Zukunftsmusik: Eure Plattenvorschau für den März 2019

Früher Bescheid wissen mit The Soft Rock Café: Ab sofort gibt es jeden Monat eine kleine Vorschau auf das, was an neuen Platten auf uns zu kommt. Für den März konnten wir für euch aus dem Vollen schöpfen, so viele heiße Scheiben haben sich schon lange nicht mehr in einem Monat angekündigt. Unser Autor Tobias ist deshalb auch schon richtig aufgeregt und konnte seine Vorfreude beim Schreiben offensichtlich nur sehr schwer zurückhalten…

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Text: Tobias Breier

So ein Text über die zahlreichen Veröffentlichungen im März kann eigentlich nicht wirklich ohne kitschige Verweise auf das aktuelle Frühlingswetter über die Bühne gehen: Ja, im März erwacht nicht nur die Natur, sondern auch die Plattenindustrie! So wie man bei einem Spaziergang gerade Acht geben muss, um nicht die süßen kleinen Blümchen (Wie heißt die Mehrzahl von Krokus eigentlich in korrektem Deutsch, Krokusse oder Kroki? Oder doch Krokeen?) plattzutreten, so muss man auch höllisch aufpassen, um im Moment kein hörenswertes Album zu verpassen. Genug gelabert, ran an die Kroketten:



Living Hour: Softer Faces (1. März 2019)

Ok wow, ich gebe es gleich zu: Ich habe überhaupt nicht gecheckt, dass es eine Live Session ist und kein Musikvideo mit Studiosound. Was zur Hölle ist mit diesen jungen Menschen aus Winnipeg los? Das hier ist nicht nur einer der besten Dreampop-Songs den ich seit Jahren gehört habe, sondern möglicherweise eine der besten Live-Performances, die jemals auf Video gebannt wurden. Kein Witz! Und selbst wenn der Rest des Albums klingen würde wie die Deutschpop-Playlist von Spotify, wäre Softer Faces alleine aufgrund dieser Nummer immer noch eindeutig besser als neunzig Prozent aller Platten, die in den Nullerjahren erschienen sind.



Hand Habits: Placeholder (1. März 2019)

Mit dem ersten Album haben Hand Habits 2017 schon gezeigt, dass zwischen Acts wie Soccer Mommy, Snail Mail und Lucy Dacus noch jede Menge Platz ist für queerfeministisch angereicherten Songwriterpop. Dass sie musikalisch ganz oben mitspielen, hatten sie zuvor schon durch ihre Gitarrenarbeit für Kevin Morby bewiesen. Mit Placeholder kommt jetzt die schwierige zweite Platte, aber so ausgereifte und dabei gleichzeitig ungekünstelt verträumte Songs wie Can’t Calm Down lassen auf ein weiteres Erfolgsalbum hoffen.


Ten Fé: Future Perfect (8. März 2019)

Ten Fé aus London sind so etwas wie die britische Antwort auf den durchschlagenden Erfolg von The War On Drugs: Ein bisschen zu alt und ungepflegt für Instagram, aber eindeutig zu cool, um in den ewigen Jagdgründen des Dadrock unterzugehen, aus denen sie den größten Teil ihres musikalischen Vokabulars stibitzt haben. Wie es sich für die traditionell an Zuspitzung interessierten Insulaner gehört, ist ihre Version natürlich etwas greller, poppiger und unverschämter als das amerikanische Original. Doch schon das Debüt Hit the light aus dem Jahr 2017 hatte gezeigt, dass sie damit gerade auf Albumlänge auch ihre eigenen Akzente zu setzen wissen.



E.B. The Younger: To Each His Own (8. März 2019)

Wer schon länger auf das neue Album von Midlake wartet und den Ausflug mit der Supergroup BNQT mochte, wird Eric Pulidos Debüt als Solo-Künstler E.B. the Younger entweder hassen oder lieben. Es besteht zwar musikalisch größtenteils aus den gleichen Zutaten, der inhaltliche Approach und die Grundstimmung haben sich aber um 540 Grad gedreht: Pulido hat ein Set von Confessional Songs geschrieben, die dann im Studio mit zahlreichen Kollaborateuren auf eine ungewohnt dramatische und für viele Midlake-Fans wahrscheinlich zu pompöse Weise als Americana-Musical inszeniert werden. Das überlange, nostalgische und irgendwie auch grandiose Video mit viel Baseball und Texas Twang ist für deutsche Geschmäcker daher ein guter Gradmesser.



Stella Donnelly: Beware of the Dogs (8. März 2019)

Stella Donnellys gehypte Debüt-EP letztes Jahr ist mir abgesehen vom witzigen Cover nicht wirklich in Erinnerung geblieben. Schön, dass sie bei Old Man nur fünf Takte und drei Akkorde auf der Gitarre braucht, um sich für immer in meinem Gehörgang einzunisten. Von der vokalen Performance fange ich an dieser Stelle lieber gar nicht erst an zu schwärmen, der Teil kommt dann beim Review. Unbedingt erwähnt werden muss aber das grandiose Songwriting: Noch selten wurde dem zu Übergriffigkeiten neigenden Teil der Männerwelt so deutlich und dabei gleichzeitig charmant und erfrischend beiläufig der Kopf gewaschen wie hier. Und auch der Rest der bislang aufgetauchten Ausschnitte aus dem Album sowie ihr unfassbar intensives Tiny Desk Concert lassen erwarten, das mit Stella Donnelly eine überragende Künstlerin auf uns zu kommt.



C Duncan: Health
 (29. März 2019)

C Duncan aus Schottland ist ein klassischer Einzelgänger, hat an einem klassischen Konservatorium Komposition und Arrangement studiert und scheint bis heute nicht wirklich eine Verbindung zur Musikszene entwickelt zu haben. Dabei ist Health bereits sein drittes Album und die bisher erschienenen Werke haben beide nicht nur bei der Kritik, sondern auch bei vielen Kollegen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Mit der Single Impossible bleibt er seinem detailverliebten, akustisch-elektronischen Kunst-Pop im Großen und Ganzen treu, verschiebt den Fokus aber zunehmend vom Schlafzimmer in Richtung Tanzfläche.



Chris Cohen: Chris Cohen (29. März 2019)

So ein Feeling hatte ich beim Musikhören nicht mehr, seit ich als Fünfjähriger mit meiner Familie über verregnete, in der Sonne glänzende Landstraßen Richtung Schwarzwald geruckelt bin und auf SWR 1 irgendwelche wundervoll verschlafenen Songs aus den 70ern liefen, die der alternde Programmchef noch bis zu seiner Pensionierung Anfang des neuen Jahrtausends wie eine Löwenmutter verteidigte als essentiellen Bestandteil der Rotation. So war es, bevor unter der neuen Führung irgendwelche Analysetools heißliefen und als Ergebnis lieferten, das der Durchschnittsmensch lieber ekelhaft laut produzierte Scheißmusik im Radio hören will. Vielleicht werde ich eine Petition starten, die Edit Out und am besten auch noch jeden anderen Song von Chris Cohens neuem Album ins öffentlich-rechtliche Radio bringt. Und zwar immer am Samstagmorgen, wenn es nachts geregnet hat und die Sonne rauskommt.



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The Soft Rock Café präsentiert: Tré Burt (USA) & T.S Bach in Karlsruhe und Heidelberg

Das erste Album von Tré Burt hat letztes Jahr nicht nur bei uns eingeschlagen, auch das Crowdfunding für die Vinylpressung war ein voller Erfolg. Jetzt gibt es im Südwesten endlich die Möglichkeit, den charismatischen Singer-Songwriter live zu erleben.

Samstag, 23.02.19 @ Lottis Traum, KA
Sonntag, 24.02.19 @ WOW Galerie, HD

Tré Burt aus Sacramento schwingt keine großen Reden über seine Musik. Das hat er auch gar nicht nötig, denn sein fließendes Gitarrenspiel und seine poetischen Songs sprechen für sich. Das erinnert mal an den frühen Dylan, mal an Jackson C. Frank oder Nick Drake und immer ein bisschen an Ritchie Havens, den Tre Burt auch als seinen Soul Brother bezeichnet. Mit seinem fantastischen Debüt-Album Caught it from the Rye im Gepäck reist er nun von Stadt zu Stadt und spielt jeden Abend eine Show. Was für ein Glück, das Karlsruhe und Heidelberg auf den letzten Drücker noch in eine plötzlich klaffende Lücke im Tourplan passte.

T.S Bach ist in Karlsruhe kein Unbekannter, lebt aber mittlerweile in der Heidelberger Altstadt. Wenn er dort nicht gerade als Frontmann der Surf-Band Dux Louie die Kellerclubs ins Schwitzen bringt, singt er seine Folksongs in Wohnzimmern, auf kleinen Bühnen oder einfach draußen in den Gassen. Auf seiner Debüt EP Baby Let Me Follow You Down hat er 2017 eine erste Duftmarke in der deutschen Folkszene hinterlassen, inzwischen arbeitet er endlich an seinem ersten Album.

Homeshake – Helium (2019)

Ein kauziges Vergnügen: Homeshake setzt mit dem dritten Album seinen mühsam erspielten Status aufs Spiel und gewinnt am Ende satt.

Erschienen am 15. Februar 2019 bei Sinderlyn

Im Fahrwasser seiner prestigeträchtigen Tätigkeit als Gitarrist von Mac DeMarco gelang Pete Sagar mit seinem Projekt Homeshake schon mit seinem Debüt vor einigen Jahren so etwas wie ein kleiner Durchbruch. Mit Fresh Air (2017) begann die zunehmende Konzentration auf seine Solokarriere und die Zementierung seines Status als Vorzeige-Weirdo von Montreal. Nach zahlreichen Festivalshows und viel Applaus aus der Szene ist Homeshake inzwischen ein Name geworden, der selbst in Deutschland schon etwas größere Clubs wie den Festsaal Kreuzburg (Tourdaten gibt’s hier) füllen soll. Kein Wunder, denn Homeshake liefert den perfekten Sound für die intimen After Hours nach den Clubnächten mit futuristisch-minimalistischen Trapbeats, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Das klingt als Aufhänger erst mal abwegig, trifft aber gerade durch seine Virtualität aktuell einen Nerv.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Doch Pete Sagar wäre nicht Homeshake, wenn er den gerade zart sprießenden Erfolg nicht musikalisch aufs Spiel setzen würde. Deshalb wurden die Aufnahmen vom angestammten Studio in Montreal direkt ins Schlafzimmer verlegt und zahlreiche Vorkehrungen getroffen, um den betont improvisierten Sound der vergangenen Platten mehr als nur zu erhalten. Auf der musikalischen Ebene grenzen die entsprechenden Bemühungen an eine unverhohlene Provokation des Publikums: Da eiern einzelne Synthie-Töne bisweilen minutenlang vor sich hin oder infantile Melodiepartikel bleiben in endlosen Loops hängen. Solche Streiche stellen eine gefährliche Steilkurve dar, aus der viele musikalische Lausbuben rausfliegen. Auf Helium gelingt Peter Sagar aber in den meisten Fällen gerade noch so der perfekte Drift in Richtung Hörvergnügen.

Das ganze Album bei Bandcamp:


Nebenan im Plattenregal:

Connan Mockasin – Jassbusters (2018)
Stephen Steinbrink – Utopia Teased (2018)
Sea Moya – Falmenta (2018)

Holiday Ghosts – West Bay Playroom (2019)

Mit Rollerblades auf die südenglische Strandpromenade: Holiday Ghosts aus Cornwall machen mit lässigem LoFi-Rock ’n‘ Roll ziemlich viel richtig.

Erschienen am 15. Februar 2019 auf PNKSLM Recordings.

Manchmal gibt es Tage und die dazugehörigen Platten, die einem auch mal den guten alten Texteinstieg mit Wetterbezug erlauben. Also: Draußen wehen Vorahnungen des Vorfrühlings durch die Straßen, das Wochenende naht und Holiday Ghosts aus dem Süden Englands drücken euch mit charmantem Lächeln die perfekte Platte dazu in die Hand. Wunderbar lässiger LoFi-Rock ’n‘ Roll, der geradezu nach Sonnenbrille und einem eiskalten Heineken schreit. Manchmal braucht es eben nur in Töne gegossene Attitüde, um ein Album zu einer runden Sache zu machen.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube: 

Dementsprechend wird man auf West Bay Playroom zwar ziemlich viel Spaß, aber keine wirklichen inhaltlichen Überraschungen finden – die musikalischen Vorbilder haben in dieser Hinsicht vielleicht aber auch einfach schon alles gesagt. Für tiefergehende Informationen wende man sich daher bitte an The Modern Lovers, Violent Femmes, The Pretty Things oder die diversen Projekte von Billy Childish. Soviel ist allerdings sicher: Die zweite Platte der vier Boys und Girls aus Cornwall klingt ganz bestimmt auch noch gut, wenn das Wetter wieder schlechter wird.

Das ganze Album auf Bandcamp:

 

Cass McCombs – Tip of the Sphere (2019)

West-Coast-Rocker Cass McCombs singt vom Leben im postfaktischen Amerika.

Erschienen am 8. Februar 2019 bei Anti-Records

Obwohl ihm das Etikett gerne anhaftet: Americana ist an Cass McCombs eigentlich nur seine Biographie als autodidaktischer Hobo, der seine Zwanziger auf Sofas von Bekannten, in schummrigen Bars und Universitätsbibliotheken zwischen San Francisco und New York verbracht hat. Ansonsten ist der oft ein wenig enigmatisch daherkommende Kalifornier vor allem ein Genre-Anarchist. Seine früheren Platten zitieren noisigen Punk, Garage-Rock, Blues, Folk und den smoothen Westküsten-Sound der 70er – irgendwo zwischen Grateful Dead und Little Feat.

Ein kleiner Vorgeschmack bei Youtube:

Auch auf seinem neunten Album nimmt McCombs alles mit, was die 70er an Brauchbarem hinterlassen haben und baut sich daraus wieder ein ganz eigenes musikalisches Heim. Der zweite Track „The Great Pixley Train Robbery“ (Video oben), lockt da mit seinem zwingenden Outlaw-Rock allerdings erst einmal auf die falsche Fährte. Denn auf dem Rest der Platte dominieren die für McCombs mittlerweile so typischen subtilen Gesten – auch in den Lyrics. Und doch – oder gerade deswegen – lohnt sich in beiden Bereichen wieder einmal das genaue Hinhören. Denn auch wenn das Rhodes Piano noch so leichtfüßig grooven mag, textlich zeigt sich McCombs als einer der wenigen zeitgenössischen Künstler, dem es um mehr als nur Beziehungsanalysen, Kifferfantasien und Eskapismus geht. Der Kalifornien beschäftigt sich auf „Tip of the Sphere“ mit Phänomen der postfaktischen Demokratie, Ungerechtigkeit oder der Psychologie des Verbrechens. Cass McCombs beweist damit: Auch das Subtile ist politisch.

Das ganze Album bei Bandcamp:

 

 

Jessica Pratt – Quiet Signs (2019)

Fast nichts ist manchmal mehr: Jessica Pratt sucht auf ihrem dritten Album nach einer radikal minimalistischen Konfiguration der Folk-Formel und findet pures Gold.

Erschienen am 8. Februar 2019 bei Mexican Summer

Viel mehr als zwei gezupfte Akkorde auf der akustischen Gitarre, einen vom Winde verwehten Melodiebogen und eine gigantische Hallspirale hat Jessica Pratt noch nie gebraucht, um ihr Publikum in den Bann zu ziehen. Doch auf ihrem dritten Album treibt sie den Minimalismus auf die Spitze: Außer einem entfernten Piano oder dezent eingesetzten Instrumenten wie der pastellfarbenen Querflöte wurde absolut nichts hinzugefügt, was das fragile Gleichgewicht ihrer Song-Miniaturen beeinflussen könnte.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

So leise und vorsichtig die Musik auf den ersten Blick wirkt, so durchschlagskräftig ist ihre immersive Wirkung nach ein paar Minuten. Jessica Pratt zwingt uns, auf die Details zu hören und ihrer sonnengebleichten Fantasiewelt unsere ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Dieses Ausdrucksziel erinnert in erster Linie an die minimalistische Phase des französischen Komponisten Erik Satie, im Folk-Bereich am ehesten noch an Vashti Bunyan oder Nick Drake. Doch spätestens nach diesem Album ist klar, dass Jessica Pratt ihre ganz eigene und großartige Vision von Musik hat, die mit ihrer zurückgezogenen Persönlichkeit und ihrer geisterhaften Stimme untrennbar verbunden ist.

Das ganze Album bei Bandcamp:

Nebenan im Plattenregal:

Lorain – Through Frames (2018)
Damien Jurado – The Horizont Just Laughed (2018)
Anna St. Louis – If Only There Was A River (2018)

 

Fünfziger: The Flying Burrito Brothers – The Gilded Palace of Sin (1969)

Mit 50 Jahren gewinnt der Blick zurück an Klarheit. Das gilt im Leben ebenso wie in der Popmusik. Was bleibt übrig, wenn Hypes und Zeitgeist sich verabschiedet haben? In unserer Serie „Fünfziger“ geht es deshalb um Platten, die vor genau einem halben Jahrhundert ihren Fußbadruck in der Musikgeschichte hinterlassen haben. Heute: Gram Parsons und sein psychedelischer Kreuzzug nach Nashville.

Mit 50 Jahren gewinnt der Blick zurück an Klarheit. Das gilt im Leben ebenso wie in der Popmusik. Was bleibt übrig, wenn Hypes und Zeitgeist sich verabschiedet haben? In unserer Serie „Fünfziger“ geht es deshalb um Platten, die vor genau einem halben Jahrhundert ihren Fußbadruck in der Musikgeschichte hinterlassen haben. Heute: Gram Parsons und sein psychedelischer Kreuzzug nach Nashville.

Was tut man als millionenschwerer Erbe einer erzkonservativen Südstaaten-Familie im Jahr 1969, wenn man mit einer göttlichen Stimme gesegnet ist und das Leben als Sänger der Byrds langweilig wird? Na klar: Man versammelt die besten Musiker weit und breit und sucht völlig zugedröhnt nach der sagenumwobenen Kreuzung zwischen Country und Soul, um von dort aus mit brennenden amerikanischen Fahnen in den Sonnenuntergang zu reiten. Gram Parsons und seine Flying Burrito Brothers veröffentlichten am 6. Februar 1969 mit The Gilded Palace of Sin ein Album für die Ewigkeit, dass wie so viele legendäre Platten zum Zeitpunkt seines Erscheinens so gut wie unbeachtet blieb.

Gram Parsons ist eine der schillerndsten Figuren der amerikanischen Musikgeschichte, im deutschsprachigen Raum aber so gut wie unbekannt. In seiner Heimat ranken sich so viele halbwahre, frei erfundene und teilweise unfassbar absurde Geschichten um seine Person, dass eine historisch abgesicherte Einordnung seiner Biographie fast unmöglich erscheint. Folgt man der Mythologisierung bis zum bitteren Ende, so war er ein Mitglied der Manson Family, der Geliebte von Keith Richards und jemand, der seinen eigenen Leichnam von seinem Tourmanager aus den Händen der trauernden Familie entführen ließ, um unter den Joshua Trees in der gleichnamigen kalifornischen Wüste rituell verbrannt zu werden.

Verbürgt ist davon zumindest, dass sein Tourmanager Phil Kaufman dem Massenmörder Charles Manson bei einem gemeinsamen Knastaufenthalt Anfang der Sechziger eine Gitarre geschenkt hatte. Richtig ist auch, dass die Rolling Stones zumindest misstrauisch beäugten, was Keith mit diesem jungen Amerikaner im stillen Kämmerlein trieb. Vermutlich spritzten sich die beiden einfach ununterbrochen gegenseitig Heroin und schrieben massenhaft Songs, von denen außer Wild Horses leider keiner das vermeintliche Liebesnest der beiden Freunde verließ. Dass der zuerst von den Flying Burrito Brothers und später erst von den Rolling Stones veröffentlichte Klassiker ursprünglich aus Parsons Feder stammt, stritt er in seinem letzten Interview 1973 selbst ab, das Gerücht gibt es bis heute. Tatsache ist aber, dass die Freundschaft mit Parsons das Gitarrenspiel von Keith Richards entscheidend prägte und damit auch die Country-Elemente auf Sticky Fingers und anderen Alben um 1970 begründete. Ein Trend, der in der britischen Heimat der Stones unter anderem bei Elton John, Rod Stewart und dessen Band The Faces auf fruchtbaren Boden fiel.

Der halbwegs verifizierbare Hauptstrang der Lebensgeschichte von Gram Parsons bis zur Gründung der Flying Burrito Brothers geht in etwa so: Geboren am 5. November 1946 als Enkel eines Großgrundbesitzers in Florida, sah der neunjährige Gram Parsons einen Auftritt von Elvis Presley und entschied sich sofort für ein Leben als Musiker. Nach dem Selbstmord seines Vaters und dem alkoholbedingten Tod seiner Mutter wurde er für den Rest seines Lebens mit einem großzügige bemessenen Trust Fund ausgestattet, schrieb sich in Harvard für Theologie ein und gründete dort die International Submarine Band. Mit seinen Kommilitonen erreichte er lokal schnell eine große Popularität, schon bald wurde die Truppe als Geheimtipp gehandelt und siedelte nach nur einem halben Jahr nach New York City über, um sich ganz einer musikalischen Karriere zu widmen.

Noch bevor das heute legendäre Debüt-Album der International Submarine Band veröffentlicht wurde, wurde Gram Parsons aber von den Byrds abgeworben und verließ seine erste ernsthafte Band. Trotz seiner Unerfahrenheit überzeugte er die damals wohl erfolgreichste Gruppe des Landes von seiner Vision einer Synthese aus Country und Rock, die in Form des zunächst kommerziell gescheiterten aber heute anerkannten Konzeptalbums Sweetheart of the Rodeo verwirklicht wurde. Doch schon nach wenigen Monaten stieg er aus, angeblich weil er an einer Tour durch Südafrika aus Protest gegen die Apartheid nicht teilnehmen wollte.

Wie so oft gelang es dem charismatischen Sänger auch an diesem Punkt, die entscheidenden Persönlichkeiten für sich einzunehmen und für immer an sich zu binden. Denn zur Kernbesetzung seiner neuen Band Flying Burrito Brothers gehörte mit Chris Hillman auch ein Gründungsvater der Byrds und damit einer der am besten vernetzten Köpfe in den Bereichen Country, Bluegrass und Folk sowie dem Musikbusiness insgesamt.

Die Entstehung des eigentlichen Albums ist im Gegensatz zu seiner Vorgeschichte schnell beschrieben: Fünf der wahrscheinlich besten Musiker auf ihrem Gebiet gehen in Nashville für ein paar Wochen ins Studio und berauschen sich an allen möglichen Drogen, vor allem aber an ihrem elektrisierenden Zusammenspiel. Das Songmaterial ist fantastisch, einige der besten Kompositionen von Hillman und Parsons treffen auf geschmackvoll ausgesuchte zeitlose Klassiker und intelligente Picks aus der zweiten Reihe wie das ergreifende Dark End of the Street, ein vergessener Hit des Soulsängers James Carr.

Für ungeübte mitteleuropäische Ohren mag sich die Version der Flying Burrito Brothers mit dem typischen Pedal Steel nach purem Country anhören, bei genauerem Hinhören und vor allem im Vergleich zu zeitgenössischen Aufnahmen aus Nashville erschließt sich aber, dass die Grenzüberschreitung keineswegs nur in der Wahl des Songs liegt. Parsons ließ sich auch vom emotionalen Gesangsstil eines James Carr inspirieren und die Band wird mitgerissen von einem verschleppten Groove, den die Countrywelt so noch nie gesehen hat.

Thematisch entspricht Dark End of the Street dem Profil des Cheating Songs, einem Topos, der bis heute auf fast jeder Countryplatte zu finden ist. Tatsächlich liefern die Flying Burrito Brothers quasi einen Blueprint für die perfekte Zusammenstellung eines Albums aus den klassischen Song-Formaten: Do Right Woman ist eine der ergreifendsten Country-Balladen aller Zeiten, Hippie Boy erfindet die obligatorische Spoken-Word-Nummer als surrealistisches Mini-Hörspiel inlusive Gospelchor neu und der wilde Doppelschlag aus Hot Burrito No. 1 und 2 scheint die spätere Annäherung an die Wut des Punk vorwegzunehmen. Die Ausgewogenheit dieser Konstellation geht soweit, dass man aus heutiger Sicht fast schon von der Einführung des Konzeptalbums in die bis dato auf Singles fixierte Countrywelt sprechen kann. Parsons liebte die Traditionen, aber er hasste den politisch reaktionären und kommerziellen Aspekt Nashvilles und diese Platte wirkt wie ein Manifest für eine Neuerfindung des Country aus seiner eigenen Tradition und der Versöhnung mit dem Rest der (amerikanischen) Musikwelt.

So verschmelzen die Flying Burrito Brothers mithilfe eines geradezu rauschhaften Zusammenspiels vermeintlich unversöhnliche Stränge der amerikanischen Populärkultur zu einem kosmischen Schauspiel, das bis heute als Inspirationsquelle für unzählige Seelenverwandte von Parsons in einer der lebendigsten Musikszenen der Welt strahlt. Diese Musik brennt in jeder Sekunde lichterloh und das Feuerwerk an psychedelisch angehauchten Grenzüberschreitungen zwischen Country, Rock und Soul ist der plattengewordene Beweis, dass es irgendwo ganz tief unten in der amerikanischen Seele einen gemeinsamen Kern gibt. Dahinter verbirgt sich eine Hoffnung, die zu Lebzeiten Gram Parsons trotz Vietnam und dem Nachhall der Segregation in weiten Kreisen der Gesellschaft wesentlich selbstverständlicher war als heute. Deshalb hat The Gilded Palace of Sin in 50 Jahren nichts an Aktualität verloren und ist der perfekte Ausgangspunkt für jeden mitteleuropäischen Musikliebhaber, um die eigenen anti-amerikanischen Ressentiments abzustreifen und den gigantischen Kosmos der Countrymusik für sich zu entdecken.

Das ganze Album bei Spotify:

Nebenan im Plattenregal:

Cordovas – That Santa Fe Channel (2018)
Anna St. Louis – If Only There Was A River (2018)
Buxton – Stay Out Late (2018)
Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)
Twain – Rare Feeling (2017)

Tiny Ruins – Olympic Girls (2019)

Die Zukunft des Folk liegt immer in der Vergangenheit: Das dritte Album von Tiny Ruins aus Neuseeland schöpft aus altbekannten Quellen eine ganz neue Klangwelt und überwindet die Gravitation des Alltags mit ansteckender Leichtigkeit.

Erschienen am 1. Februar 2019 bei Marathon

The Soft Rock Café empfiehlt Tiny Ruins auf Tour:
6. April | Neubad | Luzern
8. April | Milla | München
9. April | Karlstorbahnhof | Heidelberg
10. April | Privatclub | Berlin
11. April | Feinkost Lampe | Hannover
Tickets hier!

Tiny Ruins ist offiziell das Soloprojekt von Hollie Fullbrooks, doch tatsächlich arbeitet die Neuseeländerin schon seit Jahren mit der gleichen Besetzung an Begleitmusikern zusammen. Inzwischen umgibt das äußerst luftige Zusammenspiel der Band die schwerelosen Gitarrenanschläge so organisch, dass die Trennlinie zwischen instrumentalem Fundament des Songs und gemeinsam entwickelten Arrangements immer mehr verschwimmt. Dabei bleibt das Klangbild glasklar wie die Luft an einem sonnigen Wintermorgen und gibt Fullbrooks ausdrucksstarke Alto in einem geradezu überwältigenden Detailgrad wieder.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Das Gitarrenspiel von Tiny Ruins war schon immer verblüffend, in Sachen Songwriting durchbricht sie mit Olympic Girls allerdings noch mal eine ganz entscheidende Schallmauer. Die lyrisch anspruchsvollen, oft verschlungen narrativen Texte werden frei auskomponiert, lassen herkömmliche Formen immer wieder links liegen und bleiben doch immer unmittelbar eingängig. Auf die ganze Länge des Albums bezogen ergibt sich außerdem ein großer thematischer Bogen mit reichlich inhaltlicher Eigendynamik. Wer Indie Folk als gefälligen Soundtrack für Hipster-Cafés einsortiert hat, wird an der ein oder anderen Stelle eine gewisse Überforderung erfahren. Das interessierte Publikum findet in Olympic Girls aber eine vielschichtige Platte, die mit jedem Hören mehr von ihrem großartigen Facettenreichtum preisgibt.

Das ganze Album bei Bandcamp:

Nebenan im Plattenregal:

Steve Gunn – The Unseen in Between (2019)
Haley Heynderickx – I need to start a garden (2019)
Anna St. Louis – If Only There Was A River (2018)