Jeremy Ivey – The Dream and the Dreamer (2019)

Ein längst überfälliges Debüt: Im biblischen Alter von 41 Jahren veröffentlicht Jeremy Ivey seine erste Platte und wirft damit vor allem die Frage auf, warum er uns seine Songs so lange vorenthalten musste.

Anti-Records / 13. September 2019

Ein Neuling im Musik-Business ist Jeremy Ivey keineswegs: Seine Ehefrau Margo Price ist eine der berühmtesten Countrysängerinnen überhaupt und als ihr Haus- und Hofgitarrist und gefragter Session-Musiker hat er sich fest in Nashville etabliert. In den vergangenen Jahren trat er der Karriere seiner Frau zuliebe etwas kürzer und kümmerte sich oft um die gemeinsamen Kinder. Nun nimmt sie sich eine Auszeit vom anstrengenden Showbiz und ermöglicht damit ihrem Mann, aus ihrem langen Schatten herauszutreten und zum ersten Mal an vorderster Front im Rampenlicht zu stehen.

Ganz unbeteiligt ist Margo Price am Erfolg seines Debüts jedoch nicht, denn als Produzentin hat sie im Studio nicht nur die musikalische Leitung übernommen, sondern auch einige herzerwärmende Backing Vocals eingesungen. Und dennoch sorgen das grandiose Songwriting und die feurige Performance von Jeremy Ivey für den größten Aha-Effekt dieser Platte. Atmosphärisch irgendwo zwischen dem Soundtrack zu einem melancholischen Spaghetti-Western und großformatigem Stadionrock à la Springsteen angesiedelt, zoomen Iveys Songs ganz nah ran an die Gesichter seiner mit wenigen Worten sehr facettenreich modellierten Protagonisten. Ein Album, dessen Material zweifelsfrei über viele Jahre hinweg immer weiter verfeinert wurde und nun zu dem Besten gehört, was das Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

Nebenan im Plattenregal:
Craig Finn – I Need a New War (2019)
Cordovas – That Santa Fe Channel (2018)
Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)

Michael Nau – Less Ready to Go (2019)

Das vierte Album in vier Jahren: Michael Naus Terminkalender mag hektisch sein, seine Songs schweben aber immer noch in einer Wolke aus wabernden Akkorden, LoFi-Nebel und radikal entschleunigten Pyjama-Grooves.

PIAPTK & Soild Gold Recordings / 26.9.2019

Auf Michael Nau ist Verlass: Auch 2019 müssen wir nicht auf ein neues Album von ihm verzichten. Seine Vorgeschichte überspringe ich jetzt einfach mal und belasse es dabei, die Artikel über seine letzten drei Alben zu verlinken. Michael Nau – Michael Nau & The Mighty Thread (2018), Michael Nau – Some Twist (2017) und Michael Nau – Mowing (2016) sind weiterhin uneingeschränkt empfehlenswert.

Die neue Platte ist sperriger, verspulter und erweitert die klangliche Palette um leicht abgespacete elektronische Sounds und kurze Loops. Solche Spielereien hat Michael Nau eigentlich nicht nötig, aber anscheinend hat er sich mit Produzent Scott McMicken von Dr. Dog im Studio von der psychedelischen Atmosphäre des Joshua Tree Nationalparks inspirieren lassen und der Kreativität an dessen lustigen Maschinchen freien Lauf gelassen. Das Ergebnis lässt sogar den in ähnlich trüben Gewässern fischenden Mac DeMarco bisweilen ziemlich alt aussehen.

Nebenan im Plattenregal:
Homeshake – Helium (2019)
Mac DeMarco – This Old Dog (2017)
Stephen Steinbrink – Utopia Teased (2018)

Luke Temple – Both-And (2019)

Die Gratwanderung zwischen den Metiers des Singer-Songwriters und des elektronischen Bastlers geht oft in die Hose. Luke Temple zeigt, wie es richtig gemacht wird: Auf die gute Idee vertrauen und immer alle Optionen offen halten.

Native Cat Recordings / 13.09.2019

Als Sänger von Here We Go Magic, gefragter Produzent und Herr über zahlreiche schräge Nebenprodukte wie ein fantastisches Album unter dem Pseudonym Art Feynman ist Luke Temple ein viel beschäftigter Mann. Seine größte Leistung ist vermutlich, bei den ganzen Projekten den Überblick zu behalten und die verschiedenen musikalischen Identitäten glaubwürdig zu verkörpern. Doch veröffentlicht er Platten unter dem Künstlernamen Luke Temple, ist er einerseits ganz er selbst und schöpft andererseits großzügig aus allen in der Zwischenzeit kultivierten Klangwelten.

Tatsächlich hat mich das Album zunächst ziemlich ratlos zurück gelassen. Die Aneinanderreihung von elektronischen Sphärenklängen und akustisch geprägten Songstrukturen schien keinen wirklichen Sinn zu ergeben. Der Schlüssel zu diesem Album war schließlich Wounded Brightness, das die Assoziationskette zwischen den Gitarrenakkorden und Synthesizerflächen exemplarisch offen legt. Ganz davon abgesehen ist es natürlich auch ein fantastischer Song, aber längst nicht der einzige auf der Platte. Ich höre Both-And ganz gerne spät abends, wenn ich nichts mehr zu erledigen habe. Der Wechsel zwischen Melodien und abstrakten Klangbildern wirkt auf mich wie das sanfte Schaukeln eines Schiffes und lässt mich in kurzer Zeit zur Ruhe kommen.


Nebenan im Plattenregal:
Chris Cohen – Chris Cohen (2019)
Yves Jarvis – The Same But By Different Means (2019)
Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (2017)