P.A. Hülsenbeck – Garden Of Stone (2018)

Mit Sizarr hatte P.A. Hülsenbeck schon vor Jahren einen der seltenen Beweise erbracht, dass Indie aus deutschen Landen internationales Format erreichen kann. Nach einer Exkursion in elektronische Gefilde unter dem Projektnamen „Doomhound“ findet er sich nun selbst als Sänger und Architekt von atemberaubenden Songlandschaften zwischen Post Jazz und Pop Noir.

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Erschienen am 30. November 2018 bei Altin Villa

Der Titel Garden of Stone wirft seinen Schatten je nach Blickwinkel in sehr unterschiedliche Himmelsrichtungen. Ist damit der gleichnamige Nationalpark in Australien mit seinen bizarren Felsformationen gemeint oder der traditionelle Steingarten aus dem Zen-Buddhismus? In der südpfälzischen Heimat von P.A. Hülsenbeck versteht man darunter wahrscheinlich eher diese graue Schotterwüste, die sich Eigenheimbesitzer vor dem Haus anlegen, weil sie zu faul für die Gartenarbeit sind. Von dieser Welt ist P.A. Hülsenbeck inzwischen aber Lichtjahre entfernt: Mit Sizarr eroberte er schon in jungen Jahren die große weite Indie-Welt, mittlerweile lebt er in Leipzig, beschäftigt sich intensiv mit experimentellem Ausdruckstanz und hat nebenbei still und heimlich ein Album aufgenommen, das ihn auf einen Schlag in einen sehr exklusiven Kreis von Künstlern aus dem deutschsprachigen Raum katapultiert.

Das Musikvideo zur Single „A Serpent Of Velour“ auf Youtube:

Die zahlreichen und raumgreifenden instrumentalen Intros, Zwischenspiele und Codas auf seinem Debüt täuschen mit ihren verstopften Trompeten und schwebenden Flageolettes eine Nähe zu dieser asketischen Fusion aus Jazz und Experimenteller Musik an, die das Label ECM seit ungefähr 40 Jahren als Zukunftsmusik anpreist. Dann kommt aber eine äußerst erstaunliche Stimme dazu, ein unverhoffter Groove setzt ein und plötzlich sind wir auf einer Tanzfläche, wo alle Partygäste genug Platz für Bodenarbeit und Kontakt-Improvisation haben. Irgendwo steigt Rauch auf und das Licht erlischt, die Bewegung friert ein und alle Augen richten sich auf Hülsenbeck im Spotlight, der plötzlich ein Retromikrofon küsst und dunkle Balladen haucht. Hier verschmelzen Naturerfahrungen und spirituelle Exkursionen mit dem schummrigen Licht einer verregneten Nacht in der großen Stadt, und irgendwie treffen alle Mitwirkenden immer den richtigen Ton, um reibungslos von der einen in die andere Erfahrungswelt zu gleiten. Ein Debüt mit einer assoziativen Dichte, nach der so manche etablierte Künstler ein Leben lang vergeblich suchen.

Das ganze Album auf Spotify:


Platten für danach:

Halo Maud – Je Suis Une Île (2018)
Sea Moya – Falmenta (2018)
Jackson Macintosh – My Dark Side (2018)

Sea Moya – Falmenta (2018)

Vor kurzem haben Sea Moya den Sprung ins kanadische Montreal gewagt. Also in die Musikmetropole, die ihre ehemalige Homebase Mannheim eines Tages sein will. Und obwohl ihr Debüt-Album Falmenta im gleichnamigen italienischen Alpenörtchen entstand, ist es musikalisch eher im kosmopolitischen Dschungel der Großstadt zuhause.

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Erschienen am 12. Oktober 2018 bei Majestic Casual Records
Auf Tour in Europa vom 9. November 2018 bis zum 12. Januar 2019

Sie sind viel unterwegs, die Jungs von Sea Moya. Schon ihre beachtliche EP Baltic Seas handelte von einer sommerlichen Entdeckungsreise, auf der die Band sich von weiten Küstenlandschaften inspirieren ließ. Vor dem mutigen Umzug auf die andere Seite des großen Teichs hat sich das Trio für die Produktion der ersten LP für ein paar Wochen in einem Chalet im Piemont eingeschlossen. An ländliche Idylle, Alpenpanoramen oder Hüttenromantik lässt die Platte jedoch an keiner Stelle denken. Von den Bedingungen der Aufnahmen zeugt eher die besondere Konzentration und klangliche Hermetik, die sich zwischen den stoisch rollenden Drums, schwebenden Synthie-Klängen und weit aufgespannten Melodiebögen einstellt.

Das Musikvideo zur Single „Purple Days“ auf Youtube:

Musikalisch leben Sea Moya seit jeher ein bisschen auf ihrem eigenen Planeten. Ein Großteil der stilistischen Elemente wirkt entfernt vertraut, die Zusammensetzung und Verarbeitung scheinen aber nicht den gängigen Naturgesetzen zu gehorchen. Insbesondere die Gravitation formaler Modelle scheint überwunden: Um ihre musikalischen Ideen zu transportieren, brauchen Sea Moya keine offensichtlichen Songstrukturen, keine Entwicklungslogik wie weite Teile der elektronischen Musik und auch keine dogmatische Krautrock-Esoterik. Die Unterbrechungen zwischen den Titeln wirken deshalb wie natürliche Denkpausen in einem durchgehenden Stream of Consciousness, der sich nicht nur zum aufmerksamen Zuhören eignet, sondern auch hervorragend als Begleitmusik zum Arbeiten, Lesen oder Autofahren. Es gibt wenige Platten, die das Credo dieser Seite von der Überflüssigkeit von Mood-Playlists so deutlich und formschön unterstreichen.

Das ganze Album auf Spotify:


Passende Platten für danach:

Halo Maud – Je Suis Une Île (2018)
Hoops – Routines (2017)
Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (2017)