Lorain – Through Frames (2018)

Ein bisschen aus dem Nichts kommen Lorain daher. Irgendwie ist ihre Musik bei den passenden Labels durch das zunehmend enger werdende Raster gefallen. Doch wer hier aufmerksam zuhört, wird großzügig mit unvergesslichen Musikerlebnissen belohnt.

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Erschienen am 25. September 2018

Erik und Robin Emanuelson waren mir ebenso wie ihr Bandprojekt Lorain bis vor kurzem völlig unbekannt. Das wäre vermutlich auch so geblieben, hätten sie nicht Zak Kimball als Produzenten ins Boot geholt, der dieses Jahr schon beim fantastischen Debütalbum von Haley Heynderickx seine Finger im Spiel hatte. Doch wer aus dieser Richtung auf das Duo aus Portland aufmerksam wird, erlebt eine Überraschung nach der anderen. Da ist nichts übrig geblieben von dem glasklaren, minimalistisch verengten Sound, der die Stimme und Persönlichkeit der jungen Sängerin ganz nah herangeholt hatte wie ein Portrait. Die weitverzweigten Songs von Lorain werden nicht nur im Panoramaformat mit zahlreichen instrumentalen Nebenhandlungen abgebildet, sondern durch den ominpräsenten Hall-Nebel auch in einer kräftigen Sepia-Tönung.

Dabei ist es keineswegs so, dass die Musik der beiden diese akustischen Weichzeichner unbedingt nötig hätte. Ob in gemäßigtem Tempo vor sich hin rollende Folkrocksongs wie die Single Rose Window oder Kaminfeuer-Balladen wie der Titeltrack Through Frames, das Material hat durchweg Substanz und die Darbietung ist in ihrer Brüchigkeit nicht selten ergreifend. Vor allem die Vocals scheinen immer wieder am seidenen Faden zu hängen. Das sorgt für eine emotionale Tiefe und Intensität, die man in dieser Form leider nur noch selten auf Studioproduktionen findet. Und gerade deshalb ist das Through Frames von Lorain nicht nur wohlklingende Hintergrundmusik für lange Herbstabende, sondern auch eines der bemerkenswertesten Folk-Debüts in diesem Jahr.

Das ganze Album auf Spotify:

Verwandte Platten:
The Saxophones – Songs of the Saxophones (2018)
Michael Nau – Michael Nau & The Mighty Thread (2018)
Sam Evian – You, Forever (2018)

The Paper Kites – On The Corner Where You Live (2018)

Im Sommer erschien bereits ein akustisches Mini-Album als Teaser, doch jetzt ist endlich der veritable Nachfolger zum gefeierten Debüt Twelvefour (2015) da. Erneut gelingt es den Australiern, ihre Songs mit der atmosphärischen Dichte eines Kinofilms auszustatten.

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Erschienen am 21. September 2018 auf Nettwerk

Nachdem The Paper Kites auf ihrer ersten Platte die nokturne Stimmung in ihrem schummrigen Studio ganz bewusst einfangen wollten, ist auch On The Corner Where You Live ein echtes Konzeptalbum geworden. Inspiriert wurde die Band diesmal von einem Moment in einem New Yorker Hotel, als sie aus dem Fenster beobachteten wie in einem Appartmentgebäude auf der anderen Straßenseite langsam die Lichter angingen und die Menschen nach Hause kamen. Dieser Blick für das Besondere im vermeintlich Alltäglichen ist geradezu typisch für die Australier, die auf den ersten Blick auch extrem unauffällige Musik machen – die allerdings bei genauerer Betrachtung eine bestechende Liebe zum Detail aufweist.

Das Musikvideo zur Single „Give Me Your Fire, Give Me Your Rain“ auf Youtube:

Alle Lieder auf „On The Corner Where You Live“ stellen fiktive Momentaufnahmen aus dem Leben der anonymen Großstadtbewohner dar und greifen dafür typische Themen sowie Gefühle auf. Die Einsamkeit in der großen Stadt, die Verkapselung in einer Liebesbeziehung oder stellenweise auch den euphorischen Zivilisations-Overkill, den man so nur in einer echten Metropole erleben kann. Insgesamt überwiegen aber melancholische Topoi und auch die dunkle Tageszeit ist wie schon auf dem ersten Album die große Konstante. Von der akustischen Reinheit auf On The Train Ride Home ist allerdings nicht mehr viel übrig geblieben, kaum ein Song kommt ohne schwebende Chorus-Gitarren und butterweiche Keyboard-Akkorde aus. Ähnlich wie The War On Drugs treffen The Paper Kites damit einen der anscheinend vielen möglichen Sweetspots zwischen Folk Rock und Synthie Pop, allerdings mit einem deutlich schärferen 80er-Touch. Das ist zwar für die Band kein qualitativer Quantensprung und auch keines der entscheidenden Alben des Jahres, aber dennoch eine sehr willkommene Platte für die bevorstehenden langen Herbstabende.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:
The Paper Kites – On the train ride home (2018)
The War on Drugs – A Deeper Understanding (2017)
Sunflower Bean – Twentytwo in blue (2018)

River Whyless – Kindness, A Rebel (2018)

Die Zutaten waren auf dem Debüt vor zwei Jahren schon da. Aber erst auf diesem zweiten Album gelingt es River Whyless wirklich, ihren facettenreichen Stilmix in einen unwiderstehlichen Sound zu verwandeln.

Erschienen am 12. Juli 2018 bei House Arrest / Roll Call

Manchmal braucht man als Band Impulse von außen, um so richtig in Fahrt zu kommen. 2016 hatten River Whyless ihr erstes Album „We All The Light“ veröffentlicht, leider mit mäßigem Erfolg. Dabei hatte es durchaus seine Stärken: Eingängige Melodien trafen auf bisweilen exotische Rhythmen und einen folkigen Bandsound, der in Sachen Zusammenspiel mit akustischen Instrumenten schon damals über jeden Zweifel erhaben war. Es fehlte ein wenig das Gefühl der Überzeugung und Dringlichkeit, die Platte wirkte insgesamt fast ein bisschen unbeteiligt daher gespielt. Doch dann kam auch für die Band aus Ashville in North Carolina der Schock durch die Präsidentschaftswahlen und damit das Bedürfnis, mit der Musik eine ganz klare, starke Aussage zu treffen. So etwas kann durchaus in die Hose gehen, im Falle von River Whyless aber führt es dazu, dass die Einzelteile plötzlich wie ein Uhrwerk ineinander greifen.

Das Musikvideo zur Single „Born in the right country“ auf Youtube:


Plötzlich macht alles Sinn: Die weltoffene Zutatenliste, die melancholische Grundstimmung und das extrem reflektierte Songwriting ergeben den bislang vielleicht wertvollsten musikalischen Kommentar zur fortschreitenden Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, die Europa inzwischen nicht nur im übertragenen Sinne betrifft. Und anders als bei dezidiert politischen Songs fehlt bei River Whyless nie die Leichtigkeit, die das Ganze erträglich und hörenswert macht. Handfeste Agitation und gehässige Rechthaberei ist ihre Sache nicht, der irgendwie doch uramerikanische Sound scheint eher auf Versöhnung und Verständigung aus zu sein. Und so fällt auch nicht weiter negativ auf, dass der Rest des Albums erneut recht unterschiedlich ausgearbeitet wurde. Hier blubbern nervöse Synthies, dort lassen die afrikanischen Rhythmen von Paul Simons Graceland-Phase grüßen. Aber das alles hat jetzt nicht nur Sinn und Zweck, sondern scheint im Gegensatz zum Debüt um eine fest verwurzelte Band-Identität zu kreisen. Das Ergebnis ist eine Platte, die sehr viel Freude macht und dank des fantastischen Zusammenspiels auch ein spektakuläres Live-Erlebnis verspricht.

Das ganze Album bei Spotify:


Nebenan im Plattenregal:

Sunflower Bean – Twentytwo in blue (2018)
Sam Evian – You, Forever (2018)
Natalie Prass – The Future and the Past (2018)