Garcia Peoples – Natural Facts (2019)

Vier Dudes aus New Jersey machen den Jam-Rock wieder salonfähig: Garcia Peoples mit ihrem zweiten Album innerhalb eines Jahres.

Erschienen am 29. März 2019 auf Beyond Beyond Is Beyond Records

Es ist schon längst kein Geheimnis mehr: Der Psychedelic Rock erlebt derzeit ein kleines Revival. Im vergangenen Jahr haben dabei vor allem vier Dudes aus New Jersey mit ihrem Debüt auf den einschlägigen Label Beyond Beyond Is Beyond Records für Furore gesorgt. Jetzt sind Garcia Peoples schon mit ihrem zweiten Longplayer zurück. Und was soll man sagen: Wem diese Platte kein Lächeln in die Visage zaubert, der hat die Rockmusik nie geliebt. In der Tradition von Großmeistern des ausufernden Gitarren-Spaßes wie The Grateful Dead (man beachte den Bandnamen) und mit der Unbekümmertheit einer Gang von Halbstarken besetzen Garcia Peoples einen Platz im Plattenregal, der zuletzt (leider) meist leer stand.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube:

Da schämt man sich auch wie im Intro von Canvas nicht, das WahWah-Pedal mal wieder so richtig durchzudrücken. Denn die US-Amerikaner wissen stets, wann es genug ist mit den Zitaten aus dem Gitarrenladen. Und bei aller Nähe zur Jam-Band-Tradition und Retro-Referenzen ohne Ende:  Garcia Peoples besitzen eine derart punkige Direktheit und den Spielwitz schlaksiger Indie-Schrammler, dass diese Platte nichtsdestotrotz eine absolut authentische Zeitgeistigkeit und Unmittelbarkeit  ausstrahlt.

Das ganze Album bei Spotify:

Strand of Oaks – Eraserland (2019)

Hinter Timothy Showalters sechstem Studioalbum steckt eine tiefe Krise – und eine der schönsten Bromance-Episoden der jüngeren Musikgeschichte.

Erschienen am 22. März 2019 bei Dead Oceans

Dieses Album hätte eigentlich niemals erscheinen sollen. Aber nicht etwa, weil es so abgrundtief schlecht wäre – im Gegenteil. Der Grund ist schlicht der, dass Timothy Showalter aka Strand of Oaks noch vor wenigen Monaten selbst nicht mehr daran glaubte, jemals wieder einen vernünftigen Song zu schreiben. Gebeutelt von Depressionen und Angstzuständen stand der sowieso nicht gerade als Klassenclown bekannte Songwriter kurz davor, sein Projekt nach fünf Studioalben komplett hinzuschmeißen. Wenn da nicht eine der schönsten Bromance-Episoden der jüngeren Musikgeschichte dazwischen gekommen wäre.

Denn hier kommen die Kollegen von My Morning Jacket um Gitarrist Carl Broemel ins Spiel. Broemel, ein guter Freund Showalters, hatte beschlossen, dass sein am Boden liegender Kumpel nur durch die Musik wieder auf die Beine kommen würde – und verfrachtete ihn kurzerhand und ohne Vorwarnung in ein Studio. Mit Unterstützung der geschmeidig eingespielten Band fand Showalter dort tatsächlich wieder zu seinen Songs, auch wenn das Ganze offenbar von einem ziemlich quälenden Selbstreinigungsprozess begleitet wurde.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube:

Es geht hier also um Katharsis durch Kunst – dem wohl ältesten Thema der Kreativen von der Antike bis zum Underground-Rave. Eraserland ist deshalb auch kein Jammerlappen-Manifest, wie es sie in den Nullerjahren so oft gab, sondern ein starkes Zeugnis der Hoffnung – abgelegt mit einer bisweilen unverschämt clever rockenden Fender Telecaster. Die Wege, die The War on Drugs in den vergangenen Jahren freigeschlagen haben, beschreiten ja mittlerweile immer mehr amerikanische Rockbands. Das überrascht nicht, ist aber auch noch lange nicht ausgelutscht und deswegen bislang nur zu begrüßen. Showalter fügt den stoischen Drums und verhallten Gitarren eine gute Dosis Americana-Elegie à la Damien Jurado hinzu und macht damit vieles richtig.

Das ganze Album bei Bandcamp:

 

The Long Run: Mit Sea Moya durch Amerika. Teil 1 – Von Montreal nach NYC

Endlose Landstraßen, Filterkaffee im Diner und ganz viel Musik: Wer träumt nicht von einem endlosen Roadtrip durch Nordamerika? Für Elias von Sea Moya wird dieser Traum gerade im Tourbus wahr und wir sind happy, seine Tagebucheinträge in drei Etappen hier zu veröffentlichen.

Vor einem Jahr haben Sea Moya aus Mannheim den Sprung nach Montreal gewagt. Nachdem im Oktober ihr großartiges Album Falmenta erschien, sind sie diesen Frühling nach einigen Konzerten in Europa zum ersten Mal im großen Stil in Kanada und in den USA unterwegs. Was für ein Glück, das Bassist und Vorzeige-Redhead Elias auf den zahlreichen langen Fahrten im Tourbus immer wieder die Zeit findet, von ihren Abenteuern im Land der unbegrenzten Musikmöglichkeiten zu berichten. Im ersten Teil geht es um die Reise von Frankfurt nach Montreal, die Vorbereitungen für die Tour und die ersten paar Shows in Städten wie Toronto, Chicago, Detroit und New York City.

Von Frankfurt nach Montreal



Shit, der Bass ist bestimmt viel zu groß für’s Handgepäck. Und unsere Koffer sind vollgestopft bis zum Anschlag, mit Instrumenten und Merchandise außenrum als Schutz. Ob das gut geht? Die Counter-Lady am Flughafen findet jedenfalls im letzten Moment heraus, dass wir leider doch den vollen Preis für das Gepäck bezahlen müssen. Schade, aber dafür ist wenigstens im Flieger alles easy: Normalerweise darf mein Bass sogar bei den Stewardessen in der Umkleidekabine dabei sein, weil es sonst nirgends Platz gibt. In diesem Riesenvogel aber passt er locker in die Box über unseren Sitzen. Schon extrem impressive.

So vergeht die Reise erst mal im wahrsten Sinne des Wortes “wie im Flug” und wir kommen gefühlt nach einer Stunde in Montreal an. Die Passkontrolle in Kanada ist anscheinend für eine deutsche Band kein Problem, mit den Worten “Are you famous or what?” werden wir einfach durchgewunken. Erst am Zoll erregen wir mit unserem ganzen Zeug natürlich besondere Aufmerksamkeit und werden sofort nach allen Regeln der Kunst gefilzt. Puh, alles ok! Erleichtert können wir endlich mit dem Uber nach Hause, zu unseren Freunden in der WG. Übrigens ist es arschkalt, selbst für kanadische Verhältnisse. Immer wieder ein Schock und eine Temperatur, an die man sich nie wirklich gewöhnen kann.



Direkt am nächsten Tag lege ich im Maison 2109 auf, ansonsten suchen wir auf den lokalen Kleinanzeigen-Plattformen nach einem geeigneten Fahrzeug für die Tour. Das ist definitiv auch eine dieser Aufgaben, die in der Berufsbeschreibung “Musiker” damals nicht angegeben wurde und auch in der Popakademie nicht zum Lehrplan gehört. Trotzdem eine interessante Erfahrung zu sehen, was für Schrottkarren tatsächlich noch zum Verkauf angeboten werden und wie dreist die Verkäufer einen bescheißen wollen. Wenn das so weitergeht, müssen wir uns wohl nach einer Pferdekutsche umschauen.

Dann endlich der Lichtblick: Ein riesiger Dodge Ram, aktuell im Besitz eines Musikers. Leider ist der Typ gerade auf Tour, aber seine unfassbar nette Freundin zeigt uns den Schneeberg, unter dem die Kiste im Winterschlaf liegt. Wider Erwarten finden wir nach dem Ausbuddeln ein wahres Schmuckstück vor, ich stecke natürlich gleich erstmal den Schlüssel falschrum rein und krieg ihn nicht mehr raus. Aber dann klappt alles, der Motor schnurrt wie ein riesiges Kätzchen und wir fühlen uns sofort zuhause. Jetzt gilt es erst mal, unsere ganzen Verstärker und die restlichen Instrumente einzusammeln. Die sind nämlich bei allen möglichen Bands, Freunden, Eltern von Freunden und Freunden von Eltern von Freunden abgestellt. Ja, auch in Montreal ist Platz Mangelware aber die Leute sind auch sehr hilfsbereit.

Unsere erste Show auf dem Tourplan ist am 25. Februar in der Casa Del Popolo in Montreal, wo wir normalerweise zum Publikum gehören. Hier stößt auch Miles Francis dazu, der uns auf dem ersten Teil der Tour begleiten wird. Richtig starker Typ, seine aktuelle EP „Doves“ ist der Hammer. Der Abend ist dann ein voller Erfolg, der Laden platzt aus allen Nähten. Nicht nur alle unsere Freunde sind da, sondern auch superviele Leute, die wir noch nie in unserem Leben gesehen haben. Das ist ein extrem gutes Gefühl, besser kann man wirklich nicht in eine Tour starten. Jetzt haben wir noch drei Tage Zeit, um letzte Vorbereitungen zu treffen und uns von Montreal zu verabschieden.

Von Montreal nach Chicago

Wir sind on the road, endlich! Wow, was ein geiles Gefühl in unserer Big Blue Bijou über den Highway zu brettern. Leider noch ohne Musik, weil das Soundsystem kaputt ist. Aber ein bisschen Stille tut auch manchmal gut und gibt Raum für musikalische Ideen, die ich im Kopf sammle und ab und zu per Sprachmemo festhalte. Unser erster Stopp ist Kingston, eine mittelgroße Stadt am Lake Ontario. Wir spielen in einem Plattenladen mit wenig Platz aber extrem gutem Sound, es erinnert ein bisschen an die Tiny Desk Concerts. Am nächsten Tag geht es weiter nach Ottawa, wo wir unser allererstes Konzert in Kanada hatten und ein paar Leute kennengelernt haben, die auch alle mit ihren Freunden zur Show kommen. Und da ist wieder so ein Homecoming-Feeling, obwohl wir die Stadt eigentlich null kennen. Liegt auch an Kenneth, einem extrem liebenswürdigen Dude bei dem wir immer crashen.

Das nächste Konzert ist in Toronto, in einem Club namens The Boat. Das Viertel heißt Kensington Market und ist extrem angesagt, gegenüber ist die Handlebar in der wir das letzte Mal gespielt hatten. Hier spielen wir mit Miles Francis und einer lokalen Band, organisiert wurde das ganze von unseren band buddies Beams. Der Vibraphonist Keith hat den vielleicht abgefahrensten Job der Welt: Er ist Rental Goalie. What? Man kann ihn für einen Fuffi mieten, um ihm eine Stunde lang beim Eishockey mit dem Puck zu beschießen. Damit war er letztens sogar in der New York Times! Anyways, seine Band ist auch richtig stark und wir haben einen geilen Abend mit den Jungs.



Dann geht es weiter nach Windsor, das ist so etwas wie das kanadische Pendant auf der anderen Seite des Detroit River. So ein bisschen wie LU und Monnem, wääsch? Dort erst mal angekommen in der Phog Lounge, schnell ausgeladen bei Eiseskälte und plötzlich meint der Bar Dude: Sorry Boys, wir haben hier jetzt noch ne private Vermietung, ihr könnt dann um neun wiederkommen. Der Promoter ist aber sehr nett und nimmt uns mit nach Hause und bestellt die angeblich beste Pizza Kanadas. Das sagen irgendwie alle, aber am Ende ist die dann immer doch nur mittelmäßig nach europäischen Maßstäben. Dafür ist die spontane Jam-Session in seiner Garage definitiv Weltklasse.

Am nächsten morgen dann in Detroit über die Grenze. Wir sind meganervös, weil wir beim letzten Versuch einfach abgewiesen wurden und die Shows in den USA ins Wasser fielen. Erst filzen uns die Kanadier bei der Ausreise, dann noch mal die Amis bei der Einreise. Große Erleichterung, als sich das Ganze mit dem soliden Arbeitsvisum als reine Formsache herausstellt. Fühlt sich gut an, willkommen zu sein! Den Unterschied merkt man dann sofort beim Fahren: Die Straßen sind plötzlich doppelt so breit, die Trucks auch. Nach Detroit reingefahren, richtig stark, dann aber gleich wieder raus und auf den Highway Richtung Chicago.

Von Chicago nach Detroit

In Chicago hatte uns Blake, der Gitarrist von
Durand Jones & The Indications eine Show gebucht. Super Band, mit denen wir im Januar in Europa auf Tour waren. Sehr cute, dass er uns dann auch gleich einen europäischen Empfang bereitet mit Snacks, Mineralwasser, Pitas, Hummus und frischem Obst. Das hört sich selbstverständlich an, aber in Amerika kann man froh sein wenn man ein paar Biermarken bekommt. Als Vorband sind die Dendrons am Start, ebenfalls “alte” Freunde, die wir das Jahr zuvor auf einem Festival in Arkansas kennenlernen durften.

Morgens geht es dann weiter nach Bloomington, Indiana. Krasser Sturm auf dem Highway und unsere Big Blue Bijou wird immer wieder ordentlich weggedrückt, ziemlich scary aber wir sind dann doch sicher angekommen. Im Secondhandladen Goodwill treffen wir zufällig den Bassisten von Dasher, die gerade eine Platte bei Jagjaguwar herausgebracht haben. Supernetter Kerl, der im Kofferaum unglaublich viel Essen für ein Homeless Shelter oder so geladen hat, später auch zu unserer Show kommt und mit uns abhängt. Diesmal war es übrigens der Bassist von Durand Jones, der uns den Gig besorgt hat. Die Show ist mau besucht, sehr früh aber sehr lustig, weil danach noch das Public Viewing von der Oscar-Verleihung kommt. Auch ganz spannend bzw. interessant zu sehen wie Amis das so wahrnehmen.



In Detroit am nächsten Tag werden wir sofort von einem ganz besonderen Vibe gepackt. Die Kombination aus Verfall und Aufbruchsstimmung erinnert an Erzählungen aus Berlin um 1990. Viel Leerstand, viel Armut, hier und da auch schon Investoren, die gezielt die black neighbourhoods gentrifizieren. Der Club ist Downtown, heißt Deluxx Fluxx und haut uns um. Die Vorband Pato y Pato spielen ein geniales Ambient Set mit Synthies. Miles Francis, der inzwischen ein richtig guter Freund geworden ist, liefert grandios ab. Geil ist auch, dass echt sauviele Leute nochmal gekommen sind, die schon in Windsor auf der Show waren.



Am Tag danach haben wir ein bisschen Zeit, weil die Fahrt nicht allzu lang ist. Wir gehen erstmal ausgiebig frühstücken bei einem Laden namens Dilla’s Delights, der dem Onkel von J Dilla gehört. Die Lady hinterm Tresen namens Boogie Brown ist natürlich auch MC und erzählt uns einfach alles über Detroit, von Theo Parrish bis Hip Hop. Dann ins Motown-Museum in dem Gebäude, das damals das erste von acht Studios war. Unfassbar, wie viele legendäre Platten hier aufgenommen wurden. Unser Highlight ist der Guide, der unglaublich gut singen kann und auch bei jeder Gelegenheit eine Hook in den Vortrag einstreut. Im Control Room merkt er dann, wie ich auf das Equipment abfahre und weist mich mit einem freundschaftlichen “Not for sale, brother” in die Schranken. Zum Abschied gehen wir noch zu Peoples Records und ich kaufe viel zu viele Platten.

Von Detroit nach NYC

Endlich geht’s weiter und in Cleveland wartet eine weirde Eckkneipe auf uns. Einer der wenigen Besucher sieht aus wie ein Pirat, knallt dauernd super laut seinen Gehstock auf den Holzboden und brabbelt ununterbrochen Lines von Public Enemy. Trotzdem macht der Gig extrem Laune, irgendwann liege ich mit meinem Bass auf dem Boden und Miles steht plötzlich daneben und spielt einfach mit. Auch grandios ist der Abstecher nach Youngstown am nächsten Tag, dort spielen wir im Keller einer Bowling Alley und es gibt Free Bowling, Free Beers und Free Pizza für uns. Die Promoter sind nett aber in so einer Kleinstadt mit 50.000 Einwohnern ist es natürlich immer bisschen schwierig mit dem Publikum.

Morgens fahren wir quer durch Pennsylvania, immer an hübschen Bächen vorbei durch wunderschöne Hügel. Ein Scenic Drive, wie die Amerikaner sagen. Nachmittags dann das krasseste Kontrastprogramm, das man sich vorstellen kann: Welcome to New York City! Um drei kommen wir an und um vier hab ich gleich mal ein DJ Set bei The Lot Radio, mit Blick auf den Sonnenuntergang über einem Parkplatz mit der Skyline von Manhattan im Hintergrund. Unfassbare Vibes! Dann rüber zum Venue, die Jungs haben schon alles aufgebaut. Auch wieder geniale Musik am Start mit Operator Music Band, die eine fantastische neue Platte dabei haben und Miles Francis, der diesmal mit einem gigantischen Ensemble aufspielt. Die Gitarristin und die Keyboarderin von TEEN ist mit auf der Bühne, außerdem eine Drummerin und auch noch zwei Tänzerinnen in Morphsuits, die er wie Marionetten dirigiert. Der Laden ist zwar nicht voll, aber wer da ist flippt aus.



Bevor wir uns auf den Weg nach Washington D.C. machen und dieses Tagebuch erst mal ein paar Tage Pause einlegt, wollte ich noch kurz ein paar Gedanken zu New York City festhalten: Die Stadt hat einfach eine Energie, die man sonst nirgendwo findet. Alle sind immer superbusy, zielstrebig und scheinbar auf sich allein gestellt. Aber wenn man Leute kennenlernt geht es immer zackzack, man kommt sofort zum Punkt und kann superschnell Kontake knüpfen. Mich pusht das extrem, ich sauge die Energie immer gierig auf und ehrlich gesagt kitzelt es mich jedes mal, irgendwann auch mal hier zu wohnen. So, genug gefaselt! Wir sind jetzt mal on the road again und ich melde mich dann bald wieder, viele Grüße nach Deutschland. Auch von David! XO

Teil 2 – „Von NYC in Richtung SXSW“ erscheint am 31.3.

Caroline Rose – Loner (2018)

Voll auf die zwölf: Caroline Rose testet mit ihrem dritten Album aus, wie viele Hits auf eine Indie-Platte passen.

Erschienen am 22. Februar 2018 bei New West Records

The Soft Rock Café empfiehlt Caroline Rose Live:
28. Mai | Queer Festival, Heidelberg
29. Mai | TapTab Musikraum, Schaffhausen
1. Juni | Puls Open Air, Geltendorf
Tickets gibt’s hier!

Es ist ein uraltes Klischee im Showbusiness: Komödienstars, die verzweifelt auf der Suche nach ernsten Rollen sind und dann plötzlich alle mit ihrem großen schauspielerischen Talent überraschen. Auf sehr eindrucksvolle Weise geht Caroline Rose diesen Weg mit ihrem dritten Album Loner in die umgekehrte Richtung. Nachdem sie sich mit einem sehr introvertierten Debüt und einer musikalisch extrem anspruchsvollen zweiten Platte bei der Kritik jede Menge Respekt verschaffte, steht nun der Spaß im Vordergrund. Das heißt nicht, dass sich hinter den Tanzflächen-Ambitionen und den unwiderstehlichen Pop-Hooks keine ernsthaften Themen verbergen. Der Überhit „Jeannie becomes a mom“ mit seinem oscarverdächtigen Musikvideo steht exemplarisch für diesen ziemlich einzigartigen Brückenbau zwischen Chartqualitäten und tiefgründigem Storytelling.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Die neue Souveränität beflügelt Caroline Rose, ihre Stimme ist durchschlagskräftiger als je zuvor und nimmt zwischen verführerischen Balladen und manischer Eskalation jede Rolle überzeugend ein. Der exzessive Einsatz von Verzerrung auf den Vocals und den omnipräsenten Billigorgeln macht ordentlich Druck und verpasst der ansonsten glasklaren Produktion die nötige Portion Trash-Ästhetik. Einige Fans ihres früheren Schaffen werden es möglicherweise etwas schwierig finden, Caroline Rose auf ihrem neuen Weg bis zum Ende zu folgen. Dementsprechende Verlustängste scheinen die Amerikanerin aber nicht im geringsten zu tangieren, im Gegenteil: Die Mehrheit der Songs ist wie geschaffen für die Funktion als Türöffner zu deutlich größeren Bühnen als bisher. Und eigentlich besteht kein Zweifel daran, dass Caroline Rose gut vorbereitet ist auf das helle Rampenlicht.

Das ganze Album bei Bandcamp:



Nebenan im Plattenregal:

Molly Burch – First Flower (2018)
Totally Mild – Her (2018)
Stella Donnelly – Beware Of The Dogs (2019)

Stella Donnelly – Beware Of The Dogs (2019)

Auch unabhängig vom Weltfrauentag die Platte der Stunde: Mit ihrem beeindruckenden Debüt bei Secretly Canadian zeigt Stella Donnelly, dass sie eine der wichtigsten Stimmen in der immer noch männlich geprägten Welt der Gitarrenmusik werden kann.

Erschienen am 8. März 2019 bei Secretly Canadian

Text: Tobias Breier

Es hatte sich schon angedeutet, als sie im vergangenen Jahr ihre erste EP Thrush Metal inklusive des Mini-Hits Boys Will Be Boys veröffentlichte: Stella Donnelly ist ein Name, den man sich merken muss. Ausgerechnet am Weltfrauentag erscheint nun ihr Debüt-Album und schon nach wenigen Akkorden des grandiosen Openers Old Man ist klar, wo die Reise hingeht. Die Australierin denkt gar nicht daran, ihre im besten Sinne feministischen Ansagen hinter sperriger Musik zu verstecken. Im Gegenteil, ihre ausgeprägte Pop-Sensibilität und eine feine Erzählkunst kommen mit jedem Song mehr zum Vorschein. Würde Stella Donnelly diese Qualitäten noch ein bisschen stärker konzentrieren, eine Mainstream-Produktion zulassen und die absichtlich schrägen Indie-Elemente ganz weglassen, wären Songs wie Die oder Tricks ein klarer Fall für die Charts.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:


Naturgemäß wird Stella Donnelly mit ihrem Debüt vor allem Vergleiche mit anderen jungen Sängerinnen wie Soccer Mommy oder Snail Mail ernten. Das ist einerseits nachvollziehbar, andererseits aber auch extrem unsachgemäß und schade, auch wenn diese Vergleiche natürlich an sich keineswegs ehrenrührig sind. Natürlich ähneln Frauenstimmen immer noch eher Frauenstimmen und leider finden es offenbar immer noch viele (ausgerechnet männliche) Kommentatoren erstaunlich, wenn Frauen bestechend Gitarre spielen. Den spezifischen musikalischen Qualitäten und der künstlerischen Vision von Beware Of The Dogs würde man aber wohl am ehesten mit einem Verweis auf Mac DeMarco gerecht werden, der nun mal als erstes den schmalen Grat zwischen Slacker-Geschrammel und minutiös perfektionierten Ohrwürmern als Spielwiese ausgemacht hat. Dieses fantastische Debüt lässt jedenfalls hoffen, dass wir eines Tages auch umgekehrt Stella Donnelly und andere weibliche Künstlerinnen beim Name-Dropping als Maßstab ansetzen, sogar wenn es sich bei dem namenlosen Newcomer um einen Mann handelt.

Das ganze Album bei Spotify:


Nebenan im Plattenregal:

Mac DeMarco – This Old Dog (2017)
Natalie Prass – The Future and the Past (2018)
Devon Sproule – The Gold String (2017)

Yves Jarvis – The Same But By Different Means (2019)

In blauen Wolken wunderbar geborgen: Yves Jarvis wirft mit seinem zweiten Album den letzten Rest Songstruktur über Bord und nimmt Kurs auf ein unentdecktes Land jenseits des Ozeans namens Psychedelic Soul.

Erschienen am 1. März 2019 bei Anti-Records

Text: Tobias Breier

Yves Jarvis wurde 1996 in Calgary als Jean-Sebastian Audet geboren und sorgte schon als Zwanzigjähriger unter dem Pseudonym Un Blonde mit einem erstaunlichen Debüt-Album für Aufsehen. Damals widmete er die Platte der Farbe Gelb und damit der Sonne. Auch wenn die Tracks kaum unterschiedlicher sein könnten, so hatten sie doch diesen sommerlichen Charakter als gemeinsamen Nenner. The Same But By Different Means ist nun der Farbe Blau gewidmet und damit der Nacht, dem Nebel, dem Zwielicht und vor allem dem Blues. Und erneut weigert sich Yves Jarvis standhaft, klassischen Songstrukturen zu entsprechen. Auch wenn er nun zwei bis drei mal ganz knapp daran vorbeischlittert.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

 

Dabei scheint Yves Jarvis ein Händchen für große Pop-Momente zu haben: Sobald etwas  greifbares aus dem Tohuwabohu herausragt, geht es sofort in Richtung Ohrwurm. Aber auch die sphärischen Tracks, die teilweise aus nicht viel mehr als Vogelgezwitscher und einer verhallten Mundarmonika oder gospelhafte Stimmen im Hintergrund bestehen, haben einiges zu bieten. Die Höhepunkte sind aber eindeutig die Stellen, bei denen sich das Ganze in hemmungslosen Grooves entläd. Dann klingt Yves Jarvis wie eine zeitgemäße Wiedergeburt des großen Shuggie Otis, der Anfang der Siebziger mit unterbelichteten Drumcomputern, vom Winde verwehten Gitarrensoli und seiner schwerelosen Stimme die Grundlage für den Boom psychedelischer Soulmusik legte. Insgesamt gelingt ihm hier ein herausragendes Album, das mit jedem Hören an Struktur und Bedeutung gewinnt.

Das ganze Album bei Bandcamp:

Nebenan im Plattenregal:

Sea Moya – Falmenta (2018)
Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (2017)
sir Was – Digging a tunnel (2017)

Hand Habits – Placeholder (2019)

Mehr als nur ein Platzhalter: Versteckt hinter verträumten Americana-Gitarren sucht Meg Duffy nach den Spuren verblasster Beziehungen.

Erschienen am 1. März 2019 auf Saddle Creek

Mit Meg Duffy zeigt eine weitere Sessionmusikerin, dass sie auch den Platz in der ersten Reihe problemlos ausfüllen kann. Sonst als Gitarristin fester Bestandteil der Tourband von Folkrocker Kevin Morby, legt sie mit ihrem eigenen Projekt Hand Habits jetzt bereits das zweite Album vor. Und das Ergebnis – man möge diesen harten Bruch des Referenzrahmens verzeihen – könnte man als die perfekte musikalische Maultasche bezeichnen. Denn in Placeholder steckt die als verträumter Americana getarnte Umsetzung eines klaren und überzeugenden ästhetischen Programms.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube:

Dessen Inhalt gibt der Albumtitel vor. Es geht also um Leerstellen, um das, was bleibt, wenn Menschen aus dem Leben verschwinden, und um die Vergänglichkeit. Sind wir vielleicht nicht immer schon nur Platzhalter im Herzen des Anderen – mehr Symbol als Individuum?

„Oh, but I was just a placeholder
A lesson to be learned
Oh, I was just a placeholder
A place you will return“,

singt sie im Titeltrack. Und mit der schmerzhaften Akribie einer Archäologin gräbt Duffy anschließend ein ganzes Album lang in den verkrusteten Schichten ihrer Seele nach den Spuren verblasster Beziehungen und Gefühle. Die gefunden Artefakte packt sie dann aber wie zum Trotz in besonders schöne Vitrinen aus fragilen offenen Akkorden und sanften Slide-Gitarren. Das mag anfangs etwas irritieren, lädt aber vor allem dazu ein, die Platte immer und immer wieder auf neue Inhalte zu durchforsten.

Das ganze Album auf Bandcamp:

 

Living Hour – Softer Faces (2019)

Die Langsamkeit neu entdecken: Mit ihrem zweiten Album Softer Faces differenzieren die kanadischen Dream-Popper von Living Hour ihr extrem raumgreifendes Zusammenspiel noch weiter aus.

Erschienen am 1. März 2019 bei Kanine Records

Text: Tobias Breier

Diesmal konnten Sängerin Samantha Sarty und ihre Band im Studio auf die Hilfe der Co-Produzenten Kurt Feldman (Being Pure At Heart) und Jarvis Taveniere (Woods) zurückgreifen. Doch auch jenseits der Felder Sound Design und Arrangement stellt das zweite Album einen deutlichen Entwicklungssprung dar: Living Hour überzeugen vom ersten Song an als künstlerisch gereifte Band. Das ist zu spüren in jeder sorgfältig konstruierten Dissonanz, in der ausgeklügelten Instrumentierung, in der bisweilen sanft verwirrenden Polyrhythmik und den unglaublich dichten Texturen aus verhallten Gitarren und schwebenden Keyboards.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Während die erste Hälfte des Albums verträumt vor sich hin plätschert, kommen auf der zweiten Seite auch ein paar Ecken und Kanten dazu. Mal durch strengen Minimalismus, mal durch verzerrte Sounds, mal durch fast gesprochene Gesangslinien und mal durch einen kompletten Verzicht auf rhythmische Ordnung zugunsten einer pulsierenden Dynamik. Dieses Wechselspiel ist nicht nur vielschichtig und dramaturgisch interessant, sondern hält den hypnotischen Fluss des Albums über die gesamte Spielzeit aufrecht. Verschiedene Live-Videos der Band haben in den letzten Jahren übrigens gezeigt, dass diese Liebe zum Detail nicht nur das Ergebnis akribischer Arbeit im Studio ist, sondern auf einer einzigartigen musikalischen Chemie innerhalb der Band beruht. Mit Softer Faces gelingt Living Hour ein ziemlich perfektes Zusammenwirken dieser beiden Qualitäten und damit ein Album, dass einerseits als Tonträger restlos überzeugt, andererseits aber auch geradezu nach einer Live-Performance schreit und damit richtig Lust auf die nächste Tour macht.

Das ganze Album bei Bandcamp:

Nebenan im Plattenregal:

P.A. Hülsenbeck – Garden Of Stone (2018)
Lorain – Through Frames (2018)
Olden Yolk – Olden Yolk (2018)