Damien Jurado – The Horizont Just Laughed (2018)

Damien Jurado ist schon seit den Neunzigern im Geschäft und hat die Nerven, sein Album vor dem digitalen Release erst mal sechs Monate ausschließlich auf Vinyl vertreiben zu lassen. Das kann tatsächlich funktionieren, vor allem wenn das Material so unwiderstehlich ist wie in diesem Fall.

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Erschienen am 4. Mai 2018 auf Secretly Canadian

Nach siebzehn Studioalben sollte man eigentlich das Gefühl haben, den Musiker Damien Jurado einigermaßen gut zu kennen. Weit gefehlt, auch mit „The Horizont Just Laughed“ gelingt es dem Kritikerliebling, im ausgetretenen Feld zwischen den Genres Singer/Songwriter und Indie Folk neue, bislang weitgehend unbeschrittene Pfade ausfindig zu machen. Das trifft in erster Linie auf Songs wie „Percy Faith“ zu, die mit einer für ihn eher untypischen Fröhlichkeit vor sich hin grooven.

Das Musikvideo zur Single „Percy Faith“ auf Youtube:

Kaum hat man sich auf die gute Laune eingelassen, packt Damien Jurado aber seine unverwechselbar zerbrechlichen Minimalsongs aus. Ein paar traurige Akkorde, sparsames Fingerpicking und poetische Zeilen, schwerelos und vom Winde verweht. In diesem Fall aber eine Einladung zu einem Video mit einer überwältigenden Bildsprache.

Das Musikvideo zur Single „Over Rainbows and Rainier“ auf Youtube:

Musikalisch und textlich ist Damien Jurado schon lange über jeden Zweifel erhaben. Eines Tages wird man ihn hoffentlich als sensiblen Chronisten seiner Zeit feiern. Als einen, der über Jahrzehnte frei von Zeitgeist und Retromanie seine Kunst abliefert und mit jedem Song ein ästhetisches Statement setzt. Ob man seinen Tonfall als transzendentrale Weltabgewandtheit oder Selbstmitleid empfindet, bleibt dabei natürlich jedem selbst überlassen. Unbestreitbar ist allerdings, dass Jurado einer beeindruckenden Reihe von exzellenten Alben nun ein weiteres bestechendes Kapitel hinzugefügt hat.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:
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Sam Evian – You, Forever (2018)
Michael Nau – Michael Nau & The Mighty Thread (2018)

Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)

In ihrer Heimat Texas tauchte Jess Williamson musikalisch immer weiter in eine tiefe Melancholie ab. Mit dem Umzug nach LA und ihrem neuen Album überwindet sie nun diese Einbahnstraße und beweist ein besonderes Talent für eine extrem stimmungsvolle Vertonung von gemischten Gefühlen.

Erschienen am 11. Mai 2018 bei Mexican Summer

Manche Platten erschließen sich weder auf den ersten noch auf den zweiten oder dritten Blick, sondern zunächst gar nicht. Und dann kommen irgendwann aus den Tiefen des Bewusstseins Phrasen und Akkorde zum Vorschein, die das innere Auge für große Orientierungsschwierigkeiten stellen. Wo und wann habe ich dieses Lied eigentlich gehört, dass mir seit Tagen fragmentarisch im Kopf herumspukt? Und noch wichtiger: Von wem ist das und warum habe ich mir die Platte nicht gleich gekauft? In diesem Fall ist dieses Phänomen sogar bei mehreren Liedern unabhängig voneinander eingetreten, zuerst mit „Awakening Baby“, dann mit „Wild Rain“ und zum Schluss auch noch mit „I see the white“ – welch eine Erlösung, Monate später endlich auf den Zusammenhang zu stoßen.

Das Musikvideo zur Single „I see the white“ auf Youtube:

 

 


Und wieder ist da ein ganz großes Rätsel: Was ist die magische Zutat, die aus solchen unscheinbaren Liedern dermaßen hartnäckige Ohrwürmer macht? Wahrscheinlich ist es ein Zusammentreffen von mehreren Faktoren. Zum einen, dass die Songs nicht zielstrebig auf einen Punkt zusteuern, sondern eher beiläufig ein vertrautes Gefühl umkreisen. Zum anderen, dass Texte und Melodien fast minimalistisch reduziert sind. Vor allem aber ist  da diese halb flüsternde Stimme und eine alles umschließende klangliche Atmosphäre, so als würde man bei Freunden im Schlafzimmer-Studio auf dem Bettvorleger liegen und heimlich bei den Aufnahmen lauschen. Das Ergebnis ist ein absolut singuläres Album, dass sich unfassbar schwer in Worte fassen lässt und dessen vage Beschreibung alleine mehrere Anläufe und wochenlanges Grübeln benötigte.


Das ganze Album auf Spotify:

 


Ähnlich einzigartige Platten:
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Halo Maud – Je Suis Une Île (2018)