Caroline Rose – Loner (2018)

Voll auf die zwölf: Caroline Rose testet mit ihrem dritten Album aus, wie viele Hits auf eine Indie-Platte passen.

Erschienen am 22. Februar 2018 bei New West Records

The Soft Rock Café empfiehlt Caroline Rose Live:
28. Mai | Queer Festival, Heidelberg
29. Mai | TapTab Musikraum, Schaffhausen
1. Juni | Puls Open Air, Geltendorf
Tickets gibt’s hier!

Es ist ein uraltes Klischee im Showbusiness: Komödienstars, die verzweifelt auf der Suche nach ernsten Rollen sind und dann plötzlich alle mit ihrem großen schauspielerischen Talent überraschen. Auf sehr eindrucksvolle Weise geht Caroline Rose diesen Weg mit ihrem dritten Album Loner in die umgekehrte Richtung. Nachdem sie sich mit einem sehr introvertierten Debüt und einer musikalisch extrem anspruchsvollen zweiten Platte bei der Kritik jede Menge Respekt verschaffte, steht nun der Spaß im Vordergrund. Das heißt nicht, dass sich hinter den Tanzflächen-Ambitionen und den unwiderstehlichen Pop-Hooks keine ernsthaften Themen verbergen. Der Überhit „Jeannie becomes a mom“ mit seinem oscarverdächtigen Musikvideo steht exemplarisch für diesen ziemlich einzigartigen Brückenbau zwischen Chartqualitäten und tiefgründigem Storytelling.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Die neue Souveränität beflügelt Caroline Rose, ihre Stimme ist durchschlagskräftiger als je zuvor und nimmt zwischen verführerischen Balladen und manischer Eskalation jede Rolle überzeugend ein. Der exzessive Einsatz von Verzerrung auf den Vocals und den omnipräsenten Billigorgeln macht ordentlich Druck und verpasst der ansonsten glasklaren Produktion die nötige Portion Trash-Ästhetik. Einige Fans ihres früheren Schaffen werden es möglicherweise etwas schwierig finden, Caroline Rose auf ihrem neuen Weg bis zum Ende zu folgen. Dementsprechende Verlustängste scheinen die Amerikanerin aber nicht im geringsten zu tangieren, im Gegenteil: Die Mehrheit der Songs ist wie geschaffen für die Funktion als Türöffner zu deutlich größeren Bühnen als bisher. Und eigentlich besteht kein Zweifel daran, dass Caroline Rose gut vorbereitet ist auf das helle Rampenlicht.

Das ganze Album bei Bandcamp:



Nebenan im Plattenregal:

Molly Burch – First Flower (2018)
Totally Mild – Her (2018)
Stella Donnelly – Beware Of The Dogs (2019)

Nap Eyes – I’m Bad Now (2018)

Nachschlag zum Jahresrückblick: Ein weiteres (fast) unbeachtetes Meisterwerk von „der besten Band, die du nicht kennst“.

Erschienen am 9. März 2018 auf Paradise of Bachelors

Eigentlich müssten die vier verstrahlten Kanadier mit dieser Platte endlich mal den Durchbruch packen. Sollte man meinen. Wäre da nicht die Tatsache, dass die einschlägige Indiepresse genau das schon bei den beiden Vorgängeralben vorhergesagt hatte. Wahrscheinlich wird deshalb auch I’m Bad Now seinen Weg nur in wenige Plattenregale finden – was wiederum in diesen empörten Zeiten durchaus mal Anlass für eine eigene mittelgroße Empörungswelle wäre.

Ansnacken auf Youtube:

Sei’s drum, ohnehin liegt einer Band wie Nap Eyes nichts ferner als aufgekratzte Hysterie. Ihre Stärke liegt in der Intensität der subtilen Gesten. Mit bestechender Lässigkeit legt die Gruppe um Songwriter Nigel Chapman hier ein ausgefuchstes Stück Outsider-Indie nach dem anderen vor. Ein bißchen liebenswürdiger Slacker-Charme aus den Neunzigern, dazu ganz viel Schrammel-Coolness aus den Sechzigern – wie passend, dass Chapman sowieso auf frappierende Weise wie die Reinkarnation des großen Lou Reed klingt. Dazu gibt es Alltagslyrik zwischen hornbebrilltem Existenzialismus und griffigen Slogans aus der digitalen Gegenwart, sowie höchst clevere und stilsichere Gitarrenarbeit. Mehr braucht man eigentlich nicht.

Das ganze Album bei Spotify:

Mitski – Be The Cowboy (2018)

Am Anfang stand der Cowboy. Und auch heute wieder: Überall Cowboys, diese prototypischen Alphatiere, die alles in Schutt und Asche legen und trotzdem am Ende als Helden dastehen. Dieser menschgewordene amerikanische Traum, kompromissloser Repräsentant des Go-West, Heldenfigur im Kampf um die Freiheit.

Erschienen am 17. August 2018 auf Dead Oceans

Text: David Hutzel

Für Mitski Miyawaki hat ihr fünftes Album „Be The Cowboy“ damit rein gar nichts zu tun. Das hat sie zumindest kurz nach dem Release im Interview mit Trevor Noah betont. Ihr gehe es vielmehr um den Cowboy als Rolle, den buchstäblichen Mythos, das Gehabe, wie es der Marlboro-Cowboy und Clint Eastwood repräsentieren. Genau diese Unterscheidung zwischen abstrakten Figuren und konkretem Gestus formt den zentralen Widerspruch, der sich durch beinahe jede Sekunde des Albums zieht: Ist das hier nicht ein unzulässiges Auseinanderdividieren zweier Dinge, die man gar nicht komplett getrennt voneinander betrachten kann? Das Intime, Private und das Öffentliche, Abstrakte? Mitskis Songtexte klingen zunächst einmal extrem persönlich, wenn sie Zeilen wie diese in „Washing Machine Heart“ singt: „Baby, will you kiss me already, and / Toss your dirty shoes in my washing machine heart / Baby, bang it up inside.“ Aber sind das hier wirklich echte, an Menschen adressierte Lovesongs – oder geht es Mitski dabei nur um sich selbst und um ihr Liebstes, die Musik?

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Die Platte hüllt diese Frage in einen hübschen Pop-Schleier ein. Im Vergleich mit dem Vorgänger „Puberty 2“ stellt „Be The Cowboy“ nur noch selten die Gitarre in den Mittelpunkt, das noisige Rauschen macht oft dem Klavier Platz, das natürlich noch immer von einem üblichen Band-Lineup umgeben ist. Das sorgt dann auf der Ebene des Sounds für eine großartige Vielfalt, wenn im Opener „Geyser“ die Drones wummern oder „Remember My Name“ plötzlich einen nur von Bass und Drums instrumentierten Punk-Rock-Singalong-Teil freilegt. Das Songwriting trägt viele kleine verschrobene Twists in sich – und trotzdem stehen hier vierzehn anschlussfreudige Pop-Songs, von denen trotz einer durchschnittlichen Dauer von gut zwei Minuten immer etwas hängenbleibt.

Das ganze Album bei Spotify: 

Die Nerven – Fake (2018)

Um das Stuttgarter Trio „Die Nerven“ war es nie wirklich still. Zwischen ihrem Debütalbum „Asoziale Medien“ und ihrem vierten Werk namens „Out“ lagen knapp drei Jahre. Umso größer war die Erwartungshaltung, als nach weiteren zweieinhalb Jahren Album Nummer fünf angekündigt wurde.

 

Erschienen am 20. April 2018 bei Glitterhouse

Text: Mischa Kissin

In der Zwischenzeit hatten sich alle drei Bandmitglieder ihren diversen, teilweise in den Himmel gelobten Nebenprojekten wie „All diese Gewalt“, „Karies“ oder „Peter Muffin“ gewidmet und 2017 das Live-Album „Live in Europa“ herausgebracht. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde nicht nur der deutschen Musikkritik klar, dass die wohl beste Liveband des Landes schlichtweg eine unzähmbare, brachiale Urgewalt ist, die sich mit ihren hypnotisierenden Shows tief in die Herzen ihres Publikums spielt.


Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

 

Die vermeintliche Politisierung des zuvor diesbezüglich nicht besonders auffälligen Trios bleibt auf ihrer fünften Platte, die den heutzutage recht aufgeladenen Titel „Fake“ trägt, für das breite Publikum aus. Das Politische passiert zwischen den Zeilen und offenbart sich nur durch die subversive Rezeption der Hörerschaft. Im Fadenkreuz steht dabei genauso der muffige Rand der Gesellschaft wie der narzisstische moderne Mensch, der sich ausschließlich durch Selbstoptimierung definiert. Musikalisch dominieren die altbewährten Strategien, das Wechselspiel zwischen Leisem und Lautem verschärft sich auf dem von Ralv Milberg in der Toskana aufgenommenen Meisterwerk, das dadurch eine fast schon poppige Finesse bekommt. Dabei wäre die Bezeichnung „Pop“ nur eine infame Unterstellung, die sich ob der nicht existenten Massentauglichkeit der „am miesesten gelaunten Rockband“ des Landes (Die Zeit) als haltlos erweist.


Das ganze Album auf Bandcamp:


 

 

Molly Burch – First Flower (2018)

Nach einem vielversprechenden Debüt liefert Molly Burch ihr Meisterstück ab: First Flower ist zurecht auf gefühlt jeder Jahresbestenliste vertreten.

 

Erschienen am 5. Oktober 2018 auf Captured Tracks

Text: Samira Wacker

2018 war ein gutes Jahr für weibliche Künstlerinnen: Da wäre einmal das grandiose Comeback von Robyn, die uns nach 8 Jahren quasi aus dem Nichts „Honey“ um die Ohren haut, Hinds, die sich nach dem diesjährigen Dockville Festival endgültig in mein Herz gespielt haben und schlussendlich Cardi B, die uns mit ihrer Erfolgsstory zeigt, dass es doch noch Märchen gibt. Auch wenn sie 2018 im Stripclub und nicht hinter den sieben Bergen beginnen. Bei der Auswahl an starken Alben möchte ich euch aber eine Künstlerin empfehlen, die dieses Jahr leiser, aber nicht weniger bestimmt, verzaubert hat – Molly Burch. Die 27-Jährige wuchs in der Schauspielszene LAs auf, entschied bewusst gegen den Trubel der City of Angels und zog nach North Carolina, um dort Jazzgesang zu studieren. Ihre Labelheimat hat sie bei Captured Tracks gefunden. Nach einem vielgelobten Debüt, indem sie vorrangig eine gescheiterte Liebesbeziehung verarbeitete, erschien im Herbst nun das schwierige zweite Album. Die instrumentale Ummantelung auf „First Flower“ ist warm, kleinteilig und trotzdem zurückgenommen genug, um dem Gesang genug Freiraum zu geben. Der Sound erinnert an verträumte 60s-Balladen, aber auch Einflüsse von Gesangsgrößen wie Nina Simone, die Burch als große Inspiration nennt, kann man heraushören. Stimmlich verfügt Molly über eine große Bandbreite, was sicher auf ihre professionelle Ausbildung zurückzuführen ist. Der Gesang wirkt stellenweise brüchig und weich, in anderen Momenten der Platte stark und bestimmt. Die ganz eigene Art, Worte wie Kaugummi langzuziehen, um sie danach abrupt abzusägen, ist beeindruckend. Mit den Worten „Why do I care what u think? You‘re not my father.“ beginnt das Album sofort mit einem Highlight. „Candy“ ist die bittersüße, tanzbare Abrechnung mit einer toxischen Beziehung.


Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Während Songs wie „Without You“ und „Dangerous Place“ sich, wie bereits auf ihrem Debüt, mit gescheiterter Liebe auseinandersetzen, überzeugt „First Flower“ mit einer thematisch größeren Bandbreite. Besonders hervorzuheben ist hier „To The Boys“, der mit seiner sanften aber bestimmten Fuck-You-Attitüde begeistert. “I don’t need to scream to get my point across/I don’t need to yell to know that I’m the boss.” – Zeilen wie diese zeigen, dass sich Molly Burch während der Arbeit an „First Flower“ mit den eigenen Ängsten auseinandergesetzt und Friede mit ihren vermeintlichen Schwächen geschlossen hat. Diese emotionale Transparenz ist, was „First Flower“ als Album dieses Jahr so besonders macht – ein 11-Track-starkes Loblied auf die Softness. Während das Debüt konsequent von Herzschmerz durchzogen war, gibt es auf dem Nachfolger mit „Candy“, „Wild“ und „To The Boys“ auch Momente des Triumphes, eine Feier der eigenen Imperfektion. Gesangliche Finesse gekoppelt mit der verträumten musikalischen Ummantelung überzeugen im Zusammenspiel. „First Flower“ hinterlässt ein warmes und zufriedenes Gefühl, macht Lust aufs Verlieben und überzeugt auf Platte genauso wie live.


Das ganze Album bei Bandcamp:


 


Nebenan im Plattenregal:

The Saxophones – Songs of the Saxophones (2018)
Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)
Anna St. Louis – If Only There Was A River (2018)

Kali Uchis – Isolation (2018)

Nach ihrer EP „Por Vida“ wurde Kali Uchis schon 2015 als neue Pop-Hoffnung gefeiert. Im April 2018 erschien das Debütalbum „Isolation“ der kolumbianischen US-Amerikanerin, das zwar Assoziationen zu modernem Neo-Soul zulässt, aber viel mehr ist als ein weiteres R&B-Album im 90er-Jahre Nostalgiegewand.

Erschienen am 13. April 2018 bei Virgin EMI

Text: Schira Kissin

„Isolation“ ist eine Auseinandersetzung Uchis mit der Einsamkeit, die sie als Teenager erfahren hat. Nach einem Streit mit den Eltern zieht die damals 17-jährige aus und schläft monatelang in ihrem Auto. In dieser Zeit entstehen Gedichte, die später zu Songtexten wie dem von „Loner“, erschienen auf der EP „Por Vida“, oder „Killer“, dem Schlusstrack des Albums, werden. „If you loved me, you wouldn’t put me through it“, singt Uchis mit ihrer zart rauchigen Stimme in „Killer“ über missbräuchliches Verhalten innerhalb einer Beziehung, die sie über fünf Jahre führt und durch die sie sich tiefer von ihrer Umgebung isoliert.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

„I’m packing all my bags and leaving it behind / there’s no tracking where I’m going” kündigt Kali Uchis im Intro „Body Language“ an und setzt damit nicht nur inhaltlich sondern auch musikalisch den Ton für „Isolation“. Innerhalb der nächsten knappen Stunde überrascht die Sängerin immer wieder mit verschiedensten Einflüssen und scheut nicht davor zurück, sich dafür die ein oder andere Starbesetzung mit ins Boot zu holen. Von Rapperin BIA, mit der sie in „Miami“ den American Dream besingt, zu The Internet‘s Steve Lacy in der Selbstfeierungshymne „Just a Stranger“, Tame Impala’s Kevin Parker, der die träumerischen Sounds auf „Tomorrow“ einspielt, Jorja Smith in der neo-souligen Single „Tyrant“, Tyler The Creator und Funk-Legende Bootsy Collins in der Hitsingle „After The Storm“ bis hin zu Damon Albarn, mit dem sie sich auf melancholischste Art bei „In My Dreams“ eine Welt erträumt, in der die einzige Sorge die Wahl des Outfits ist.

Auf ihrem Debütalbum überzeugt Uchis mit Einflüssen aus Bossa Nova, Soul, Reggaeton und Funk und erschafft so ein überraschend kohärentes Werk, das sowohl instagramsüchtige Teenies als auch den ein oder anderen selbsternannten Musikexperten überzeugt.


Das ganze Album bei Spotify:


Nebenan im Plattenregal:

Natalie Prass – The Future and the Past (2018)
Homeshake – Fresh Air (2017)
Slow Dancer – In A Mood (2017)

Phosphorescent – C’est la vie (2018)

Musikalische Landflucht: Auf seinem siebten Studioalbum als Phosphorescent genießt Matt Houck vor allem die neue Harmonie in seinem bisher so unsteten Leben.

Erschienen am 5. Oktober 2018 bei Dead Oceans

Text: Alexander Graf

Irgendwie ja beruhigend, dass sich auch Künstler mit den ganz banalen Fragen des Älterwerdens konfrontiert sehen. Phosphorescent-Mastermind Matthew Houck und seiner Frau und Keyboarderin Jo Schornikow ging es jedenfalls vor ein paar Jahren ähnlich wie den meisten hippen Großstadtpärchen mit Ende 30. Das Problem: Warum eigentlich noch in der überteuerten aber winzigen Kiezbutze in New York City residieren, wenn man seine Abende sowieso nur noch mit Windelwechseln oder Netflix verbringt? Die beiden packten also den Nachwuchs ein und ließen sich in Nashville, Tennessee, nieder. Ein Neuanfang im Heartland der amerikanischen Musik – für den Songwriter ein Umzug mit Symbolwert, zurück zu den Wurzeln seiner getriebenen Americana-Gospels und fragilen Country-Elegien. Dort verbrachte Houck dann die Zeit seit der Veröffentlichung seines gefeierten letzten Albums Muchacho (2013) damit, sich in aller Seelenruhe ein neues Studio in einem alten Lagerhaus aufzubauen und an der nächsten Platte zu arbeiten.  

Videotipp: Live on KEXP

Der 40-jährige Zausel aus den Südstaaten hat also offenbar endlich sein Glück gefunden – und das hört man. Nach fast 20 Jahren im Kampf mit den eigenen Dämonen, geschwächt von exzessiven Touren, Trennungen, Krankheiten und Großstadtneurosen, klingt Matt Houck auf C’est la vie erstmals geläutert, gesund und zufrieden. Man gönnt es ihm von Herzen. Auch wenn diese neue innere Ruhe der Platte die von Phosphorescent gewohnten inhaltlichen Abgründe und Untiefen nimmt. Es ist in der Kunst nun mal wie im echten Leben: Die allzu schönen Geschichten langweilen meist recht schnell.

Klanglich bleibt das Ganze immerhin ebenso gewohnt eigensinnig und kunstvoll. Schließlich hat es kaum ein anderes musikalisches Projekt in den vergangenen Jahren so geschickt verstanden, gängige Country-Klischees zu brechen. Wer also auf seufzende Pedal-Steel-Gitarren, hymnische Chorgesänge und nasale Gitarrensoli steht, aber auf den üblichen Kitsch gerne verzichten kann, der ist bei Phosphorescent nach wie vor an der richtigen Adresse. Dennoch: Nach C‘est la vie verdient sich Matt Houck vor allem eine Auszeichnung für sein Lebenswerk – Einsteiger greifen besser zu Muchacho oder dem Vorgänger Here’s to Taking it Easy.


Das ganze Album auf Spotify:


Nebenan im Plattenregal:

Cordovas – That Santa Fe Channel (2018)
Damien Jurado – The Horizont Just Laughed (2018)
Okkervil River – In the rainbow rain

Charles Watson – Now That I’m A River (2018)

Als Teil von Slow Club und zuletzt The Surfing Magazines mag Charles Watson schon einigen von euch begegnet sein. Auf seinem Solo-Debüt zeigt er endlich sein wahres Gesicht und überzeugt mit fantastischem Songwriting sowie äußerst geschmackvollen Arrangements.

Erschienen am 18. Mai 2018 bei Moshi Moshi

Zusammen mit Rebecca Lucy Taylor erzielte Charles Watson zehn Jahre lang beachtliche Erfolge beim Publikum und der Kritik. Zu Recht, denn als Slow Club gelang den beiden eine ganze Reihe von sehr guten Platten mit überwiegend verträumtem, aber sehr facettenreichem Soft Rock. Rebecca machte sich schließlich unter dem Pseudonym Self Esteem mit deutlich experimentellerem Electro-Pop selbstständig, während Charles zusammen mit David Tattersall und Franic Rozycki von The Wave Pictures sowie Dominic Brider die Pubrock-Supergroup The Surfing Magazines gründete.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

In Rahmen der oben genannten stilistischen Eckpunkte spielt sich nun auch das Solodebüt von Charles Watson ab: Die Songs sind die Stars und bekommen jeweils einen musikalischen Mantel auf den Leib geschneidert. Wenn jemand für sich alleine ein ganzes Album auf diese Weise aufnimmt, wird das in der Regel eine sehr individuelle Angelegenheit. Das kann gerne mal in die Hose gehen, hier passt aber alles. Denn Charles Watson ist ein sympathisch verspielter Kerl, dessen musikalisches Empfinden ständig unbekannte Wege erschließt. Diese führen meistens von bewährten Ausgangspunkten hin zu völlig neuen Ideen und machen sein spätes Solodebüt so zu einem gleichermaßen vergnüglichen und ergiebigen Hörerlebnis.

Das ganze Album auf Bandcamp:

Ähnliche Platten:

Kevin Krauter – Toss Up (2018)
Nicholas Krgovich – Ouch (2018)
Jackson Macintosh – My Dark Side

Totally Mild – Her (2018)

Der Boom in Australien geht weiter: Totally Mild machen mit ihrem zweiten Album den entscheidenden Schritt von der hoffnungsvollen Newcomerband zum internationalen Geheimtipp.

Erschienen am 23. Februar 2018 bei Chapter Music

Als 2015 das Debüt „Down Time“ erschien, war das Echo außerhalb der australischen Heimat von Totally Mild sehr überschaubar. Ein paar Reviews gab es dennoch, und eigentlich waren sich alle Rezensenten einig über das außerordentliche Talent von Elizabeth Mitchell. Die charismatische Sängerin, Gitarristin und hauptamtliche Songschreiberin der Band stach schon damals mit einer außergewöhnlich voluminösen und charaktervollen Stimme heraus, die nun auch endlich entsprechend zugespitzten Songs gegenübersteht.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Die Bandbreite der Arrangements reicht von sonnengebleichtem Gitarrenpop über Balladen auf Synthie-Basis bis hin zu Anklängen an die nervöse Motorik des Post-Punk. Da sind sie wieder, die Achtziger, die es in Wahrheit nie gegeben hat. Zumindest nicht, bevor die heute aktive Generation einen gemeinsamen Klangkosmos aus den Seitenarmen des disparatesten aller Pop-Jahrzehnte destillierte. Machen wir uns nichts vor, damals war niemand gleichzeitig Fan von Joy Division, Kate Bush und Talk Talk. Heute ist das vollkommen üblich und wenn dabei so großartige Platten herauskommen wie diese hier, dann ist es auch gut so.

Das ganze Album auf Bandcamp:


Nebenan im Plattenregal:

Tops – Sugar at the Gate (2017)
Madeline Kenney  Perfect Shapes (2018)
Hoops – Routines (2017)

Connan Mockasin – Jassbusters (2018)

In der blühenden Musikszene Neuseelands hat sich Connan Mockasin über die Jahre den Status des Vorzeige-Weirdos erarbeitet. Auf seinem vierten Album erzählt er nun die Geschichte der fiktiven Band Jassbusters mithilfe von leise verschwurbeltem Soft Rock.

Erschienen am 12. Oktober 2018 bei Mexican Summer

Die Jassbusters sind eigentlich nichts weiter als eine Gruppe von Lehrern mittleren Alters, die eine Band gründen und seichte Grooves spielen. Die Charaktere haben zwar Namen, werden aber kaum näher beleuchtet. Auch eine Handlung fehlt weitestgehend, eigentlich geht es immer nur um die Musik. In Deutschland würde so etwas wahrscheinlich von Helge Schneider kommen und fürchterlich nach Jazz, Bier und billigem Rasierwasser riechen. Doch Connan Mockasin beweist mit diesem schrägen Konzept mal wieder, dass er Neuseelands schillerndster Popmusiker ist: Kaum hatte er sich als Kollaborateur von großen Stars wie James Blake oder MGMT ein wenig Rampenlicht gesichert, stürzt er sich Hals über Kopf in das absurdeste Albumprojekt seit Frank Zappas Joe’s Garage.


Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Minutenlang nuschelt sich Mockasin also fast unverständlich durch Beschreibungen von irgendwelchen belanglosen Szenerien, ohne Unterlass nudelt er mit einem unterbelichteten Gitarrensound über sehr wenige sanfte Akkorde. Zwischen den Songs gibt es kryptische Hörspielfragmente, die vorgeben, den nicht mal ansatzweise nachvollziehbaren Pseudo-Plot voranzutreiben. Das klingt auf den ersten Blick wie das Produkt einer bekifften Nacht im WG-Zimmer, so ziellos und windschief wird um den heißen Brei herumgespielt. Doch in diesem zur Schau gestellten Nebel der Lethargie verstecken sich Anmutungen eines atmosphärischen Narrativs und schließlich auch unzählige große Pop-Momente, die erst beim wiederholten Hören deutlich hervortreten. Ein extrem wunderliches Album, dessen Entdeckung sich für ein aufgeschlossenes Publikum über alle Maßen und auf Dauer lohnt.


Das ganze Album auf Bandcamp:


Nebenan im Plattenregal:

Kevin Krauter – Toss Up (2018)
Nicholas Krgovich – Ouch (2018)
Stephen Steinbrink – Utopia Teased (2018)