Nicholas Krgovich – Ouch (2018)

Ein neues Jahr, ein neues Album von Nicholas Krgovich. Trotz der kurzen Produktionsdauer überzeugt der Kanadier mit zwölf Songs, die zwar von Trennungsschmerz inspiriert wurden, aber keineswegs schlechte Laune verbreiten.

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Erschienen am 26. Oktober 2018 auf Tin Angel

Für den Vorgänger In An Open Field schien Nicholas Krgovich direkt von einem wochenlangen Urlaub auf dem Bauernhof ins Studio gewandert zu sein. Die Songs plätscherten frisch und glasklar durch eine ländliche Idylle wie ein kleiner Bach im Frühjahr. Die Zeiten sind vorbei, der Kanadier wurde inzwischen von der Realität eingeholt und die sieht so aus: Trennung von seiner langjährigen Liebe, kein Geld und plötzlich jede Menge Einsamkeit in einem kleinen, aber fast unbezahlbaren Appartment in irgendeinem Yuppie-Viertel von Vancouver. Es gibt wahrscheinlich jede Menge Menschen, die sich aktuell in so einer zugegebenermaßen ziemlich beschissenen Situation befinden. Doch Krgovich ist vermutlich der einzige, der das ganze Schlamassel in wenigen Wochen in zwölf Portionen zerteilt und darüber jeweils einen verblüffend reflektierten Song schreibt.

Das Musikvideo zur Single „October“ auf Youtube:

Die meisten Breakup-Alben versinken bekanntlich entweder in unerträglichem Selbstmitleid oder sind vollgestopft mit intimen Details, die einen schon beim Zuhören vor Fremdscham erröten lassen. Da ist Ouch zwar textlich keine Ausnahme, doch die musikalische Gestaltung ist so herrlich unbeteiligt, dass stets eine ironische Distanz zum Geschehen gewahrt bleibt. Ein Geniestreich, denn so gelingt Krgovich nicht nur eine offensichtlich erfolgreiche psychologische Aufarbeitung seiner Situation, sondern auch ein realer Ausweg aus der Misere. Schließlich kann er jetzt erst mal auf Tour gehen, viele neue Leute kennen lernen und nebenbei noch den ein oder anderen Dollar verdienen. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn diese Platte wird vielen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern – und zwar bei weitem nicht nur denen, die gerade eine Trennung hinter sich haben.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:
Madeline Kenney: Perfect Shapes (2018)
Damien Jurado – The Horizont Just Laughed (2018)
Lorain – Through Frames (2018)

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Madeline Kenney: Perfect Shapes (2018)

Vor nicht mal einem Jahr erschien das erste reguläre Album von Madeline Kenney, das aus heutiger Sicht eine Art Abschluss ihres Daseins als Mitglied der experimentellen Szene von Oakland darstellt. Für die Aufnahmen zu „Perfect Shapes“ zog sie nach North Carolina, um Abstand zu gewinnen und sich in die Arbeit an Songstrukturen und Arrangements zu vertiefen.

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Erschienen am 5. Oktober 2018 bei Carpark Records

Durham, North Carolina mausert sich immer mehr zur heimlichen Musikmetropole. Mit Merge Records ist ein Indie-Schwergewicht schon lange in der mittelgroßen Stadt nahe der renommierten Duke University zuhause. Nachdem ihr von Toro Y Moi produziertes Debüt floppte, ist Madeline Kenney vor kurzem aus Oakland zugezogen, um mit Jenn Wasner von Wye Oak im Studio von Sylvan Esso ihre Platte aufzunehmen. Ein Name-Dropping, das zahlreichen eingefleischten Indie-Nerds heiße Ohren bereiten dürfte.

Das Musikvideo zur Single „Overhead“ auf Youtube:

Musikalisch betritt Madeline Kenney auf Perfect Shapes ein Terrain, das von ihren neuen Freunden in Durham zuletzt schon ausgiebig erkundet wurde. Das Konzept, verträumten Gitarrenpop mit programmierten Drums und sanft blubbernden Flächen zu unterlegen ist zwar an sich nicht besonders innovativ. Allerdings hat die Produzentin Jess Wasner mit Wye Oak und ihrem Soloprojekt A Flock Of Dimes schon bewiesen, dass solche Arrangements bei songorientierter Anwendung genauso lebendig und dynamisch klingen können wie eine gut eingespielte Band.

Das Musikvideo zur Single „Cut Me Off“ auf Youtube:


Bemerkenswert ist deshalb auch, dass sich elektronische Beats und Schlagzeug beziehungsweise Gitarrenakkorde und Synthies so flüssig abwechseln, dass der Übergang gar nicht wirklich auffällt. Das liegt an der extrem geschmeidigen Produktion, vor allem aber auch an Madeline Kenney. Ihre Songs sind allesamt erste Wahl und verstehen es, dem instrumentalen Geschehen die Rolle einer akustischen Filmkulisse zuzuweisen. Das wird am deutlichsten im letzten Song „Always Around Me“, der nicht nur eine unwiderstehliche Melodieführung zu bieten hat, sondern eben auch eine enorme Dichte an Details. Diese gibt es zwar überall auf der Platte, sie ist jedoch beim ersten Durchgang aufgrund des etwas unübersichtlichen Geschehens erst beim seelenruhigen Finale hörbar. Nach diesem Schlüsselerlebnis fällt es deutlich leichter, die fantastische Tiefe dieses zunächst vielleicht etwas unscheinbaren Albums zu entdecken.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:
Nedelle Torrisi: Advice from Paradise (2015)
Art Feynman: Blast Off Through The Wicker (2017)
Amber Coffman: City of No Reply (2017)

Buxton – Stay Out Late (2018)

Sergio Trevino und seine Band Buxton haben seit 2009 alle drei Jahre ein solides Album abgeliefert. Stay out late ist da keine Ausnahme und schreibt den Weg von alternativem Country hin zu kunstvollem Post Rock überzeugend fort.

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Erschienen am 19. Oktober 2018 bei New West Records

Als vor drei Jahren das vierte Studio-Album namens Half A Native erschien, war die Verwunderung groß. Vom texanischen Twang und dem klaren Bekenntnis zur Country-Schublade war nichts mehr übrig, Buxton klang wie jede andere sehr gute Band in der großen Komfortzone zwischen Indie Folk und Soft Rock. Für die fünfte Platte haben sich Sergio Trevino und seine Freunde ein paar Wochen in LA bei Thom Monaham eingenistet, dem Produzenten von Vetiver und Devendra Banhart. Wer Wettereinflüsse bei Musik wahrnehmen kann, wird die kalifornische Sonne hier sicherlich nicht überhören.

Das Musikvideo zur Single „Jan“ auf Youtube:

Abgesehen von der eher konventionellen Vorab-Single „Jan“ rückt die Platte den etwas unentschlossenen Vorgänger dann endlich ins rechte Licht. Anscheinend haben Buxton so etwas wie ein Übergangsalbum gebraucht, um sich selbst und ihre Fans auf einen neuen musikalischen Horizont vorzubereiten. Mit erstaunlich knackigen Synthies und bewusst undurchsichtigen Songstrukturen macht man ungefähr da weiter, wo zum Beispiel Talk Talk am Ende der 80er aufgehört haben. Die Extrameile lohnt sich aber durchaus auch beim Zuhören: Die Platte fließt wunderbar vor sich hin, hinterlässt auf Anhieb ein paar undefinierbare Ohrwurm-Fragmente und schreit förmlich nach dem nächsten Durchgang.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:

Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)
Lorain – Through Frames (2018)
River Whyless – Kindness, A Rebel (2018)

Sea Moya – Falmenta (2018)

Vor kurzem haben Sea Moya den Sprung ins kanadische Montreal gewagt. Also in die Musikmetropole, die ihre ehemalige Homebase Mannheim eines Tages sein will. Und obwohl ihr Debüt-Album Falmenta im gleichnamigen italienischen Alpenörtchen entstand, ist es musikalisch eher im kosmopolitischen Dschungel der Großstadt zuhause.

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Erschienen am 12. Oktober 2018 bei Majestic Casual Records
Auf Tour in Europa vom 9. November 2018 bis zum 12. Januar 2019

Sie sind viel unterwegs, die Jungs von Sea Moya. Schon ihre beachtliche EP Baltic Seas handelte von einer sommerlichen Entdeckungsreise, auf der die Band sich von weiten Küstenlandschaften inspirieren ließ. Vor dem mutigen Umzug auf die andere Seite des großen Teichs hat sich das Trio für die Produktion der ersten LP für ein paar Wochen in einem Chalet im Piemont eingeschlossen. An ländliche Idylle, Alpenpanoramen oder Hüttenromantik lässt die Platte jedoch an keiner Stelle denken. Von den Bedingungen der Aufnahmen zeugt eher die besondere Konzentration und klangliche Hermetik, die sich zwischen den stoisch rollenden Drums, schwebenden Synthie-Klängen und weit aufgespannten Melodiebögen einstellt.

Das Musikvideo zur Single „Purple Days“ auf Youtube:

Musikalisch leben Sea Moya seit jeher ein bisschen auf ihrem eigenen Planeten. Ein Großteil der stilistischen Elemente wirkt entfernt vertraut, die Zusammensetzung und Verarbeitung scheinen aber nicht den gängigen Naturgesetzen zu gehorchen. Insbesondere die Gravitation formaler Modelle scheint überwunden: Um ihre musikalischen Ideen zu transportieren, brauchen Sea Moya keine offensichtlichen Songstrukturen, keine Entwicklungslogik wie weite Teile der elektronischen Musik und auch keine dogmatische Krautrock-Esoterik. Die Unterbrechungen zwischen den Titeln wirken deshalb wie natürliche Denkpausen in einem durchgehenden Stream of Consciousness, der sich nicht nur zum aufmerksamen Zuhören eignet, sondern auch hervorragend als Begleitmusik zum Arbeiten, Lesen oder Autofahren. Es gibt wenige Platten, die das Credo dieser Seite von der Überflüssigkeit von Mood-Playlists so deutlich und formschön unterstreichen.

Das ganze Album auf Spotify:


Passende Platten für danach:

Halo Maud – Je Suis Une Île (2018)
Hoops – Routines (2017)
Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (2017)

Kurt Vile: Bottle It In (2018)

Auf seinem siebten Album beweist Kurt Vile mal wieder eindrucksvoll, dass gedankenverlorenes Gitarrengeschrammel und große emotionale Tiefe kein Widerspruch sein müssen.

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Erschienen am 12. Oktober 2018 bei Matador Records

Kurt Vile hat eine der seltsamsten Karrieren in der Musikwelt hingelegt. Der langhaarige Familienvater wirkt schon immer etwas aus der Zeit gefallen und manch einer wird seinen Ausstieg bei den inzwischen zur allgemeinen Konsensband avancierten The War On Drugs vor einigen Jahren als falsche Entscheidung abgetan haben. Doch spätestens mit seinem letzten Album B’lieve I’m Going Down (2015) und der erfolgreichen Kollaboration mit seiner prominenten Kollegin Courtney Barnett muss man feststellen, dass der Vorzeigegitarrist aus dem Schatten von seinem Kumpel Adam Granduciel getreten ist und sich als Solokünstler nicht nur in den Musikmedien, sondern auch in den Herzen des Publikums fest etabliert hat.

Das Musikvideo zur Single „One Trick Ponies“ auf Youtube:

Nun also das siebte Album, und auch diesmal wurde nicht an minutenlangen, unentschlossenen Wechselspielen zwischen zumeist wenigen und darüber hinaus auch noch unspektakulären Akkorden gespart. Doch wer das langweilig findet, hat einfach nicht richtig zugehört: Da passiert so unfassbar viel, alleine die ganzen winzigen Details in den Picking Patterns der Rhythmusgitarre, dann aber auch im Hintergrund zwischen den ganzen schwebenden Single Notes und schemenhaft wabernden Synthies. Am Ende hat man kaum mitbekommen, dass zwei Stunden vergangen sind, nicht unbemerkt bleibt aber mit Sicherheit die beruhigende und gleichzeitig euphorisierende Wirkung. Und das eigenartige Gefühl, dass Kurt Vile sich in seiner Kunst bei aller emotionaler Distanz und Zurückhaltung menschlich offenbart wie kaum jemand anders. In Ermangelung von sprachlich greifbaren Ecken und Kanten ist Bottle It In vielleicht kein Album für die Geschichtsbücher der Rockmusik, dafür aber umso mehr für die kleinen Ewigkeiten, die sich in unserem Leben immer mal wieder auftun.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:
Dick Stusso – In Heaven
Robert Earl Thomas – Another Age
Jackson Macintosh – My Dark Side