Mapache – Mapache (2019)

Wie ein Kurztrip ins Kalifornien der frühen Siebziger: Mapache setzen voll auf sanft rollende Gitarren, mehrstimmigen Gesang und stimmungsvolle Westküsten-Nostalgie.

Yep Roc Records / 29. November 2019

Ursprünglich veröffentlichten Clay Finch und Sam Blasucci ihr gemeinsames Debüt-Album schon 2017 beim Kleinstlabel Spiritual Pajamas, das von Santa Cruz aus in unregelmäßigen Abständen verschiedene stilistische Schwerpunkte der kalifornischen Undergroundszene beleuchtet. Nun sind die beiden bei Yep Roc Records angekommen, wo in deutlich höherer Frequenz und größerer thematischer Schärfe gearbeitet wird. Da lag es nahe, die vor zwei Jahren etwas untergegangene Platte noch mal neu herauszubringen. Zumal sich die nostalgische Annäherung an den klassischen Westküstensound in der Zwischenzeit weit über die kalifornischen Landesgrenzen hinaus als Trend etablieren konnte.

Schon der Opener Mountain Song offenbart, dass die Besonderheiten von Mapache im fast telepathischen Zusammenspiel der beiden Skaterfreunde liegen. Es klingt, als würde jemand mit vier Händen auf einer Gitarre mit 12 Saiten spielen und dabei zweistimmig singen, ein mal mit einer jugendlich-androgynen Altstimme und gleichzeitig mit einer tieferen und gut abgehangenen Männerstimme. Ausgehend von dieser Basis deklinieren Mapache jeden Typus von Song durch, den man sich im Autoradio eines rostigen Pick-Ups auf dem Highway 1 vorstellen kann: Die melancholische Countryrock-Ballade à la Neil Young, psychedelisch ausufernde Gitarren-Jams in Anlehnung an Grateful Dead, rasante Nummern im Neo-Bluegrass-Stil von Dillard & Clark und alles dazwischen. Ein unterhaltsames Album mit hohem Nostalgie-Faktor, das seine mangelnde inhaltliche Tiefe mit beeindruckender Spielfreude mehr als wett macht.

Nebenan im Plattenregal:
Cordovas – That Santa Fe Channel (2018)
Jeremy Ivey – The Dream and the Dreamer (2019)
Marla & David Celia – Daydreamers (2018)

Gabriel Birnbaum – Not Alone (2019)

Im Schaukelstuhl auf einer Veranda in Brooklyn: Gabriel Birnbaum sucht und findet mitten im post-urbanen Wahnsinn ein hübsches Plätzchen für pastorale Folksongs aus dem Herzen des Großstadtlebens.

Arrowhawk Records / 22. November 2019

Das Leben als Musiker in New York ist in den letzten Jahren nicht einfacher geworden. Nebenjobs sind kaum verfügbar und schlecht bezahlt, die Mieten steigen unaufhörlich, die Einnahmen aus dem Verkauf von Tonträgern sind auf dem Tiefpunkt und immer mehr Acts konkurrieren um immer weniger wirklich lohnende Auftrittsmöglichkeiten. Kein Wunder, dass vielversprechende Projekte teilweise jahrelang auf Eis liegen, bevor sie sich endlich ihren Weg an die Oberfläche bahnt. So auch das erste Solo-Album von Gabriel Birnbaum, der sich als Saxofonist in verschiedenen Bands und als Frontmann von Wilder Maker bereits einen Namen gemacht hat. Nun liegt mit Not Alone endlich ein Debüt vor, das eine ganze Reihe von fantastischen Musikern in seinen Credits versammelt und bereits zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung eine wohlige Patina ausstrahlt.

Die lange Reifezeit ist in jedem Ton zu spüren, in jedem sanft verhallenden Akkord und zwischen den Fugen eines betont zurückgelehnten Zusammenspiels. Ein würdiges Bühnenbild für Songs, die nicht zuletzt durch ihre literarische Qualität überzeugen. Gabriel Birnbaum erzählt Geschichten aus dem letzten Rest des wahren Lebens, das sich hinter den Kulissen der Metropole abspielt, er verwandelt sie in poetische Momente der Selbsterkenntnis und lässt zwischen den Zeilen stets das Licht am Ende der Melancholie durchscheinen. Die musikalischen Inszenierungen dieser Geschichten platzen fast vor Spielfreude und berühren mächtige Traditionsfelder amerikanischer Musik wie Folk, Country und Soul mit allem gebotenen Respekt. Das Ergebnis ist eine vielschichtige und klangfarblich extrem stimmige Platte mit neun jahrelang ausgefeilten, aber mit entspannter Leichtigkeit nach Hause gebrachten Songperlen.

Nebenan im Plattenregal:
Wilder Maker – Zion (2018)
Michael Nau – Michael Nau & The Mighty Thread (2018)
Vetiver – Up on high (2019)

 

Vetiver – Up on high (2019)

Schluss mit den Experimenten: Das neue Album von Vetiver verzichtet nach ein paar Jahren Pause auf unnötiges Dekor und rückt Andy Cabics packendes Songwriting ins Zentrum.

Mama Bird Recordings / 1. November 2019 / Text: Tobias Breier

Andy Cabic fabriziert mit seinem Bandprojekt Vetiver schon seit fast zwei Jahrzehnten wie am Fließband Platten, darunter unter anderem das vielleicht beste Cover-Album aller Zeiten. Zuletzt hat er sich ein paar Jahre Pause gegönnt, in denen die gut geölte Songwriting-Maschine allerdings keinerlei Rost angesetzt hat. Nachdem er zu Beginn seiner Karriere vor allem auf fließend assoziative Strukturen gesetzt hatte, wendet er sich spätestens mit Up On High endgültig dem klassischen Songwriting zu.

Dass Cabic ein gefühlvoller Gitarrist ist und ihm überzeugende Melodien offensichtlich mühelos zufliegen, war schon relativ lange deutlich hörbar. Doch obwohl er innerhalb der nordamerikanischen Indie-Folk-Szene schon lange eine feste Größe ist, blieb ihm der ganz große Publikumserfolg bislang verwehrt. Das könnte sich nun ändern, denn mit Up On High gelingt ihm sein bislang zugänglichstes und kompaktes Werk.

Nebenan im Plattenregal:
Michael Nau – Less Ready to Go (2019)
Big Search – Slow Fascination (2019)
Buxton – Stay Out Late (2018)

Itasca – Spring (2019)

Zuhause im Niemandsland: Kayla Cohen hat sich für ihr zweites Album als Itasca in einem abgelegenen Gebiet nahe der mexikanischen Grenze zurückgezogen und die dort erlebte Zeitvergessenheit in zehn minimalistische Songs gepackt.

Paradise of Bachelors / 1. November 2019 / Text: Tobias Breier

Manchmal ist einfach ein Tapetenwechsel nötig, um neue Inspiration zu finden. Ein Aufenthalt auf dem Land ist spätestens seit Exile On Main Street ein beliebtes Mittel, um sich ganz auf ein neues Album zu konzentrieren. Kayla Cohen hat ihren Wohnort Los Angeles für ein paar Monate verlassen und hat sich in einer gottverlassenen Gegend nahe der mexikanischen Grenze vor den Versuchungen des Großstadtlebens versteckt.

Die Abgeschiedenheit des Entstehungsortes ist in jedem Song deutlich hörbar und dürfte sogar diejenigen Hörer erfassen, die sich das Album in einer vollgestopften U-Bahn mit Kopfhörern reinziehen. Die große Gefahr bei derartigen Platten ist, dass sich die atmosphärische Dichte auf die Dauer abnutzt und spätestens ab der zweiten Seite in Geplätscher zerfließt. Doch vor allem dank der außerordentlichen kinetischen Energie der handgezupften Gitarre hält Itasca bis zum Schluss die Spannung und spürt mit jedem Song neue klangliche Farbschattierungen auf, so wie stimmungsvolle Lichtverhältnisse in menschenleeren Tälern.

Nebenan im Plattenregal:
Chris Cohen – Chris Cohen (2019)
Molly Sarlé – Karaoke Angel (2019)
Tiny Ruins – Olympic Girls (2019)

Mega Bog – Dolphine (2019)

Alles anders als alles andere: Mega Bog lassen sich von assoziativen Bewusstseinsströmen ganz weit weg von allen Erwartungen treiben und landen mit Dolphine sanft auf einer ziemlich einsamen Insel der musikalischen Kreativität.

Paradise of Bachelors / 28.6.2019

Ist das ein wohlklingendes Bandrauschen oder ein Arpeggio auf der Gitarre? Alles klar, da kommt auch schon der volle Akkord und nimmt uns wie ein Sportboot mit in die Siebziger, zu den Dreharbeiten eines sepiafarbenen Softpornos an der Copacabana. Doch Halt, am abendlichen Horizont zieht ein Gewitter auf und der Anker wird heruntergelassen in ein bizarres Korallenriff aus Melancholie.

So oder so ähnlich läuft der ganz normale Wahnsinn in einem Song von Mega Bog ab, jedenfalls in der langen Orientierungsphase vor dem großen Aha-Effekt. Andere Bands belassen es bei einem kurzen Intro, bevor sie zur Sache kommen. Die Truppe um Songwriterin Erin Elizabeth Birgy hat da ganz andere Prioritäten: Hier ist das Vorspiel die Hauptsache. Kaum hat der Song eine vermeintlich greifbare Form angenommen, zerfließt der Refrain schon wieder in seine Einzelteile und versickert in einem langgezogenen Outro.

Musik wie diese entzieht sich nicht nur dem linearen Zuhören, sondern auch der industriellen Verwertungslogik des Marktes. Doch im Umkehrschluss bedeutet das auch, das solche Platten selbst nach Monaten der Heavy Rotation keinen Millimeter von ihrem Reiz einbüßen. Mega Bog ist der delikate Gegenentwurf zum überdreht grellen Post-Pop im Zeitalter des Loudness Wars und damit die quintessentielle Band für Prêt à écouter. Aufmerksames Zuhören ist unbedingt notwendig, wird aber auch mit einem fürstlichen Hörvergnügen belohnt.

Konzert-Tipp: Sa 23.11.19 / Karlstorbahnhof Heidelberg

Cate Le Bon – Reward (2019)

Zuhören wird belohnt: Cate Le Bon gelingt auf ihrem neuen Album Reward eine seltene Verflechtung aus experimentellen Strukturen und überzeugenden Popsongs.

Mexican Summer / 24. Mai 2019 / Text: Caroline Thiemann

Um ganz ehrlich zu sein: Das Erste, was mich an Cate Le Bon fasziniert hat, war ihr Promo-Foto. Was für eine Ausstrahlung! Was für ein Ausdruck von Eigensinn! Ich wollte ihre Musik direkt mögen. Derartige Vorerwartungen allein aufgrund eines Werbefotos aufzubauen würde ich im Allgemeinen übrigens nicht weiterempfehlen – die Wahrscheinlichkeit positiver Bestätigung ist nicht gerade bombastisch, die etwaige Enttäuschung dafür unangemessen tief. Wenn es aber nun einmal passiert ist, ist nicht reinhören auch keine Lösung.

Cate Le Bon hat, gänzlich außerhalb meiner Wahrnehmung, bereits vier Alben veröffentlicht. Es ist aber ihr aktuelles Werk „Reward“, das die Herzen von Musikjournalist*innen international höher schlagen lässt. Der erste Track „Miami“ erinnert mich ein bisschen an Kate Bush und transportiert eine faszinierende Mischung aus verspielter Leichtigkeit und dumpfer Schwere. Diese gedämpfte Grundstimmung zieht sich auch durch die folgenden Tracks und drückt die poppigen, luftigen Hooks in eine angenehme Melancholie. Mit „Mother’s Mother’s Magazin“ hebt sich der melancholische Schleier etwas und macht einer spannenden Klangschärfe und gewissen Kantigkeit Platz.

Cate Le Bons klare Stimme, die sich zum Beispiel in „Here it comes again“ zwischen Direktheit und Zerbrechlichkeit in kunstvolle Höhen aufschwingt um kurz darauf samtig tief über den komplexen Arrangements zu liegen, ist von einer geradezu theatralen Ausdrucksstärke. Sie bringt einen poetischen erzählerischen Sog mit sich, der durch die hingetupften Bläser, stakkatoartigen Rhythmen und tausend kleinen Einfälle, die in jedem weiteren Titel stecken, gleichzeitig gebrochen und unterstrichen wird. So stehen am Ende zwar einige Titel wie „Miami“ oder „Magnificent Gestures“ etwas mehr heraus als andere, das Album ist aber eindeutig ein Gesamtkunstwerk. Und ja, in der Tat eins, das ziemlich nah an meinen Eindruck des Fotos herankommt: gleichzeitig stark und zerbrechlich, bunt und trist und von einem faszinierenden Eigensinn.

Konzert-Tipp:
So 17.11.19 / Karlstorbahnhof Heidelberg

Simon Joyner – Pocket Moon (2019)

Das am besten gehütete Geheimnis der Folkwelt: Simon Joyner ist spätestens seit dem Ende der 90er mit hoher Wahrscheinlichkeit einer der Lieblinge deiner musikalischen Lieblinge und beweist mit seinem neuen Album, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

BB*Island Records / 25. Oktober 2019 / Text: Tobias

Das am besten gehütete Geheimnis der Folkwelt: Simon Joyner ist spätestens seit dem Ende der 90er mit hoher Wahrscheinlichkeit einer der Lieblinge deiner musikalischen Lieblinge und beweist mit seinem neuen Album, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

Mit jedem seiner zahlreichen Alben hat Simon Joyner neue Vergleiche der Superlative herausgefordert. Ob Dylan, Cohen, Van Zandt oder Bright Eyes – es gibt kaum eine Folklegende, die noch nicht als Referenz für die Musik des Songpoeten aufgerufen wurde. Wer lyrischen Inhalt wichtiger findet als gesangliche Perfektion und auf minimalistische bis schräge Folksounds steht, findet mit Pocket Moon den perfekten Einstieg in die lohnende Entdeckungsreise durch Simon Joyners überwältigendes Gesamtwerk.

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Nebenan im Plattenregal:
Buck Meek: Buck Meek (2018)
Twain – Rare Feeling (2018)
Tré Burt – Caught It From The Rye (2018)