Fünfziger: Bob Dylan – Nashville Skyline (1969)

Bob Dylan ist tot – es lebe Bob Dylan: Mit Nashville Skyline entzog sich der US-amerikanische Ausnahmekünstler am 9. April 1969 erneut dem erdrückenden Klammergriff von Fans und Industrie. Doch was damals auf harsche Ablehnung stieß, gilt heute als verkannter Klassiker. Über das Album als musikalische Selbstverteidigung.

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Mit 50 Jahren gewinnt der Blick zurück an Klarheit. Das gilt im Leben ebenso wie in der Popmusik. Was bleibt übrig, wenn Hypes und Zeitgeist sich verabschiedet haben? In unserer Serie „Fünfziger“ geht es deshalb um Platten, die vor genau einem halben Jahrhundert ihren Fußabdruck in der Musikgeschichte hinterlassen haben. Heute: Bob Dylan und der sanfte Widerstand.

Bob Dylan ist tot – es lebe Bob Dylan: Mit Nashville Skyline entzog sich der US-amerikanische Ausnahmekünstler am 9. April 1969 erneut dem erdrückenden Klammergriff von Fans und Industrie. Während seine ehemaligen Wegbegleiter immer tiefer ins psychedelische Nirwana abdrifteten, sang der Hoffnungsträger einer ganzen Generation mit breitem Grinsen simple Country-Songs. Selten zuvor hatte ein Prophet seinen Anhängern so deutlich die Tür seines Tempels vor der Nase zugeknallt. Doch was damals auf harsche Ablehnung stieß, gilt heute als verkannter Klassiker. Über das Album als musikalische Selbstverteidigung.

Es hätte nicht viel gefehlt, und der 29. Juni 1966 wäre als einer der schwärzesten Tage in die Geschichte der Rockmusik eingegangen. Es ist ein sonniger Tag, als ein Motorrad der Herstellers Triumph auf einer abgelegenen Straße in den Hügeln von Woodstock (NY) aus einer Kurve geschleudert wird. Was den Crash aus den Meldungsspalten der Lokalpresse in die landesweiten Nachrichten bringt: Der Fahrer ist der damals 25-jährige Bob Dylan – Symbol, ja Prophet einer ganzen Generation.

Er überlebt, doch danach wird der Sänger nie wieder derjenige sein, den seine Fans bis dahin in ihm zu sehen gehofft hatten.

Man kann weder Dylans schillernde Biografie noch das drei Jahre später erschienene Nashville Skyline ohne die Ereignisse dieses Junitages verstehen. Viel ist später darüber spekuliert worden, die Gerüchteküche brodelte schon damals munter. Und erst rund ein Jahr später setzte seine erste Wortmeldung in Form eines Interviews den Sorgen seiner Fans ein Ende, Dylan sei überhaupt nicht mehr am Leben. Auch heute gilt noch: Wie so manches aus dem Leben des Jungen aus Minnesota umgibt auch den Unfall weiterhin eine Aura des Semifaktischen und Mystifizierten.

Was aber bleibt, ist das perfekte Symbol einer radikalen Zäsur. Dylan hatte sie zu dieser Zeit bitter nötig. Im Mai ’66 war Blonde on Blonde, das dritte Album seiner „elektrischen Trilogie“ mit dem Superhit Like a rolling stone erschienen. Es war die Krönung eines atemberaubenden Aufstiegs: Innerhalb weniger Jahre war der Sänger vom schüchternen Landei in den Folk-Cafés von Greenwich Village zu einer Ikone der Gegenbewegung geworden. Inbegriff der Coolness, Heilsbringer einer aufbegehrenden jungen Generation. Was Dylan sagte, galt als ultimative Wahrheit, seine Jünger hingen gierig an seinen Lippen und vielen Beobachtern schien er bereits mehr Symbol denn Mensch zu sein.

Aber Dylan war am Ende. Erdrückt von der eigenen Größe und der gnadenlosen Verwertungsmaschinerie einer aufstrebenden und hungrigen Musikindustrie. Die endlosen Konzerte, der Erwartungsdruck und die Drogen setzten ihm zu. Im Sommer ‘66 ähnelte der Sänger einer tragischen Karikatur seiner selbst: die Wangen waren eingefallen, die Augen leer, seine Interviews schwankten in einer Mischung aus zynischer Resignation und bloßer Erschöpfung zwischen pointierten Slogans und absurdem Nonsense. In den Tagen vor dem Unfall soll Dylan drei Tage lang nicht geschlafen haben. „Ich habe schon mehr als ein 55 Jahre alter Mann hinter mir“, stöhnte er.

Der Unfall bot ihm also endlich Möglichkeit des Rückzugs. Dylan zog sich in sein Haus in Woodstock zurück, widmete sich seiner jungen Familie und der Malerei. Ab und zu kamen die Musiker der Hawks für ein paar lockere Sessions vorbei – seine Begleitband, die später zu The Band werden sollte. Einem Reporter erzählte er: „Ich habe viel darüber nachgedacht, wohin ich eigentlich will, wovor ich davonlaufe und was ich zu mir nehme.“

Wohlkalkulierte Worte eines genialen Selbstdarstellers – oder überraschend ehrliche Sätze aus dem Mund eines geläuterten Mannes?

Wie auch immer, die Veröffentlichung von John Wesley Harding im Dezember 1967 war dann jedenfalls so etwas wie der Auftakt zur Enthüllung eines einmal mehr rundum erneuerten Dylan. Mit Nashville Skyline sollte sich diese Wandlung dann endgültig vollziehen.

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Zeitgeist vs. Verweigerungshaltung 1967/68: Bob Dylans John Wesley Harding (r.) im Vergleich mit Plattencover der Beatles, The Incredible String Band und Jimi Hendrix.

John Wesley Harding nimmt bereits einiges vorweg, was auf Nashville Skyline zum endgültigen und vernichtenden Angriff auf die Erwartungshaltungen werden sollte. Der Schockeffekt begann schon im Plattenladen: Während die Rockbands der 60er am Ende des Jahrzehnts immer bunter und psychedelischer wurden, wirkte Dylans Cover in seiner verblichenen und kruden Optik fast wie Hohn. Hier wollte jemand ganz eindeutig nichts mehr mit einer Ästhetik zu tun haben, die er selbst entscheidend geprägt hatte.

Auch inhaltlich schien Dylan auf den minimalen Effekt setzen zu wollen. Der für damalige Verhältnisse fast apokalyptische Soundwall, den die Hawks noch auf den drei vorhergehenden Scheiben (Bringin‘ it all back home, Highway 61 Revisited, Blonde on Blonde) inszeniert hatten, wich jetzt einem dünnen und klapprigen Gerüst, auf dem der Sänger biblische Geschichten in einer für ihn völlig ungewohnten Eindeutigkeit verkündete. Von Rock – geschweige denn von Folk – war nicht mehr viel übrig. Stattdessen kam Dylan mit Country und Western um die Ecke.

So langsam begannen die Fans unruhig zu werden.

Der Knall kam dann aber erst mit der folgenden Platte. Noch nie hatte ein Prophet seinen Anhängern so deutlich die Tür seines Tempels vor der Nase zugeknallt. „Dylan ist zuerst Geschäftsmann und zuletzt Prophet“, schrieb der Kritiker der New York Times spürbar angefressen. „Jetzt grinst er uns frech und fett vom Albumcover entgegen. Nur er, seine Gitarre und das Logo von Columbia Records, als wollten sie sagen ‚Howdy, Leute. Wollt ihr ein paar nette Songs kaufen, zu denen man den Takt mitklopfen kann?‘“

Was war passiert? Zum einen präsentiert sich Dylan auf Nashville Skyline so eindeutig und offen wie nie zuvor. Hier gibt keine einäugigen Zwerge mehr, keine atemlos-kunstvoll herausgeballerten Wortsalven, keine beißende Kritik an Wirtschaftsbossen und auch keine kryptischen Referenzen an französische Dichter des 19. Jahrhunderts. Stattdessen freimütige Liebesschwüre und authentische Reuebekundungen. Schon das war vielen eingefleischten Fans, denen Dylans nebulöse Poetik immer auch zur eigenen Identitätsstiftung gedient hatten, kaum zuzumuten.

Zum anderen wirkte Dylans neue Liebe für den als reaktionäre Musik der Südstaaten geschmähten Country wie ein besonders dreister Verrat. Ein Verrat an den Idealen der linken Protestbewegung, die viele Fans der ersten Stunde eng mit ihm verbanden und die er ja durchaus in vielen Songs auch unmissverständlich vertreten hatte. Viele junge Menschen fühlten sich so auch persönlich von ihm hintergangen.

Verziehen haben das manche ihrem ehemaligen Idol bis heute nicht. Dabei lohnt es sich auch für die Kritiker, Nashville Skyline mit einem Satz frischer Ohren zu hören. Denn trotz der bewussten Verweigerungshaltung, die Dylan zweifellos in dieser Phase in sich trug, spricht aus den Songs dieses Album vor allem eine große Aufrichtigkeit. Versteckte sich der Dylan der„elektrischen Phase“ hinter beißendem Spott, ironischer Brechung und bellenden Slogans, kann man auf Nashville Skyline einen Künstler erleben, der sein Herz tatsächlich auf der Zunge trägt.

Mit Lay Lady Lay, I threw it all away, und Tell me that it isn’t true vereint dieser verkannte Klassiker zudem drei der wohl berührendsten und aufrichtigsten Songs der Dylan-Diskographie. Nicht zuletzt wegen dieser Nummern gibt es Kritiker, die behaupten auf diesem Album könne man dem Menschen hinter der Kunstfigur Bob Dylan am nächsten kommen.

Schon zu Beginn überrascht Dylan. Denn zum einen hat er sich als Opener keinen frischen Song, sondern die Neuauflage von Girl from the North Country ausgesucht, das zuerst auf seinem zweiten Album The freewheelin‘ Bob Dylan (1963) erschienen war. Und zum anderen taucht da plötzlich dieser schwere Bariton auf, den man auf einem Dylan-Album ja nun wirklich nie vermutet hätte: Johnny Cash gibt sich die Ehre als Duett-Partner.

Aber Dylan wäre nicht Dylan, hätte er sich nicht noch mehr einfallen lassen. Und so kommt es, dass böse Zungen gerne behaupten, auf Nashville Skyline habe der dünne Junge endlich singen gelernt. Als hätte er die sprichwörtliche Kreide gegessen, croont der vormals so kratzbürstige Sänger sanft und beschwingt auf dieser Platte – die Entscheidung, ob er sich deswegen hier aber auch als Wolf im Schafspelz inszeniert, bleibt jedem Hörer selbst überlassen.

Aus heutiger Sicht ist die Platte vor allem der Soundtrack einer Zäsur, die eine dritte Schaffensphase des Songwriters einläutete. Nachdem er 1965 bereits versucht hatte, mit der elektrischen Gitarre den von ihm verhassten Begriff des „Protestsängers“ endlich und endgültig zu massakrieren, folgte nun also mit Nashville Skyline der sanfte Widerstand.

Das ganze Album bei Spotify:


Bislang erschienen in der Reihe Fünfziger:

Fünfziger: The Flying Burrito Brothers – The Gilded Palace of Sin (1969)

Chris Cohen – Chris Cohen (2019)

Nichts für den Kuschelabend: Diese Platte will nur dich allein – und all die merkwürdigen Gefühle, die dir beim Hören durch den Kopf ziehen wie damals die Bilder auf dem Diaprojektor deines Onkels.

Erschienen am 29. März 2019 bei Captured Tracks

Chris Cohen schreibt Songs, die klingen, als dürfte man noch einmal durchs warme Fruchtwasser im Mutterleib gleiten. Als wäre alles da draußen bloß eine vage Ahnung, man selbst aber gleichzeitig vollkommen sicher und geborgen. Dann flimmern Szenen aus dem Familienurlaub in den frühen Neunzigern auf, der kindliche Blick aus dem Autofenster, wenn die unbekannte Landschaft verheißungsvoll vorbeizog, Gerüche von Thermoskannenkaffee, Entdeckerstimmung. Es ist eine merkwürdige Mischung aus wohliger Nostalgie und kribbeliger Unruhe, die einen erfasst, wenn man das dritte Soloalbum des kalifornischen Kritikerlieblings durch die Kopfhörer fließen lässt.

Das liegt natürlich an der gekonnten Reminiszenz an den samtig-schillernden Soft Rock der 70er Jahre und den exzentrischen Art Pop eines Lou Reed oder Brian Eno. Cohen spielt gekonnt mit Weichzeichnern, lässt das Saxophon erdfarbene Klangfahnen aufziehen und die Latino-Percussion in der tiefsten Ecke des Hallraums munter klackern. Cohens nasal hypnotisierende Stimme scheint dabei im Mix umherzuschlurfen, während Gitarre, Tasten und Schlagzeug jedem Tontechniker als Musterbeispiel für die Ewigkeiten dienen dürften. Und doch könnte diese Platte auf der gesamten Albumlänge von Beliebigkeit oder Manierismus nicht weiter entfernt sein. Alles hat hier seinen Sinn, hinter jeder vermeintlichen Harmlosigkeit steckt eine bewusste Entscheidung.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube:

Vielleicht hilft eine kleine Geschichte, um diese Besonderheit von Cohens Musik wirklich zu verstehen. Robin Pecknold von den Fleet Foxes hat sie erzählt. Darin beschreibt er, wie er einmal als Zuschauer verwundert beobachtete, dass Cohen vor einem Auftritt die großen Subwoofer der Beschallungsanlage entfernen ließ. „Warum hätte er das tun sollen? Wollte er etwa, dass seine Musik klein klang?“. Doch als Cohen beginnt, wird Pecknold geradezu von einem Erweckungserlebnis überwältigt: „Die Musik floß plötzlich wie ein Strom kalten Wassers. Was ich zuvor noch missverstanden hatte, entpuppte sich jetzt als eine notwendige, selbstbewusste und zutiefst informierte Entscheidung zugunsten klanglicher Klarheit und der Verbindung zu den Zuhörern.“

Wer Cohens musikalische Entwicklung kennt, weiß natürlich, dass der 43-Jährige alles andere als ein zarter Kuschelbarde ist. Mit den Avantgardisten von Deerhof hat er vor ein paar Jahren schon mal ein paar komplett genialisch-verschrobene Scheiben vorgelegt, die sich jeder Kategorisierung entzogen. Kollegen wie Ariel Pink, Weyes Blood oder Cass McCombs hat er zudem beim Songwritingprozess unterstützt. Soll heißen: Cohen ist keiner für den gemeinsamen Kuschelabend, da mag die Musik auf seiner aktuellen Soloplatte beim ersten Eindruck noch so sanft daherkommen. Diese Scheibe will nur dich allein – und all die merkwürdigen Gefühle, die dir beim Hören durch den Kopf ziehen wie die Bilder damals auf dem Diaprojektor deines Onkels.

Das ganze Album bei Bandcamp:

Garcia Peoples – Natural Facts (2019)

Vier Dudes aus New Jersey machen den Jam-Rock wieder salonfähig: Garcia Peoples mit ihrem zweiten Album innerhalb eines Jahres.

Erschienen am 29. März 2019 auf Beyond Beyond Is Beyond Records

Es ist schon längst kein Geheimnis mehr: Der Psychedelic Rock erlebt derzeit ein kleines Revival. Im vergangenen Jahr haben dabei vor allem vier Dudes aus New Jersey mit ihrem Debüt auf den einschlägigen Label Beyond Beyond Is Beyond Records für Furore gesorgt. Jetzt sind Garcia Peoples schon mit ihrem zweiten Longplayer zurück. Und was soll man sagen: Wem diese Platte kein Lächeln in die Visage zaubert, der hat die Rockmusik nie geliebt. In der Tradition von Großmeistern des ausufernden Gitarren-Spaßes wie The Grateful Dead (man beachte den Bandnamen) und mit der Unbekümmertheit einer Gang von Halbstarken besetzen Garcia Peoples einen Platz im Plattenregal, der zuletzt (leider) meist leer stand.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube:

Da schämt man sich auch wie im Intro von Canvas nicht, das WahWah-Pedal mal wieder so richtig durchzudrücken. Denn die US-Amerikaner wissen stets, wann es genug ist mit den Zitaten aus dem Gitarrenladen. Und bei aller Nähe zur Jam-Band-Tradition und Retro-Referenzen ohne Ende:  Garcia Peoples besitzen eine derart punkige Direktheit und den Spielwitz schlaksiger Indie-Schrammler, dass diese Platte nichtsdestotrotz eine absolut authentische Zeitgeistigkeit und Unmittelbarkeit  ausstrahlt.

Das ganze Album bei Spotify:

Strand of Oaks – Eraserland (2019)

Hinter Timothy Showalters sechstem Studioalbum steckt eine tiefe Krise – und eine der schönsten Bromance-Episoden der jüngeren Musikgeschichte.

Erschienen am 22. März 2019 bei Dead Oceans

Dieses Album hätte eigentlich niemals erscheinen sollen. Aber nicht etwa, weil es so abgrundtief schlecht wäre – im Gegenteil. Der Grund ist schlicht der, dass Timothy Showalter aka Strand of Oaks noch vor wenigen Monaten selbst nicht mehr daran glaubte, jemals wieder einen vernünftigen Song zu schreiben. Gebeutelt von Depressionen und Angstzuständen stand der sowieso nicht gerade als Klassenclown bekannte Songwriter kurz davor, sein Projekt nach fünf Studioalben komplett hinzuschmeißen. Wenn da nicht eine der schönsten Bromance-Episoden der jüngeren Musikgeschichte dazwischen gekommen wäre.

Denn hier kommen die Kollegen von My Morning Jacket um Gitarrist Carl Broemel ins Spiel. Broemel, ein guter Freund Showalters, hatte beschlossen, dass sein am Boden liegender Kumpel nur durch die Musik wieder auf die Beine kommen würde – und verfrachtete ihn kurzerhand und ohne Vorwarnung in ein Studio. Mit Unterstützung der geschmeidig eingespielten Band fand Showalter dort tatsächlich wieder zu seinen Songs, auch wenn das Ganze offenbar von einem ziemlich quälenden Selbstreinigungsprozess begleitet wurde.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube:

Es geht hier also um Katharsis durch Kunst – dem wohl ältesten Thema der Kreativen von der Antike bis zum Underground-Rave. Eraserland ist deshalb auch kein Jammerlappen-Manifest, wie es sie in den Nullerjahren so oft gab, sondern ein starkes Zeugnis der Hoffnung – abgelegt mit einer bisweilen unverschämt clever rockenden Fender Telecaster. Die Wege, die The War on Drugs in den vergangenen Jahren freigeschlagen haben, beschreiten ja mittlerweile immer mehr amerikanische Rockbands. Das überrascht nicht, ist aber auch noch lange nicht ausgelutscht und deswegen bislang nur zu begrüßen. Showalter fügt den stoischen Drums und verhallten Gitarren eine gute Dosis Americana-Elegie à la Damien Jurado hinzu und macht damit vieles richtig.

Das ganze Album bei Bandcamp:

 

Hand Habits – Placeholder (2019)

Mehr als nur ein Platzhalter: Versteckt hinter verträumten Americana-Gitarren sucht Meg Duffy nach den Spuren verblasster Beziehungen.

Erschienen am 1. März 2019 auf Saddle Creek

Mit Meg Duffy zeigt eine weitere Sessionmusikerin, dass sie auch den Platz in der ersten Reihe problemlos ausfüllen kann. Sonst als Gitarristin fester Bestandteil der Tourband von Folkrocker Kevin Morby, legt sie mit ihrem eigenen Projekt Hand Habits jetzt bereits das zweite Album vor. Und das Ergebnis – man möge diesen harten Bruch des Referenzrahmens verzeihen – könnte man als die perfekte musikalische Maultasche bezeichnen. Denn in Placeholder steckt die als verträumter Americana getarnte Umsetzung eines klaren und überzeugenden ästhetischen Programms.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube:

Dessen Inhalt gibt der Albumtitel vor. Es geht also um Leerstellen, um das, was bleibt, wenn Menschen aus dem Leben verschwinden, und um die Vergänglichkeit. Sind wir vielleicht nicht immer schon nur Platzhalter im Herzen des Anderen – mehr Symbol als Individuum?

„Oh, but I was just a placeholder
A lesson to be learned
Oh, I was just a placeholder
A place you will return“,

singt sie im Titeltrack. Und mit der schmerzhaften Akribie einer Archäologin gräbt Duffy anschließend ein ganzes Album lang in den verkrusteten Schichten ihrer Seele nach den Spuren verblasster Beziehungen und Gefühle. Die gefunden Artefakte packt sie dann aber wie zum Trotz in besonders schöne Vitrinen aus fragilen offenen Akkorden und sanften Slide-Gitarren. Das mag anfangs etwas irritieren, lädt aber vor allem dazu ein, die Platte immer und immer wieder auf neue Inhalte zu durchforsten.

Das ganze Album auf Bandcamp:

 

Holiday Ghosts – West Bay Playroom (2019)

Mit Rollerblades auf die südenglische Strandpromenade: Holiday Ghosts aus Cornwall machen mit lässigem LoFi-Rock ’n‘ Roll ziemlich viel richtig.

Erschienen am 15. Februar 2019 auf PNKSLM Recordings.

Manchmal gibt es Tage und die dazugehörigen Platten, die einem auch mal den guten alten Texteinstieg mit Wetterbezug erlauben. Also: Draußen wehen Vorahnungen des Vorfrühlings durch die Straßen, das Wochenende naht und Holiday Ghosts aus dem Süden Englands drücken euch mit charmantem Lächeln die perfekte Platte dazu in die Hand. Wunderbar lässiger LoFi-Rock ’n‘ Roll, der geradezu nach Sonnenbrille und einem eiskalten Heineken schreit. Manchmal braucht es eben nur in Töne gegossene Attitüde, um ein Album zu einer runden Sache zu machen.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube: 

Dementsprechend wird man auf West Bay Playroom zwar ziemlich viel Spaß, aber keine wirklichen inhaltlichen Überraschungen finden – die musikalischen Vorbilder haben in dieser Hinsicht vielleicht aber auch einfach schon alles gesagt. Für tiefergehende Informationen wende man sich daher bitte an The Modern Lovers, Violent Femmes, The Pretty Things oder die diversen Projekte von Billy Childish. Soviel ist allerdings sicher: Die zweite Platte der vier Boys und Girls aus Cornwall klingt ganz bestimmt auch noch gut, wenn das Wetter wieder schlechter wird.

Das ganze Album auf Bandcamp:

 

Cass McCombs – Tip of the Sphere (2019)

West-Coast-Rocker Cass McCombs singt vom Leben im postfaktischen Amerika.

Erschienen am 8. Februar 2019 bei Anti-Records

Obwohl ihm das Etikett gerne anhaftet: Americana ist an Cass McCombs eigentlich nur seine Biographie als autodidaktischer Hobo, der seine Zwanziger auf Sofas von Bekannten, in schummrigen Bars und Universitätsbibliotheken zwischen San Francisco und New York verbracht hat. Ansonsten ist der oft ein wenig enigmatisch daherkommende Kalifornier vor allem ein Genre-Anarchist. Seine früheren Platten zitieren noisigen Punk, Garage-Rock, Blues, Folk und den smoothen Westküsten-Sound der 70er – irgendwo zwischen Grateful Dead und Little Feat.

Ein kleiner Vorgeschmack bei Youtube:

Auch auf seinem neunten Album nimmt McCombs alles mit, was die 70er an Brauchbarem hinterlassen haben und baut sich daraus wieder ein ganz eigenes musikalisches Heim. Der zweite Track „The Great Pixley Train Robbery“ (Video oben), lockt da mit seinem zwingenden Outlaw-Rock allerdings erst einmal auf die falsche Fährte. Denn auf dem Rest der Platte dominieren die für McCombs mittlerweile so typischen subtilen Gesten – auch in den Lyrics. Und doch – oder gerade deswegen – lohnt sich in beiden Bereichen wieder einmal das genaue Hinhören. Denn auch wenn das Rhodes Piano noch so leichtfüßig grooven mag, textlich zeigt sich McCombs als einer der wenigen zeitgenössischen Künstler, dem es um mehr als nur Beziehungsanalysen, Kifferfantasien und Eskapismus geht. Der Kalifornien beschäftigt sich auf „Tip of the Sphere“ mit Phänomen der postfaktischen Demokratie, Ungerechtigkeit oder der Psychologie des Verbrechens. Cass McCombs beweist damit: Auch das Subtile ist politisch.

Das ganze Album bei Bandcamp:

 

 

Steve Gunn – The Unseen in Between (2019)

Wenn man irgendwann am lächelnden Gitarrengott vorbeischwebt: Steve Gunn zementiert seinen Status als folk-rockender Hypnotiseur.

Erschienen am 18. Januar 2019 bei Matador Records

Wollte man etwas platt daher kommen, könnte man einfach sagen, Steve Gunn habe mit dieser Platte der Rockmusik vor allem einen großen Gefallen getan. Oder besser, er habe quasi ein uraltes Paradoxon des Genres einfach mal so aufgelöst, das da heißt: Du kannst kein begnadeter Gitarrist und gleichzeitig ein begnadeter Songwriter sein. Wobei „begnadet“ hier heißt, dass der Song  eben nicht bloß als grell beleuchtete Bühne für die Griffbrettmasturbationen der betreffenden Maestros dienen sollte.

Aber wie gesagt, das wäre zu platt. Gunn ist mittlerweile viel zu lange in seinen ganz eigenen musikalischen Universen unterwegs, als dass er für solche Späße  herhalten müsste. Der ehemalige Kunststudent aus Brooklyn galt allerdings lange Zeit eher als typischer Szeneliebling – also als einer, den hauptsächlich andere Künstler und Musiker abfeiern. Wahrscheinlich weil Gunn seine Inspiration immer aus den etwas kruderen und weniger offensichtlichen Episoden der gitarrenlastigen Populärmusik-Historie bezogen hat. Hypnotischer Appalachian-Fingerstyle,  fuzziger Psychedelic-Rock aus den 60ern, verspielter britischer Kammerfolk. Das alles entwickelte im Zusammenspiel mit Gunns immer etwas verschnupft wirkender Stimme einen derart hypnotischen und gleichzeitig energetischen Sog, dass man nie wusste, ob man in Meditationen versunken auf ein Mandala starren oder direkt das nächste Dosenbier aufreißen sollte.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube:

Auf The Unseen in Between spielt der 41-Jährige alle seine Asse mit einem Schlag aus. Kunstvoll erzählt er teils schrullige, teils tragische Geschichten von Außenseitern und Einzelgängern – was das Album inhaltlich zusammenhält, ist vor allem die empathische Nähe zu den Verlierern der kapitalistischen Massengesellschaft. Dass mit Tony Garnier der langjährige Bassist von Bob Dylan auf dem Album mitgewirkt hat, kann man in diesem Zusammenhang als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, muss man aber nicht.

Dazu fließen unzählige Gitarrenspuren so spielerisch und mühelos umeinander wie eine Brut schillernder Schlangen in ihrem Nest. Gleichzeitig scheint das alles zu schweben und immer irgendwie auch nach oben streben zu wollen – in Gunns besten Momenten wird der Hörer so mitgenommen auf einen verhallten Trip durch Zeit und Raum. Und irgendwann kommt man dabei auch am Gitarrengott vorbei, der zufrieden lächelnd auf einer Wolke sitzt und Gunns neueste Riffs übt.

Das ganze Album bei Spotify:

Nap Eyes – I’m Bad Now (2018)

Nachschlag zum Jahresrückblick: Ein weiteres (fast) unbeachtetes Meisterwerk von „der besten Band, die du nicht kennst“.

Erschienen am 9. März 2018 auf Paradise of Bachelors

Eigentlich müssten die vier verstrahlten Kanadier mit dieser Platte endlich mal den Durchbruch packen. Sollte man meinen. Wäre da nicht die Tatsache, dass die einschlägige Indiepresse genau das schon bei den beiden Vorgängeralben vorhergesagt hatte. Wahrscheinlich wird deshalb auch I’m Bad Now seinen Weg nur in wenige Plattenregale finden – was wiederum in diesen empörten Zeiten durchaus mal Anlass für eine eigene mittelgroße Empörungswelle wäre.

Ansnacken auf Youtube:

Sei’s drum, ohnehin liegt einer Band wie Nap Eyes nichts ferner als aufgekratzte Hysterie. Ihre Stärke liegt in der Intensität der subtilen Gesten. Mit bestechender Lässigkeit legt die Gruppe um Songwriter Nigel Chapman hier ein ausgefuchstes Stück Outsider-Indie nach dem anderen vor. Ein bißchen liebenswürdiger Slacker-Charme aus den Neunzigern, dazu ganz viel Schrammel-Coolness aus den Sechzigern – wie passend, dass Chapman sowieso auf frappierende Weise wie die Reinkarnation des großen Lou Reed klingt. Dazu gibt es Alltagslyrik zwischen hornbebrilltem Existenzialismus und griffigen Slogans aus der digitalen Gegenwart, sowie höchst clevere und stilsichere Gitarrenarbeit. Mehr braucht man eigentlich nicht.

Das ganze Album bei Spotify: