich immer wieder solche Beobachtungen machen, allerdings rückt die vorzügliche Qualität des Songwritings und das delikate Arrangement immer weiter in den Vordergrund. Stilistisch bewegt sich alles mühelos zwischen eingängigem Soft Rock, psychedelischen Exkursen und elegantem Post-Punk. Kurz: Wer auf den spannenden Umbruch in der Popmusik zwischen den 70s und 80s steht, findet hier ein hervorragendes Album, dass sich an der für die Entstehung des heutigen Indie Pop entscheidenden Nahtstelle entlang in ungeahnte Tiefen vordringt. Ein rundum gelungenes Debüt, das auch das bisherige Wirken von Jackson MacIntosh als Bandmitglied und Produzent in einem neuen, deutlich helleren Licht erscheinen lässt.

Wer diese Platte als musikalische Untermalung einer Oolong-Verkostung zu schätzen wusste, wird vielleicht eines Tages zu den folgenden Alben eine Partie Canasta spielen:
Bunny – Bunny
Childhood – Universal High (2017)
Devon Sproule – The Gold String (2017)

Dick Stusso – In Heaven

I accidentaly bumped into this one online and now the same thing happened to you.

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Release info: March 2, 2018 / Hardly Art Records

Dick Stusso plays the guitar like Stephen Malkmus, sings like David Bowie and writes songs like the evil brother of Mac DeMarco. He recorded his first album with a 4-Track recorder in 2015 and it was pretty good. The new one is even better, so I think he probably used at least an 8-Track device.

Hey Dick, if you read this: Let’s crack some cans one day!

Songs like „Modern Music“ are really hard to describe even for carefree wannabe music journalists like me. Some call it garage folk, some call it psychedelic blues rock. I call it damn fine music that leaves you craving for more. More Dick Stusso tunes and more nights like the one when you ended up skinny-dipping with a whiskey bottle in your hand.

If you like Dick’s music, go ahead and check out Michael Nau – Some TwistCourtney Barnett & Kurt Vile – Lotta Sea Lice and the other stuff on this website. I encourage everybody to buy records directly from the artist, preferably at their next concert. In the meantime, it doesn’t hurt to use this ugly preview player:

Haley Heynderickx – I need to start a garden: Folksongs von einem anderen Stern

Haley Heynderickx aus Portland blickt mit den fragilen Preziosen auf ihrem Debüt zwar ganz tief in ihr Innenleben, die überragende Performance katapultiert sie aber auf Anhieb in die höchsten Sphären des Folk-Universums.

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2.3.2018 / Mama Bird Recording Company

Introvertierte Folkplatten schießen zur Zeit wie Pilze aus dem Boden. Denn erstens sprechen diese der Generation „Neo-Biedermeier“ aus dem Herzen, die stets auf der Suche nach dem passenden Soundtrack für das Cocooning-Wochenende in der Altbauwohnung mit „schön Kochen“ und „gemütlich Lesen“ ist. Zweitens ist die Studioproduktion günstig, die Kosten für die Tour sind überschaubar und die Chancen auf ein Listing in erfolgsversprechenden Playlists wie „Kaffeehausmusik“ stehen gut. Das Revival der Singer/Songwriter entlarvt also vor allem das gegenwärtige Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität, sowohl bei den Konsumenten als auch auf Seiten der Musikindustrie. Tatsächlich haben jedoch die wenigsten Beiträge zu dieser Welle genügend Substanz, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Das gelingt Haley Heynderickx vor allem dadurch, dass sie die Grenzen des Genres immer wieder herausfordert, überwindet und schließlich stilistisch weit darüber hinauswächst.

Dabei hat diese Musik so gar nichts rebellisches, aufständisches, sie fließt eher gleichmäßig und natürlich vor sich hin wie ein klarer Bach in den Bergen. Diese phlegmatische Distanz könnte darauf zurückzuführen sein, dass Haley Heynderickx  bereits drei mal an der Produktion ihres ersten Albums scheiterte und immer wieder bei Null anfangen musste. Umso erstaunlicher ist deshalb die expressiven Qualität ihrer Performance, die in keinem Moment die Spannung verliert. Haley Heynderickx deutet an, dass sie eines Tages zu den ganz Großen der Folkmusik stoßen könnte und schenkt uns ein nicht nur eine großartige Platte zum Zuhören und Durchatmen, sondern auch eines der beeindruckendsten und charakterstärksten Debüts der letzten Monate.

Wer bei diesem Album vom nächsten Wanderurlaub träumt, trinkt den Filterkaffee am morgen vielleicht auch gerne zu diesen Platten:
Bedouine – Bedouine (2017)
Tara Jane O’Neil – Tara Jane O’Neil (2017)
The Weather Station – The Weather Station: Intimer Folk mit elektrischen Impulsen

Olden Yolk – Olden Yolk: Auf einem Trip in New York

Shane Butler hat mit seiner Band Quilt schon zwei bemerkenswerte Alben mit jeder Menge psychedelischem Dreampop herausgebracht. Dass er nun aus Boston nach New York gezogen ist und mit Olden Yolk ein zweites Projekt der gleichen Stilrichtung an den Start bringt, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich.

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23. Februar 2018 / Trouble in mind
LIVE: FR 23. März 2018 in Mannheim

Heutzutage widmen sich viele Bands einer spezifischen Zeit, sie suchen die Nähe zu dem charakteristischen Sound einer bestimmten Epoche. Schaut man sich bedeutende Alben aus der Vergangenheit an, fällt jedoch auf, dass es oft um konkrete Orte und ihren besonderen Klang ging. Mit ihrem Debüt knüpfen Olden Yolk an diese Tradition an und schicken ihre Hörer auf eine Reise in ihre neue Heimat New York. Dabei greifen sie verschiedene Stränge wie den psychedelischen Folk der 60er, den Art-Punk der 70er oder auch neuere Richtungen wie College-Rock und Dream-Pop auf. Aus diesen Zutaten entsteht eine erstaunlich homogene Mischung, die vor allem die Vielfalt und Atemlosigkeit der Ostküstenmetropole einfängt.

Die elektrisierende Wirkung dieser Musik fehlt dem bisherigen Schaffen Shane Butlers mit seiner Band Quilt, die es eher auf entspannten Wohlklang abgesehen hatte. Mit seiner neuen Partnerin Caity Shaffer ist er tatsächlich zurück nach New York gezogen, wo beide in den bewegten 90ern aufgewachsen waren. In ihrem Schlafzimmer wurde der Grundstein gelegt für ein großartiges Album, was die Intimität eines Homerecordings mit der Energie der Großstadt verbindet. Diese bahnt sich unwiderstehlich ihren Weg durch die Zimmerwände und Mikrofone bis hin zu unseren Kopfhörern oder Lautsprechern und bringt uns das große, ferne New York ein ganzes Stück näher.

Wer sich von diesem Album gerne nach Brooklyn entführen lässt, gönnt sich vielleicht auch zu den folgenden Platten die ein oder andere Sportzigarette auf der Feuertreppe:
The Sufis – After Hours: Schräger Indie Pop für späte Stunden
Henry Jamison – The Wilds: Neues aus dem Innenleben der Ostküste
OCS – Memory of a cut off head: Verspultes Folk-Vergnügen

Robert Earl Thomas – Another Age: So geht Soloalbum

Als Gitarrist der Dreampop-Band Widowspeak konnte Robert Earl Thomas schon auf vier guten bis sehr guten Alben deutliche Akzente setzen. Sein Debütalbum überrascht aber trotz der hohen Erwartungshaltung durchweg mit herrlichem Slacker-Pop und stellt phasenweise sogar das Schaffen seiner eigentlichen Band in den Schatten.

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26. Februar 2018 / Captured Tracks

Wenn Gitarristen von künstlerisch oder kommerziell erfolgreichen Bands sich auf Solopfade begeben, wandeln sie in der Regel auf einem schmaler Grat. Zu viel Gitarrengeschwurbel, zu wenig Songorientierung und das Fehlen einer tragenden Singstimme sind die klassischen Fallstricke bei solchen Nebenprojekten. Das Ergebnis sind oft mittelmäßige Platten, die wie ein unvollständiger Abklatsch der Hauptband klingen. Oder aber gute Platten, die aber mit dem erwarteten stilistischen Spektrum nichts zu tun haben und deshalb beim Publikum nicht unbedingt auf fruchtbaren Boden fallen. Glücklicherweise ist es Robert Earl Thomas von Widowspeak gelungen, diese Untiefen geschickt zu umschiffen und mit seinem Debüt beinahe so etwas wie eine Blaupause für ein stimmiges Album in dieser Situation abzuliefern.

Während er als Leadgitarrist bei seiner Band klanglich sehr präsent ist und sich oft durch expressive Soloparts in den Vordergrund zu spielen weiß, fährt er die Fummelei hier rigoros auf ein absolut songdienliches Maß herunter. Den Mangel an stimmlicher Begabung kompensiert er dagegen wie einst Mark Knopfler oder heute Adam Granduciel von The War on Drugs durch ein auf seine ganz eigene Art melodisches, verschwörerisches Nuscheln. Der vokale Anteil wird einfach auf das absolut notwendige Minimum reduziert, was auf der anderen Seite dem instrumentalen Fluss geradezu unendliche Weiten eröffnet. Zusammen mit dem grandiosen Songwriting und dem wunderbar melancholischen Vibe der späten 70er und frühen 80er beschwört Robert Earl Thomas so ein Musikerlebnis, das uns über die gesamte Spielzeit des Albums und weit darüber hinaus in den Bann zieht.

Verträumte Menschen, die mit diesem Album im Kassettendeck gerne sinnlos über die Landstraße gurken, haben ihren Schatzi auch mit den folgenden Platten zur Weißglut getrieben:
Courtney Barnett & Kurt Vile – Lotta Sea Lice: Musikgewordenes Slackertum
Destroyer – Ken: Erinnerungen an eine melancholische Jugend in den frühen 80ern
The War on Drugs – A Deeper Understanding (2017)