Marla & David Celia – Indistinct Chatter (2021)

Der alte Mercedes schwebt über die Landstraße. Ich sitze auf der Rückbank, draußen ziehen Felder und Hügel vorbei. Marla fährt, David hat es sich auf dem Beifahrersitz mit der Gitarre gemütlich gemacht. Im Radio tuckert die Rhythmusmaschine einer Heimorgel, begleitet von leisem Synthie-Gezwitscher. Ich schließe die Augen und fahre durch eine heile Welt der Siebziger, die es nie gegeben hat. Die ich nie erlebt habe. Das Heute ist plötzlich weit weg, wie ein schemenhaftes Gebirge am Horizont. Wir rasen darauf zu, die Konturen werden schärfer und irgendwann werden wir ankommen. Aber noch ist Zeit, Zeit für ein paar Songs, Songs die uns einen Moment der Ruhe und des Durchatmens schenken.

Wir werden langsamer, die Harmonien sind verstummt und die letzten zarten Akkorde auf der Gitarre werden von den Motorengeräuschen verschluckt. Wir sind angekommen, jetzt müssen wir raus in die Kälte. Schwere Dinge schleppen, schaffen, Probleme lösen. Nicht zu viel und nicht zu wenig an die Zukunft denken, nicht zu kurz und nicht zu lange in Erinnerungen schwelgen. Let’s go.

Nebenan im Plattenregal:
Marla & David Celia – Daydreamers (2018)
Fooks Nihil – Fooks Nihil (2020)
Lorain – Through Frames (2018)

Die Nerven – Fake (2018)

Um das Stuttgarter Trio „Die Nerven“ war es nie wirklich still. Zwischen ihrem Debütalbum „Asoziale Medien“ und ihrem vierten Werk namens „Out“ lagen knapp drei Jahre. Umso größer war die Erwartungshaltung, als nach weiteren zweieinhalb Jahren Album Nummer fünf angekündigt wurde.

 

Erschienen am 20. April 2018 bei Glitterhouse

Text: Mischa Kissin

In der Zwischenzeit hatten sich alle drei Bandmitglieder ihren diversen, teilweise in den Himmel gelobten Nebenprojekten wie „All diese Gewalt“, „Karies“ oder „Peter Muffin“ gewidmet und 2017 das Live-Album „Live in Europa“ herausgebracht. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde nicht nur der deutschen Musikkritik klar, dass die wohl beste Liveband des Landes schlichtweg eine unzähmbare, brachiale Urgewalt ist, die sich mit ihren hypnotisierenden Shows tief in die Herzen ihres Publikums spielt.


Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

 

Die vermeintliche Politisierung des zuvor diesbezüglich nicht besonders auffälligen Trios bleibt auf ihrer fünften Platte, die den heutzutage recht aufgeladenen Titel „Fake“ trägt, für das breite Publikum aus. Das Politische passiert zwischen den Zeilen und offenbart sich nur durch die subversive Rezeption der Hörerschaft. Im Fadenkreuz steht dabei genauso der muffige Rand der Gesellschaft wie der narzisstische moderne Mensch, der sich ausschließlich durch Selbstoptimierung definiert. Musikalisch dominieren die altbewährten Strategien, das Wechselspiel zwischen Leisem und Lautem verschärft sich auf dem von Ralv Milberg in der Toskana aufgenommenen Meisterwerk, das dadurch eine fast schon poppige Finesse bekommt. Dabei wäre die Bezeichnung „Pop“ nur eine infame Unterstellung, die sich ob der nicht existenten Massentauglichkeit der „am miesesten gelaunten Rockband“ des Landes (Die Zeit) als haltlos erweist.


Das ganze Album auf Bandcamp:


 

 

Rettet das Echo!

Alle schreiben über den Echo. Hier soll es ausnahmsweise in erster Linie um DAS Echo gehen, einen musikalisch reizvollen und gesellschaftlich notwendigen Effekt, der zumeist nach geräuschvollen Ereignissen wahrzunehmen ist.

Arnsberger_Wald_Sonnenaufgang

„Wie man in den Wald hineinschreit, so schallt es heraus“ sagt der Volksmund und meint, dass alle Verfehlungen den Verantwortlichen irgendwann auf die Füße fallen. Der vermeintlich wichtigste deutsche Musikpreis trägt also einen Namen, der an poetischer Wahrheit kaum zu überbieten ist. Das Echo zum Echo zeigt nämlich auf, was in unserer Gesellschaft so alles erfolgreich resoniert. Das ist einerseits erschreckend, andererseits auch hochinteressant.

Die eigentliche Fehlkonstruktion besteht darin, dass der Echo alles auszeichnet, was da so resoniert. Das ist zum einen ungerecht, denn die Ausgezeichneten haben schon alles, wovon die meisten Musikschaffenden nur träumen können: Ein geregeltes Einkommen durch kommerziellen Erfolg. Zum anderen ist es schwachsinnig, denn die kommerziell erfolgreichsten Werke sind ja nicht automatisch die besten. Vor allem aber ist es traurig zu sehen, welche Musik am beliebtesten ist.

Es ist völlig falsch, die Integrität von in der Vergangenheit ausgezeichneten Personen jetzt danach zu beurteilen, ob sie nun medienwirksam ihre Echos zurückgeben oder nicht. Man sollte sie vielmehr fragen, warum sie es nötig hatten, das Ding überhaupt erst anzunehmen. War es jemals eine künstlerisch wertvolle Auszeichnung, den gleichen Preis zu bekommen wie die ganzen Arschlöcher, die dem Volk ihren akustischen Sondermüll andrehen?

Die hat es nämlich schon immer gegegeben und nicht wenige von ihnen hätten auch antisemitische Sprüche geklopft, wenn so etwas als ertragreiches Geschäftsmodell darstellbar gewesen wäre. Früher hätte der Handel den Schrott aus dem Regal nehmen müssen, die Aufmerksamkeitsblase durch den medialen Aufschrei wäre ohne Cashout zerplatzt. Doch heute wird Musik vorrangig über anonyme Plattformen wie Amazon, Spotify und Apple Music vertrieben, die sich einen Dreck um die Kritik scheren.

Wir brauchen heute mehr denn je ein Echo für die Musikindustrie in Deutschland, aber es muss ein differenziertes und wenn nötig auch ein vernichtendes Echo sein. Wir brauchen eine bis zum Anschlag beworbene Fernsehshow zur Primetime, in der Musikschaffende und kritische Medien einen rituellen Gesamtveriss dessen abhält, was kommerziell erfolgreich ist. Wir brauchen eine kathartische Zeremonie, die durch die Brutalität ihrer Kritik die monströsen Auswüchse des Battle-Raps als spätpubertäre Provokationen entlarvt.

Setzt die besten und streitbarsten Promis in die Jury, die es gibt: Emcke, von Rönne, Böhmermann, Polak, Westernhagen, wenn es sein muss auch Campino und vielleicht sogar Dieter Bohlen. Beschallt sie ein Wochenende lang mit der kommerziell erfolgreichsten Musik und lasst sie dann auf einem Podium darüber herfallen. Live vor der Kamera, vor einem Millionenpublikum im Fernsehen und online. Das wäre eine Echo-Verleihung, die den Namen verdient.