Men I Trust – Oncle Jazz (2019)

Die Zeit ist reif: Men I Trust liefern feiern ihr beeindruckendes Debüt mit einer ausladenden Kollektion aus bis zur Unkenntlichkeit vernebelten Popsongs.

Return to Analog / 13.9.2019

Lang ist es her, dass Men I Trust ihre erste LP ankündigten. Doch eine stetig wachsende Fangemeinde auf der ganzen Welt wurde immer wieder vertröstet. Der Release-Termin wurde mehrfach verschoben und löste sich irgendwann in einem vagen „out soon“ auf. Dann ging alles ganz schnell: Nachdem schon fünf Singles vorab erschienen waren, wurde aus dem Debüt plötzlich ein Doppel-Album.

Warum die Veröffentlichung so lange hinausgezögert hat, wird für immer das Geheimnis dieser drei Kids aus Montreal bleiben. Ebenso wie die Antwort auf die Frage, wo diese unverschämten Hits alle herkommen. Fast jeder Song könnte im Radio unbemerkt zwischen unsterblichen Klassikern aus den frühen 80ern laufen – wäre da nicht diese knietiefe Synthie-Zuckerwatte in Zartrosa, die sich über das makellose Pophandwerk legt wie eine tonnenschwere Kuscheldecke.

FAZIT: Die perfekte Platte für eine geschmackvolle Umsatzsteigerung auf dem nächsten Verkaufsevent für Vintage Fashion.

Nebenan im Plattenregal:
Totally Mild – Her (2018)
Kevin Krauter – Toss Up (2018)
Tops – Sugar at the Gate (2017)

The Berries – Berryland (2019)

Die Bandmitglieder durften nur auf das Foto: Matt Berry schließt sich mit einem klassischen Rock-Instrumentarium im Studio ein und nimmt quasi im Alleingang sein zweites und bislang bestes Album auf.

Run For Cover Records / 20. September 2019

Nichts ist in Ordnung, das ist weiterhin die gefühlsmäßige Grundformel von den allermeisten Songs aus der Feder von Matt Berry. Relativ neu sind allerdings die Mittel zur Vertonung dieser Perspektive auf eine Welt, die fast täglich mehr Anlass zu skeptischen Zukunftsaussichten gibt. Denn wo in seinen früheren Projekten verzerrte Gitarren und gereizte Stimmbänder um die Wette zu schreien schienen, plätschern die Songs auf Berryland vielleicht nicht unbedingt gefällig, doch durch die Bank angenehm und luftig durch eine fast schon ländlich anmutende Idylle.

Die Reibung zwischen teilweise apokalyptischen Inhalten und größtenteils sanft fließenden Harmonien sorgt immer wieder für Irritationen, garantiert aber einen tragfähigen Spannungsbogen zwischen den Songs. Die stilistische Palette reicht von verschlafenen Countryballaden bis hin zu hypernervösem Post-Punk und es ist durchaus beeindruckend, dass Matt Berry so unterschiedliche Stimmungen zu einem funktionierenden Ganzen zusammenfügt. Das Ergebnis ist ein Album mit Ecken und Kanten, das mit jedem Durchlauf an emotionalem Gewicht gewinnt.

FAZIT: Die perfekte Platte für Schreibtisch-Lumberjacks, die auf dem Weg nach Hause innerlich noch mal richtig abrocken wollen.

Nebenan im Plattenregal:
Craig Finn – I Need a New War (2019)
Cass McCombs – Tip of the Sphere (2019)
Dick Stusso – In Heaven (2018)

Molly Sarlé – Karaoke Angel (2019)

Kompromisslose Nahaufnahme: Molly Sarlé entdeckt auf ihrem ergreifend klangschönen Debüt den Rollentausch als Medium der Selbsterkenntnis.

Partisan Records / 20. September 2019

Schon die Ankündigung des Albums strotzt vor Mythologisierung: Da ist von einer Karaokebar die Rede, in der Molly Sarlé eines Nachts bei der Darbietung von Fleetwood Macs Dreams die Inspiration zu diesem Album gefunden haben will. Von unzähligen gescheiterten Aufnahmeversuchen in der erdrückenden Enge von verschiedenen Tonstudios. Und von einer alten Kirche, in der sie mit ihrem Produzenten Sam Evian Zuflucht fand.

Dieser Narrativ mag konstruiert wirken, doch die Musik auf Karaoke Angel löst sein atmosphärisches Versprechen locker ein. Die Aufnahmen gehen stets ganz nah ran an die gelernte Schauspielerin, die in jedem Song sowohl erzählerisch als auch musikalisch in eine andere Rolle schlüpft. Und irgendwo zwischen unwiderstehlichen Landstraßen-Grooves, spiritistischen Gesängen und windschiefen Balladenfragmenten setzt sich plötzlich wie ein Mosaik das Bild einer Künstlerin zusammen, die wie jede gute Charakterdarstellerin durch die Verkörperung von fiktiven Gestalten vor allem ihre eigene schillernde Persönlichkeit offenbart.



Nebenan im Plattenregal:
Sarah Bethe Nelson – Weird Glow (2019)
Stephen Steinbrink – Utopia Teased (2018)
Buck Meek: Buck Meek (2018)