The Long Run: Mit Sea Moya durch Amerika. Teil 1 – Von Montreal nach NYC

Endlose Landstraßen, Filterkaffee im Diner und ganz viel Musik: Wer träumt nicht von einem endlosen Roadtrip durch Nordamerika? Für Elias von Sea Moya wird dieser Traum gerade im Tourbus wahr und wir sind happy, seine Tagebucheinträge in drei Etappen hier zu veröffentlichen.

Vor einem Jahr haben Sea Moya aus Mannheim den Sprung nach Montreal gewagt. Nachdem im Oktober ihr großartiges Album Falmenta erschien, sind sie diesen Frühling nach einigen Konzerten in Europa zum ersten Mal im großen Stil in Kanada und in den USA unterwegs. Was für ein Glück, das Bassist und Vorzeige-Redhead Elias auf den zahlreichen langen Fahrten im Tourbus immer wieder die Zeit findet, von ihren Abenteuern im Land der unbegrenzten Musikmöglichkeiten zu berichten. Im ersten Teil geht es um die Reise von Frankfurt nach Montreal, die Vorbereitungen für die Tour und die ersten paar Shows in Städten wie Toronto, Chicago, Detroit und New York City.

Von Frankfurt nach Montreal



Shit, der Bass ist bestimmt viel zu groß für’s Handgepäck. Und unsere Koffer sind vollgestopft bis zum Anschlag, mit Instrumenten und Merchandise außenrum als Schutz. Ob das gut geht? Die Counter-Lady am Flughafen findet jedenfalls im letzten Moment heraus, dass wir leider doch den vollen Preis für das Gepäck bezahlen müssen. Schade, aber dafür ist wenigstens im Flieger alles easy: Normalerweise darf mein Bass sogar bei den Stewardessen in der Umkleidekabine dabei sein, weil es sonst nirgends Platz gibt. In diesem Riesenvogel aber passt er locker in die Box über unseren Sitzen. Schon extrem impressive.

So vergeht die Reise erst mal im wahrsten Sinne des Wortes “wie im Flug” und wir kommen gefühlt nach einer Stunde in Montreal an. Die Passkontrolle in Kanada ist anscheinend für eine deutsche Band kein Problem, mit den Worten “Are you famous or what?” werden wir einfach durchgewunken. Erst am Zoll erregen wir mit unserem ganzen Zeug natürlich besondere Aufmerksamkeit und werden sofort nach allen Regeln der Kunst gefilzt. Puh, alles ok! Erleichtert können wir endlich mit dem Uber nach Hause, zu unseren Freunden in der WG. Übrigens ist es arschkalt, selbst für kanadische Verhältnisse. Immer wieder ein Schock und eine Temperatur, an die man sich nie wirklich gewöhnen kann.



Direkt am nächsten Tag lege ich im Maison 2109 auf, ansonsten suchen wir auf den lokalen Kleinanzeigen-Plattformen nach einem geeigneten Fahrzeug für die Tour. Das ist definitiv auch eine dieser Aufgaben, die in der Berufsbeschreibung “Musiker” damals nicht angegeben wurde und auch in der Popakademie nicht zum Lehrplan gehört. Trotzdem eine interessante Erfahrung zu sehen, was für Schrottkarren tatsächlich noch zum Verkauf angeboten werden und wie dreist die Verkäufer einen bescheißen wollen. Wenn das so weitergeht, müssen wir uns wohl nach einer Pferdekutsche umschauen.

Dann endlich der Lichtblick: Ein riesiger Dodge Ram, aktuell im Besitz eines Musikers. Leider ist der Typ gerade auf Tour, aber seine unfassbar nette Freundin zeigt uns den Schneeberg, unter dem die Kiste im Winterschlaf liegt. Wider Erwarten finden wir nach dem Ausbuddeln ein wahres Schmuckstück vor, ich stecke natürlich gleich erstmal den Schlüssel falschrum rein und krieg ihn nicht mehr raus. Aber dann klappt alles, der Motor schnurrt wie ein riesiges Kätzchen und wir fühlen uns sofort zuhause. Jetzt gilt es erst mal, unsere ganzen Verstärker und die restlichen Instrumente einzusammeln. Die sind nämlich bei allen möglichen Bands, Freunden, Eltern von Freunden und Freunden von Eltern von Freunden abgestellt. Ja, auch in Montreal ist Platz Mangelware aber die Leute sind auch sehr hilfsbereit.

Unsere erste Show auf dem Tourplan ist am 25. Februar in der Casa Del Popolo in Montreal, wo wir normalerweise zum Publikum gehören. Hier stößt auch Miles Francis dazu, der uns auf dem ersten Teil der Tour begleiten wird. Richtig starker Typ, seine aktuelle EP „Doves“ ist der Hammer. Der Abend ist dann ein voller Erfolg, der Laden platzt aus allen Nähten. Nicht nur alle unsere Freunde sind da, sondern auch superviele Leute, die wir noch nie in unserem Leben gesehen haben. Das ist ein extrem gutes Gefühl, besser kann man wirklich nicht in eine Tour starten. Jetzt haben wir noch drei Tage Zeit, um letzte Vorbereitungen zu treffen und uns von Montreal zu verabschieden.

Von Montreal nach Chicago

Wir sind on the road, endlich! Wow, was ein geiles Gefühl in unserer Big Blue Bijou über den Highway zu brettern. Leider noch ohne Musik, weil das Soundsystem kaputt ist. Aber ein bisschen Stille tut auch manchmal gut und gibt Raum für musikalische Ideen, die ich im Kopf sammle und ab und zu per Sprachmemo festhalte. Unser erster Stopp ist Kingston, eine mittelgroße Stadt am Lake Ontario. Wir spielen in einem Plattenladen mit wenig Platz aber extrem gutem Sound, es erinnert ein bisschen an die Tiny Desk Concerts. Am nächsten Tag geht es weiter nach Ottawa, wo wir unser allererstes Konzert in Kanada hatten und ein paar Leute kennengelernt haben, die auch alle mit ihren Freunden zur Show kommen. Und da ist wieder so ein Homecoming-Feeling, obwohl wir die Stadt eigentlich null kennen. Liegt auch an Kenneth, einem extrem liebenswürdigen Dude bei dem wir immer crashen.

Das nächste Konzert ist in Toronto, in einem Club namens The Boat. Das Viertel heißt Kensington Market und ist extrem angesagt, gegenüber ist die Handlebar in der wir das letzte Mal gespielt hatten. Hier spielen wir mit Miles Francis und einer lokalen Band, organisiert wurde das ganze von unseren band buddies Beams. Der Vibraphonist Keith hat den vielleicht abgefahrensten Job der Welt: Er ist Rental Goalie. What? Man kann ihn für einen Fuffi mieten, um ihm eine Stunde lang beim Eishockey mit dem Puck zu beschießen. Damit war er letztens sogar in der New York Times! Anyways, seine Band ist auch richtig stark und wir haben einen geilen Abend mit den Jungs.



Dann geht es weiter nach Windsor, das ist so etwas wie das kanadische Pendant auf der anderen Seite des Detroit River. So ein bisschen wie LU und Monnem, wääsch? Dort erst mal angekommen in der Phog Lounge, schnell ausgeladen bei Eiseskälte und plötzlich meint der Bar Dude: Sorry Boys, wir haben hier jetzt noch ne private Vermietung, ihr könnt dann um neun wiederkommen. Der Promoter ist aber sehr nett und nimmt uns mit nach Hause und bestellt die angeblich beste Pizza Kanadas. Das sagen irgendwie alle, aber am Ende ist die dann immer doch nur mittelmäßig nach europäischen Maßstäben. Dafür ist die spontane Jam-Session in seiner Garage definitiv Weltklasse.

Am nächsten morgen dann in Detroit über die Grenze. Wir sind meganervös, weil wir beim letzten Versuch einfach abgewiesen wurden und die Shows in den USA ins Wasser fielen. Erst filzen uns die Kanadier bei der Ausreise, dann noch mal die Amis bei der Einreise. Große Erleichterung, als sich das Ganze mit dem soliden Arbeitsvisum als reine Formsache herausstellt. Fühlt sich gut an, willkommen zu sein! Den Unterschied merkt man dann sofort beim Fahren: Die Straßen sind plötzlich doppelt so breit, die Trucks auch. Nach Detroit reingefahren, richtig stark, dann aber gleich wieder raus und auf den Highway Richtung Chicago.

Von Chicago nach Detroit

In Chicago hatte uns Blake, der Gitarrist von
Durand Jones & The Indications eine Show gebucht. Super Band, mit denen wir im Januar in Europa auf Tour waren. Sehr cute, dass er uns dann auch gleich einen europäischen Empfang bereitet mit Snacks, Mineralwasser, Pitas, Hummus und frischem Obst. Das hört sich selbstverständlich an, aber in Amerika kann man froh sein wenn man ein paar Biermarken bekommt. Als Vorband sind die Dendrons am Start, ebenfalls “alte” Freunde, die wir das Jahr zuvor auf einem Festival in Arkansas kennenlernen durften.

Morgens geht es dann weiter nach Bloomington, Indiana. Krasser Sturm auf dem Highway und unsere Big Blue Bijou wird immer wieder ordentlich weggedrückt, ziemlich scary aber wir sind dann doch sicher angekommen. Im Secondhandladen Goodwill treffen wir zufällig den Bassisten von Dasher, die gerade eine Platte bei Jagjaguwar herausgebracht haben. Supernetter Kerl, der im Kofferaum unglaublich viel Essen für ein Homeless Shelter oder so geladen hat, später auch zu unserer Show kommt und mit uns abhängt. Diesmal war es übrigens der Bassist von Durand Jones, der uns den Gig besorgt hat. Die Show ist mau besucht, sehr früh aber sehr lustig, weil danach noch das Public Viewing von der Oscar-Verleihung kommt. Auch ganz spannend bzw. interessant zu sehen wie Amis das so wahrnehmen.



In Detroit am nächsten Tag werden wir sofort von einem ganz besonderen Vibe gepackt. Die Kombination aus Verfall und Aufbruchsstimmung erinnert an Erzählungen aus Berlin um 1990. Viel Leerstand, viel Armut, hier und da auch schon Investoren, die gezielt die black neighbourhoods gentrifizieren. Der Club ist Downtown, heißt Deluxx Fluxx und haut uns um. Die Vorband Pato y Pato spielen ein geniales Ambient Set mit Synthies. Miles Francis, der inzwischen ein richtig guter Freund geworden ist, liefert grandios ab. Geil ist auch, dass echt sauviele Leute nochmal gekommen sind, die schon in Windsor auf der Show waren.



Am Tag danach haben wir ein bisschen Zeit, weil die Fahrt nicht allzu lang ist. Wir gehen erstmal ausgiebig frühstücken bei einem Laden namens Dilla’s Delights, der dem Onkel von J Dilla gehört. Die Lady hinterm Tresen namens Boogie Brown ist natürlich auch MC und erzählt uns einfach alles über Detroit, von Theo Parrish bis Hip Hop. Dann ins Motown-Museum in dem Gebäude, das damals das erste von acht Studios war. Unfassbar, wie viele legendäre Platten hier aufgenommen wurden. Unser Highlight ist der Guide, der unglaublich gut singen kann und auch bei jeder Gelegenheit eine Hook in den Vortrag einstreut. Im Control Room merkt er dann, wie ich auf das Equipment abfahre und weist mich mit einem freundschaftlichen “Not for sale, brother” in die Schranken. Zum Abschied gehen wir noch zu Peoples Records und ich kaufe viel zu viele Platten.

Von Detroit nach NYC

Endlich geht’s weiter und in Cleveland wartet eine weirde Eckkneipe auf uns. Einer der wenigen Besucher sieht aus wie ein Pirat, knallt dauernd super laut seinen Gehstock auf den Holzboden und brabbelt ununterbrochen Lines von Public Enemy. Trotzdem macht der Gig extrem Laune, irgendwann liege ich mit meinem Bass auf dem Boden und Miles steht plötzlich daneben und spielt einfach mit. Auch grandios ist der Abstecher nach Youngstown am nächsten Tag, dort spielen wir im Keller einer Bowling Alley und es gibt Free Bowling, Free Beers und Free Pizza für uns. Die Promoter sind nett aber in so einer Kleinstadt mit 50.000 Einwohnern ist es natürlich immer bisschen schwierig mit dem Publikum.

Morgens fahren wir quer durch Pennsylvania, immer an hübschen Bächen vorbei durch wunderschöne Hügel. Ein Scenic Drive, wie die Amerikaner sagen. Nachmittags dann das krasseste Kontrastprogramm, das man sich vorstellen kann: Welcome to New York City! Um drei kommen wir an und um vier hab ich gleich mal ein DJ Set bei The Lot Radio, mit Blick auf den Sonnenuntergang über einem Parkplatz mit der Skyline von Manhattan im Hintergrund. Unfassbare Vibes! Dann rüber zum Venue, die Jungs haben schon alles aufgebaut. Auch wieder geniale Musik am Start mit Operator Music Band, die eine fantastische neue Platte dabei haben und Miles Francis, der diesmal mit einem gigantischen Ensemble aufspielt. Die Gitarristin und die Keyboarderin von TEEN ist mit auf der Bühne, außerdem eine Drummerin und auch noch zwei Tänzerinnen in Morphsuits, die er wie Marionetten dirigiert. Der Laden ist zwar nicht voll, aber wer da ist flippt aus.



Bevor wir uns auf den Weg nach Washington D.C. machen und dieses Tagebuch erst mal ein paar Tage Pause einlegt, wollte ich noch kurz ein paar Gedanken zu New York City festhalten: Die Stadt hat einfach eine Energie, die man sonst nirgendwo findet. Alle sind immer superbusy, zielstrebig und scheinbar auf sich allein gestellt. Aber wenn man Leute kennenlernt geht es immer zackzack, man kommt sofort zum Punkt und kann superschnell Kontake knüpfen. Mich pusht das extrem, ich sauge die Energie immer gierig auf und ehrlich gesagt kitzelt es mich jedes mal, irgendwann auch mal hier zu wohnen. So, genug gefaselt! Wir sind jetzt mal on the road again und ich melde mich dann bald wieder, viele Grüße nach Deutschland. Auch von David! XO

Teil 2 – „Von NYC in Richtung SXSW“ erscheint am 31.3.

PHV Pop Up Studio: Zehn Sessions, Zehn Songs, Zehn Tage Utopie beim Metropolink Festival 2018

Ein Künstlerdorf als Stadt der Zukunft – dieser Idee widmet sich das PHVision Project, eine Kooperation zwischen dem Metropolink Festival und der IBA Heidelberg. Doch es geht nicht nur um Street Art und urbane Kunst: Im PHV Pop Up Studio werden an zehn Tagen zehn Lieder aufgenommen und zehn kleine Konzerte gespielt.

 

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San Jacinto Drive 14 – eine Adresse wie aus einem Hollywood-Film. Doch was nach einer Promi-Siedlung über den Hügeln von LA klingt, ist in Wirklichkeit ein leerstehender Straßenzug neben der A5 zwischen Heidelberg und Schwetzingen. Hier hat die U.S. Army in den Fünfzigern das Patrick Henry Village geschaffen, ein kleines Stück amerikanische Kleinstadt-Idylle, komplett mit geschwungenen Straßen, den obligatorischen Hofeinfahrten und freistehenden, strahlend weißen Einfamilienhäusern mit Garten und Garage. Nach vielen Jahren im Dornröschenschlaf wird es langsam ernst, die Internationale Bauausstellung Heidelberg hat große Pläne für einen Stadtteil der Zukunft. Doch erst mal soll das PHVision Project in Zusammenarbeit mit dem Metropolink Festival das Gelände künstlerisch erschließen, vor allem mit Street Art und Musik.

Da Kunst im urbanen Raum im Idealfall ein paar Jahre überdauern kann, Musik aber sofort verflogen ist, gab es von Anfang an den Wunsch nach einer Aufzeichnung der Konzerte. Daraus entstand schließlich die Idee eines Pop Up Studio, in dem Bands am Tag ihres Auftritts einen Song aufnehmen können. Festival-Leiter Pascal Baumgärtner verrät: „Wir wollten ein physisches Ergebnis haben, ein Stück Musik, das hier auf dem Festival entsteht. Ein Tape kann man zu Hause aufbewahren wie einen Katalog zur Ausstellung. Das zeigt auch eine gewisse Wertschätzung für die Musik, die viel mehr ist als ein akustischer Soundtrack zur Kunst.“ Dass für ein solches Projekt auf Anhieb keine internationalen Bands engagiert werden konnten, versteht sich von selbst. Ist aber gar nicht schlimm, denn in Heidelberg und Umgebung gibt es genug Menschen, die ihr Leben der Musik widmen und die Teilnahme mehr als verdient haben.

Und so ist ein Programm entstanden, das sich aus technischen Gründen zwar auf akustisch geprägte Musik konzentriert, aber dennoch jede Menge Abwechslung und auch einige Überraschungen bereithält. Da gibt es alte Hasen und junge Talente, Rampensäue und Proberaum-Weltmeister, traditionalistische Gitarrenmusik, lateinamerikanische Einflüsse und auf den ersten Blick unpassendes wie Drumcomputer und wabernde Synthesizer. Doch wie damals in Los Angeles, als sich der berühmte California Sound entwickelte, wird auch die entspannte Atmosphäre im San Jacinto Drive dafür sorgen, dass sich die unterschiedlichen Elemente zu einer eigenen kleinen musikalischen Welt zusammenfügen. Gerade auf das Team kommt da natürlich die Mammutaufgabe zu, neben dem Recording-Marathon jeden Abend auch noch ein kleines Konzert zu betreuen, das je nach Wetter im Wohnzimmer der Studiovilla oder im Garten stattfinden wird. Allerdings ist die Vorfreude groß und alle Beteiligten können es kaum abwarten, endlich loszulegen. Hier das volle Programm, die jeweiligen Facebook-Events mit mehr Infos sind als Links hinterlegt:

Do 19.7. Dominik Baer
Fr 20.7. Zelia Fonseca
Sa 21.7. Alexander Maisenhelder
So 22.7. Gringo Mayer (Solo)
Mo 23.7. Alex Auer
Di 24.7. Harrison McClary
Mi 25.7. Bal (XX)
Do 26.7. Koku & Pyne
Fr 27.7. Wild Mustang
Sa 28.7. SIM

Alle Konzerte beginnen um 21 Uhr
Eintritt frei / Pay what you want
Infos & Wegbeschreibung

Australierinnen, die ungestimmte Fuzzgitarren spielen: Die Trends aus der ersten Halbzeit des Jahres

Wie schnell die Zeit vergeht. Schon wieder ist ein halbes Jahr vorbei und in diesem Zeitraum ist eine unfassbare Vielzahl von großartigen Platten erschienen. Zeit, ein kleines Zwischenfazit zu ziehen und einige Beobachtungen festzuhalten.

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Kaum hat man die Weihnachtsplatten ausgepackt und im Regal einsortiert, nähert sich schon wieder mit Riesenschritten das garstige Sommerloch. Bevor wir alle in den wohlverdienten Sommerurlaub gehen, ist also erst noch ein kurzes Zwischenfazit nötig. Denn auch das Musikjahr rauscht ganz gerne mal an einem vorbei, ohne das irgendwelche konkreten Charakteristika hängen bleiben. Kein Wunder bei der Unmenge an Veröffentlichungen und der unfassbaren stilistischen Bandbreite.

Aber es gibt da schon ein paar Dinge, die sich irgendwie gehäuft haben. Und zwar in einem solchen Maße, dass die meisten Beispiele sogar für mehrere der entdeckten Trends gültig sind. Um es kurz zu machen: Die Fantasie-Band der Stunde besteht aus jungen Frauen und Männern aus Australien, spielt ungestimmte Gitarren durch ein Fuzzpedal und hat ein Lyric Video mit politisch motivierten Texten veröffentlicht. Das gibt es in der Konstellation zwar noch nicht komplett, aber Phantastic Ferniture (Bild) könnten es mit ihrem Ende Juli erscheinenden Debüt-Album tatsächlich noch schaffen…

1. Anti-Tune

Nach dem im Mainstream ohne Auto-Tune fast nichts mehr geht und auch der Rap-Underground exzessiven Gebrauch von künstlicher Intonation macht, kann man im Indie-Bereich seit neuestem eine Gegenbewegung ausmachen. Einfussreiche Produzenten wie Sam Evian verbannen Tuning-Pedale aus dem Studio und lassen damit eine leichte Verstimmung der Gitarren zu. Plötzlich kann man dann auch wieder in der Gesangskabine dreckig intonieren, ohne dass es gleich schief klingt wie bei der unfähigen Schülerband von nebenan.

Beweismaterial:
Sam Evian – You, Forever (2018)
Buck Meek: Buck Meek (2018)
L.A. Salami – The City of Bootmakers (2018)

2. Das Lyric Video

Ein Musikvideo zu drehen bedeutet enormen Aufwand und kostet einen dicken Arsch voll Geld. Beides Dinge, die bei den lustigen Musikanten von heute nicht von den Bäumen wachsen. Schließlich verdient man mit der Musik so gut wie nichts, also tourt man die Hälfte des Jahres um die Welt und schafft sich den Rest der Zeit in versifften Bars den Buckel rund. Andererseits ist es auch gähnend langweilig, die geile neue Single einfach mit dem Albumcover als Standbild hochzuladen. Diesem Dilemma verdanken wir den endgültigen Durchbruch des Lyric Videos, einer wunderbaren Vernunftehe zwischen HD Stock Footage und kostenlosen Video-Apps mit Textfunktion.

Beweismaterial:
Rolling Blackouts Coastal Fever: Hope Downs (2018)
Dick Stusso – In Heaven (2018)
River Whyless – Kindness, A Rebel (2018)

3. Australien

Wenige Länder sind in den vergangenen Jahren auf der Coolness-Skala so dermaßen abgesunken wie Australien. War das Auswandern nach „Down Under“, das Anfeuern der „Socceroos“ und der Verzehr von Zitronenbier aus dem Hause „Two Dogs“ vor wenigen Jahren noch das Maß aller Dinge, so ist das Work&Travel-Halbjahr nach dem achtjährigen Abitur heute so etwas wie der Big Mac unter den spätpubertären Party-Sabbaticals. Ein Glück, dass die Musikszene des fünften Kontinents vehement zurückschießt: Die zeigt nämlich gerade den Amerikanern, wie man knackigen Folk-Rock für den Highway macht ohne sich in Retro-Klischees zu verheddern. Und dabei ist das wirkliche neue Album von The Paper Kites noch gar nicht erschienen, „On the train ride home“ war nur ein Teaser.

Beweismaterial:
Rolling Blackouts Coastal Fever: Hope Downs (2018)
The Paper Kites – On the train ride home (2018)
Phantastic Ferniture – Phantastic Ferniture (2018)

4. Frauen

 

Können Frauen im Trend liegen? Darf man das sagen oder ist das schon impliziter Sexismus, getarnt als heuchlerisches Wohlwollen eines männlichen Kritikers? Fakt ist: Ausgerechnet abseits des Mainstreams hat die Musikszene in den vergangenen sechs Jahrzehnten eine ziemlich üble Sausage Party gefeiert. In einer Band spielen und auf Tour gehen, das war bis weit in das 21. Jahrhundert hinein noch fast ausschließlich eine sogenannte „Männersache“. Wenn schon Frau dann bitteschön als Solokünstlerin mit wohlfeilen Gitarrenakkorden und einem zarten Stimmchen, begleitet von ein paar – selbstverständlich männlichen – Mucker-Veteranen. Und deshalb ist es erfreulich, das so viele Frauen in Bands spielen, Bands gründen, gleichberechtigte Duo-Partner sind oder echte Bandleader werden. Vor allem, da die Ergebnisse qualitativ so überzeugend sind, dass selbst die unverbesserlichen Sexisten unter den Kritikern mal ordentlich das Maul gestopft bekommen.

Beweismaterial:
Halo Maud – Je Suis Une Île (2018)
Sunflower Bean – Twentytwo in blue (2018)
Natalie Prass – The Future and the Past (2018)

5. Der Fuzz ist zurück

Wollen wir uns jetzt wirklich auf diese zugegebenermaßen ziemlich nerdige Ebene herablassen und über Gitarren-Effekte reden? Ja, wollen wir. Müssen wir! Denn nachdem letztes Jahr jeder Akkord in mehreren Hektolitern psychedelische Chorus-Marinade eingelegt wurde, kann man in diesem Jahr die Wiedergeburt des eigentlich unschönsten aller Verzerrungs-Sounds beobachten. Fuzzzzz – der Name sagt alles über den Klang. Der Sound entstand schon Ende der Fünfziger, allerdings nicht durch die Überhitzung von Röhren, sondern durch einen wirklich kaputten Verstärker. Zunächst tauchte er ausgerechnet in der Country-Musik auf, dann auch im Surf-Rock, später bei den Beatles und ihren Nachahmern. In den 70ern wurde der Effekt dann durch die Entwicklung von „besser“ klingenden, knackigeren Verzerrern verdrängt und fiel für ein paar Jahrzehnte in einen mehr oder weniger tiefen Dornröschenschlaf. Höchste Zeit für ein fröhlich sägendes Revival im weitgefächerten Spektrum der traditionsbewussten Rockmusik von heute.

Beweismaterial:
Dr. Dog – Critical Equation (2018)
Dick Stusso – In Heaven (2018)
Marla & David Celia – Daydreamers (2018) / Coming soon!

6. Politik

Nach der Machtübernahme durch Trump war die Verunsicherung in der extrem liberal eingestellten Indie-Szene Amerikas groß. Was kann, darf, soll oder muss ich musikalisch und textlich tun, um mich zu einem freiheitlich-demokratischen Amerika zu bekennen? Zu diesem Zeitpunkt wartete allerdings schon ein Jahresvorrat an absolut unpolitischer Wohlfühlmusik auf seine Veröffentlichung, kritische Stimmen warfen den Musikern Eskapismus und eine innere Emigration in nostalgische Gefühle vor. Ein schwachsinniger Gedanke angesichts der Planungszeiträume in der Musikindustrie, schließlich dauert die Reise von der Idee im Kopf zur Platte im Regal in der Regel mindestens ein Jahr. Konnte man gegen Ende des vergangenen Jahres durchaus schon den ein oder anderen politischen Unterton heraushören, häufen sich in diesem Jahr die eindeutigen Statements ziemlich eindeutig. Das ist uneingeschränkt zu begrüßen, denn wenn wir heute eins nicht brauchen dann ist es Kunst, die sich in die Inszenierung einer heilen Welt flüchtet und vor der Realität die Augen verschließt.

Beweismaterial:
Natalie Prass – The Future and the Past (2018)
Okkervil River – In the Rainbow Rain (2018)
Dick Stusso – In Heaven (2018)

Maifeld Derby 2018: 5 Highlights, die noch richtig underground sind

Das Maifeld Derby steht kurz bevor und die Headliner sind wohlbekannt. Aber was machen wir am Samstagnachmittag oder wenn es vor den großen Bühnen so voll wird, dass man einfach mal eine Pause vom Trubel braucht? Hier gibt es den ultimativen Guide zu den diesjährigen Geheimtipps des beliebten Festivals in Mannheim!

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Foto: Bal

Wer die Headliner und die angesagtesten Bands des Jahres sind, kann jeder auf dem Plakat ablesen. Festivals wie das Maifeld Derby leben aber auch von den Neuentdeckungen, den Außenseitern und Local Heros, die sich abseits der Rush Hour einen Wolf spielen. Es gibt nicht wenige Musikfreaks, die ihre besten Erlebnisse am frühen Nachmittag oder auf einer kleinen Bühne haben. Und das bei Konzerten von Bands, deren Namen sie zuvor niemals gehört hatten. Als kleine Motivationshilfe gibt es hier dieses Jahr deshalb die Best of never heard before: Für alle, die mehr wollen als nur ein paar Lieblingsbands an einem Wochenende zu sehen und dazwischen am Bierstand herumzulungern. Denn das reicht nicht, um in ein paar Jahren den Max zu machen und zu behaupten, dass man den Grammy-Gewinner schon damals auf dem Maifeld gesehen hat!

1. GREAT NEWS (Norwegen)

Außer Öl und Lachs kam schon lange nichts mehr mit Substanz aus Norwegen. Mit Great News ändert sich das, denn die Jungs aus Bergen klingen wie eine Kreuzung aus The War on Drugs und den Simple Minds. Gleichzeitig mit der coolsten und der uncoolsten Bands aller Zeiten verglichen werden, ist alleine schon eine große Leistung. Noch geiler ist höchstens, dass Synthie-Bombast und treibender Panorama-Rock sich hier durchaus erfolgreich paaren und emotional für multiple Höhepunkte sorgen. Spätestens mit diesem Konzert sollte man also am Freitagabend das Wochenende einläuten!

Wann kommt der Durchbruch: Genau jetzt. Nein, jetzt. Oder doch erst jetzt.
Slot: Fackelbühne / Freitag, 18:40-19:20



2. FENNE LILY (England)

Introvertierte Klänge kommen im Festivalkontext leider oft zu kurz. Im Zweifelsfall passt die Band mit den lauten Gitarren und dem geilen Schlagzeuger nun mal einfach besser zum Alkoholpegel. Deshalb wird es auch bei Fenne Lily weiter oben auf der Tribüne ein reges Kommen und Gehen geben, das die aufmerksam lauschenden Musikliebhaber zur Weißglut treiben wird. „Lass ma hinsetzen“ sagt da jemand und bekommt ein müdes „Nee, da penn ich ein“ zur Antwort, dann wird noch ein bisschen diskutiert, nur um letzten Endes doch wieder Richtung Mainstage bzw Bierstand zu verschwinden. Tipp: Einfach mal vorne hinsetzen, Fresse halten und zuhören!

Wann kommt der Durchbruch: Auf Spotify schon eingetütet
Slot: Parcours D’Amour / Freitag, 20:55 – 21:45


FIBEL (Mannheim)

Wer bei diesem Song nicht anfängt zu tanzen, hat weder Herz noch Beine. Und wer bei dieser Stimme und dem euphorisierenden Vortrag nicht an die glorreichen Zeiten von Maxïmo Park denkt, hat Paradeiser auf den Ohren. Aber FIBEL sind nicht nur Mannheims Antwort auf britischen Indie-Post-Punk und Wiener Schmäh, sondern vor allem eine extrem mitreißende Live-Band. Das wird ordentlich fetzen, trotz der frühen Uhrzeit!

Wann kommt der Durchbruch: Am Samstag, den 16.6.2018 um 15 Uhr
Slot: Fackelbühne / Samstag, 14:20 – 15:00


THIS IS THE KIT (England)

Wenn eine Wette läuft, welches das schönste Konzert auf dem Maifeld Derby 2018 wird, ist das hier wahrscheinlich der heißeste Tipp. Ein langer Tag in der Sommerhitze ist vorbei, der Sonnenuntergang hängt noch mit einem Zipfel am Horizont. Was gibt es dann besseres als einen Sitzplatz auf der Tribüne, ein kühles Bier und grandiose Folksongs zum Zuhören und Genießen? Danach steht dann fast zur Diskussion, ob man den Tag einfach abhakt und nach Hause radelt, um am Sonntag wieder früh fit zu sein.

Wann kommt der Durchbruch: Nach dem nächsten Album
Slot:
Parcours D’Amour / Samstag, 22:00 – 23:00


BAL (Heidelberg)

Letztes Jahr haben die vier mit ihrem psychedelischen Indie-Rock beim Brückenaward den Sit-In zum Sonnenuntergang in eine wilde Tanzfläche verwandelt. Folgerichtig dürfen sie dieses Jahr auch im gleichnamigen Zelt auf dem Maifeld Derby ran, um die verkaterte Sonntags-Crowd wieder aufzurichten. Sagen wir mal so: Wenn das jemand schaffen kann, dann die sympathischen Slacker von BAL.

Wann kommt der Durchbruch: Wahrscheinlich nie, aber das ist auch gut so
Slot: Brückenaward Zelt / Sonntag, 14:40 – 15:30

Rettet das Echo!

Alle schreiben über den Echo. Hier soll es ausnahmsweise in erster Linie um DAS Echo gehen, einen musikalisch reizvollen und gesellschaftlich notwendigen Effekt, der zumeist nach geräuschvollen Ereignissen wahrzunehmen ist.

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„Wie man in den Wald hineinschreit, so schallt es heraus“ sagt der Volksmund und meint, dass alle Verfehlungen den Verantwortlichen irgendwann auf die Füße fallen. Der vermeintlich wichtigste deutsche Musikpreis trägt also einen Namen, der an poetischer Wahrheit kaum zu überbieten ist. Das Echo zum Echo zeigt nämlich auf, was in unserer Gesellschaft so alles erfolgreich resoniert. Das ist einerseits erschreckend, andererseits auch hochinteressant.

Die eigentliche Fehlkonstruktion besteht darin, dass der Echo alles auszeichnet, was da so resoniert. Das ist zum einen ungerecht, denn die Ausgezeichneten haben schon alles, wovon die meisten Musikschaffenden nur träumen können: Ein geregeltes Einkommen durch kommerziellen Erfolg. Zum anderen ist es schwachsinnig, denn die kommerziell erfolgreichsten Werke sind ja nicht automatisch die besten. Vor allem aber ist es traurig zu sehen, welche Musik am beliebtesten ist.

Es ist völlig falsch, die Integrität von in der Vergangenheit ausgezeichneten Personen jetzt danach zu beurteilen, ob sie nun medienwirksam ihre Echos zurückgeben oder nicht. Man sollte sie vielmehr fragen, warum sie es nötig hatten, das Ding überhaupt erst anzunehmen. War es jemals eine künstlerisch wertvolle Auszeichnung, den gleichen Preis zu bekommen wie die ganzen Arschlöcher, die dem Volk ihren akustischen Sondermüll andrehen?

Die hat es nämlich schon immer gegegeben und nicht wenige von ihnen hätten auch antisemitische Sprüche geklopft, wenn so etwas als ertragreiches Geschäftsmodell darstellbar gewesen wäre. Früher hätte der Handel den Schrott aus dem Regal nehmen müssen, die Aufmerksamkeitsblase durch den medialen Aufschrei wäre ohne Cashout zerplatzt. Doch heute wird Musik vorrangig über anonyme Plattformen wie Amazon, Spotify und Apple Music vertrieben, die sich einen Dreck um die Kritik scheren.

Wir brauchen heute mehr denn je ein Echo für die Musikindustrie in Deutschland, aber es muss ein differenziertes und wenn nötig auch ein vernichtendes Echo sein. Wir brauchen eine bis zum Anschlag beworbene Fernsehshow zur Primetime, in der Musikschaffende und kritische Medien einen rituellen Gesamtveriss dessen abhält, was kommerziell erfolgreich ist. Wir brauchen eine kathartische Zeremonie, die durch die Brutalität ihrer Kritik die monströsen Auswüchse des Battle-Raps als spätpubertäre Provokationen entlarvt.

Setzt die besten und streitbarsten Promis in die Jury, die es gibt: Emcke, von Rönne, Böhmermann, Polak, Westernhagen, wenn es sein muss auch Campino und vielleicht sogar Dieter Bohlen. Beschallt sie ein Wochenende lang mit der kommerziell erfolgreichsten Musik und lasst sie dann auf einem Podium darüber herfallen. Live vor der Kamera, vor einem Millionenpublikum im Fernsehen und online. Das wäre eine Echo-Verleihung, die den Namen verdient.

5 Highlights, die du beim Maifeld Derby 2017 leider verpassen wirst

Wie es sich für ein Festival gehört, ist es auch beim Maifeld Derby 2017 unmöglich, alle Bands zu erleben, die man unbedingt erleben muss. Um euch die Entscheidungen noch schwerer und die Versäumnisse noch schmerzhafter zu machen, habe ich ein paar besondere Härtefälle zusammengestellt. Gern geschehen!

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TOPS fielen 2015 der Mittagssonne zum Opfer. Foto: Carina Huber / Marsmädchen

Jeder kennt das: Da hat man monatelang Line-Ups verglichen und schließlich schweren Herzens eine Niere vertickt, um genug Kohle für ein Ticket und den Rest zu haben. Und dann spielen ausgerechnet die zwei allerliebsten Lieblingsbands gleichzeitig auf den am weitesten voneinander entfernten Bühnen. Aber es gibt noch andere Gründe, die ersehnten Konzerterlebnisse zu verpassen. Vom Stau auf der Autobahn über die Schlange bei der Einlasskontrolle bis hin zur Alkoholvergiftung, deren Folgen am nächsten Tag und zu schönes oder zu schlechtes Wetter – das Repertoire ist grenzenlos. Bei Tops aus Kanada kamen 2015 so ziemlich alle Gründe zusammen, weshalb ich das Konzert auf der Fackelbühne bei strahlendem Sonnenschein um 14 Uhr gefühlt alleine genießen konnte. Und natürlich gibt es auch dieses Jahr ein paar heiße Kandidaten für den ultimativen Versäumnis-Fail:

1. Heim (D)
Freitag, 23.00 Uhr im Brückenaward-Zelt

Was verpasse ich da?
Ein paar junge Männer aus der bayrischen Provinz, die nicht nur mit ihrem Album „Palm Beach“ (Tapete Records) den deutschsprachigen Post Rock neu erfunden haben, sondern auch eine der elektrisierendsten Livebands sind, die es im Moment gibt.

Warum verpasse ich das?
Vermutlich, weil du dich mit ein paar attraktiven Personen zum parallel angesetzten Bilderbuch-Konzert im Palastzelt verabredet hast und sie vergeblich „zwischen der zweiten und der dritten Säule“ suchst.


2. Ryley Walker (USA)
Samstag, 22.10 Uhr im Parcours d’amour

Was verpasse ich da?
Stell dir vor, Van Morrison hätte kurz nach der Veröffentlichung von Astral Weeks einen Dreier mit Donovan und Nick Drake gehabt, und aus dieser Liebesnacht wäre ein gemeinsamer Sohn der drei hervorgegangen. Anders ist die Existenz von Ryley Walker nicht zu erklären.

Warum verpasse ich das?
Vielleicht bist du am Samstag um die Uhrzeit gerade so in Fahrt, dass du keine Lust hast, auf der Sitzplatztribüne des Reitstadions gemütlich zu chillen. Höchstwahrscheinlich suchst du aber immer noch nach diesem „Parcours d’Amour“ und fragst dich, ob damit vielleicht die Flirtzone vor den Dixieklos gemeint sein könnte.


3. Mitski (USA)
Sonntag, 14.00 Uhr auf der Fackelbühne

Was verpasse ich da?
Eine japanischstämmige Singer/Songwriterin aus New York, die trotz ihres zarten Alters von gerade mal 26 Jahren auf vier großartige LPs zurückblicken kann und deshalb aus einer unglaublichen Menge von immer noch aktuellem Material die besten Festivalsongs herauspicken kann.

Warum verpasse ich das?
Vermutlich ist es am Samstagabend nicht bei zehn leckeren Maurerbomben von der Weschnitztaler Braumanufaktur geblieben. Natürlich hast du auf dem Rückweg noch alte Freunde getroffen, die dich dann überredet haben, auf einen Absager in die beliebte Kneipe „Zur Wüste“ mitzukommen. Am Sonntag wachst du dann so gegen 15.00 Uhr auf und schaffst es leider nicht vor dem Schlussakkord von Spoon um 16.30 Uhr, einen halbwegs festivalkompatiblen körperlichen Zustand zu erreichen.


4. Whitney (USA)
Sonntag, 14.40 Uhr im Palastzelt

Was verpasse ich da?
Manche würden sagen: Vielleicht die beste Band des Festivals. Andere würden sagen: Nix. Auf jeden Fall verpasst du den vielleicht besten Schlagzeuger, der gleichzeitig Leadsänger seiner Band ist und so eine unglaubliche Dynamik in den folkigen bis souligen Indierock zaubert. Also vielleicht schon eher die beste Band des Festivals.

Warum verpasse ich das?
Sagen wir mal, du hast es tatsächlich geschafft, am Samstag bei fünfeinhalb Bier aufzuhören, vor drei Uhr ins Bett zu gehen und am Sonntag rechtzeitig aufzustehen und das Gelände zu erreichen. Willst du dich dann an einem strahlend schönen Nachmittag wirklich in das dunkle Palastzelt begeben? Ich nicht. Aber für Whitney mach ich’s wahrscheinlich doch.



5. Andy Shauf (CAN)

Sonntag, 19.30 Uhr im Parcours d’amour

Was verpasse ich da?
Schau dir das Video an, hör dir an was die spielen und vor allem wie. Andy und seine Freunde sind nämlich nicht nur die größten Nerds aller Zeiten, sondern spielen unfassbar ausgefuchsten Folk-Rock, der Beiläufigkeit und Perfektionismus auf ungeahnte Weise zusammenbringt.

Warum verpasse ich das?
Also dafür gibt es nun wirklich überhaupt keine ernstzunehmende Ausrede, oder musst du etwa deinen Papa zu seiner gleichzeitig auf der Fackelbühne spielenden Lieblingsband Primal Scream begleiten? Wir wollen es mal nicht hoffen…


Natürlich sind die meisten Versäumnisse vermeidbar. Alles eine Frage der Disziplin, Organisation und sorgfältigen Abwägung. Aber wollen wir auf einem Festival diszipliniert und organisiert sein oder irgendetwas sorgfältig abwägen? Nein, wir wollen uns vollsaufen, zufällig neue Bands entdecken und den ein oder anderen sozialen Moment erleben – was auch immer das im einzelnen heißen mag. Und dabei kommt zwangsläufig heraus, dass wir auch mal etwas verpassen, dass uns dann hinterher alle als heißesten Scheiß aller Zeiten unter die Nase reiben. Das ganze Leben ist nicht viel mehr als eine unendliche Aneinanderreihung von Versäumnissen, jedenfalls wenn man seinen Fokus auf die verpassten Gelegenheiten richtet.

Vielleicht werde ich mich irgendwann damit abfinden, aber dafür ist auch noch nächste Woche Zeit. Bis dahin genieße ich erst mal, wie ein Bessesener den Timetable zu studieren und die wichtigsten Bands als Termin mit Vorwarnung in mein Handy einzugeben. Noch habe ich nix verpasst!


Disclaimer: Dieser Artikel beabsichtigt nicht, Kritik an der Planung des Festivals zu führen. Überschneidungen und die Platzierung von attraktiven Bands in unattraktiven Slots sind bei einer Programmgestaltung in dieser Größenordnung unvermeidlich.

Fünf brandneue Alben für den Sommer

Von Juli bis September tut sich auch auf dem Musikmarkt ein Sommerloch mit epischen Ausmaßen auf. Aber keine Sorge, allein im Juni kommen so viele tolle Platten heraus, dass man damit locker bis zum Herbst durchhält. Viele Bands wollen nämlich unbedingt noch neue Musik veröffentlichen, bevor es richtig losgeht mit der Festivalsaison. 

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Irgendwann hat es mal ein schlauer Kopf von einer großen Plattenfirma gemerkt: Die Leute kaufen einfach viel weniger Musik, wenn sie sich irgendwo am Strand von der Sonne rösten lassen. Wenn man im Sommer in einen Plattenladen geht, sind in dem Regal mit den Neuerscheinungen deshalb oft genauso wenige Scheiben wie Wolken am blauen Himmel.

Das heißt aber nicht, dass im Sommer weniger Musik gehört wird. Gerade auf Reisen ist ein gutes Album immer noch eine der schönsten und beliebtesten Arten, sich die Zeit zu versüßen, egal ob im Autoradio oder mit Kopfhörern im Flugzeug. Und wer nicht wegfahren kann, nutzt vielleicht ab und zu die sommerliche Einsamkeit im Büro, um die Computerboxen mal richtig aufzudrehen und einen akustischen Kurzurlaub anzutreten. Damit ihr in jedem Fall gut über den Sommer kommt, sind die Neuerscheinungen für Juni im Soft Rock Café schon mal vorab hoch und runter gelaufen und dabei haben sich ein paar besonders heiße Tipps herauskristallisiert.

1. TOPS – Sugar at the gate

Um ihr drittes Album aufzunehmen, ist die bezaubernde Jane Penny mit ihren Jungs extra aus der Indie-Metropole Montreal nach LA gezogen. Das hat sich gelohnt, denn ihr Gitarrenpop klingt luftiger und sonniger denn je, auch wenn die Texte keineswegs so oberflächlich sind, wie es die sorglose Musik der Band vielleicht beim ersten Hören vermuten lässt. Das perfekte Album für einen Nachmittag am Strand oder für diesen Moment im Büro, wenn man einfach mal die Augen schließt um von einer einsamen Insel zu träumen.

Das Album und einen ausführlichen Artikel findet ihr ab dem 2.6.2017 hier!

2. Big Thief – Capacity


Wer sich von melancholischer Musik leicht runterziehen lässt, sollte sich dieses Album vielleicht eher für den letzten Urlaubstag aufheben. Denn Adrienne Lenker aus Brooklyn und ihre detailverliebte Band machen nicht nur wunderschöne Rockmusik mit einem Hauch Folk, sondern befassen sich auch mit tiefschürfenden Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz und kommen dabei nicht nur zu positiven Schlussfolgerungen. Aber dennoch oder auch gerade deswegen ist Capacity ein geniales Album, zum Beispiel für eine weintrunkene Nacht auf dem Balkon.

Das Album und einen ausführlichen Artikel findet ihr ab dem 9.6.2017 hier!

3. Michael Nau – Some Twist

Michael Nau ist einer dieser klassischen Slackertypen, die keinen Gedanken an ihre Karriere verschwenden und lieber mit viel Herzblut ein Album nach dem anderen veröffentlichen. Diese entspannte Herangehensweise ans Leben ist für einen Moment lang extrem ansteckend, wenn er mit tiefer Stimme seine verhallten Folkperlen vorträgt. Da entsteht eine unglaublich dichte Atmosphäre, die ganz ähnlich wie Big Thief eher in ein nächtliches Setting passt, aber deutlich hoffnungsvoller in die Zukunft blicken lässt.

Das Album und einen ausführlichen Artikel findet ihr ab dem 16.6.2017 hier!

4. Fleet Foxes – Crack-up

Die Fleet Foxes muss man eigentlich nicht mehr groß vorstellen. Es versteht sich von selbst, dass dieses Album nicht nur von vielen Musikhörern und Fans, sondern auch innerhalb der Musikszene sehnlichst erwartet wird. Jeder will wissen, was die vielleicht einflussreichste Folkband unserer Zeit als nächstes macht, welche künstlerischen Richtungsentscheidungen getroffen werden. Auf jeden Fall gibt es wieder mehr traditionelle Klänge und sehr ausschweifende Songs, weshalb sich das Album zum Beispiel hervorragend dazu eignet, eine längere Autofahrt durch ländliche Gebiete zu untermalen.

Das Album und einen ausführlichen Artikel findet ihr ab dem 16.6.2017 hier!

5. The Deslondes – Hurry Home

Wer schon von der geringsten Prise Pedal Steel und Mundharmonika einen allergischen Schock bekommt, sollte von dieser Platte die Finger lassen. Leider ist die Country-Phobie gerade in Deutschland weit verbreitet, sodass die Vielfalt dieser gigantischen Musikwelt und Bands wie The Deslondes aus New Orleans hier weitestgehend unbeachtet bleiben. Das ist schade, denn die Jungs knüpfen nahtlos an ihr fantastisches Debüt-Album an und schenken uns den perfekten Soundtrack für eine Grillparty mit alten Freunden, viel Barbecuesoße und noch mehr Bourbon auf Eis.

Das Album und einen ausführlichen Artikel findet ihr ab dem 23.6.2017 hier!

Natürlich ist das nur eine ganz kleine Auswahl von vielen tollen Platten, die im Juni auf uns zukommen werden. Darunter gibt es große Namen wie Alt-J, London Grammar, Phoenix, Sufjan Stevens, Tindersticks und Saint Etienne, aber auch Geheimtipps wie Algiers und Kevin Morby. Ich werde natürlich versuchen, euch hier jede Woche so gut es geht auf dem Laufenden zu halten und noch weitere Alben für den Sommer für euch zu aufzuspüren. Und für alle Fälle gibt es ja auch noch das mittlerweile recht stattliche Archiv, in dem sich aktuelle Veröffentlichungen der letzten Monate aber auch wiederentdeckte Scheiben aus lange vergangenen Zeiten verstecken. Für Musik ist also reichlich gesorgt, jetzt müsst ihr nur noch die Getränke eurer Wahl kaltstellen und den Sommer genießen.

Warum es das Tanzverbot vor Ostern wirklich gibt

 

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Im Juli 2014 fand in Heidelberg eine seltsame Podiumsdiskussion mit Politikern und Kirchenvertretern statt. Der Titel der Veranstaltung lautete „Sind Tanzverbote noch zeitgemäß?“ und diese Frage wurde wie erwartet von allen Beteiligten verneint. Für die Pfarrer in der Runde war das aber kein Argument gegen Tanzverbote, im Gegenteil. Man wolle auf den bestehenden Rechtsprivilegien beharren und das weltliche Leben „stören“ so gut es geht. Wer ein mal in der Nähe einer Kirche gewohnt hat und mehrmals täglich in den Genuss des sogenannten „vollen Geläuts“ kam, kennt diese Strategie vielleicht schon.

Für viele junge Leute ist das Tanzverbot vor allem eine absurde Gängelung, ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. So einfach ist es aber nicht, denn kulturanthropologisch gesehen ist die Geschichte dieser umstrittenen Regelung hochinteressant. Das Tanzverbot ist einer der letzten Reste einer repressiven Gesetzgebung, die verbietet und bestraft, wo gar keine konkreten Rechtsansprüche verletzt werden. Denn es gibt in den allermeisten Fällen weder eine zeitliche noch eine räumliche Nähe zwischen Kirchen und Clubs, und niemand wird durch das Tanzen anderer in der von der Religionsfreiheit geschützten Ausübung seines Glaubens eingeschränkt.

Wie bei vielen Verboten, die inzwischen abgeschafft wurden (Homosexualität, Kuppelei) handelt es sich um eine Beschränkung der Freiheitsrechte zum Schutz dessen, was man früher Sittlichkeit nannte, also keiner rechtlichen, sondern moralischen Verpflichtung geschuldet. Jeder politische Versuch, heute ein solches Verbot in irgendeinem Bereich neu aufzulegen, würde grandios scheitern. Man sieht das beispielsweise an der Diskussion um ein Verbot der sogenannten „Ballerspiele“. Nun ist das Tanzverbot aber schon da, und die Kirchen wehren sich mit allen Mitteln gegen jede weitere Lockerung. Um es argumentativ zu bekämpfen, muss man aber erst verstehen, warum es überhaupt entstanden ist. Und das geht leider nicht ohne einen etwas trockenen historischen Exkurs.

Bis ins späte 19. Jahrhundert hatte der Tanz eine singuläre gesellschaftliche Funktion. Tanzen war die einzige Gelegenheit, über Begrüßungsgesten hinaus in der Öffentlichkeit Körperkontakt zwischen potentiellen Sexualpartnern anzubahnen. Ähnlich wie der Exzess zu Karneval war auch die meistens Sonntags nach dem Gottesdienst angesetzte Tanzveranstaltung ein von der Kirche geduldeter Freiraum, in welchem man sich im Rahmen von bestimmten Regeln anfassen und beschnuppern konnte. Diese Institution diente ursprünglich nicht unbedingt der Partnersuche, denn die Liebesehe gibt es erst seit etwa 200 Jahren. In erster Linie diente der Tanz der Triebabfuhr, denn er bot jungen Menschen die Gelegenheit zu sexuellen Ersatzhandlungen und zu Momenten der Nähe mit der oder dem Geliebten. Das war natürlich in den meisten Fällen nicht die Person, die man später heiraten musste.

Wenn nicht gerade hohe Feiertage anstanden, verschloss der liebe Gott also ganz gerne seine Augen vor bestimmten Dingen, die sich eigentlich nicht gehörten aber letztlich nicht zu verhindern waren. Die katholische Kirche war übrigens in dieser Hinsicht lange Zeit wesentlich liberaler als die evangelische, die viele traditionelle Tänze aufgrund von unsittlichen Bewegungen kategorisch untersagte. Außerdem muss man wissen, dass die Sexualmoral im Mittelalter viel weniger repressiv gehandhabt wurde als in der frühen Neuzeit, als sich die Konfessionen in einen wahren Wettbewerb um das richtige Leben hineinsteigerten.

Ein weiterer Grund für die Einführung von Tanzverboten war, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen in Dorfgemeinschaften lebten, die jeweils eine gemeinsame Lebenswelt definierten. In den Dörfern gab es ein einziges Wirtshaus, zumeist neben der Kirche und das war in der Regel auch die einzige Location, in der Tanzveranstaltungen stattfinden konnten. Da es keinerlei Voraussetzungen für Lärmschutz gab und die Blas- und Schlaginstrumente für damalige Verhältnisse ähnlich laut waren wie unsere heutigen Clubanlagen, hörte selbst bei Indoor-Veranstaltungen garantiert das ganze Dorf die Musik. Die Lieder, die häufig mitgesungen wurden, waren voller Schweinkram, auch wenn sich die Anzüglichkeiten im Gegensatz zu heutigen Ballermann-Hits stets durch Codes vor der Zensur verstecken mussten.


Dass unter diesen Bedingungen Tanzveranstaltungen etwa am Karfreitag sowieso völlig undenkbar waren, ist selbstverständlich. Deshalb gab es auch im 18. und 19. Jahrhundert noch keine ausdrücklichen Tanzverbote an bestimmten Feiertagen. Im Gegenteil, es gab in den meisten deutschen Kleinstaaten ohnehin ein herrschaftliches Monopol für die öffentliche Aufführung von Musik, so dass für jede Tanzveranstaltung eine explizite Genehmigung notwendig war. Und auch später im deutschen Reich mit seinem bürgerlichen Recht ist wohl niemand auf die Idee gekommen, eine Genehmigung für eine Tanzveranstaltung am Karfreitag zu beantragen. Nicht weil es verboten war, sondern weil man den Antragsteller im wahrsten Sinne des Wortes für verrückt erklärt hätte.

Das Tanzverbot, so wie wir es heute kennen, ist also kein Relikt aus dem Mittelalter, es ist eine relativ neue Errungenschaft. Denn nach der sogenannten „Dekadenz“ der Weimarer Republik, in der endlich jeden Tag gefeiert werden durfte, sorgten tatsächlich erst die Nazis für flächendeckende staatliche Tanzverbote. Vorbild dafür waren die örtlichen Verbote während des ersten Weltkrieges, die nach verlorenen Schlachten erlassen wurden. Nach Beginn des zweiten Weltkriegs wurden diese Verbote nach und nach ausgeweitet, erst nach Stalingrad würde aus Respekt vor den Gefallenen ein generelles Tanzverbot verhängt, in Wirklichkeit vor allem um die Umtriebe der renitenten Jazz-Szene im Keim zu ersticken. So fand das Verbot von Tanzveranstaltungen seinen Weg in die Gesetzgebung und schließlich auch in das Feiertagsgesetz, das die Nazis zum „Schutz der Volksgesundheit“ viel schärfer ausformulierten als in anderen europäischen Staaten.

Ähnlich wie die Drogengesetzgebung wurde auch das Feiertagsgesetz nach dem Krieg weitestgehend übernommen, und die konservativen Regierungen in den Folgejahren hielten auch in dieser Hinsicht ihren faschistischen Vorgängern die Treue.

Heute haben sich viele der Voraussetzungen ins Gegenteil verkehrt: Soziologen berichten nicht nur im Hinblick auf digitale Welten von einer zunehmenden Vereinzelung der Lebenswelten. Die Jugend unterscheidet außerdem ganz selbstverständlich zwischen Party-Gastronomie und Clubkultur, meistens ohne sich dem einen oder anderen exklusiv zu verschreiben. Clubkultur ist außerdem vielleicht das Gegenteil dessen, was Tanzveranstaltungen in der guten alten Zeit wahren, und womöglich auch der Erlebnisraum, der die Funktionen von Gottesdiensten heute übernimmt: Gemeinschaftsgefühl, transzendentale Erfahrungen, Inszenierung von Nächstenliebe und Zusammengehörigkeit, kollektives Musikerleben, Wochenabschluss-Ritual, Ort für soziale Repräsentation und Prestigekonsum. Im Gegensatz zur Party-Gastronomie schafft die Clubkultur heute soziale Räume, in denen die Anbahnung von sexuellen Handlungen keine größere Rolle spielt als in der Straßenbahn oder im Gottesdienst. Höchstens in der schwulen Subkultur hat sich die sexuelle Funktion in vergleichbarer Form erhalten. Das Tanzverbot und seine Verteidigung durch konservativ-kirchlich geprägte Kreise kann also nur noch als Versuch verstanden werden, den Siegeszug eines überlegenen Konkurrenzprodukts zur konfessionell ausgeübten Religion zu verlangsamen.

Festivals: Jedes Jahr ein neues Leben

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Der folgende Text ist ein Auszug aus einem Artikel, den ich vor einigen Wochen für das Magazin „Kalle“ geschrieben habe. Er handelt von der Bedeutung von Festivals für das Leben und erzählt von einigen wenigen Stationen meiner selbst für mich unübersichtlichen Festivalbiographie.

Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um die ideale Position für das Zelt zu bestimmen. Weit genug weg von den Dixies, damit man nichts riecht. Aber mit einer Sichtachse, damit man den Reinigungstrupp als erstes bemerkt und sich ab und zu in einem jungfräulichen Scheißhäuschen erleichtern kann. Bloß nicht direkt an den Besucherströmen oder gar am Rückweg vom Festivalgelände, dem sogennanten Urinoco. Und vor allem, um Himmels Willen, niemals neben Jungs, die Lautsprecher wichtiger finden als ein vernünftiges Vorzelt.

Warum tun wir uns das alles eigentlich an? Jeder Festivalbesuch kostet nicht nur eine Stange Geld und jede Menge Nerven, sondern vermutlich auch ein paar Prozent Hörleistung und Lebenserwartung. Dafür darf man ein paar Tage lang im Dreck leben, wenig bis gar nicht und, wenn doch, sauschlecht schlafen, bei der einen Lieblingsband in tausende Handydisplays starren und die anderen jeweils zur Hälfte verpassen.

Aber ohne Chaos und mit mehr Komfort würde das ganze überhaupt nicht funktionieren. Denn alle Besucher sind dem Wetter, dem Schmutz und den euphorischen Höhenflügen gemeinsam ausgesetzt und verschmelzen spätestens ab dem zweiten Festivaltag zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, die Freud und Leid, Essen, Bier, Körperflüssigkeiten und Horrortrips brüderlich teilt. In dieser Utopie auf Zeit darf sich jeder frei von seiner Herkunft und Vorgeschichte neu erfinden, sich ausprobieren, an seine Grenzen gehen. Und wenn das Wochenende überstanden ist, nehmen wir nur so viel davon mit nach Hause, wie wir tragen können und wollen.

Mein erster Festivalbesuch war ein einziger Anfängerfehler. Mit einer Gruppe von musikbegeisterten Jungs hatte ich mich zu Beginn der Nullerjahre durch Konzertbesuche immer weiter nach Norden vorgestastet, wo damals unserer Meinung nach die Musik spielte. Nach weitgehend unbeschadeten Ausflügen zur Batschkapp in Frankfurt, dem Schlachthof in Wiesbaden und dem E-Werk in Köln war es soweit, wir hatten einen Flyer des Festivals mit dem klangvollen Namen “Bizarre” studiert und die die lange Reise ins unentdeckte Land der niederrheinischen Provinz erschien uns angesicht der Bands gar nicht mehr so lange.

Fabian, der heute als Diplom-Betriebswirt in Australien wirkt und auf seinem Facebook-Profilbild eine grotesk überdimensionierte Sonnenbrille in den Landesfarben seiner Wahlheimat trägt, war damals stolzer Besitzer eines weißen VW-Transporters. Transportiert wurden in diesem Fall ungefähr sechs betont schäbig gekleidete Trunkenbolde, drei Zelte, gefühlt eine Palette Dosenbier und natürlich ein ausreichender Vorrat der mittlerweile sprichwörtlichen Ravioli. Ich kann mich an fast nichts erinnern.

Eine einsame, filmhafte Erinnerung in meinem Kopf zeigt mich, wie ich in der Schlange zur Autogrammstunde der Band “Jimmy Eat World” stehe. Meine erste Freundin durfte damals nicht mit. Ich war der festen Überzeugung, dass ihr diese Band etwas bedeutete und kaufte eine CD, um sie signieren zu lassen. “See you later on stage”, sagte ich noch lässig zum Sänger, von dem ich vermutete, dass er Jimmy hieß. Jimmy nickte freundlich, aber irgendetwas an seiner Miene beunruhigte mich. Hatte ich etwas falsches gesagt? Befürchtete er nun, ich würde bei seinem Auftritt auf die Bühne kommen, weil wir uns so gut verstanden hatten bei der Autogrammstunde? “Hi Jimmy, it’s me. We met at the autograph session, remember?”

Beim Konzert stand ich dann ziemlich weit vorne und fand, dass er schlecht sang. Das Mitbringsel war schließlich ein echter Reinfall, sie mochte die Band nicht besonders, hasste das neue Album und fand Autogramme allgemein “schwachsinnig”. Ich war natürlich ein bisschen gekränkt, aber im Nachhinein muss ich zugeben, dass sie in allen Punkten recht hatte, wie bei so vielem. Ein paar Wochen später machte sie Schluss.

Den kompletten Text, einen Guide mit meinen Tipps für die Festivalsaison und viele weitere Artikel zum Thema könnt ihr ab sofort in Printform im Kalle studieren. Das Heft gibt’s im Karlstorbahnhof und überall in Mannheim und Heidelberg, wo diese praktischen Ständer von Fahrwerk im Weg herumstehen!

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