Bonny Light Horseman – Bonny Light Horseman (2020)

Folk / Indie Folk

Ein fettes Dankeschön für diesen grandiosen Album-Tipp geht an Hendrik aus Mannheim, der mit seinem Vorschlag auch gleich eine kurze Skizze für den folgenden Text beisteuerte:

Seit zwei Tagen liege ich flach. Rücken. Mit 28. Stundenlang habe ich die Knubbel auf der Raufasertapete gezählt, beim Verschwimmen beobachtet und ihre Konstellationen interpretiert. Direkt über mir an der Decke ist das Sternbild der Klampfe, es besteht aus 22 Punkten und zeigt eine Westerngitarre von Martin aus den Fünfzigerjahren. So eine wollte ich schon immer haben, auch wenn ich ein miserabler Gitarrist bin. Aber jetzt fängt das Holz an zu schwingen, meine linke Hand gleitet über das Griffbrett und die Finger meiner rechten Hand kreisen in fließenden Bewegungen um unsichtbare Muster zwischen den Saiten. Wenn ich wieder gesund bin und sitzen kann, dann leihe ich mir die Gitarre von meiner Nachbarin und lege so richtig los. Ernsthaft, ich werde üben bis mir die Finger bluten und mir die Akkorde zu den Ohren herauskommen. Und dann zock ich für euch am Lagerfeuer, und wir trinken Schnaps aus einer gemeinsamen Flasche und liegen uns in den Armen und alles ist wieder gut, obwohl ich immer noch jeden zweiten Griff verkacke. Krisen beuteln, Krisen zeigen auf, machen verwundbar und ängstlich. Krisen brauchen aber auch Momente, in denen man Mut schöpft und einfach weitermacht.

Nebenan im Plattenregal:
The Fernweh – The Fernweh (2018)
Anna St. Louis – If Only There Was A River (2018)
Tiny Ruins – Olympic Girls (2019)

Men I Trust – Oncle Jazz (2019)

Die Zeit ist reif: Men I Trust liefern feiern ihr beeindruckendes Debüt mit einer ausladenden Kollektion aus bis zur Unkenntlichkeit vernebelten Popsongs.

Return to Analog / 13.9.2019

Lang ist es her, dass Men I Trust ihre erste LP ankündigten. Doch eine stetig wachsende Fangemeinde auf der ganzen Welt wurde immer wieder vertröstet. Der Release-Termin wurde mehrfach verschoben und löste sich irgendwann in einem vagen „out soon“ auf. Dann ging alles ganz schnell: Nachdem schon fünf Singles vorab erschienen waren, wurde aus dem Debüt plötzlich ein Doppel-Album.

Warum die Veröffentlichung so lange hinausgezögert hat, wird für immer das Geheimnis dieser drei Kids aus Montreal bleiben. Ebenso wie die Antwort auf die Frage, wo diese unverschämten Hits alle herkommen. Fast jeder Song könnte im Radio unbemerkt zwischen unsterblichen Klassikern aus den frühen 80ern laufen – wäre da nicht diese knietiefe Synthie-Zuckerwatte in Zartrosa, die sich über das makellose Pophandwerk legt wie eine tonnenschwere Kuscheldecke.

FAZIT: Die perfekte Platte für eine geschmackvolle Umsatzsteigerung auf dem nächsten Verkaufsevent für Vintage Fashion.

Nebenan im Plattenregal:
Totally Mild – Her (2018)
Kevin Krauter – Toss Up (2018)
Tops – Sugar at the Gate (2017)

Pop Up Library (5.7.-20.7.)

The Soft Rock Café präsentiert: Die Pop Up Library auf dem Metropolink-Festival im Patrick-Henry-Village Heidelberg. Hier gibt es Bücher, Lesungen und auch den ein oder anderen musikalischen Beitrag. Klickt hier auf das Bild für mehr Informationen und das volle Programm!

Nachdem wir beim Metropolink Festival 2018 ein temporäres Studio eingerichtet und 10 Songs in 10 Tagen aufgenommen haben, geht es dieses Jahr um Literatur im erweiterten Sinne. Tagsüber ist unsere Pop Up Library mit gemütlichen Sitzgelegenheiten im Freien ein Ort zum Lesen, Schreiben und Bücher tauschen. Abends sind schriftstellerisch tätige Menschen zu Gast, um Texte vorzulesen und gemeinsam mit dem Publikum neue Themen zu entdecken. Im Herbst erscheint dann ein Büchlein mit den auf dem Festival entstandenen Texten, die Kassette „The San Jacinto Drive“ mit den Aufnahmen von 2018 ist dieses Jahr auf dem Festival erhältlich.

Zum Programm geht es hier:
www.thesoftrockcafe.com/popuplibrary

Anfahrt:
Metropolink-Festival / Patrick Henry Village, Heidelberg

The Soft Rock Café präsentiert: Tré Burt (USA) & T.S Bach in Karlsruhe und Heidelberg

Das erste Album von Tré Burt hat letztes Jahr nicht nur bei uns eingeschlagen, auch das Crowdfunding für die Vinylpressung war ein voller Erfolg. Jetzt gibt es im Südwesten endlich die Möglichkeit, den charismatischen Singer-Songwriter live zu erleben.

Samstag, 23.02.19 @ Lottis Traum, KA
Sonntag, 24.02.19 @ WOW Galerie, HD

Tré Burt aus Sacramento schwingt keine großen Reden über seine Musik. Das hat er auch gar nicht nötig, denn sein fließendes Gitarrenspiel und seine poetischen Songs sprechen für sich. Das erinnert mal an den frühen Dylan, mal an Jackson C. Frank oder Nick Drake und immer ein bisschen an Ritchie Havens, den Tre Burt auch als seinen Soul Brother bezeichnet. Mit seinem fantastischen Debüt-Album Caught it from the Rye im Gepäck reist er nun von Stadt zu Stadt und spielt jeden Abend eine Show. Was für ein Glück, das Karlsruhe und Heidelberg auf den letzten Drücker noch in eine plötzlich klaffende Lücke im Tourplan passte.

T.S Bach ist in Karlsruhe kein Unbekannter, lebt aber mittlerweile in der Heidelberger Altstadt. Wenn er dort nicht gerade als Frontmann der Surf-Band Dux Louie die Kellerclubs ins Schwitzen bringt, singt er seine Folksongs in Wohnzimmern, auf kleinen Bühnen oder einfach draußen in den Gassen. Auf seiner Debüt EP Baby Let Me Follow You Down hat er 2017 eine erste Duftmarke in der deutschen Folkszene hinterlassen, inzwischen arbeitet er endlich an seinem ersten Album.

Michael Nau – Mowing (2016)

Mit Projekten wie Page France oder Cotton Jones hat Michael Nau schon einige Fußspuren in der amerikanischen Folkszene hinterlassen, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängeln. Auch auf dem ersten Album unter seinem bürgerlichen Namen lässt er vor allem die Musik sprechen, die wie immer einiges zu sagen hat.

Mowing

VÖ: 19.2.2016 auf Suicide Squeeze

Klingt fast ein bisschen wie: Cotton Jones, Paul McCartney, Gram Parsons
Passt gut zu: Gartenstuhl, Zeitungspapier, Kaffee

Michael Nau könnte man als musikalisches Phantom bezeichnen, denn er taucht immer wieder mit vielversprechenden Projekten auf und verschwindet dann wieder, bevor eine breitere Öffentlichkeit auf seine Qualitäten aufmerksam werden kann. So geschehen mit seiner Band Page France, die mit ihrem psychedelischen Indie Folk in den USA viele heute sehr erfolgreiche Musiker stark beeinflusst hat, selbst aber nie über den Status eines Geheimtipps hinauskam. Und so war es auch mit seinem Soloprojekt Cotton Jones, das 2009 und 2010 für zwei großartige, aber damals völlig aus der Zeit gefallene Alben gut war und dann einfach wieder verschwand. Nun soll alles anders werden, und für den nächsten Anlauf hat er sich dazu entschieden, endlich seinen bürgerlichen Namen zu verwenden. Das passt, denn die Musik wirkt noch persönlicher und weniger stilisiert als bisher, ohne allerdings ihre atmosphärischen Qualitäten einzubüßen. Wer die Augen schließt und sich auf die Platte einlässt, sitzt plötzlich an einem Lagerfeuer und bekommt von einem alten Freund Lieder vorgespielt, die allesamt vergessene Klassiker aus längst vergangenen Zeiten sein könnten.

Das neue Album „Some Twist“ erscheint am 16.6.2017 auf Suicide Squeeze!

Big Thief – Masterpiece (2016)

Adrienne Lenker hat das Debütalbum ihrer Band als Meisterwerk betitelt und sich damit nicht nur Freunde gemacht. Mit ihrem krachendem Folkrock, bezaubernden Songs und extrem intensiven Texten wird die Platte ihrem Titel aber durchaus gerecht.

Masterpiece

VÖ: 27.5.2016 auf Saddle Creek Records
Klingt fast ein bisschen wie: Angel Olson, M. Ward, Bruce Springsteen
Passt gut zu: Vollmond, Freunde, Bier

Viel wurde darüber diskutiert, ob eine Band ihr Debütalbum Masterpiece nennen darf. Das ist eigentlich schade, denn dieses Album bietet neben einer Menge unglaublich guter Musik auch eine Menge deutlich ergiebigere Gesprächsthemen. Zum Beispiel, dass die Popmusik wie die Gesellschaft allgemein verlernt hat, sich mit den elementaren, aber unendlich tiefen Emotionen zu befassen, die man bekommt, wenn man sich mit den existenziellen Fragen des Seins konfrontiert. Wenn man darüber nachdenkt, was man auf dieser Welt zu suchen hat, wer die eigenen Eltern eigentlich sind, welche Ängste und Abgründe sich hinter unserer Sucht nach Liebe verbergen und viele andere Dinge. Adrienne Lenker würde nie auf die Idee kommen, einen Song über etwas zu schreiben, das nicht diese Intensität besitzt. Das könnte sehr anstrengend und prätentiös sein, aber ihre Songs sind ebenso wie das Spiel ihrer Band so unfassbar gut und ehrlich gefühlt, dass man sich eigentlich einfach nur mitreißen lassen will, auch wenn’s manchmal wehtut. Wer so ein Album macht, darf ihm gerne jeden beliebigen Namen geben, Masterpiece ist in diesem Fall jedenfalls keine Anmaßung.

Das neue Album „Capacity“ erscheint am 9.6.2017 auf Saddle Creek Records!

The Frightnrs – Nothing More to Say (2016)

Frightns

VÖ: 2.9.2016 auf Daptone
Klingt fast ein bisschen wie: Desmond Dekker, Jimmy Cliff, Charles Bradley
Passt gut zu: Sonne pur, Balkon, Rauch

Reggae zeichnet sich ja seit langem vor allem durch eine Gleichförmigkeit aus, die engagierte Musikhörer in den meisten Fällen abstößt. Wie es sich für das Retro-Label Daptone gehört, haben sich The Frightnrs auf ihrem Debüt aber so intensiv mit der Spielweise lange vergangener Tage auseinandergesetzt, dass am Ende vielleicht eines der besten Rocksteady-Alben aller Zeiten entstanden ist. Hinter diesem heute weitgehend vergessenen Begriff verbirgt sich die Übergangszeit vom ursprünglichen Ska zum Reggae, in der die jamaikanische Popmusik in mittleren Tempi sowohl zum Tanzen als auch zum Chillen einlud, je nach aktueller Präferenz des Zuhörers.

Die Entstehungsgeschichte des Albums ist leider nicht ohne Tragik: Während der Aufnahmen wurde beim Sänger Dan Klein die in akuter Form tödliche Nervenkrankheit ALS diagnostiziert, die man in ihrer chronischen Variante vor allem von Stephen Hawking kennt. Unter unglaublichen Anstrengungen vollendete er noch die Produktion und verstarb kurze Zeit später noch vor der Veröffentlichung. Deshalb ist Nothing more to say das erste und letzte Album einer Band, die nicht nur eine vergessene Musikrichtung auferstehen lässt, sondern dadurch auch der festgefahrenen Reggaemusik einen möglichen Ausweg aus der Kifferecke aufzeigt. Jedenfalls sind die Songs trotz allem einfach herzergreifend sonnig und setzen sich zu einer der unumstrittenen Platten des Jahres 2016 zusammen.

D.D Dumbo – Utopia Defeated (2016)

DD Dumbo

VÖ: 7.10.2016 auf 4AD/Liberation Music
Klingt fast ein bisschen wie: Sting, Yeasayer, Flock of Dimes, David Byrne
Passt gut zu: Autobahn, Sonnenaufgang, Kaffeebecher

Ein weiteres faszinierendes Debüt aus dem Jahre 2016 kommt von Oliver Hugh Perry, einem jungen Multi-Instrumentalisten und Musikgenie aus der australischen Provinz. Viele Musiker, die derart mit Talent gesegnet sind, verlieren sich im Zwang zur Progressivität, im Zurschaustellen ihrer Virtuosität oder brauchen Jahre, um ihre Kreativität unter Kontrolle zu bringen und für uns Musikhörer erfassbar zu machen. So etwas passiert hier nicht, denn hinter dem seltsamen Namen mit der noch seltsameren Interpunktion verbirgt sich ein unglaublich ausgereiftes Einmann-Bandprojekt, dass sich vor allem auf die extrem ausdrucksstarke Stimme und die charakteristische zwölfsaitige Gitarre konzentriert. Die Arrangements sind extrem detailreich, aber keineswegs aufdringlich und machen aus ohnehin schon großartigen Songs kleine popmusikalische Kunstwerke. Ein grandioses Debüt und vermutlich eine der besten Platten des Jahres 2016.

Mothers – When you walk a long distance, you are tired (2016)

Mothers

VÖ: 19.2.2016 auf Grand Jury Music
Klingt fast ein bisschen wie: Joanna Newsom, Angel Olsen, Nedelle Torrisi
Passt gut zu: Mittagsruhe, Schokolade, Blumen

Mothers ist eine ganz besondere Band und das hier ist ein ganz besonderes Debüt. Diese Musik ist so fragil und niedlich, dass man schon ganz genau hinhören muss. Wer die Platte aber an sich heranlässt und sie aus der Nähe betrachtet, erlebt sein blaues Wunder. Denn die Songs sind jeder für sich so tief wie ein Ozean und repräsentieren verschiedene Zugänge zur Konfrontation mit inneren Prozessen, die wir normalerweise ganz gerne aus unserem Alltag verbannen.

Abgesehen von dieser psychologischen Komponente liefert die Band aber einfach wahnsinnig gutes Kunsthandwerk ab. Jeder Akkord wird aus handverlesenen Tönen zusammengesetzt und löst sich wieder genau dort auf, wo das außerirdische Stimmchen von Songschmiedin Kristine Leschper mal wieder ganz viel Raum braucht. Diese luftige Qualität schafft die entscheidende Distanz zur amerikanischen Tradition, die irgendwo im Hintergrund verschwommen da ist, aber dem kreativen Zusammenspiel nie in die Quere kommt. Für Freunde von leisen Tönen vielleicht eine der besten Platten des Jahres 2016.

Drugdealer – The End of Comedy (2016)

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VÖ: 9.9.2016 auf Weird World
Klingt fast ein bisschen wie: Harry Nilsson, Todd Rundgren, Adam Green
Passt gut zu: Kaffeepause, Cookies, Hängematte

Glücklicherweise gab es in den letzten Jahren immer mehr Bands und Solokünstler, die einfach da weiter gemacht hat, wo man Ende der Siebzigerjahre im Technologierausch leider aufgehört hatte: Die Rede ist von klanglich traditionsbewusster Musik mit Innovationen im inhaltlichen und kompositorischen Bereich. Leider findet man in diesem Bereich inzwischen immer mehr Platten, die aufgrund von unglaublicher handwerklicher Perfektion und akribischer Stilkenntnis nicht mehr wie lebendiger Pop wirken, sondern wie Ergebnisse der experimenteller Archäologie, also unter historischen Bedingungen erzeugte Nachbildungen von Artefakten aus längst vergangenen Zeiten.

Michael Collins war bislang ironischerweise als experimenteller Beatbastler mit dem Namen Run DMT bekannt und haucht der Retromanie nun mit seinem ersten Album als Drugdealer einen gewissen DIY-Charme ein. Konsequent, denn schließlich gab es früher ja nicht nur perfekt gestylten Soft Rock, sondern auch jede Menge Weirdos, die mit ihren ungeformten Stimmen, schlecht gestimmten Instrumenten, viel Gras und noch mehr Kreativität über das Wunderland der plötzlich auch für Amateure bezahlbaren Mehrspurtechnik herfielen. Um nicht zu vereinsamen, hat Michael prominente Freunde wie Ariel Pink und Weyes Blood eingeladen, die man sich natürlich bestens in dieser Szenerie vorstellen kann. Dabei ist ein Album entstanden, dass die drei Pole künstlerischer Anspruch, historische Annäherung und Spaß auf dem kürzesten Weg verbindet. Da der Spaß nicht nur in der Musik, sondern auch im Rest der Welt 2016 ein bisschen zu kurz kam, ist The End of Comedy nicht nur eines der heimlichen Alben des Jahres geworden sondern darf auch 2017 noch entdeckt werden.