Fünfziger: Crosby, Stills & Nash – Crosby, Stills & Nash (1969)

Viele Köche verderben den Brei und konkurrierende Künstler-Egos zerfleischen sich gegenseitig, bevor etwas Produktives entstehen kann: So die Theorie. Den praktischen Gegenbeweis zu diesen Binsenweisheiten legten Crosby, Stills und Nash am 29.5.1969 vor, nachdem jeder für sich jahrelang in erfolgreichen Bands tonangebend war. Musikalisch setzte das gemeinsame Debüt als Folk-Supergroup neue Maßstäbe in Sachen dreistimmigem Gesang, einfühlsamem Zusammenspiel und psychedelisch verschlungenem Songwriting. Vor allem aber begründet diese Platte die goldenen Jahren des amerikanischen Folk-Rocks und des Laurel Canyons vor den Toren von Los Angeles als musikalischen Hotspot der Westküste.

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Mit 50 Jahren gewinnt der Blick zurück an Klarheit. Das gilt im Leben ebenso wie in der Popmusik. Was bleibt übrig, wenn Hypes und Zeitgeist sich verabschiedet haben? In unserer Serie „Fünfziger“ geht es deshalb um Platten, die vor genau einem halben Jahrhundert ihren Fußabdruck in der Musikgeschichte hinterlassen haben. Heute: Die ultimative Folk-Supergroup erfindet den Sound Kaliforniens neu.

Viele Köche verderben den Brei und konkurrierende Künstler-Egos zerfleischen sich gegenseitig, bevor etwas Produktives entstehen kann: So die Theorie. Den praktischen Gegenbeweis zu diesen Binsenweisheiten legten Crosby, Stills und Nash am 29.5.1969 vor, nachdem jeder für sich jahrelang in erfolgreichen Bands tonangebend war. Musikalisch setzte das gemeinsame Debüt als Folk-Supergroup neue Maßstäbe in Sachen dreistimmigem Gesang, einfühlsamem Zusammenspiel und psychedelisch verschlungenem Songwriting. Vor allem aber begründet diese Platte die goldenen Jahren des amerikanischen Folk-Rocks und des Laurel Canyons vor den Toren von Los Angeles als musikalischen Hotspot der Westküste.

Um es gleich vorwegzunehmen: Der gemeinsame Weg von David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash (und zeitweise Neil Young) durch die wilden Siebziger war alles andere als ein Roadtrip voller Bromance und blindem Verständnis, wie es sich in die spektakulären Gesangsharmonien hineininterpretieren lässt. Die Bandgeschichte ist eine Achterbahnfahrt mit jeder Menge Eitelkeiten, Trennungen, Ignoranz und unterm Strich deutlich mehr Tiefen als Höhen. Die Rechtsstreitigkeiten über die Urheberschaft von bestimmten Parts halten teilweise bis heute an und zum fünfzigsten Jahrestag des ersten gemeinsamen Konzerts gaben alle drei feierlich bekannt, dass ein gemeinsamer Auftritt ausgeschlossen ist.

Auf der anderen Seite gibt es keine öffentlichen ausgetragenen Feindseligkeiten zwischen den drei Musikern und keiner wurde bislang müde zu betonen, wie magisch das Zusammenspiel in der Anfangszeit war. Sieht man von der legendären Aufnahmen mit Neil Young bei Woodstock und auf dem fast ebenbürtigen Album Deja Vu ab, wird diese Magie nirgends auch nur annähernd so deutlich wie auf dem selbstbetitelten Debüt. Nachdem alle drei aufgrund von nicht enden wollenden Auseinandersetzungen über ihre jeweiligen Bands verlassen hatten, wollten alle drei einfach nur Musik machen und endlich die von den ehemaligen Kollegen verschmähten neuen Songs spielen.

David Crosby war zuvor eine der treibenden Kräfte bei den Byrds, die am Ende der Sechziger Jahre zunehmend den Faden verloren. Zahlreiche Umbesetzungen und stilistische Richtungswechsel hatten die ohnehin fragile Allianz mit Gene Clark und Roger McGuinn in Schieflage gebracht, Drogenexzesse und vermasselte Tourneen kamen dazu. Es gibt zahlreiche Interviews von Crosby, in denen er die späten Byrds als katastrophale Liveband bezeichnet, zahlreiche Kritiker und Zeitzeugen teilen diese Sichtweise. Auch wenn die wenigen verfügbaren Live-Aufnahmen aus dieser Zeit von beachtlicher Qualität sind, konnte das zunehmend komplexe Material unter Tourbedingungen wohl nicht mehr zuverlässig auf die Bühne gebracht werden.

Ganz anders sah die Lage bei Stephen Stills und Buffalo Springfield aus, denn die Band ist bis heute für ihre elektrisierenden Auftritte bekannt. Ein wichtiger Grund für das leider relativ abrupte Ende der Truppe war aber mit Sicherheit, dass es nie wirklich gelang, diese herausragende Qualität in vollem Umfang auf einer Aufnahme abzubilden. Natürlich sind die ersten beiden Platten dennoch unumstrittene Klassiker, die Bandmitglieder berichteten aber nach der Trennung von einer großen internen Unzufriedenheit mit den Ergebnissen. Laut Stephen Stills hatte das Studioteam keine Ahnung, wie der von der Band gewünschte Sound hätte erreicht werden können. Auf der anderen Seite waren die Musiker zu unerfahren und zugedröhnt, um von der Plattenfirma einen Abbruch der Aufnahmen zu verlangen und mit anderem Personal noch mal von vorne anzufangen. Zum Zeitpunkt der Produktion des dritten Albums mit dem vielsagenden Titel „Last Time Around“ war hörbar die Luft raus.

Graham Nash schließlich dürfte der Neuanfang wohl am leichtesten gefallen sein. Nachdem er auf Tour die amerikanische Musikszene und ihre psychedelischen Freizeitbeschäftigungen kennengelernt hatte, war die Zeit mit den erfolgshungrigen Spaßbremsen von The Hollies endgültig abgelaufen. Ende der Siebziger gab er in einem Interview die Anekdote zum Besten, dass ihn seine Bandkollegen bis zum Ende bei jedem Joint ohne jede Ironie vor seinem vermeintlich unmittelbar bevorstehenden Drogentod warnten. Sein musikalisches Engagement bei diesem überaus erfolgreichen Pop-Projekt hatte zu jenem Zeitpunkt verständlicherweise schon lange einen rein pflichtmäßigen Charakter angenommen.

Eines Tages hatte Nash endgültig die Nase voll und nahm den nächsten Flieger Richtung LA, wo er sich zunächst vorrangig dem Besuch von Konzerten, Parties und Jam-Sessions widmete. Bei einer dieser spontanen musikalischen Zusammenkünfte traf er Anfang 1968 auf David Crosby und Stephen Stills, die sich zu diesem Zeitpunkt nach einigen gemeinsamen Auftritten von den Byrds und Buffalo Springfield schon flüchtig kannten. Alle drei hatten eine Menge großartiger Songs auf Lager, die bei ihren Bandprojekten nicht untergebracht werden konnten oder nach dem Ausstieg entstanden waren. Es war eine extrem günstige Konstellation für ein Debüt, denn einerseits überbrückte die Anfangseuphorie einen Großteil der möglichen Konfliktfelder und andererseits war genug vorbereitetes Material vorhanden, um auf der perfekten Welle erst mal eine Weile ohne größere Denkpausen zu reiten.

Angesichts des immensen individuellen Talents aller Beteiligten war unter diesen Voraussetzungen die Tür in die Champions League weit offen. Der Opener Suite: Judy Blue Eyes aus der Feder von Stephen Stills bewegt sich in Sachen kompositorischem Größenwahnsinn auf dem Level von Queens Bohemian Rhapsody. Graham Nashs Marrakesh Express bringt nicht nur seinen zu diesem Zeitpunkt immer noch deutlich hörbaren britischen Akzent und seinen großen Bewegungsdrang zur Geltung, sondern beschreibt die Flucht in den orientalischen Hippie-Sehnsuchtsort mit einem dezidiert westeuropäischen Hang zum Exotismus. Mit der dunkel fließenden Ballade Guinnevere komplettiert David Crosby an dritter Stelle das Triumvirat der Songwriter und setzt einen weiteren atmosphärischen Akzent.

Die meisten Platten werden nach drei Songs von diesem Kaliber mit zweitrangigem Material aufgefüllt, doch hier sind sie nur der Ausgangspunkt für eine wahre Salve von Klassikern des Genres Folk-Rock. Dieses Niveau mit Highlights wie Helplessly Hoping oder Wooden Ships noch ein mal zu übertreffen, demonstriert den Stellenwert dieser Platte als zeitlose Sternstunde und Triumph des uneigennützigen Zusammenspiels, das in dieser Hinsicht bis heute Vorbildcharakter hat und Generationen als Inspiration dient. Der durchschlagende Erfolg der Platte zum Zeitpunkt des Erscheinens ermöglichte allen drei Musikern spektakuläre Solokarrieren mit zahlreichen unsterblichen Platten, setzte den Laurel Canyon für ein paar Jahre als Hauptstadt auf die Landkarte der amerikanischen Musikszene und war so indirekt auch die Initialzündung für den Erfolg von Superstars wie Jackson Browne, Joni Mitchell oder später auch den Eagles.

Bisher erschienen in der Reihe Fünfziger:
Fünfziger: Bob Dylan – Nashville Skyline (1969)
Fünfziger: The Flying Burrito Brothers – The Gilded Palace of Sin (1969)

Zukunftsmusik 5/19: Eure Plattenvorschau für den Mai

Diesmal mit Big Thief (Bild), Faye Webster, TK & The Holy Know-Nothings und Bedouine: Unsere Vorschau auf die Neuveröffentlichungen im Mai 2019.

Text: Tobias Breier / Photo Credit: Michael Buishas

Früher Bescheid wissen mit The Soft Rock Café: Ab sofort gibt es jeden Monat eine kleine Vorschau auf das, was an neuen Platten auf uns zu kommt. Auch im Mai konnten wir für euch aus dem Vollen schöpfen, es gibt noch jede Menge Veröffentlichungen die wir erst mal schweren Herzens aussortieren mussten. Was natürlich keineswegs bedeutet, dass sie nicht im Laufe des Monats doch noch berücksichtigt werden!


Big Thief: U.F.O.F. (3. Mai 2019 / 4AD)

Schon vor dem Release ihres dritten Albums sind Big Thief eine der wichtigsten Bands unserer Zeit. Adrienne Lenker, Buck Meek und Co haben mit ihrem treffend betitelten Debüt Masterpiece und dem nur ein Jahr später veröffentlichten zweiten Album Capacity bewiesen, dass sie zeitlosen Indie Rock mit zeitgenössischen Themen so krachend verbinden wie kaum jemand anderes. Auf der neuen Platte wird es ruhiger, folkiger und noch weirder als ohnehin schon. Extrem empfehlenswert!


Faye Webster: Atlanta Millionaires Club (24. Mai 2019 / Secretly Canadian)

So richtig aus dem Niemandsland der zahlreichen Indie-Folkies konnte sich Faye Webster mit ihren bisherigen Veröffentlichungen nicht wirklich herausstechen. Das dürfte sich mit ihrer neuen Platte ändern, aus der schon eine ganze Reihe vielversprechender Singles vorab zu hören sind. Die schönste ist vielleicht Room Temperature, eine liebevolle Hommage an Neil Youngs Ballade „Harvest Moon“ mit Meeresrauschen, Hawaii-Gitarren und doppeldeutigen, lasziv gehauchten Zeilen.


TK and the Holy Know-Nothings: Arguably OK (24. Mai 2019 / Mama Bird)

Taylor Kingman hat als Rampensau von The Hill Dogs sowie solo mit und ohne die grandios benannten The Holy Know-Nothings schon eine Menge erlebt. Davon erzählt er am liebsten in Form von halb gesungenen und halb am Mikrofon vorbeigenuschelten Phrasen mit reichlich zensurverdächtigem Vokabular, lose verteilt über folkige bis countryeske Rock-Grooves im wildromantischen Niemandsland zwischen The Band, The Flying Burrito Brothers und Grateful Dead.


Bedouine: Bird Songs of a Killjoy (31. Mai 2019 / Spacebomb)

2017 hat Bedouine anlässlich ihres Debüt-Album eine der unglaublichsten Vorgeschichten erzählt, die je zu einer Platte in Umlauf gebracht wurden – mehr dazu in unserem Artikel zur Veröffentlichung. Auf Bird Songs of a Killjoy konzentriert sie sich insgesamt noch mehr als bisher auf intime Songdetails, wagt sich aber mit Songs wie Echo Park auch immer mehr in die psychedelischen Gefilde des Indie-Folks.



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