Wilco – Ode To Joy (2019)

Indie Rock / Folk Rock / Americana

Die Entzugsklinik war in einem der ärmeren Vororte von Chicago, die Gebäude waren aus rotem Backstein. Alle Wände und Kleider waren weiß, die Bäume und Wiesen leuchtend grün. Jeff hatte nach einem Monat Aufenthalt im geschlossenen Teil das Schlimmste überstanden und durfte in einen Übergangsbereich ziehen, wo die Überwachung etwas lockerer war. Ein Besucher brachte ihm eine Gitarre vorbei, aber es waren immer und überall andere Menschen um ihn herum. Am wenigsten war in der Waschküche los, also schlich er sich dort hinein und begann einen alten Song zu spielen. Seine Hände betasteten das Instrument zunächst wie einen fremden Gegenstand, aber nach kurzer Zeit war alles wie früher. Er sang leise vor sich hin und fühlte sich ungestört. Plötzlich bemerkte er den alten Mann, der die ganze Zeit in der Waschküche war. Er lächelte und sagte: „Mein Sohn, du hast wirklich Talent. Dir fehlt nur das Selbstvertrauen, aber du gehörst auf die Bühne.“

Nebenan im Plattenregal:
Cass McCombs – Tip of the Sphere (2019)
BNQT – Volume 1 (2017)
M. Ward – Migration Stories (2020)

Whitney – Forever Turned Around (2019)

Entspannt zuhause angekommen: Drei Jahre nach dem turbulenten Karrierestart mit dem gefeierten Debüt-Album richten sich die zwei Jungs aus Chicago in ihrer idyllischen Folk-Nische häuslich ein.

Secretly Canadian / 30. August 2019 / Text: Tobias Breier

Natürlich träumen die meisten Musikschaffenden davon, mit ihrem ersten Album gleich den großen Wurf zu landen. Für Whitney ist dieser Traum in Erfüllung gegangen, ihr Debüt Light Upon a Lake (2016) schlug gleichermaßen bei der Kritik und beim Publikum ein und bescherte den Jungs aus Chicago auf Anhieb eine ausverkaufte Welt-Tournee und den Sprung auf die größeren Bühnen von zahlreichen Festivals. Doch dann wurde es still um die Truppe, das zweite Album wurde erst angeteasert und dann immer wieder verschoben. Natürlich ist es nicht einfach, unter diesen Bedingungen sofort mit einem zweiten Album nachzulegen, zumal die Erwartungen erheblich gestiegen sind. Doch zwischenzeitlich liefen Whitney tatsächlich Gefahr, jedes Momentum zu verlieren und in Vergessenheit zu geraten.

Im August kam dann Forever Turned Around heraus, und die Reaktionen waren zunächst mal wenig euphorisch. Fast wirkte es auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium aus Songs, die für das Debüt nicht gut genug waren und nun aufgewärmt wurden. Doch gerade ein direkter Vergleich zeigt: Die musikalische Weiterentwicklung ist gigantisch, während der Charakter und die stilistische Identität erhalten geblieben ist. Whitney lebt im Speziellen davon, dass Julien Ehrlich gleichzeitig als Leadsänger den Ton angibt und am Schlagzeug die rhythmischen Akzente setzt. Dieser subtile, aber grundlegende Vorsprung in Sachen Dynamik liefert die Basis für die harmonische Zuckerwatte, die Gitarrist McMillen Kakacek mit seiner Bande aus Multi-Instrumentalisten anrührt. Pappsüß ist das zwar manchmal, aber niemals kitschig oder gar billig, dafür sind die Songs einfach zu elegant und detailverliebt. Unterm Strich ein adäquates zweites Album, das seinen teilweise übertrieben verehrten Vorgänger qualitativ eindeutig überragt und richtig Lust auf die nächste Tour macht.

https://open.spotify.com/album/2tEnM0jAnGCfNvrhVVVZ3h?si=EPClOu2OQZG_qSBNDVlNMA

Nebenan im Plattenregal:
Mapache – Mapache (2019)
Vetiver – Up on high (2019)
Big Search – Slow Fascination (2019)

Spencer Radcliffe – Hot Spring (2019)

Wie die Zeit vergeht: Spencer Radcliffe sucht nach den verlorenen Jahren noch recht jungen Musikerlebens und findet Songs wie alte Postkarten.

Run For Cover Records / 17. Mai 2019

Das Gefühl für das Vergehen der Zeit ist in Spencer Radcliffes Musik allgegenwärtig. Die Zeit in seiner Musik steht still, die Zeit rennt davon, die Zeit spielt mal keine Rolle und stellt im nächsten Moment die Weichen für den Rest des Lebens. Das gilt besonders für sein neuestes Album Hot Spring, das er zu großen Teilen gemeinsam mit seiner Band Everyone Else eingespielt hat. Kein Wunder, dass mit Clocktower der Zeit sogar ein eigenes Lied gewidmet wurde: Der siebenminütige Song mündet in die scheinbar endlose Wiederholung der lautmalerischen Worte „Tick Tock“ und einem nervenzehrenden Akkordloop, der die zähfließende Zeit selbst fühlbahr macht.

Doch das ist der einzige Song, bei dem uns Radcliffe derart auf die Folter spannt. Nummern wie True Love’s Territory oder Here Comes The Snow sind angenehm süß glasierte Popsongs, die so schnell zur Sache kommen wie ein Hund beim Abendessen. Die Arrangements leiten die zahlreichen Streichersätze und das singende Pedal Steel zumeist weiträumig am Kitsch vorbei, meistens schweben die Instrumente etwas nebulös im Hintergrund. So kommen die schon immer messerscharf beobachteten Songs von Radcliffe noch mal deutlich wirkungsvoller zur Geltung als bisher, auch wenn für ein vollständigs Hörerlebnis leider Kopfhörer notwendig sind. Dennoch ist Hot Spring Spencer Radcliffes Meisterstück und katapultiert ihn direkt in die erste Reihe der Indie-Folk-Barden unserer Zeit.

Nebenan im Plattenregal:
Holiday Ghosts – West Bay Playroom (2019)
Dr. Dog – Critical Equation (2019)
Bonny Doon – Long Wave (2019)