Yves Jarvis – Sundry Rock Song Stock (2020)

Psychedelic / Ambient / Free Form

Jetzt erst mal nach Hause, Kakao mit Bonusmaterial warm machen und ab auf die Couch. Die Blätter des Zitronenbaums vor dem Fenster wippen im Takt der Regentropfen, die Musik ist überall dazwischen. Du nimmst ein altes Buch vom Kaffeetisch, aber die Augen fallen immer wieder zu und du siehst nur noch blaue und gelbe Flecken. Na gut, dann halt einfach träumen. Von einer komplett grünen Welt ohne Menschen, aber mit vielen schrägen Vögeln. Wo immer die Sonne scheint und es immer regnet, wo immer Tag ist und immer Nacht. Wo die Bäume heimlich singen und tanzen, wo die Bäche aus dem Tal hinauf in die Berge fließen.

Nebenan im Plattenregal:
Yves Jarvis – The Same But By Different Means (2019)
Andre Ethier – Croak In The Weeds (2019)
Luke Temple – Both-And (2019)

Fooks Nihil – Fooks Nihil (2020)

Folk Rock / Indie Folk / West Coast

Die Sonne brennt herunter auf die Weinreben, da hinten glitzert das Wasser. Das Verdeck ist offen, der Fahrtwind trägt die ersten Klänge zu uns herüber. Wir stellen den alten Saab am Ende einer langen Autoschlange neben der Landstraße ab und laufen auf dem Seitenstreifen in Richtung der wild auf einer Wiese verteilten Zelte. Auf der Bühne stehen drei Typen mit Schlaghosen, flatternden Hemden und lange Haaren: Schlagzeug, Bass, Gitarre und dreistimmiger Gesang. Auch mit offenen Augen sind wir in einem Film über die goldenen Jahre der Westküsten-Musikszene. Die Zeit scheint vor etwa 50 Jahren stehen geblieben zu sein, hier beim Festival in Hamm am Rhein.

Konzert-Tipp: Fooks Nihil & Dux Louie – Sa 26.09.20 im Karlstorbahnhof Heidelberg

Das war 2018 und seither hatten Fooks Nihil genügend Zeit, ihre live damals schon extrem mitreißende Nostalgienummer auf Platte zu bannen. Jetzt ist das Debüt-Album da und Fans der Musik von damals werden nicht enttäuscht. Kennt ihr das auch, wenn ihr in einem ranzigen Plattenladen in der allerletzten Ecke eine Scheibe von einer völlig unbekannten Folk-Rock-Band aus den Siebzigern für drei Euro findet und die ist dann auch noch geil? Genauso fühlt sich das Debüt von Fooks Nihil an, und das ist ein verdammt gutes Gefühl. Denn solche Zufallsfunde aus der Vergangenheit sind seltener geworden, die Zeit der großen Entdeckungen in der Grabbelkiste ist vorbei. Umso schöner, dass es immer mehr jungen Bands wie Fooks Nihil gelingt, dem Sound von damals mit individueller Note und ohne Retro-Klischees neues Leben einzuhauchen.

Nebenan im Plattenregal:
Bonny Light Horseman – Bonny Light Horseman (2020)
Mapache – From Liberty Street (2020)
Loving – If I Am Only My Thoughts (2020)

Caroline Rose – Superstar (2020)

Indie Pop / Indie Rock / Synth Pop

Wer hätte geahnt, dass ausgerechnet sie eines Tages zur unumstrittenen Ikone der Popmusik aufsteigen würde? Jahrelang hatte sie sich mit ihrer abgerockten Punkband die Finger wund gespielt, jeden Abend stand sie auf einer anderen wackeligen Bühne in einem halbleeren, versifften Saal und spielte für eine Mischung aus notorischen Losern und hoffnungslosen Musiknerds ihre schrägen Songs. Die Städte waren klein, die Gagen noch kleiner, der zum Bandbus umfunktionierte alte Laster aus dem Altbestand der pleite gegangenen Umzugsfirma ihrer Mutter pfiff aus dem letzten Loch. Selten blieb das Publikum bis zum letzten Song, Zugaben wurden fast nie verlangt. Nach und nach hatte sich die Gewohnheit eingeschlichen, einfach irgendeinen Song als letzten anzukündigen, solange noch Leute da waren. Aus Müdigkeit und Verzweiflung kam diese Maßnahme bei jeder Show etwas früher, die Konzerte wurden immer kürzer. Eines Tages war es so weit, sie kam mit den Worten „Hey, this is our last song“ auf die Bühne. Das Publikum rastete aus und verlangte nach jedem Song eine weitere Zugabe, drei Stunden lang mussten sie ihr gesamtes Repertoire inklusive Coverversionen abspulen. Es war ein magischer Abend, alle lagen sich in den Armen und weinten vor Glück. Der alternde Feuilletonchef der dümpelnden Lokalzeitung war fassungslos und schrieb noch in der Nacht eine ganze Seite über das Konzert, der Rest ist Musikgeschichte.

Nebenan im Plattenregal:
TOPS – I Feel Alive (2020)
Caroline Rose – Loner (2018)
Kevin Krauter – Toss Up (2018)

Daniel Romano – Finally Free (2018)

Folk Rock / Indie Rock / Indie Folk

Als es in den deutschen Großstädten noch nicht überall fließendes Wasser gab, gingen die Menschen regelmäßig in Badehäuser. Oft hatten diese keine Schwimmbecken, sondern nur Duschkabinen oder kleine Räume mit Badewannen. Dann traf man seine Nachbarn im Warteraum, lernte sich kennen und tauschte Neuigkeiten aus. Mit der Sanierungswelle in den Wirtschaftswunderjahren wurden flächendeckend Bäder in Privathäuser eingebaut, mit den nun obsoleten Badehäusern verschwand auch ihre Funktion als Ort der sozialen Begegnung. Nicht so in der Mannheimer Neckarstadt, wo die Menschen die Tradition des Badbesuchs bis in die Achtzigerjahre pflegten. Heute ist das Alte Volksbad in der Mittelstraße ein Kreativwirtschaftszentrum und im Keller gibt es eine sogenannte Geschichtswerkstatt, wo regelmäßig Veranstaltungen wie Flohmärkte und auch Konzerte stattfinden. Die ehemalige Kasse wird zur Bar umfunktioniert, es gibt gutes regionales Bier und die Stimmung ist aufgrund der Mischung von angereisten Musikfans und einem sehr begeisterungsfähigen Stammpublikum aus dem Viertel einzigartig. Nicht selten greift die Atmosphäre nach ein paar Songs auch auf die winzige Bühne über, ungläubige Blicke werden ausgetauscht, ein gewaltiger Ruck geht durch den Raum. Und irgendwann nach 10 Pils an einem Montagabend stehen alle mit selbstgedrehten Zigaretten auf der Straße und helfen, den Bandbus einzuladen.

Die oben beschriebenen Gegebenheiten im Alten Volksbad ließen sich auch bei Konzerten im Kontext der folgenden Alben beobachten:
Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)
The 200s – Power Move (2019)
Daniel Romano – Modern Pressure (2017)

Anna Burch – If You’re Dreaming (2020)

Indie Rock / Indie Pop / Dream Pop

Seit Wochen hatte es ununterbrochen geregnet, ich saß jeden Tag viele Stunden an meinem Schreibtisch mit Blick hinunter ins Tal. Die Vorräte gingen langsam zur Neige, bald würde es wieder Zeit für den langen Fußmarsch ins Dorf werden. Die Wolkendecke war die meiste Zeit so dicht, dass Tage und Nächte sich nicht mehr abwechselten, sondern in einer sanften Wellenbewegung ineinander flossen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass es schon wieder viel länger hell war als noch vor dem Beginn des Regens. Als eines Abends plötzlich die Sonne herauskam und die ungewohnte Helligkeit mich blendete, schaute ich ungläubig hinaus in eine golden leuchtende Welt. Wie in Trance zog ich meine Jacke an und ging nach draußen, schnell durch einen Fichtenhain zu diesem Weg am Waldrand, auf dem ich um diese Uhrzeit noch etwas Sonnenlicht vermutete. Ich hatte mich etwas verschätzt, es fielen nur noch einzelne Strahlen zwischen Baumstämmen hindurch auf den knirschenden Weg. Als ich auf eine große Pfütze zuging, sah ich plötzlich eine riesige Kröte am Wegesrand. Ich setzte mich auf einen Baumstumpf gegenüber und wir betrachteten uns gegenseitig. Dann sagte ich in die Stille hinein: Grüß Gott! Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Die Kröte schaute mich weiter an, so als würde sie über eine passende Antwort nachdenken. Mehrere Minuten vergingen, ohne dass ein weiteres Wort gesprochen wurde. Dann hüpfte sie plötzlich davon, hinunter auf die klatschnasse Wiese.

Nebenan im Plattenregal:
Hand Habits – Placeholder (2019)
Bonny Doon – Long Wave (2018)
Stella Donnelly – Beware Of The Dogs (2019)

Mapache – From Liberty Street (2020)

Indie Folk / Folk Rock / Cosmic American Music

Wir sind wie die Higuerilla, diese wilde Pflanze, die an den magersten und schroffsten Orten wurzelt und sich vermehrt. Schau mal, wie sie im Sand wächst, im ausgetrockneten Abwasserkanal, in der gerodeten Fläche neben der Müllkippe. Sie bittet um nichts von niemandem, alles was sie zum Überleben braucht, ist ein Stück Boden. Weder die Sonne im Himmel noch das Salz in der Erde, nicht mal der Sturm über dem Meer kann ihr was anhaben, geduldig lässt sie sich von den Menschen treten und von den Traktoren überrollen. Doch die Higuerilla wächst weiter, verbreitet sich, ernährt sich von Stein und Abfall. Dort, wo wir an der Küste diese Pflanze finden, dort lassen wir uns nieder und bauen unsere Hütte. Denn hier werden auch wir leben können.

Nebenan im Plattenregal:
Mapache – Mapache (2019)
Cordovas – That Santa Fe Channel (2018)
Marla & David Celia – Daydreamers (2018)

Gabriel Birnbaum – Nightwater (2020)

Instrumental / Ambient / LoFi

Den ganzen Tag habe ich einen Bildschirm angestarrt, das schwachblaue Glühen hat sich durch die Netzhaut in mein Hirn eingebrannt. Ich bin seit Tagen so schlaflos wie die Stadt, in der ich lebe. Überall ist Lärm, alles ist in Aufregung, durch Drähte und Strahlen dringt die Unruhe bis ganz tief in mein winziges Appartement. Meine Ohren sind umschlossen von dicken Kopfhörern, die Augen habe ich seit Stunden nicht geöffnet. Ich erfühle die Aufnahmetaste, der Motor knackt kurz und das Band beginnt sich zu drehen. Meine Hände gleiten über die Klaviatur, ich drehe an den Reglern und lasse mich von der Strömung der Klänge treiben, weit weg in eine andere Zeit. Plötzlich ein lautes Knacken, das Band ist zu Ende. Ich öffne die Augen und sehe aus dem Fenster, es ist Tag. Ein Lieferwagen hält vor dem Liquor Store gegenüber, der Fahrer steigt mit einem Paket unter dem Arm aus und drückt auf die Klingel.

Nebenan im Plattenregal:
Luke Temple – Both-And (2019)
Yves Jarvis – The Same But By Different Means (2019)
Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (2017)

Sam Doores – Sam Doores (2020)

Folk / Country / Cosmic American Music

Gestern Abend habe ich beim Fischen im Bayou einen Alligator erspäht. Er lag ganz ruhig unter einem Mangrovenbaum, ungefähr sechzig Fuß entfernt. Ich wusste zuerst nicht, ob er tot war oder schlief, aber dann blinzelte er plötzlich und sah mir direkt in die Augen. Ganz langsam packte ich mein Angelzeug zusammen und lief rückwärts, Schritt für Schritt umkurvte ich die Tümpel. Als der Boden fester wurde, rannte ich los. An den Hütten vorbei bis zur Flussmündung, wo mein Freund George mit seiner Familie in einem Haus mit Anlegestelle lebt. Niemand war da, also nahm ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank auf der Terrasse und setzte mich ganz vorne auf den Steg. Die Sonne stand schon sehr tief und es war fast windstill, der Rauch meiner Zigarette stieg nach oben wie aus einem Schornstein. Ich nahm meinen Rucksack und kramte in den Taschen, bis ich etwas kühles, metallisches fühlte: Meine alte Mundharmonika.

Nebenan im Plattenregal:
Anna St. Louis – If Only There Was A River (2018)
The Deslondes – The Deslondes (2015)
Bobbie Gentry – Ode to Billie Joe (1967)

M. Ward – Migration Stories (2020)

Singer/Songwriter / Americana / Folk Rock

Es ist lange her, dass wir uns getroffen haben. Beim letzten Mal war ich noch einigermaßen jung und du warst noch nicht wirklich alt. Wir waren auf einer Hausparty mit den coolsten Leuten der Stadt, es gab Drogen und die Zeit stand still. Und jetzt also hier, in dieser dunklen Kaschemme. Der Rauch ist so dick und beißend in den Augen, ich habe dich fast nicht erkannt mit deinen grauen Haaren und deiner Kapuze. Du lehnst dich müde auf die Theke und erzählst mir, wo du überall herumgekommen bist in den ganzen Jahren. Wie du die ganze Welt auf den Kopf stellen wolltest und wie es sich anfühlte, all deine Träume nacheinander leise platzen zu sehen wie Seifenblasen im Regen. Jetzt ist alles vorbei und was uns bleibt, sind die langsam verblassenden Erinnerungen. Mach’s gut, hat mich gefreut dich mal wieder zu sehen.

Nebenan im Plattenregal:
Simon Joyner – Pocket Moon (2019)
Living Hour – Softer Faces (2019)
Cass McCombs – Tip of the Sphere (2019)

Loving – If I Am Only My Thoughts (2020)

Indie Folk / Folk Rock / Soft Rock

Ein kalter Herbstabend im Nordosten von Paris, du bist der frühe Vogel in diesem riesigen alten Schlachthof. Bis jetzt ist nur der Seitenflügel geöffnet, doch der erste Song der ersten Band weht schon herüber in den Eingangsbereich. Die Foodtrucks duften nach Raclette, Dim Sum und Flammkuchen, doch die leise Musik saugt dich hinein in diesen kleinen Raum mit Bar und Bühne, dessen Fensterfront den Blick zum Kanal öffnet und den Schein der Straßenlaternen hineinlässt. Doch du schaust nur nach vorne: Geschlossene Augen hinter den Mikrofonen, Streicheleinheiten fürs Schlagzeug, flauschige Gitarrenteppiche, Gänsehaut, ungläubige Blicke. Wenn der Abend so weiter geht, sind die Freudentränen nur eine Frage der Zeit.

Nebenan im Plattenregal:
Whitney – Forever Turned Around (2019)
Outer Spaces – Gazing Globe (2019)
Buxton – Stay Out Late (2018)