Craig Finn – I Need a New War (2019)

Ganz tief ins Herz von Amerika: Wer Bruce Springsteen und Billy Joel gar nicht mag, kann sofort weiterklicken. Für alle anderen hat Craig Finn einen fantastischen Zyklus von musikalischen Geschichten aus dem Rust Belt aus dem Boden gestampft.

Erschienen am 26. April 2019 bei PTKF

Der ganz große Sänger war Craig Finn noch nie. Dafür ist er ein fantastischer Geschichtenerzähler, der Alben von romanhafter Dichte schreibt und mit unwiderstehlichem Feuer vorträgt. Seine Charaktere sind durch die Bank Verlierer, sie treffen in ihrem Leben die falschen Entscheidungen und der Gegenwind des Schicksals bläst ihnen bei jeder Gelegenheit ins Gesicht. Und doch liegt in seiner Musik keinerlei Verbitterung, die Resignation entpuppt sich als Erlösung von einem Kampf, den niemand gewinnen kann. Zusammen mit seiner Truckerstimme, der textlastigen Songsstrukturen und dem explizit amerikanischen Setting ist diese Grundstimmung nicht unbedingt das, was europäische Musikfans in Scharen mitreißt. Auch deshalb gehört Craig Finn wohl zu dieser eigenartigen Spezies von Rockern, die ihre Erfolge ausschließlich in Nordamerika feiern.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Das ist schade, denn auch wer dem literarischen Aspekt von Popmusik nicht die allergrößte Aufmerksamkeit schenkt, kann mit diesem Album einiges erleben. Die ganze Palette an Stilmitteln zwischen Blues und R&B bis hin zu Country und Folk steht Craig Finn und seinem erweiterten Studio-Ensemble zur Verfügung, um die tief in der Rock-Tradition verwurzelten Geschichten des Albums atmosphärisch und stimmungsvoll zu inszenieren. Die Orgeln kreischen, schwerelos gleiten die Gitarrenmelodien dahin und hier und da gesellen sich Bläser oder sogar Chöre dazu. Das ist für unsere Ohren manchmal überladen, macht aber erstens durchweg inhaltlich Sinn und zweitens oft genug Platz für mühelos stromaufwärts schwimmende Grooves, wie sie nur gut abgehangene Rockmusiker nach vielen Jahren Tourleben hinkriegen. Und auch wenn Craig Finn international auch diesmal keine Bäume ausreißen wird, so hat er wenigstens seine bislang beste Platte abgeliefert und sich fest als einer der führenden Songpoeten des Rust Belts etabliert.

Das ganze Album bei Bandcamp:



Nebenan im Plattenregal:

Strand of Oaks – Eraserland (2019)
Cass McCombs – Tip of the Sphere (2019)
Steve Gunn – The Unseen in Between (2019)

Drugdealer – Raw Honey (2019)

Zeitsprung in die weirden Siebziger: Drugdealer pflügt mit Liebe zum Detail und viel Augenzwinkern durch eine Szenerie aus bekifften Rockstars und koksenden Hitproduzenten.

Erschienen am 18. April 2019 bei Mexican Summer

Drugdealer ist weniger eine Band als eine Spielwiese für Michael Collins und seine musikalischen Freunde, zu denen bekanntere (Ariel Pink, Weyes Blood) und unbekanntere Künstlerpersönlichkeiten (Harley Hill-Richmond, Doug Poole) gehören. Schon das überragende Debüt The End of Comedy vor drei Jahren war eine schillernde Ansammlung von skizzenhaften Studien im Bereich 70er Popkultur, auf Raw Honey wird dieser Weg noch konsequenter weitergeführt. Das Album beginnt mit einer instrumentalen Nummer mit dem treffenden Titel You’ve got to be kidding, die ohne weiteres als Titelmelodie für einen Softporno durchgehen würde. Dann kommt Weyes Blood, die vor wenigen Wochen mit Titanic Rising ihr bislang bestes Album veröffentlicht hat, und trällert eine ausufernde Countryrock-Ballade.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Das Herzstück des Albums ist aber die Single Fools, ein Song, für den Musikproduzenten vor 45 Jahren sogar ihre eigene Großmutter verkauft hätten. Den spezifischen Tonfall der damals im Goldrausch befindlichen Musikindustrie trifft Drugdealer wie immer mit millimetergenauer Präzision. Spätestens anhand des dazugehörigen Videos (und allerspätestens am Ende des Schlagzeug-Breaks bei 1:45) wird aber deutlich, dass es sich hier nicht nur um eine Hommage, sondern auch um eine Satire handelt. Die Gratwanderung zwischen pedantischer Rekonstruktion und messerscharfem Humor, zwischen großen Gefühlen und kleinen Gemeinheiten gelingt auch dank der fantastisch aufgelegten Gaststars durchweg und beschert uns nicht nur eine großartige Platte, sondern auch einen erfrischend albernen Gegenentwurf zur meistens bierernsten Rock-Retromanie.

Das ganze Album bei Bandcamp:

Nebenan im Plattenregal:

Weyes Blood – Titanic Rising (2019)
Charles Watson – Now That I’m A River (2018)
Buxton – Stay Out Late (2018)

Big Search – Slow Fascination (2019)

Weil sich Aufregung eher selten lohnt: Big Search kurbelt den Liegestuhl ganz weit zurück und genießt eine Spritztour durch die Musikwelten der amerikanischen Westküste.

Erschienen am 12. April 2019 bei 30th Century Records
Text: Tobias Breier

Hinter Big Search steckt der umtriebige kalifornische Musiker Matt Popieluch, der an einem sehr abwechslungsreichen Werdegang als Musiker bastelt. Stationen als Frontmann der Rockband Foreign Born, Filmkomponist und als Session Man für Cass McCombs, Papercuts oder Fool’s Gold begleiten seine Solokarriere, die 2016 mit dem unbedingt hörenswerten vierten Album Life Dollars einen vorläufigen Höhepunkt fand. Auch wenn der ganz große Publikumserfolg bislang leider ausblieb, ist Big Search spätestens seit dieser Veröffentlichung eine feste Größe der Westküsten-Szene.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Zur Schau gestellte musikalische Innovationen oder stilistische Statements hatte Popieluch derweil noch nie wirklich nötig und so ist es auch weder überraschend noch enttäuschend, dass er sich auch auf Slow Fascination an einem im positivsten Sinne des Wortes konventionellen Modell abarbeitet: Ein guter Song, ein klassisches Rock-Instrumentarium, und eine tiefenentspannte Performance im Studio. Das Ergebnis ist ein zeitloses Album, das einfach Spaß macht und die ein oder andere stilistische Spitzfindigkeit sowie so manchen etwas tiefgründigeren Exkurse perfekt in seine Alltagstauglichkeit integriert.

Das ganze Album bei Spotify:

Nebenan im Plattenregal:

Chris Cohen – Chris Cohen (2019)
Nicholas Krgovich – Ouch (2018)
Sam Evian – You, Forever (2018)

Fünfziger: Bob Dylan – Nashville Skyline (1969)

Bob Dylan ist tot – es lebe Bob Dylan: Mit Nashville Skyline entzog sich der US-amerikanische Ausnahmekünstler am 9. April 1969 erneut dem erdrückenden Klammergriff von Fans und Industrie. Doch was damals auf harsche Ablehnung stieß, gilt heute als verkannter Klassiker. Über das Album als musikalische Selbstverteidigung.

Mit 50 Jahren gewinnt der Blick zurück an Klarheit. Das gilt im Leben ebenso wie in der Popmusik. Was bleibt übrig, wenn Hypes und Zeitgeist sich verabschiedet haben? In unserer Serie „Fünfziger“ geht es deshalb um Platten, die vor genau einem halben Jahrhundert ihren Fußabdruck in der Musikgeschichte hinterlassen haben. Heute: Bob Dylan und der sanfte Widerstand.

Bob Dylan ist tot – es lebe Bob Dylan: Mit Nashville Skyline entzog sich der US-amerikanische Ausnahmekünstler am 9. April 1969 erneut dem erdrückenden Klammergriff von Fans und Industrie. Während seine ehemaligen Wegbegleiter immer tiefer ins psychedelische Nirwana abdrifteten, sang der Hoffnungsträger einer ganzen Generation mit breitem Grinsen simple Country-Songs. Selten zuvor hatte ein Prophet seinen Anhängern so deutlich die Tür seines Tempels vor der Nase zugeknallt. Doch was damals auf harsche Ablehnung stieß, gilt heute als verkannter Klassiker. Über das Album als musikalische Selbstverteidigung.

Es hätte nicht viel gefehlt, und der 29. Juni 1966 wäre als einer der schwärzesten Tage in die Geschichte der Rockmusik eingegangen. Es ist ein sonniger Tag, als ein Motorrad der Herstellers Triumph auf einer abgelegenen Straße in den Hügeln von Woodstock (NY) aus einer Kurve geschleudert wird. Was den Crash aus den Meldungsspalten der Lokalpresse in die landesweiten Nachrichten bringt: Der Fahrer ist der damals 25-jährige Bob Dylan – Symbol, ja Prophet einer ganzen Generation.

Er überlebt, doch danach wird der Sänger nie wieder derjenige sein, den seine Fans bis dahin in ihm zu sehen gehofft hatten.

Man kann weder Dylans schillernde Biografie noch das drei Jahre später erschienene Nashville Skyline ohne die Ereignisse dieses Junitages verstehen. Viel ist später darüber spekuliert worden, die Gerüchteküche brodelte schon damals munter. Und erst rund ein Jahr später setzte seine erste Wortmeldung in Form eines Interviews den Sorgen seiner Fans ein Ende, Dylan sei überhaupt nicht mehr am Leben. Auch heute gilt noch: Wie so manches aus dem Leben des Jungen aus Minnesota umgibt auch den Unfall weiterhin eine Aura des Semifaktischen und Mystifizierten.

Was aber bleibt, ist das perfekte Symbol einer radikalen Zäsur. Dylan hatte sie zu dieser Zeit bitter nötig. Im Mai ’66 war Blonde on Blonde, das dritte Album seiner „elektrischen Trilogie“ mit dem Superhit Like a rolling stone erschienen. Es war die Krönung eines atemberaubenden Aufstiegs: Innerhalb weniger Jahre war der Sänger vom schüchternen Landei in den Folk-Cafés von Greenwich Village zu einer Ikone der Gegenbewegung geworden. Inbegriff der Coolness, Heilsbringer einer aufbegehrenden jungen Generation. Was Dylan sagte, galt als ultimative Wahrheit, seine Jünger hingen gierig an seinen Lippen und vielen Beobachtern schien er bereits mehr Symbol denn Mensch zu sein.

Aber Dylan war am Ende. Erdrückt von der eigenen Größe und der gnadenlosen Verwertungsmaschinerie einer aufstrebenden und hungrigen Musikindustrie. Die endlosen Konzerte, der Erwartungsdruck und die Drogen setzten ihm zu. Im Sommer ‘66 ähnelte der Sänger einer tragischen Karikatur seiner selbst: die Wangen waren eingefallen, die Augen leer, seine Interviews schwankten in einer Mischung aus zynischer Resignation und bloßer Erschöpfung zwischen pointierten Slogans und absurdem Nonsense. In den Tagen vor dem Unfall soll Dylan drei Tage lang nicht geschlafen haben. „Ich habe schon mehr als ein 55 Jahre alter Mann hinter mir“, stöhnte er.

Der Unfall bot ihm also endlich Möglichkeit des Rückzugs. Dylan zog sich in sein Haus in Woodstock zurück, widmete sich seiner jungen Familie und der Malerei. Ab und zu kamen die Musiker der Hawks für ein paar lockere Sessions vorbei – seine Begleitband, die später zu The Band werden sollte. Einem Reporter erzählte er: „Ich habe viel darüber nachgedacht, wohin ich eigentlich will, wovor ich davonlaufe und was ich zu mir nehme.“

Wohlkalkulierte Worte eines genialen Selbstdarstellers – oder überraschend ehrliche Sätze aus dem Mund eines geläuterten Mannes?

Wie auch immer, die Veröffentlichung von John Wesley Harding im Dezember 1967 war dann jedenfalls so etwas wie der Auftakt zur Enthüllung eines einmal mehr rundum erneuerten Dylan. Mit Nashville Skyline sollte sich diese Wandlung dann endgültig vollziehen.

Collage_Dylan
Zeitgeist vs. Verweigerungshaltung 1967/68: Bob Dylans John Wesley Harding (r.) im Vergleich mit Plattencover der Beatles, The Incredible String Band und Jimi Hendrix.

John Wesley Harding nimmt bereits einiges vorweg, was auf Nashville Skyline zum endgültigen und vernichtenden Angriff auf die Erwartungshaltungen werden sollte. Der Schockeffekt begann schon im Plattenladen: Während die Rockbands der 60er am Ende des Jahrzehnts immer bunter und psychedelischer wurden, wirkte Dylans Cover in seiner verblichenen und kruden Optik fast wie Hohn. Hier wollte jemand ganz eindeutig nichts mehr mit einer Ästhetik zu tun haben, die er selbst entscheidend geprägt hatte.

Auch inhaltlich schien Dylan auf den minimalen Effekt setzen zu wollen. Der für damalige Verhältnisse fast apokalyptische Soundwall, den die Hawks noch auf den drei vorhergehenden Scheiben (Bringin‘ it all back home, Highway 61 Revisited, Blonde on Blonde) inszeniert hatten, wich jetzt einem dünnen und klapprigen Gerüst, auf dem der Sänger biblische Geschichten in einer für ihn völlig ungewohnten Eindeutigkeit verkündete. Von Rock – geschweige denn von Folk – war nicht mehr viel übrig. Stattdessen kam Dylan mit Country und Western um die Ecke.

So langsam begannen die Fans unruhig zu werden.

Der Knall kam dann aber erst mit der folgenden Platte. Noch nie hatte ein Prophet seinen Anhängern so deutlich die Tür seines Tempels vor der Nase zugeknallt. „Dylan ist zuerst Geschäftsmann und zuletzt Prophet“, schrieb der Kritiker der New York Times spürbar angefressen. „Jetzt grinst er uns frech und fett vom Albumcover entgegen. Nur er, seine Gitarre und das Logo von Columbia Records, als wollten sie sagen ‚Howdy, Leute. Wollt ihr ein paar nette Songs kaufen, zu denen man den Takt mitklopfen kann?‘“

Was war passiert? Zum einen präsentiert sich Dylan auf Nashville Skyline so eindeutig und offen wie nie zuvor. Hier gibt keine einäugigen Zwerge mehr, keine atemlos-kunstvoll herausgeballerten Wortsalven, keine beißende Kritik an Wirtschaftsbossen und auch keine kryptischen Referenzen an französische Dichter des 19. Jahrhunderts. Stattdessen freimütige Liebesschwüre und authentische Reuebekundungen. Schon das war vielen eingefleischten Fans, denen Dylans nebulöse Poetik immer auch zur eigenen Identitätsstiftung gedient hatten, kaum zuzumuten.

Zum anderen wirkte Dylans neue Liebe für den als reaktionäre Musik der Südstaaten geschmähten Country wie ein besonders dreister Verrat. Ein Verrat an den Idealen der linken Protestbewegung, die viele Fans der ersten Stunde eng mit ihm verbanden und die er ja durchaus in vielen Songs auch unmissverständlich vertreten hatte. Viele junge Menschen fühlten sich so auch persönlich von ihm hintergangen.

Verziehen haben das manche ihrem ehemaligen Idol bis heute nicht. Dabei lohnt es sich auch für die Kritiker, Nashville Skyline mit einem Satz frischer Ohren zu hören. Denn trotz der bewussten Verweigerungshaltung, die Dylan zweifellos in dieser Phase in sich trug, spricht aus den Songs dieses Album vor allem eine große Aufrichtigkeit. Versteckte sich der Dylan der„elektrischen Phase“ hinter beißendem Spott, ironischer Brechung und bellenden Slogans, kann man auf Nashville Skyline einen Künstler erleben, der sein Herz tatsächlich auf der Zunge trägt.

Mit Lay Lady Lay, I threw it all away, und Tell me that it isn’t true vereint dieser verkannte Klassiker zudem drei der wohl berührendsten und aufrichtigsten Songs der Dylan-Diskographie. Nicht zuletzt wegen dieser Nummern gibt es Kritiker, die behaupten auf diesem Album könne man dem Menschen hinter der Kunstfigur Bob Dylan am nächsten kommen.

Schon zu Beginn überrascht Dylan. Denn zum einen hat er sich als Opener keinen frischen Song, sondern die Neuauflage von Girl from the North Country ausgesucht, das zuerst auf seinem zweiten Album The freewheelin‘ Bob Dylan (1963) erschienen war. Und zum anderen taucht da plötzlich dieser schwere Bariton auf, den man auf einem Dylan-Album ja nun wirklich nie vermutet hätte: Johnny Cash gibt sich die Ehre als Duett-Partner.

Aber Dylan wäre nicht Dylan, hätte er sich nicht noch mehr einfallen lassen. Und so kommt es, dass böse Zungen gerne behaupten, auf Nashville Skyline habe der dünne Junge endlich singen gelernt. Als hätte er die sprichwörtliche Kreide gegessen, croont der vormals so kratzbürstige Sänger sanft und beschwingt auf dieser Platte – die Entscheidung, ob er sich deswegen hier aber auch als Wolf im Schafspelz inszeniert, bleibt jedem Hörer selbst überlassen.

Aus heutiger Sicht ist die Platte vor allem der Soundtrack einer Zäsur, die eine dritte Schaffensphase des Songwriters einläutete. Nachdem er 1965 bereits versucht hatte, mit der elektrischen Gitarre den von ihm verhassten Begriff des „Protestsängers“ endlich und endgültig zu massakrieren, folgte nun also mit Nashville Skyline der sanfte Widerstand.

Das ganze Album bei Spotify:


Bislang erschienen in der Reihe Fünfziger:

Fünfziger: The Flying Burrito Brothers – The Gilded Palace of Sin (1969)

Weyes Blood – Titanic Rising (2019)

Schockierend schön und erschreckend abgründig: Weyes Blood konfrontiert die Popwelt mit einem Konzeptalbum über den Untergang der westlichen Zivilisation.

Erschienen am 5. April 2019 bei Sub Pop

Popmusik war lange ein wichtiger Bestandteil einer Wohlfühlmaschinerie, die uns Ablenkung von den wahren Problemen der Menschheit verkaufte. Das ist kein Vorwurf, offensichtlich sind solche Mechanismen in einer bestimmten Dosis überlebenswichtig. In einer globalisierten und digitalisierten Welt rücken uns die Katastrophen aber auf die Pelle und spätestens der entfesselte Klimawandel wird uns bald alle kriegen. Im Angesicht dieser globalen Bedrohung flüchtet sich auch die Musik immer tiefer in den Eskapismus der Nostalgie. Kein Wunder, dass musikalisch gerade die Jahrzehnte wiederentdeckt werden, in denen vermeintlich noch alles in Ordnung war.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Nun gibt es wenige Platten, auf denen die 70er Jahre als Symphonie der Glückseligkeit farbenfroher und euphorischer auferstehen. So schön und glitzernd wie in den großformatigen Klanggemälden auf Titanic Rising wurde die Welt musikalisch nicht mal von ELO oder Paul McCartney abgebildet. Doch hinter den meisten Melodien von Weyes Blood lauert das nackte Grauen, jedes Gitarrensolo führt ins Verderben und unter jeder Streicherkaskade wartet ein Abgrund. Und wir können uns jederzeit entscheiden: Lassen wir uns von der oberflächlichen Schönheit sanft streicheln oder hören wir wirklich mal genau hin und sehen der Realität ins Auge? Wie auch immer die Entscheidung ausfällt, Weyes Bloods drittes Album ist ein Meisterwerk und jetzt schon in der engeren Auswahl für die Platte des Jahres.

Das ganze Album bei Bandcamp:



Nebenan im Plattenregal:

Tiny Ruins – Olympic Girls (2019)
Pavo Pavo – Mystery Hour (2019)
Wilder Maker – Zion (2018)

Zukunftsmusik: Eure Plattenvorschau für den April 2019

Früher Bescheid wissen mit The Soft Rock Café: Ab sofort gibt es jeden Monat eine kleine Vorschau auf das, was an neuen Platten auf uns zu kommt. Für den April konnten wir für euch aus dem Vollen schöpfen, so viele heiße Scheiben haben sich abgesehen vom März schon lange nicht mehr in einem Monat angekündigt. Unser Autor Tobias ist deshalb auch schon richtig aufgeregt und konnte seine Vorfreude beim Schreiben offensichtlich nur sehr schwer zurückhalten…

Text: Tobias Breier / Photo Credit: Brett Stanley

Früher Bescheid wissen mit The Soft Rock Café: Ab sofort gibt es jeden Monat eine kleine Vorschau auf das, was an neuen Platten auf uns zu kommt. Auch im April konnten wir für euch aus dem Vollen schöpfen, so viele heiße Scheiben haben sich schon lange nicht mehr in einem Monat angekündigt.



Weyes Blood: Titanic Rising (5. März 2019)

Weyes Blood wechselt mit ihrem dritten Album zu Sub Pop und es ist nichts weniger als der große Wurf. Kein Wunder, denn bei ihren zahlreichen Kollaborationen mit Acts wie Drugdealer oder Ariel Pink hatte sich zuletzt schon Großes abgezeichnet. Bestes Singer/Songwriter-Material in der Tradtion des Laurel Canyon, gepaart mit einer unvergesslichen Stimme und retrofuturistischem Produktionswahnsinn – viel besser geht’s ja wohl kaum.



Big Search: To Feel In Love (12. April 2019)

Big Search kam 2016 wie aus dem nichts mit einem grandiosen Album um die Ecke und überzeugt nun auch mit dem nächsten Streich auf der ganzen Linie. Folk-Rock mit dem Entspannungsgrad einer 50 Jahre alten Ledercouch im Proberaum, die schon alles denkbare miterleben musste bzw durfte. Dazu gute Texte, eine gehörige Portion Westküsten-Swag und jede Menge Federhall: Der Sommer kann beginnen.


Drugdealer: Raw Honey (19. April 2019)

Ok, Drugdealer schießt mal wieder den Vogel ab. Angefangen von den Outfits über die Instrumente bis hin zum Crash Hit bei 1:45 ist dieses Video wie eine nie enden wollende Aufzählung dessen, was an Soft Rock liebenswürdig und bei aller bewussten Oberflächlichkeit auch irgendwie künstlerisch tiefgründig sein kann. Und das Beste: Bei Drugdealer kann man sich eigentlich sicher sein, dass auf der Platte noch zehn andere Volltreffer von dieser Sorte darauf warten, es sich in unseren Ohren gemütlich zu machen.



Kevin Morby: Oh My God (26. April 2019)

Kevin Morby ist ein Genie, mit allen negativen und positiven Konnotationen, die dieser Begriff hat. Das geht bei einigen seiner Veröffentlichungen nach hinten los, weil das geneigte Publikum ihm einfach nicht auf seinen psychedelischen Pfaden folgen kann. Diesmal scheint er mal wieder die Kurve bekommen zu haben und hat mit ein paar Vorab-Singles schon sehr deutlich gemacht, dass wir auf die Ende April erscheinende Platte mit größter Vorfreude warten dürfen.



Außerdem noch im Rennen diesen Monat: Shana Cleaveland, Damien Jurado, Dana Gavanski, Hannah Cohen, Aldous Harding, Rolling Blackouts Coastal Fever uvm.

Abonniert unsere monatlich aktualisierte Playlist auf Youtube, um immer auf dem Laufenden zu bleiben und jede Woche neue Musik zu entdecken:

Chris Cohen – Chris Cohen (2019)

Nichts für den Kuschelabend: Diese Platte will nur dich allein – und all die merkwürdigen Gefühle, die dir beim Hören durch den Kopf ziehen wie damals die Bilder auf dem Diaprojektor deines Onkels.

Erschienen am 29. März 2019 bei Captured Tracks

Chris Cohen schreibt Songs, die klingen, als dürfte man noch einmal durchs warme Fruchtwasser im Mutterleib gleiten. Als wäre alles da draußen bloß eine vage Ahnung, man selbst aber gleichzeitig vollkommen sicher und geborgen. Dann flimmern Szenen aus dem Familienurlaub in den frühen Neunzigern auf, der kindliche Blick aus dem Autofenster, wenn die unbekannte Landschaft verheißungsvoll vorbeizog, Gerüche von Thermoskannenkaffee, Entdeckerstimmung. Es ist eine merkwürdige Mischung aus wohliger Nostalgie und kribbeliger Unruhe, die einen erfasst, wenn man das dritte Soloalbum des kalifornischen Kritikerlieblings durch die Kopfhörer fließen lässt.

Das liegt natürlich an der gekonnten Reminiszenz an den samtig-schillernden Soft Rock der 70er Jahre und den exzentrischen Art Pop eines Lou Reed oder Brian Eno. Cohen spielt gekonnt mit Weichzeichnern, lässt das Saxophon erdfarbene Klangfahnen aufziehen und die Latino-Percussion in der tiefsten Ecke des Hallraums munter klackern. Cohens nasal hypnotisierende Stimme scheint dabei im Mix umherzuschlurfen, während Gitarre, Tasten und Schlagzeug jedem Tontechniker als Musterbeispiel für die Ewigkeiten dienen dürften. Und doch könnte diese Platte auf der gesamten Albumlänge von Beliebigkeit oder Manierismus nicht weiter entfernt sein. Alles hat hier seinen Sinn, hinter jeder vermeintlichen Harmlosigkeit steckt eine bewusste Entscheidung.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube:

Vielleicht hilft eine kleine Geschichte, um diese Besonderheit von Cohens Musik wirklich zu verstehen. Robin Pecknold von den Fleet Foxes hat sie erzählt. Darin beschreibt er, wie er einmal als Zuschauer verwundert beobachtete, dass Cohen vor einem Auftritt die großen Subwoofer der Beschallungsanlage entfernen ließ. „Warum hätte er das tun sollen? Wollte er etwa, dass seine Musik klein klang?“. Doch als Cohen beginnt, wird Pecknold geradezu von einem Erweckungserlebnis überwältigt: „Die Musik floß plötzlich wie ein Strom kalten Wassers. Was ich zuvor noch missverstanden hatte, entpuppte sich jetzt als eine notwendige, selbstbewusste und zutiefst informierte Entscheidung zugunsten klanglicher Klarheit und der Verbindung zu den Zuhörern.“

Wer Cohens musikalische Entwicklung kennt, weiß natürlich, dass der 43-Jährige alles andere als ein zarter Kuschelbarde ist. Mit den Avantgardisten von Deerhof hat er vor ein paar Jahren schon mal ein paar komplett genialisch-verschrobene Scheiben vorgelegt, die sich jeder Kategorisierung entzogen. Kollegen wie Ariel Pink, Weyes Blood oder Cass McCombs hat er zudem beim Songwritingprozess unterstützt. Soll heißen: Cohen ist keiner für den gemeinsamen Kuschelabend, da mag die Musik auf seiner aktuellen Soloplatte beim ersten Eindruck noch so sanft daherkommen. Diese Scheibe will nur dich allein – und all die merkwürdigen Gefühle, die dir beim Hören durch den Kopf ziehen wie die Bilder damals auf dem Diaprojektor deines Onkels.

Das ganze Album bei Bandcamp: