Cate Le Bon – Reward (2019)

Zuhören wird belohnt: Cate Le Bon gelingt auf ihrem neuen Album Reward eine seltene Verflechtung aus experimentellen Strukturen und überzeugenden Popsongs.

Mexican Summer / 24. Mai 2019 / Text: Caroline Thiemann

Um ganz ehrlich zu sein: Das Erste, was mich an Cate Le Bon fasziniert hat, war ihr Promo-Foto. Was für eine Ausstrahlung! Was für ein Ausdruck von Eigensinn! Ich wollte ihre Musik direkt mögen. Derartige Vorerwartungen allein aufgrund eines Werbefotos aufzubauen würde ich im Allgemeinen übrigens nicht weiterempfehlen – die Wahrscheinlichkeit positiver Bestätigung ist nicht gerade bombastisch, die etwaige Enttäuschung dafür unangemessen tief. Wenn es aber nun einmal passiert ist, ist nicht reinhören auch keine Lösung.

Cate Le Bon hat, gänzlich außerhalb meiner Wahrnehmung, bereits vier Alben veröffentlicht. Es ist aber ihr aktuelles Werk „Reward“, das die Herzen von Musikjournalist*innen international höher schlagen lässt. Der erste Track „Miami“ erinnert mich ein bisschen an Kate Bush und transportiert eine faszinierende Mischung aus verspielter Leichtigkeit und dumpfer Schwere. Diese gedämpfte Grundstimmung zieht sich auch durch die folgenden Tracks und drückt die poppigen, luftigen Hooks in eine angenehme Melancholie. Mit „Mother’s Mother’s Magazin“ hebt sich der melancholische Schleier etwas und macht einer spannenden Klangschärfe und gewissen Kantigkeit Platz.

Cate Le Bons klare Stimme, die sich zum Beispiel in „Here it comes again“ zwischen Direktheit und Zerbrechlichkeit in kunstvolle Höhen aufschwingt um kurz darauf samtig tief über den komplexen Arrangements zu liegen, ist von einer geradezu theatralen Ausdrucksstärke. Sie bringt einen poetischen erzählerischen Sog mit sich, der durch die hingetupften Bläser, stakkatoartigen Rhythmen und tausend kleinen Einfälle, die in jedem weiteren Titel stecken, gleichzeitig gebrochen und unterstrichen wird. So stehen am Ende zwar einige Titel wie „Miami“ oder „Magnificent Gestures“ etwas mehr heraus als andere, das Album ist aber eindeutig ein Gesamtkunstwerk. Und ja, in der Tat eins, das ziemlich nah an meinen Eindruck des Fotos herankommt: gleichzeitig stark und zerbrechlich, bunt und trist und von einem faszinierenden Eigensinn.

Konzert-Tipp:
So 17.11.19 / Karlstorbahnhof Heidelberg

H. Hawkline – I Romanticize (2017)

Für sein zweites Album hat sich der Waliser H. Hawkline Verstärkung von Landsfrau Cate Le Bon und Stella Mozgawa von Warpaint ins Studio nach LA geholt. Das Ergebnis ist eines zugänglichsten und besten Post-Punk-Alben der letzten Jahre.

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VÖ: 2.7.2017 auf Heavenly
Referenzen: Television, Robyn Hitchcock, The Stranglers, Metronomy
Stichworte: Abends / Regen / Bier / Freunde

Post-Punk ist auf dem Papier ungefähr so weit weg von Soft Rock wie Cardiff von Los Angeles. Trotzdem hat sich H. Hawkline mit seiner neuzusammengestellten Band aus Wales nach Kalifornien begeben und ein Album aufgenommen, das man nicht so einfach ignorieren kann. Schon nach der Vorab-Single „Engineers“ war klar, dass der Sänger und Gitarrist zunehmend Vorbildern aus den späten 70s nacheifert, die teilweise auch unserer Zeit noch voraus sind. Das Geheimnis dieser mit dem Pop liebäugelnden Gegenbewegung zum rauen Punkrock ist der luftige Minimalismus, die Klarheit der Sounds und der Anschein von emotionaler Distanz.

Die legendäre Band Television aus New York wird sogar mit einem Songtitel bedacht, allerdings von einem der schwierigeren Songs auf dem Album. Zwischendurch häufen sich tatsächlich ein paar experimentelle Nummern, die den Rahmen der Platte ein wenig sprengen und beim entspannten Durchhören auch mal ein wenig nerven können. Nichtsdestotrotz ist das ingesamt eine runde Sache, die eigentlich ausreichend gute Ideen für zwei Alben in sich trägt. Einzelne Melodien und ein atmosphärischer Gesamteindruck prägen sich schon nach einmaligem Hören ein und richten sich tagelang in dem Teil des Musik-Gedächtnis ein, der auch als Zwischenspeicher für spontane Pfeif-Sessions dient. Gerade die Songs am Anfang und am Ende sind von einer Qualität und Charakterstärke, die man nicht nur heute sehr selten findet.