Office Culture – A Life of Crime (2019)

Amerikanischer Impressionismus als musikalisches Hörbuch: Office Culture entführen dich in eine Welt aus verblassten Erinnerungen, die harmonisch umeinander kreisen wie ein feingliedriges Mobile in einer lichtdurchfluteten Galerie.

Whatever’s Clever / 1. November 2019

Wenn du dieses Album hörst, fühlst du dich wie in einer alten Kneipe in der Nähe einer ehemaligen Wohnung: Die Leute an der Bar grüßen dich freundlich, die Drinks sind immer noch genauso stark wie früher, aber irgendwie ist es auch gruselig und du weißt nicht, ob du selbst der Geist ist oder die seltsam vertrauten Gesichter um dich herum. Beim ersten Mal willst du Winston Cook-Wilson in die Schublade von Donald Fagen, Warren Zevon und Tom Waits stecken. Typen, die aus der musikalischen Zeichnung von Szenen aus dem einsamen, verregneten Großstadtleben eine Kunstform gemacht haben. Doch dann kommt der Jazz durch die Hintertür und du entdeckst die Lebendigkeit eines guten Gesprächs in den Melodien, so als würde plötzlich Joni Mitchell mitreden.

Bei genauerer Betrachtung spielt der vermeintlich einsame Mann am Piano nicht einfach nur seinen Stiefel, sondern ist in das Zusammenspiel mit seinen Freunden vertieft: Ian Wayne an der Gitarre, Pat Kelly an den Drums und Charlie Kaplan am Bass. Du merkst sofort, dass die vier mit geschlossenen Augen auf einer Wellenlänge schweben. Die ruhige Intensität drückt dich in den Sitz wie bei Talk Talk, Blue Nile oder den übrigen Geheimtipps aus dem 80er-Fach deines Plattenregals. Die Stunden vergehen wie Minuten, die Sonne geht auf und du bist immer noch wach. Der Geruch von der Party gestern Abend hängt noch im Raum, aber die Luftballons liegen auf dem etwas klebrigen Boden und du öffnest das Fenster.

Nebenan im Plattenregal:
Cate Le Bon – Reward (2019)
The Mattson 2 – Paradise (2019)
Chris Cohen – Chris Cohen (2019)

Pavo Pavo – Mystery Hour (2019)

Auf Synthie-Wellen durch den Weltraum reiten: Eliza Bagg und Oliver Hill überwinden auf dem zweiten Album nicht nur ihre private Trennung, sondern auch die Schwerkraft der musikalischen Konventionen.

Erschienen am 24. Januar 2019 bei Bella Union

Nach ihrem Debüt im Jahr 2016 gab es bei Pavo Pavo bereits Auflösungstendenzen. Übrig geblieben sind Eliza Bagg und Oliver Hill, damals auch privat ein Duo. Obwohl das zweite Album Mystery Hour von der Trennung der beiden begleitet wurde, stimmt die Chemie musikalisch bis ins letzte Detail. Wie schon mit ihrem Vorgängerprojekt Plume Giant und auf dem ersten Album schlagen sie mit großer Überzeugung und viel Liebe zum Detail einen retro-futuristischen Kurs ein, der irgendwo bei den Beatles beginnt und bei den späten Talk Talk in schamlosen Synthie-Pop übergeht.


Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Es gibt keinen Song auf diesem Album, der sich strikt an konventionelle Songstrukturen hält. Statt dessen schweben die einzelnen Teile meistens in einer mehrdeutigen Wolke, die sich in Sachen Arrangement und Produktion ständig verändert und keine klare Abgrenzungen zulässt. Und doch ist das Album im Ganzen irgendwie catchy, teilweise zuckersüß und vermittelt auf eine eigentümliche Weise ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe. Durch die großartige Balance zwischen emotionalen Tiefen und faszinierenden Klanglandschaften an der Oberfläche hinterlassen Pavo Pavo einen bleibenden Eindruck.

Das ganze Album bei Bandcamp :

Nebenan im Plattenregal:

Halo Maud – Je Suis Une Île (2018)
Wilder Maker – Zion (2018)
Nedelle Torrisi – Advice from Paradise (2015)

Wilder Maker – Zion (2018)

Gabriel Birnbaum und Katie von Schleicher sind keine gänzlich unbekannten Gesichter in der Indieszene der Ostküste. Mit der ersten LP ihres gemeinsamen Projekts Wilder Maker setzen sie dem künstlerischen Biotop Brooklyn aus dem Stand ein musikalisch-literarisches Denkmal im Albumformat.

 

Erschienen am 13. Juli 2018 bei Northern Spy Records

Wer diese Platte als ambitioniert bezeichnet, untertreibt maßlos: Gabriel Birnbaum nennt etwa James Joyce als Inspirationsquelle für seine Texte. Vermutlich bezieht er sich dabei zwar weniger auf ganz dicke Prügel wie Ulysses oder Finnegan’s Wake. Aber auch die Dubliners sind kein bescheidener Maßstab, um das Künstlerleben im Brooklyn des 21. Jahrhunderts als literarische Grundlage für ein Konzeptalbum aufzuarbeiten. Ohnehin kann der Stellenwert der Worte bei diesem Projekt gar nicht genug betont werden. Denn dass die Lyrics hier zunächst ohne vorauseilenden Gehorsam vor der musikalischen Verwertbarkeit entstanden sind, erkennt man schon an den epischen Längen – und Textmengen – mancher Songs. An den Songtiteln lassen sich außerdem bereits die inhaltlichen Eckpunkte ablesen: Beschissene Jobs, komplizierte Beziehungskisten und prekäre Lebensverhältnisse hier, euphorische Erlebnisse, grenzenlose Selbstverwirklichung und die obligatorischen Drogenparties dort.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die Textverarbeitung das musikalische Geschehen immer wieder in eine rein begleitende Rolle drängt. Das könnte in die Hose gehen, wäre das Bandgefüge nicht mit einer unglaublich fein abgestimmten Dynamik gesegnet. Außerdem findet das Kollektiv um Katie von Schleicher und Gabriel Birnbaum immer die passende musikalische Inszenierung für jeden lyrischen Twist, zwischen psychedelischer Wucht und kammermusikalischen Minimalismus ist alles möglich. Vor allem aber brechen die Songs zuverlässig ins Hymnische aus, wenn das Versmaß ein bisschen Platz lässt für etwas großzügigere Melodiebögen bietet. Wer möchte, kann sich also stundenlang mit den erzählerisch eingesetzten Stilzitaten und einem insgesamt ziemlich einzigartigen Detailreichtum auseinandersetzen. Aber auch ohne besondere Aufmerksamkeit für den tieferen Sinn des Ganzen ist Zion eines Sammlung von faszinierend unterschiedlichen Songs, die einzeln betrachtet ausnahmslos überzeugen und gemeinsam den schillernden Kosmos einer Stadt atmosphärisch dichter einfangen als so mancher sehenswerte Film.


Das ganze Album auf Bandcamp:


Andere Städtereisen im Albumformat:

LA Salami – The City Of Bootmakers
Olden Yolk – Olden Yolk
Okkervil River – In the rainbow rain

Olden Yolk – Olden Yolk: Auf einem Trip in New York

Shane Butler hat mit seiner Band Quilt schon zwei bemerkenswerte Alben mit jeder Menge psychedelischem Dreampop herausgebracht. Dass er nun aus Boston nach New York gezogen ist und mit Olden Yolk ein zweites Projekt der gleichen Stilrichtung an den Start bringt, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich.

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23. Februar 2018 / Trouble in mind
LIVE: FR 23. März 2018 in Mannheim

Heutzutage widmen sich viele Bands einer spezifischen Zeit, sie suchen die Nähe zu dem charakteristischen Sound einer bestimmten Epoche. Schaut man sich bedeutende Alben aus der Vergangenheit an, fällt jedoch auf, dass es oft um konkrete Orte und ihren besonderen Klang ging. Mit ihrem Debüt knüpfen Olden Yolk an diese Tradition an und schicken ihre Hörer auf eine Reise in ihre neue Heimat New York. Dabei greifen sie verschiedene Stränge wie den psychedelischen Folk der 60er, den Art-Punk der 70er oder auch neuere Richtungen wie College-Rock und Dream-Pop auf. Aus diesen Zutaten entsteht eine erstaunlich homogene Mischung, die vor allem die Vielfalt und Atemlosigkeit der Ostküstenmetropole einfängt.

Die elektrisierende Wirkung dieser Musik fehlt dem bisherigen Schaffen Shane Butlers mit seiner Band Quilt, die es eher auf entspannten Wohlklang abgesehen hatte. Mit seiner neuen Partnerin Caity Shaffer ist er tatsächlich zurück nach New York gezogen, wo beide in den bewegten 90ern aufgewachsen waren. In ihrem Schlafzimmer wurde der Grundstein gelegt für ein großartiges Album, was die Intimität eines Homerecordings mit der Energie der Großstadt verbindet. Diese bahnt sich unwiderstehlich ihren Weg durch die Zimmerwände und Mikrofone bis hin zu unseren Kopfhörern oder Lautsprechern und bringt uns das große, ferne New York ein ganzes Stück näher.

Wer sich von diesem Album gerne nach Brooklyn entführen lässt, gönnt sich vielleicht auch zu den folgenden Platten die ein oder andere Sportzigarette auf der Feuertreppe:
The Sufis – After Hours: Schräger Indie Pop für späte Stunden
Henry Jamison – The Wilds: Neues aus dem Innenleben der Ostküste
OCS – Memory of a cut off head: Verspultes Folk-Vergnügen

The Sufis – After Hours: Schräger Indie Pop für späte Stunden

The Sufis aus Nashville waren bisher eher für ausufernden Garage-Pop und psychedelische Experimente bekannt. Mit dem Umzug nach Brooklyn werden die Songs nicht nur kürzer, sondern auch zugänglicher.

 

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Erscheinungstermin: 12.1.2018 / Label: Burger Records

Weniger Geschrammel, mehr Vintage Keyboards wie Wurlitzer und analoge Synthies. So oder so ähnlich könnte die Devise gewesen sein, als The Sufis nach Brooklyn gezogen sind, um ihr drittes Album aufzunehmen. Und die Erweiterung des Instrumentariums wirkt sich natürlich auch auf die musikalische Gestaltung aus. Der Retro-Fokus bewegt sich merklich von den 60s auf  die 70s, von undergroundigem Garagenrock in Richtung radiokompatiblen Popsongs.

Wie zu erwarten, lassen es sich The Sufis aber auch auf diesem Album nicht nehmen, den ein oder anderen echten Schocker unterzubringen. Beim gruseligen „Watch out“ etwa lassen sie mal wieder so richtig die Sau raus und strapazieren unsere Ohren aufs Schärfste. Aber keine Sorge, nach eineinhalb Minuten ist der Spuk wieder vorbei. Generell erreicht kaum eine Nummer die Dreiminuten-Marke und insgesamt ist das Ganze gerade mal eine halbe Stunde lang. Aber bekanntlich ist ja weniger auch manchmal mehr, und so gelingt The Sufis ihr bislang gehaltvollstes Album und außerdem eines, das vielen Hörern richtig viel Spaß machen wird.

Weirdos, die zu diesem Album nachts ihre Paisley-Hemden bügeln, haben auch bei diesen Platten die Lavalampe eingeschaltet:
OCS – Memory of a cut off head: Verspultes Folk-Vergnügen
Destroyer – Ken: Erinnerungen an eine melancholische Jugend in den frühen 80ern
Art Feynman – Blast Off Through The Wicker: Nachts auf der Reggae-Spaceroad