Caroline Rose – Superstar (2020)

Indie Pop / Indie Rock / Synth Pop

Wer hätte geahnt, dass ausgerechnet sie eines Tages zur unumstrittenen Ikone der Popmusik aufsteigen würde? Jahrelang hatte sie sich mit ihrer abgerockten Punkband die Finger wund gespielt, jeden Abend stand sie auf einer anderen wackeligen Bühne in einem halbleeren, versifften Saal und spielte für eine Mischung aus notorischen Losern und hoffnungslosen Musiknerds ihre schrägen Songs. Die Städte waren klein, die Gagen noch kleiner, der zum Bandbus umfunktionierte alte Laster aus dem Altbestand der pleite gegangenen Umzugsfirma ihrer Mutter pfiff aus dem letzten Loch. Selten blieb das Publikum bis zum letzten Song, Zugaben wurden fast nie verlangt. Nach und nach hatte sich die Gewohnheit eingeschlichen, einfach irgendeinen Song als letzten anzukündigen, solange noch Leute da waren. Aus Müdigkeit und Verzweiflung kam diese Maßnahme bei jeder Show etwas früher, die Konzerte wurden immer kürzer. Eines Tages war es so weit, sie kam mit den Worten „Hey, this is our last song“ auf die Bühne. Das Publikum rastete aus und verlangte nach jedem Song eine weitere Zugabe, drei Stunden lang mussten sie ihr gesamtes Repertoire inklusive Coverversionen abspulen. Es war ein magischer Abend, alle lagen sich in den Armen und weinten vor Glück. Der alternde Feuilletonchef der dümpelnden Lokalzeitung war fassungslos und schrieb noch in der Nacht eine ganze Seite über das Konzert, der Rest ist Musikgeschichte.

Nebenan im Plattenregal:
TOPS – I Feel Alive (2020)
Caroline Rose – Loner (2018)
Kevin Krauter – Toss Up (2018)

Daniel Romano – Finally Free (2018)

Folk Rock / Indie Rock / Indie Folk

Als es in den deutschen Großstädten noch nicht überall fließendes Wasser gab, gingen die Menschen regelmäßig in Badehäuser. Oft hatten diese keine Schwimmbecken, sondern nur Duschkabinen oder kleine Räume mit Badewannen. Dann traf man seine Nachbarn im Warteraum, lernte sich kennen und tauschte Neuigkeiten aus. Mit der Sanierungswelle in den Wirtschaftswunderjahren wurden flächendeckend Bäder in Privathäuser eingebaut, mit den nun obsoleten Badehäusern verschwand auch ihre Funktion als Ort der sozialen Begegnung. Nicht so in der Mannheimer Neckarstadt, wo die Menschen die Tradition des Badbesuchs bis in die Achtzigerjahre pflegten. Heute ist das Alte Volksbad in der Mittelstraße ein Kreativwirtschaftszentrum und im Keller gibt es eine sogenannte Geschichtswerkstatt, wo regelmäßig Veranstaltungen wie Flohmärkte und auch Konzerte stattfinden. Die ehemalige Kasse wird zur Bar umfunktioniert, es gibt gutes regionales Bier und die Stimmung ist aufgrund der Mischung von angereisten Musikfans und einem sehr begeisterungsfähigen Stammpublikum aus dem Viertel einzigartig. Nicht selten greift die Atmosphäre nach ein paar Songs auch auf die winzige Bühne über, ungläubige Blicke werden ausgetauscht, ein gewaltiger Ruck geht durch den Raum. Und irgendwann nach 10 Pils an einem Montagabend stehen alle mit selbstgedrehten Zigaretten auf der Straße und helfen, den Bandbus einzuladen.

Die oben beschriebenen Gegebenheiten im Alten Volksbad ließen sich auch bei Konzerten im Kontext der folgenden Alben beobachten:
Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)
The 200s – Power Move (2019)
Daniel Romano – Modern Pressure (2017)

Anna Burch – If You’re Dreaming (2020)

Indie Rock / Indie Pop / Dream Pop

Seit Wochen hatte es ununterbrochen geregnet, ich saß jeden Tag viele Stunden an meinem Schreibtisch mit Blick hinunter ins Tal. Die Vorräte gingen langsam zur Neige, bald würde es wieder Zeit für den langen Fußmarsch ins Dorf werden. Die Wolkendecke war die meiste Zeit so dicht, dass Tage und Nächte sich nicht mehr abwechselten, sondern in einer sanften Wellenbewegung ineinander flossen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass es schon wieder viel länger hell war als noch vor dem Beginn des Regens. Als eines Abends plötzlich die Sonne herauskam und die ungewohnte Helligkeit mich blendete, schaute ich ungläubig hinaus in eine golden leuchtende Welt. Wie in Trance zog ich meine Jacke an und ging nach draußen, schnell durch einen Fichtenhain zu diesem Weg am Waldrand, auf dem ich um diese Uhrzeit noch etwas Sonnenlicht vermutete. Ich hatte mich etwas verschätzt, es fielen nur noch einzelne Strahlen zwischen Baumstämmen hindurch auf den knirschenden Weg. Als ich auf eine große Pfütze zuging, sah ich plötzlich eine riesige Kröte am Wegesrand. Ich setzte mich auf einen Baumstumpf gegenüber und wir betrachteten uns gegenseitig. Dann sagte ich in die Stille hinein: Grüß Gott! Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Die Kröte schaute mich weiter an, so als würde sie über eine passende Antwort nachdenken. Mehrere Minuten vergingen, ohne dass ein weiteres Wort gesprochen wurde. Dann hüpfte sie plötzlich davon, hinunter auf die klatschnasse Wiese.

Nebenan im Plattenregal:
Hand Habits – Placeholder (2019)
Bonny Doon – Long Wave (2018)
Stella Donnelly – Beware Of The Dogs (2019)

Andre Ethier – Under Grape Leaves (2017)

Indie Folk / Bedroom Pop / Ambient

Ich kann es immer noch sehen, es ist wirklich als würde ich es gerade jetzt zum ersten Mal sehen. Dort in einem großzügigen, sommerlich warmen Speisesaal sitzt er, mit dem Rücken zum Meer, in dem Rochen und vielleicht Haie schwammen. Ich saß ihm gegenüber, am gleichen Tisch, und doch scheint es als würde er mich durch die Tür beobachten, durch die schon alle anderen gegangen sind, sodass nur noch wir beide übrig blieben, die wir als letztes angekommen und zum Mittagessen erschienen waren. Das ganze Wochenende lag vor uns, Paracas war nicht weit weg. Wir könnten am Montagmorgen zurück in die Stadt fahren und immer noch pünktlich an der Schule ankommen. Meine Mutter hatte keine Zeit, deswegen nahm er mich mit. Er nahm mich immer auf seine Reisen mit, wenn sie ihn nicht begleiten konnte. Seine Firma bezahlte ihm meistens die Übernachtungen in schicken Hotels. Ich glaube er mochte die Reisen mit mir, aber für mich waren sie das Größte, denn ich hatte Paracas und die ganzen anderen Orte noch nie zuvor besucht.

Nebenan im Plattenregal:
Andre Ethier – Croak In The Weeds (2019)
Aoife Nessa Frances – Land Of No Junction (2019)
Cate Le Bon – Reward (2019)

Andre Ethier – Croak In The Weeds (2019)

Indie Folk / Bedroom Pop / Ambient

Es war schon September, das Geld ging so langsam zur Neige und die Brandung wurde jeden Tag ein wenig lauter. Die Nächte waren schon lange nicht mehr so warm wie im Hochsommer, viele Urlauber hatten ihre Zelte in den letzten Tagen abgebaut, ihre Autos beladen und die Heimreise angetreten. Geblieben waren die Surfer, die Kiffer, die Misfits und alle, die zuhause sowieso nichts zu tun hatten. Die Mädchen waren schon abgehauen, sie hatten es mit uns Chaoten nicht mehr ausgehalten und konnten zwei Sitzplätze im VW-Bus einer jungen Familie ergattern. Ich lag die meiste Zeit in meinem Pulli am vernebelten Strand und las Platon, Zeile für Zeile und jedes Kapitel mindestens drei Mal. Eines Tages ging ich morgens am Deich entlang spazieren, dort wo kein Sand mehr war und dichtes Schilf die nahe Flussmündung ankündigte. Ein kalter Wind blies vom Meer herüber, im Westen formierte sich eine Front aus dunklen Wolken. Als ich wieder am Zeltplatz ankam, fielen unzählige kleine Regentropfen auf die Planen, ein leises Knistern lag in der kühlen Luft. Rüdiger trat ohne Hose aus seinem Zelt und zündete sich einen großen Joint an. Er blinzelte nach Südosten, wo normalerweise die Sonne um diese Uhrzeit gestanden hätte. Dann nahm er einen tiefen Zug und sagte zu mir, während er den Rauch ausatmete: Der Sommer ist vorbei, heute fahren wir.

Nebenan im Plattenregal:
Gabriel Birnbaum – Nightwater (2020)
Aoife Nessa Frances – Land Of No Junction (2019)
Andre Ethier – Under Grape Leaves (2017)

Twain – Adventure (2019)

Cosmic American Music / Indie Folk

Er war monatelang auf Tour in Europa und hatte sich unterwegs beim Schwimmen im Atlantik den Fuß gebrochen. Am Himmelfahrtstag spielte er nachmittags eine Show im Freien, ungefähr 50 Meilen entfernt. Mein Freund fuhr mit seinem alten Mercedes hin und holte ihn ab, gegen sechs Uhr Abends trafen die beiden in der Scheune ein. Mit seiner improvisierten Krücke gab er zunächst ein mitleidserregendes Bild ab, doch als er mit seiner Gitarre auf dem Barhocker saß, wirkte er plötzlich sehr lebendig. Wir tranken Rotwein aus großen Gläsern und als er anfing zu spielen, waren alle geschockt von der Schönheit seiner Musik, dem elektrisierenden Klang der Saiten und dem Feuer in seiner Stimme. Später zogen wir weiter und setzten uns auf meinen Balkon, es war noch sehr warm. Ich ging rein und legte Astral Weeks auf, während er das geprägte Leder auf meinem antiken Klavierhocker bewunderte. Morgens lief ich zu einem Bauernhof und kaufte frische Erdbeeren. Als er ausgeschlafen hatte frühstückten wir in der Sonne. Danach nahm er ein Bad und sang dabei laut ein paar Songs von Creedence Clearwater Revival.

Nebenan im Plattenregal:
Simon Joyner – Pocket Moon (2019)
Twain – Rare Feeling (2017)
Twain – Life Labors in the Choir (2014)

Wilco – Ode To Joy (2019)

Indie Rock / Folk Rock / Americana

Die Entzugsklinik war in einem der ärmeren Vororte von Chicago, die Gebäude waren aus rotem Backstein. Alle Wände und Kleider waren weiß, die Bäume und Wiesen leuchtend grün. Jeff hatte nach einem Monat Aufenthalt im geschlossenen Teil das Schlimmste überstanden und durfte in einen Übergangsbereich ziehen, wo die Überwachung etwas lockerer war. Ein Besucher brachte ihm eine Gitarre vorbei, aber es waren immer und überall andere Menschen um ihn herum. Am wenigsten war in der Waschküche los, also schlich er sich dort hinein und begann einen alten Song zu spielen. Seine Hände betasteten das Instrument zunächst wie einen fremden Gegenstand, aber nach kurzer Zeit war alles wie früher. Er sang leise vor sich hin und fühlte sich ungestört. Plötzlich bemerkte er den alten Mann, der die ganze Zeit in der Waschküche war. Er lächelte und sagte: „Mein Sohn, du hast wirklich Talent. Dir fehlt nur das Selbstvertrauen, aber du gehörst auf die Bühne.“

Nebenan im Plattenregal:
Cass McCombs – Tip of the Sphere (2019)
BNQT – Volume 1 (2017)
M. Ward – Migration Stories (2020)

Mapache – From Liberty Street (2020)

Indie Folk / Folk Rock / Cosmic American Music

Wir sind wie die Higuerilla, diese wilde Pflanze, die an den magersten und schroffsten Orten wurzelt und sich vermehrt. Schau mal, wie sie im Sand wächst, im ausgetrockneten Abwasserkanal, in der gerodeten Fläche neben der Müllkippe. Sie bittet um nichts von niemandem, alles was sie zum Überleben braucht, ist ein Stück Boden. Weder die Sonne im Himmel noch das Salz in der Erde, nicht mal der Sturm über dem Meer kann ihr was anhaben, geduldig lässt sie sich von den Menschen treten und von den Traktoren überrollen. Doch die Higuerilla wächst weiter, verbreitet sich, ernährt sich von Stein und Abfall. Dort, wo wir an der Küste diese Pflanze finden, dort lassen wir uns nieder und bauen unsere Hütte. Denn hier werden auch wir leben können.

Nebenan im Plattenregal:
Mapache – Mapache (2019)
Cordovas – That Santa Fe Channel (2018)
Marla & David Celia – Daydreamers (2018)

Gabriel Birnbaum – Nightwater (2020)

Instrumental / Ambient / LoFi

Den ganzen Tag habe ich einen Bildschirm angestarrt, das schwachblaue Glühen hat sich durch die Netzhaut in mein Hirn eingebrannt. Ich bin seit Tagen so schlaflos wie die Stadt, in der ich lebe. Überall ist Lärm, alles ist in Aufregung, durch Drähte und Strahlen dringt die Unruhe bis ganz tief in mein winziges Appartement. Meine Ohren sind umschlossen von dicken Kopfhörern, die Augen habe ich seit Stunden nicht geöffnet. Ich erfühle die Aufnahmetaste, der Motor knackt kurz und das Band beginnt sich zu drehen. Meine Hände gleiten über die Klaviatur, ich drehe an den Reglern und lasse mich von der Strömung der Klänge treiben, weit weg in eine andere Zeit. Plötzlich ein lautes Knacken, das Band ist zu Ende. Ich öffne die Augen und sehe aus dem Fenster, es ist Tag. Ein Lieferwagen hält vor dem Liquor Store gegenüber, der Fahrer steigt mit einem Paket unter dem Arm aus und drückt auf die Klingel.

Nebenan im Plattenregal:
Luke Temple – Both-And (2019)
Yves Jarvis – The Same But By Different Means (2019)
Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (2017)

Sam Doores – Sam Doores (2020)

Folk / Country / Cosmic American Music

Gestern Abend habe ich beim Fischen im Bayou einen Alligator erspäht. Er lag ganz ruhig unter einem Mangrovenbaum, ungefähr sechzig Fuß entfernt. Ich wusste zuerst nicht, ob er tot war oder schlief, aber dann blinzelte er plötzlich und sah mir direkt in die Augen. Ganz langsam packte ich mein Angelzeug zusammen und lief rückwärts, Schritt für Schritt umkurvte ich die Tümpel. Als der Boden fester wurde, rannte ich los. An den Hütten vorbei bis zur Flussmündung, wo mein Freund George mit seiner Familie in einem Haus mit Anlegestelle lebt. Niemand war da, also nahm ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank auf der Terrasse und setzte mich ganz vorne auf den Steg. Die Sonne stand schon sehr tief und es war fast windstill, der Rauch meiner Zigarette stieg nach oben wie aus einem Schornstein. Ich nahm meinen Rucksack und kramte in den Taschen, bis ich etwas kühles, metallisches fühlte: Meine alte Mundharmonika.

Nebenan im Plattenregal:
Anna St. Louis – If Only There Was A River (2018)
The Deslondes – The Deslondes (2015)
Bobbie Gentry – Ode to Billie Joe (1967)