Zukunftsmusik: Februar 2019

Früher Bescheid wissen mit The Soft Rock Café: Ab sofort gibt es jeden Monat eine kleine Vorschau auf das, was an neuen Platten auf uns zu kommt. Diesmal ausschließlich mit bekannten und gerne gesehenen Gesichtern wie Julia Jacklin!

Der Januar ist normalerweise eher von Nachzüglern bestimmt, die es nicht mehr ins Weihnachtsgeschäft geschafft haben. Deshalb geht das Jahr 2019 im Bereich Albumveröffentlichungen eigentlich erst im Februar richtig los. Besonders vielversprechend sind diesmal fünf Vorankündigungen von einigen lange erwarteten Platten. An diesen kann man auch sehr gut die fortgeschrittene Diversifizierung des Genres Singer-Songwriter festmachen: Einerseits durch den hohen Frauenanteil und die Globalisierung der Szene, schließlich kommt Tiny Ruins aus Neuseeland und Julia Jacklin (Bild) aus Australien. Andererseits aber auch stilistisch, denn vom Roots Rock eines Cass McCombs bis zum zerzausten Kammerfolk einer Jessica Pratt wird die große Bandbreite dieser Schublade exemplarisch abgedeckt.

Tiny Ruins: Olympic Girls (1. Februar 2019)

Schon das schwerelose Gitarrenspiel von Tiny Ruins ist eine schillernde Erscheinung. Zusammen mit dem eigenwilligen Songwriting und ihrer dunklen, betont am Mikrofon vorbeigehauchten Stimme entsteht eine ganz eigene Klangwelt, in die man sich gerne ein ganzes Album lang verkriechen möchte. Die bevorstehende Tour zur neuen Platte führt die weitgereiste Neuseeländerin Anfang April auch nach Heidelberg und München.



Cass McCombs: Tip Of The Sphere (8. Februar 2019)

Mangy Love (2016) war vielleicht die bislang beste Platte von Cass McCombs. Selten ging intellektuelles und musikalisches Vergnügen so harmonisch Hand in Hand. Die neue Single Estrella verspricht, dass dieser anspruchsvolle Sonderweg auch auf seinem neuen Album fortgesetzt wird.



Jessica Pratt: Quiet Signs (8. Februar 2019)

Auf der Bühne ist sie eine leise Urgewalt. Die Konfrontation mit ihren oft erschreckend zerbrechlichen Aufnahmen überfordert jedoch oft emotional. Mit einer dezidierten Lo-Fi-Ästhetik und einer Prise 50s-Coolness wie hier bei Poly Blue könnte dieses Problem auf dem neuen Album allerdings überwunden werden.



Homeshake: Helium (15. Februar 2019

Peter Sagars Herzensprojekt Homeshake ist mittlerweile viel mehr als ein Nebenprodukt seiner regen Produzententätigkeit für die Mac DeMarcos dieser Welt. Auf seinem neuesten Album treibt er seinen charakteristisch eiernden Sound auf die Spitze, die Single Nothing Could Be Better ist da nur eine Andeutung.



Julia Jacklin: Crushing (22. Februar 2019)

2016 überraschte Julia Jacklin mit einem extrem ausgereiften Debüt. Nachdem sie im vergangenen Jahr mit der Supergroup Phantastic Ferniture unterwegs war, knüpft sie auf ihrem zweiten Solo-Album nahtlos an den hoffnungsvollen Karrierestart an. Ihre Geheimformel: Ein krachender Gitarrensound, der ihre elegante Erscheinung und das delikate Songwriting konstrastierend unterstreicht.



Diese Videos sind Teil einer Playlist auf Youtube, die jeden Monat aktualisiert wird:

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Pavo Pavo – Mystery Hour (2019)

Auf Synthie-Wellen durch den Weltraum reiten: Eliza Bagg und Oliver Hill überwinden auf dem zweiten Album nicht nur ihre private Trennung, sondern auch die Schwerkraft der musikalischen Konventionen.

Erschienen am 24. Januar 2019 bei Bella Union

Nach ihrem Debüt im Jahr 2016 gab es bei Pavo Pavo bereits Auflösungstendenzen. Übrig geblieben sind Eliza Bagg und Oliver Hill, damals auch privat ein Duo. Obwohl das zweite Album Mystery Hour von der Trennung der beiden begleitet wurde, stimmt die Chemie musikalisch bis ins letzte Detail. Wie schon mit ihrem Vorgängerprojekt Plume Giant und auf dem ersten Album schlagen sie mit großer Überzeugung und viel Liebe zum Detail einen retro-futuristischen Kurs ein, der irgendwo bei den Beatles beginnt und bei den späten Talk Talk in schamlosen Synthie-Pop übergeht.


Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Es gibt keinen Song auf diesem Album, der sich strikt an konventionelle Songstrukturen hält. Statt dessen schweben die einzelnen Teile meistens in einer mehrdeutigen Wolke, die sich in Sachen Arrangement und Produktion ständig verändert und keine klare Abgrenzungen zulässt. Und doch ist das Album im Ganzen irgendwie catchy, teilweise zuckersüß und vermittelt auf eine eigentümliche Weise ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe. Durch die großartige Balance zwischen emotionalen Tiefen und faszinierenden Klanglandschaften an der Oberfläche hinterlassen Pavo Pavo einen bleibenden Eindruck.

Das ganze Album bei Bandcamp :

Nebenan im Plattenregal:

Halo Maud – Je Suis Une Île (2018)
Wilder Maker – Zion (2018)
Nedelle Torrisi – Advice from Paradise (2015)

Steve Gunn – The Unseen in Between (2019)

Wenn man irgendwann am lächelnden Gitarrengott vorbeischwebt: Steve Gunn zementiert seinen Status als folk-rockender Hypnotiseur.

Erschienen am 18. Januar 2019 bei Matador Records

Wollte man etwas platt daher kommen, könnte man einfach sagen, Steve Gunn habe mit dieser Platte der Rockmusik vor allem einen großen Gefallen getan. Oder besser, er habe quasi ein uraltes Paradoxon des Genres einfach mal so aufgelöst, das da heißt: Du kannst kein begnadeter Gitarrist und gleichzeitig ein begnadeter Songwriter sein. Wobei „begnadet“ hier heißt, dass der Song  eben nicht bloß als grell beleuchtete Bühne für die Griffbrettmasturbationen der betreffenden Maestros dienen sollte.

Aber wie gesagt, das wäre zu platt. Gunn ist mittlerweile viel zu lange in seinen ganz eigenen musikalischen Universen unterwegs, als dass er für solche Späße  herhalten müsste. Der ehemalige Kunststudent aus Brooklyn galt allerdings lange Zeit eher als typischer Szeneliebling – also als einer, den hauptsächlich andere Künstler und Musiker abfeiern. Wahrscheinlich weil Gunn seine Inspiration immer aus den etwas kruderen und weniger offensichtlichen Episoden der gitarrenlastigen Populärmusik-Historie bezogen hat. Hypnotischer Appalachian-Fingerstyle,  fuzziger Psychedelic-Rock aus den 60ern, verspielter britischer Kammerfolk. Das alles entwickelte im Zusammenspiel mit Gunns immer etwas verschnupft wirkender Stimme einen derart hypnotischen und gleichzeitig energetischen Sog, dass man nie wusste, ob man in Meditationen versunken auf ein Mandala starren oder direkt das nächste Dosenbier aufreißen sollte.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube:

Auf The Unseen in Between spielt der 41-Jährige alle seine Asse mit einem Schlag aus. Kunstvoll erzählt er teils schrullige, teils tragische Geschichten von Außenseitern und Einzelgängern – was das Album inhaltlich zusammenhält, ist vor allem die empathische Nähe zu den Verlierern der kapitalistischen Massengesellschaft. Dass mit Tony Garnier der langjährige Bassist von Bob Dylan auf dem Album mitgewirkt hat, kann man in diesem Zusammenhang als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, muss man aber nicht.

Dazu fließen unzählige Gitarrenspuren so spielerisch und mühelos umeinander wie eine Brut schillernder Schlangen in ihrem Nest. Gleichzeitig scheint das alles zu schweben und immer irgendwie auch nach oben streben zu wollen – in Gunns besten Momenten wird der Hörer so mitgenommen auf einen verhallten Trip durch Zeit und Raum. Und irgendwann kommt man dabei auch am Gitarrengott vorbei, der zufrieden lächelnd auf einer Wolke sitzt und Gunns neueste Riffs übt.

Das ganze Album bei Spotify:

Nap Eyes – I’m Bad Now (2018)

Nachschlag zum Jahresrückblick: Ein weiteres (fast) unbeachtetes Meisterwerk von „der besten Band, die du nicht kennst“.

Erschienen am 9. März 2018 auf Paradise of Bachelors

Eigentlich müssten die vier verstrahlten Kanadier mit dieser Platte endlich mal den Durchbruch packen. Sollte man meinen. Wäre da nicht die Tatsache, dass die einschlägige Indiepresse genau das schon bei den beiden Vorgängeralben vorhergesagt hatte. Wahrscheinlich wird deshalb auch I’m Bad Now seinen Weg nur in wenige Plattenregale finden – was wiederum in diesen empörten Zeiten durchaus mal Anlass für eine eigene mittelgroße Empörungswelle wäre.

Ansnacken auf Youtube:

Sei’s drum, ohnehin liegt einer Band wie Nap Eyes nichts ferner als aufgekratzte Hysterie. Ihre Stärke liegt in der Intensität der subtilen Gesten. Mit bestechender Lässigkeit legt die Gruppe um Songwriter Nigel Chapman hier ein ausgefuchstes Stück Outsider-Indie nach dem anderen vor. Ein bißchen liebenswürdiger Slacker-Charme aus den Neunzigern, dazu ganz viel Schrammel-Coolness aus den Sechzigern – wie passend, dass Chapman sowieso auf frappierende Weise wie die Reinkarnation des großen Lou Reed klingt. Dazu gibt es Alltagslyrik zwischen hornbebrilltem Existenzialismus und griffigen Slogans aus der digitalen Gegenwart, sowie höchst clevere und stilsichere Gitarrenarbeit. Mehr braucht man eigentlich nicht.

Das ganze Album bei Spotify:

Mitski – Be The Cowboy (2018)

Am Anfang stand der Cowboy. Und auch heute wieder: Überall Cowboys, diese prototypischen Alphatiere, die alles in Schutt und Asche legen und trotzdem am Ende als Helden dastehen. Dieser menschgewordene amerikanische Traum, kompromissloser Repräsentant des Go-West, Heldenfigur im Kampf um die Freiheit.

Erschienen am 17. August 2018 auf Dead Oceans

Text: David Hutzel

Für Mitski Miyawaki hat ihr fünftes Album „Be The Cowboy“ damit rein gar nichts zu tun. Das hat sie zumindest kurz nach dem Release im Interview mit Trevor Noah betont. Ihr gehe es vielmehr um den Cowboy als Rolle, den buchstäblichen Mythos, das Gehabe, wie es der Marlboro-Cowboy und Clint Eastwood repräsentieren. Genau diese Unterscheidung zwischen abstrakten Figuren und konkretem Gestus formt den zentralen Widerspruch, der sich durch beinahe jede Sekunde des Albums zieht: Ist das hier nicht ein unzulässiges Auseinanderdividieren zweier Dinge, die man gar nicht komplett getrennt voneinander betrachten kann? Das Intime, Private und das Öffentliche, Abstrakte? Mitskis Songtexte klingen zunächst einmal extrem persönlich, wenn sie Zeilen wie diese in „Washing Machine Heart“ singt: „Baby, will you kiss me already, and / Toss your dirty shoes in my washing machine heart / Baby, bang it up inside.“ Aber sind das hier wirklich echte, an Menschen adressierte Lovesongs – oder geht es Mitski dabei nur um sich selbst und um ihr Liebstes, die Musik?

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Die Platte hüllt diese Frage in einen hübschen Pop-Schleier ein. Im Vergleich mit dem Vorgänger „Puberty 2“ stellt „Be The Cowboy“ nur noch selten die Gitarre in den Mittelpunkt, das noisige Rauschen macht oft dem Klavier Platz, das natürlich noch immer von einem üblichen Band-Lineup umgeben ist. Das sorgt dann auf der Ebene des Sounds für eine großartige Vielfalt, wenn im Opener „Geyser“ die Drones wummern oder „Remember My Name“ plötzlich einen nur von Bass und Drums instrumentierten Punk-Rock-Singalong-Teil freilegt. Das Songwriting trägt viele kleine verschrobene Twists in sich – und trotzdem stehen hier vierzehn anschlussfreudige Pop-Songs, von denen trotz einer durchschnittlichen Dauer von gut zwei Minuten immer etwas hängenbleibt.

Das ganze Album bei Spotify: 

Die Nerven – Fake (2018)

Um das Stuttgarter Trio „Die Nerven“ war es nie wirklich still. Zwischen ihrem Debütalbum „Asoziale Medien“ und ihrem vierten Werk namens „Out“ lagen knapp drei Jahre. Umso größer war die Erwartungshaltung, als nach weiteren zweieinhalb Jahren Album Nummer fünf angekündigt wurde.

 

Erschienen am 20. April 2018 bei Glitterhouse

Text: Mischa Kissin

In der Zwischenzeit hatten sich alle drei Bandmitglieder ihren diversen, teilweise in den Himmel gelobten Nebenprojekten wie „All diese Gewalt“, „Karies“ oder „Peter Muffin“ gewidmet und 2017 das Live-Album „Live in Europa“ herausgebracht. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde nicht nur der deutschen Musikkritik klar, dass die wohl beste Liveband des Landes schlichtweg eine unzähmbare, brachiale Urgewalt ist, die sich mit ihren hypnotisierenden Shows tief in die Herzen ihres Publikums spielt.


Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

 

Die vermeintliche Politisierung des zuvor diesbezüglich nicht besonders auffälligen Trios bleibt auf ihrer fünften Platte, die den heutzutage recht aufgeladenen Titel „Fake“ trägt, für das breite Publikum aus. Das Politische passiert zwischen den Zeilen und offenbart sich nur durch die subversive Rezeption der Hörerschaft. Im Fadenkreuz steht dabei genauso der muffige Rand der Gesellschaft wie der narzisstische moderne Mensch, der sich ausschließlich durch Selbstoptimierung definiert. Musikalisch dominieren die altbewährten Strategien, das Wechselspiel zwischen Leisem und Lautem verschärft sich auf dem von Ralv Milberg in der Toskana aufgenommenen Meisterwerk, das dadurch eine fast schon poppige Finesse bekommt. Dabei wäre die Bezeichnung „Pop“ nur eine infame Unterstellung, die sich ob der nicht existenten Massentauglichkeit der „am miesesten gelaunten Rockband“ des Landes (Die Zeit) als haltlos erweist.


Das ganze Album auf Bandcamp:


 

 

Molly Burch – First Flower (2018)

Nach einem vielversprechenden Debüt liefert Molly Burch ihr Meisterstück ab: First Flower ist zurecht auf gefühlt jeder Jahresbestenliste vertreten.

 

Erschienen am 5. Oktober 2018 auf Captured Tracks

Text: Samira Wacker

2018 war ein gutes Jahr für weibliche Künstlerinnen: Da wäre einmal das grandiose Comeback von Robyn, die uns nach 8 Jahren quasi aus dem Nichts „Honey“ um die Ohren haut, Hinds, die sich nach dem diesjährigen Dockville Festival endgültig in mein Herz gespielt haben und schlussendlich Cardi B, die uns mit ihrer Erfolgsstory zeigt, dass es doch noch Märchen gibt. Auch wenn sie 2018 im Stripclub und nicht hinter den sieben Bergen beginnen. Bei der Auswahl an starken Alben möchte ich euch aber eine Künstlerin empfehlen, die dieses Jahr leiser, aber nicht weniger bestimmt, verzaubert hat – Molly Burch. Die 27-Jährige wuchs in der Schauspielszene LAs auf, entschied bewusst gegen den Trubel der City of Angels und zog nach North Carolina, um dort Jazzgesang zu studieren. Ihre Labelheimat hat sie bei Captured Tracks gefunden. Nach einem vielgelobten Debüt, indem sie vorrangig eine gescheiterte Liebesbeziehung verarbeitete, erschien im Herbst nun das schwierige zweite Album. Die instrumentale Ummantelung auf „First Flower“ ist warm, kleinteilig und trotzdem zurückgenommen genug, um dem Gesang genug Freiraum zu geben. Der Sound erinnert an verträumte 60s-Balladen, aber auch Einflüsse von Gesangsgrößen wie Nina Simone, die Burch als große Inspiration nennt, kann man heraushören. Stimmlich verfügt Molly über eine große Bandbreite, was sicher auf ihre professionelle Ausbildung zurückzuführen ist. Der Gesang wirkt stellenweise brüchig und weich, in anderen Momenten der Platte stark und bestimmt. Die ganz eigene Art, Worte wie Kaugummi langzuziehen, um sie danach abrupt abzusägen, ist beeindruckend. Mit den Worten „Why do I care what u think? You‘re not my father.“ beginnt das Album sofort mit einem Highlight. „Candy“ ist die bittersüße, tanzbare Abrechnung mit einer toxischen Beziehung.


Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Während Songs wie „Without You“ und „Dangerous Place“ sich, wie bereits auf ihrem Debüt, mit gescheiterter Liebe auseinandersetzen, überzeugt „First Flower“ mit einer thematisch größeren Bandbreite. Besonders hervorzuheben ist hier „To The Boys“, der mit seiner sanften aber bestimmten Fuck-You-Attitüde begeistert. “I don’t need to scream to get my point across/I don’t need to yell to know that I’m the boss.” – Zeilen wie diese zeigen, dass sich Molly Burch während der Arbeit an „First Flower“ mit den eigenen Ängsten auseinandergesetzt und Friede mit ihren vermeintlichen Schwächen geschlossen hat. Diese emotionale Transparenz ist, was „First Flower“ als Album dieses Jahr so besonders macht – ein 11-Track-starkes Loblied auf die Softness. Während das Debüt konsequent von Herzschmerz durchzogen war, gibt es auf dem Nachfolger mit „Candy“, „Wild“ und „To The Boys“ auch Momente des Triumphes, eine Feier der eigenen Imperfektion. Gesangliche Finesse gekoppelt mit der verträumten musikalischen Ummantelung überzeugen im Zusammenspiel. „First Flower“ hinterlässt ein warmes und zufriedenes Gefühl, macht Lust aufs Verlieben und überzeugt auf Platte genauso wie live.


Das ganze Album bei Bandcamp:


 


Nebenan im Plattenregal:

The Saxophones – Songs of the Saxophones (2018)
Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)
Anna St. Louis – If Only There Was A River (2018)

Kali Uchis – Isolation (2018)

Nach ihrer EP „Por Vida“ wurde Kali Uchis schon 2015 als neue Pop-Hoffnung gefeiert. Im April 2018 erschien das Debütalbum „Isolation“ der kolumbianischen US-Amerikanerin, das zwar Assoziationen zu modernem Neo-Soul zulässt, aber viel mehr ist als ein weiteres R&B-Album im 90er-Jahre Nostalgiegewand.

Erschienen am 13. April 2018 bei Virgin EMI

Text: Schira Kissin

„Isolation“ ist eine Auseinandersetzung Uchis mit der Einsamkeit, die sie als Teenager erfahren hat. Nach einem Streit mit den Eltern zieht die damals 17-jährige aus und schläft monatelang in ihrem Auto. In dieser Zeit entstehen Gedichte, die später zu Songtexten wie dem von „Loner“, erschienen auf der EP „Por Vida“, oder „Killer“, dem Schlusstrack des Albums, werden. „If you loved me, you wouldn’t put me through it“, singt Uchis mit ihrer zart rauchigen Stimme in „Killer“ über missbräuchliches Verhalten innerhalb einer Beziehung, die sie über fünf Jahre führt und durch die sie sich tiefer von ihrer Umgebung isoliert.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

„I’m packing all my bags and leaving it behind / there’s no tracking where I’m going” kündigt Kali Uchis im Intro „Body Language“ an und setzt damit nicht nur inhaltlich sondern auch musikalisch den Ton für „Isolation“. Innerhalb der nächsten knappen Stunde überrascht die Sängerin immer wieder mit verschiedensten Einflüssen und scheut nicht davor zurück, sich dafür die ein oder andere Starbesetzung mit ins Boot zu holen. Von Rapperin BIA, mit der sie in „Miami“ den American Dream besingt, zu The Internet‘s Steve Lacy in der Selbstfeierungshymne „Just a Stranger“, Tame Impala’s Kevin Parker, der die träumerischen Sounds auf „Tomorrow“ einspielt, Jorja Smith in der neo-souligen Single „Tyrant“, Tyler The Creator und Funk-Legende Bootsy Collins in der Hitsingle „After The Storm“ bis hin zu Damon Albarn, mit dem sie sich auf melancholischste Art bei „In My Dreams“ eine Welt erträumt, in der die einzige Sorge die Wahl des Outfits ist.

Auf ihrem Debütalbum überzeugt Uchis mit Einflüssen aus Bossa Nova, Soul, Reggaeton und Funk und erschafft so ein überraschend kohärentes Werk, das sowohl instagramsüchtige Teenies als auch den ein oder anderen selbsternannten Musikexperten überzeugt.


Das ganze Album bei Spotify:


Nebenan im Plattenregal:

Natalie Prass – The Future and the Past (2018)
Homeshake – Fresh Air (2017)
Slow Dancer – In A Mood (2017)

Phosphorescent – C’est la vie (2018)

Musikalische Landflucht: Auf seinem siebten Studioalbum als Phosphorescent genießt Matt Houck vor allem die neue Harmonie in seinem bisher so unsteten Leben.

Erschienen am 5. Oktober 2018 bei Dead Oceans

Text: Alexander Graf

Irgendwie ja beruhigend, dass sich auch Künstler mit den ganz banalen Fragen des Älterwerdens konfrontiert sehen. Phosphorescent-Mastermind Matthew Houck und seiner Frau und Keyboarderin Jo Schornikow ging es jedenfalls vor ein paar Jahren ähnlich wie den meisten hippen Großstadtpärchen mit Ende 30. Das Problem: Warum eigentlich noch in der überteuerten aber winzigen Kiezbutze in New York City residieren, wenn man seine Abende sowieso nur noch mit Windelwechseln oder Netflix verbringt? Die beiden packten also den Nachwuchs ein und ließen sich in Nashville, Tennessee, nieder. Ein Neuanfang im Heartland der amerikanischen Musik – für den Songwriter ein Umzug mit Symbolwert, zurück zu den Wurzeln seiner getriebenen Americana-Gospels und fragilen Country-Elegien. Dort verbrachte Houck dann die Zeit seit der Veröffentlichung seines gefeierten letzten Albums Muchacho (2013) damit, sich in aller Seelenruhe ein neues Studio in einem alten Lagerhaus aufzubauen und an der nächsten Platte zu arbeiten.  

Videotipp: Live on KEXP

Der 40-jährige Zausel aus den Südstaaten hat also offenbar endlich sein Glück gefunden – und das hört man. Nach fast 20 Jahren im Kampf mit den eigenen Dämonen, geschwächt von exzessiven Touren, Trennungen, Krankheiten und Großstadtneurosen, klingt Matt Houck auf C’est la vie erstmals geläutert, gesund und zufrieden. Man gönnt es ihm von Herzen. Auch wenn diese neue innere Ruhe der Platte die von Phosphorescent gewohnten inhaltlichen Abgründe und Untiefen nimmt. Es ist in der Kunst nun mal wie im echten Leben: Die allzu schönen Geschichten langweilen meist recht schnell.

Klanglich bleibt das Ganze immerhin ebenso gewohnt eigensinnig und kunstvoll. Schließlich hat es kaum ein anderes musikalisches Projekt in den vergangenen Jahren so geschickt verstanden, gängige Country-Klischees zu brechen. Wer also auf seufzende Pedal-Steel-Gitarren, hymnische Chorgesänge und nasale Gitarrensoli steht, aber auf den üblichen Kitsch gerne verzichten kann, der ist bei Phosphorescent nach wie vor an der richtigen Adresse. Dennoch: Nach C‘est la vie verdient sich Matt Houck vor allem eine Auszeichnung für sein Lebenswerk – Einsteiger greifen besser zu Muchacho oder dem Vorgänger Here’s to Taking it Easy.


Das ganze Album auf Spotify:


Nebenan im Plattenregal:

Cordovas – That Santa Fe Channel (2018)
Damien Jurado – The Horizont Just Laughed (2018)
Okkervil River – In the rainbow rain

Zukunftsmusik: Januar 2019

Früher Bescheid wissen mit The Soft Rock Café: Ab sofort gibt es jeden Monat eine kleine Vorschau auf das, was an neuen Platten auf uns zu kommt. Los geht es mit drei alten Bekannten und einem vielversprechenden Debütanten.

Zu Jahresbeginn sieht es meistens etwas dünn aus mit Neuveröffentlichungen. Oft gibt es nur ein paar versprengte Platten, die nicht rechtzeitig für das Weihnachtsgeschäft aus dem Presswerk kamen. Dieses Jahr ist verhältnismäßig viel los, vor allem sind mit Twain (Bild) und Steve Gunn zwei richtige Kracher dabei. Ausführliche Infos zu diesen und weiteren Alben bekommt ihr hier dann im Laufe des Monats, also bleibt dran!

Angelo De Augustine: Tomb (18. Januar 2019)

Vielleicht ist das bevorstehende Debüt von Angelo De Augustine klanglich ein bisschen zu fragil, um auf Anhieb einen richtig tiefen Eindruck zu hinterlassen. Wer auf leise Töne steht, darf sich aber auf zahlreiche gemütliche Stunden mit dieser Platte freuen.



Steve Gunn: The Unseen in Between (18. Januar 2019)

Gitarren-Raketen wie Steve Gunn werden häufig auf ihre instrumentale Virtuosität reduziert. Dabei hat der Kanadier auch im Bereich Songwriting einiges anzubieten, wie er schon auf seinem letzten Album eindrucksvoll gezeigt hat.



Pedro The Lion: Phoenix (18. Januar 2019)

David Bazan hat seine Band Pedro The Lion 15 Jahre ruhen lassen und seither als Singer-Songwriter unter seinem eigenen Namen einige beachtliche Alben veröffentlicht. Der alte Bandname spiegelt sich wieder in einer Rückkehr zum leicht angezerrten Rock aus seinen besten Zeiten.



Twain: 2 EPs (25. Januar 2019)

Wenn jemand zwei alte EPs noch mal als Album verticken will, gehen normalerweise alle Alarmleuchten an. Nicht so bei Twain: Denn erstens sind die beiden Releases schon lange vergriffen und zweitens liefert der Amerikaner stets dermaßen zeitlose und einzigartige Songs ab, dass sich jeder Zweifel an der Relevanz dieser Veröffentlichung verbietet.



Diese Videos sind Teil einer Playlist auf Youtube, die jeden Monat aktualisiert wird: