Caroline Rose – Superstar (2020)

Indie Pop / Indie Rock / Synth Pop

Wer hätte geahnt, dass ausgerechnet sie eines Tages zur unumstrittenen Ikone der Popmusik aufsteigen würde? Jahrelang hatte sie sich mit ihrer abgerockten Punkband die Finger wund gespielt, jeden Abend stand sie auf einer anderen wackeligen Bühne in einem halbleeren, versifften Saal und spielte für eine Mischung aus notorischen Losern und hoffnungslosen Musiknerds ihre schrägen Songs. Die Städte waren klein, die Gagen noch kleiner, der zum Bandbus umfunktionierte alte Laster aus dem Altbestand der pleite gegangenen Umzugsfirma ihrer Mutter pfiff aus dem letzten Loch. Selten blieb das Publikum bis zum letzten Song, Zugaben wurden fast nie verlangt. Nach und nach hatte sich die Gewohnheit eingeschlichen, einfach irgendeinen Song als letzten anzukündigen, solange noch Leute da waren. Aus Müdigkeit und Verzweiflung kam diese Maßnahme bei jeder Show etwas früher, die Konzerte wurden immer kürzer. Eines Tages war es so weit, sie kam mit den Worten „Hey, this is our last song“ auf die Bühne. Das Publikum rastete aus und verlangte nach jedem Song eine weitere Zugabe, drei Stunden lang mussten sie ihr gesamtes Repertoire inklusive Coverversionen abspulen. Es war ein magischer Abend, alle lagen sich in den Armen und weinten vor Glück. Der alternde Feuilletonchef der dümpelnden Lokalzeitung war fassungslos und schrieb noch in der Nacht eine ganze Seite über das Konzert, der Rest ist Musikgeschichte.

Nebenan im Plattenregal:
TOPS – I Feel Alive (2020)
Caroline Rose – Loner (2018)
Kevin Krauter – Toss Up (2018)

Anna Burch – If You’re Dreaming (2020)

Indie Rock / Indie Pop / Dream Pop

Seit Wochen hatte es ununterbrochen geregnet, ich saß jeden Tag viele Stunden an meinem Schreibtisch mit Blick hinunter ins Tal. Die Vorräte gingen langsam zur Neige, bald würde es wieder Zeit für den langen Fußmarsch ins Dorf werden. Die Wolkendecke war die meiste Zeit so dicht, dass Tage und Nächte sich nicht mehr abwechselten, sondern in einer sanften Wellenbewegung ineinander flossen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass es schon wieder viel länger hell war als noch vor dem Beginn des Regens. Als eines Abends plötzlich die Sonne herauskam und die ungewohnte Helligkeit mich blendete, schaute ich ungläubig hinaus in eine golden leuchtende Welt. Wie in Trance zog ich meine Jacke an und ging nach draußen, schnell durch einen Fichtenhain zu diesem Weg am Waldrand, auf dem ich um diese Uhrzeit noch etwas Sonnenlicht vermutete. Ich hatte mich etwas verschätzt, es fielen nur noch einzelne Strahlen zwischen Baumstämmen hindurch auf den knirschenden Weg. Als ich auf eine große Pfütze zuging, sah ich plötzlich eine riesige Kröte am Wegesrand. Ich setzte mich auf einen Baumstumpf gegenüber und wir betrachteten uns gegenseitig. Dann sagte ich in die Stille hinein: Grüß Gott! Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Die Kröte schaute mich weiter an, so als würde sie über eine passende Antwort nachdenken. Mehrere Minuten vergingen, ohne dass ein weiteres Wort gesprochen wurde. Dann hüpfte sie plötzlich davon, hinunter auf die klatschnasse Wiese.

Nebenan im Plattenregal:
Hand Habits – Placeholder (2019)
Bonny Doon – Long Wave (2018)
Stella Donnelly – Beware Of The Dogs (2019)

Kyle Forester – Hearts in Gardens (2020)

Indie Pop / Soft Rock / Dream Pop

Der Kaffee ist heiß, der Kuchen ist noch ein bisschen warm. Heute bleib ich einfach mal zuhause, ist doch auch schön hier. Und wenn ich Fernweh habe, dann mach ich die Augen zu und träume vom Meer oder den Bergen. Du kannst mitfahren, halte einfach deinen Daumen raus und warte ein paar Minuten. Mein imaginäres Auto ist klimafreundlich und muss weder in die Werkstatt noch in die Waschanlage. Aber wir können das Verdeck auf und das Radio anmachen, und dann fahren wir über die Landstraße nach Hause.

Nebenan im Plattenregal:
Stephen Steinbrink – Utopia Teased (2018)
Big Search – Slow Fascination (2019)
Hannah Cohen – Welcome Home (2019)

TOPS – I Feel Alive (2020)

Indie Pop / Soft Rock / Synth Pop

Schon wieder viel zu viel Vodka Soda gestern Abend. Ich hab immer noch meine Trainingsjacke an und liege rückwärts auf der Couch. Die Sonne scheint mir direkt ins Gesicht und in der Glotze läuft seit 3 Uhr morgens Full House als Dauerschleife. So lebendig habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Nebenan im Plattenregal:
Tops – Sugar at the Gate (2017)
Jackson Macintosh – My Dark Side (2018)
Tops – Picture You Staring (2014)

Whitney – Forever Turned Around (2019)

Entspannt zuhause angekommen: Drei Jahre nach dem turbulenten Karrierestart mit dem gefeierten Debüt-Album richten sich die zwei Jungs aus Chicago in ihrer idyllischen Folk-Nische häuslich ein.

Secretly Canadian / 30. August 2019 / Text: Tobias Breier

Natürlich träumen die meisten Musikschaffenden davon, mit ihrem ersten Album gleich den großen Wurf zu landen. Für Whitney ist dieser Traum in Erfüllung gegangen, ihr Debüt Light Upon a Lake (2016) schlug gleichermaßen bei der Kritik und beim Publikum ein und bescherte den Jungs aus Chicago auf Anhieb eine ausverkaufte Welt-Tournee und den Sprung auf die größeren Bühnen von zahlreichen Festivals. Doch dann wurde es still um die Truppe, das zweite Album wurde erst angeteasert und dann immer wieder verschoben. Natürlich ist es nicht einfach, unter diesen Bedingungen sofort mit einem zweiten Album nachzulegen, zumal die Erwartungen erheblich gestiegen sind. Doch zwischenzeitlich liefen Whitney tatsächlich Gefahr, jedes Momentum zu verlieren und in Vergessenheit zu geraten.

Im August kam dann Forever Turned Around heraus, und die Reaktionen waren zunächst mal wenig euphorisch. Fast wirkte es auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium aus Songs, die für das Debüt nicht gut genug waren und nun aufgewärmt wurden. Doch gerade ein direkter Vergleich zeigt: Die musikalische Weiterentwicklung ist gigantisch, während der Charakter und die stilistische Identität erhalten geblieben ist. Whitney lebt im Speziellen davon, dass Julien Ehrlich gleichzeitig als Leadsänger den Ton angibt und am Schlagzeug die rhythmischen Akzente setzt. Dieser subtile, aber grundlegende Vorsprung in Sachen Dynamik liefert die Basis für die harmonische Zuckerwatte, die Gitarrist McMillen Kakacek mit seiner Bande aus Multi-Instrumentalisten anrührt. Pappsüß ist das zwar manchmal, aber niemals kitschig oder gar billig, dafür sind die Songs einfach zu elegant und detailverliebt. Unterm Strich ein adäquates zweites Album, das seinen teilweise übertrieben verehrten Vorgänger qualitativ eindeutig überragt und richtig Lust auf die nächste Tour macht.

https://open.spotify.com/album/2tEnM0jAnGCfNvrhVVVZ3h?si=EPClOu2OQZG_qSBNDVlNMA

Nebenan im Plattenregal:
Mapache – Mapache (2019)
Vetiver – Up on high (2019)
Big Search – Slow Fascination (2019)

Cate Le Bon – Reward (2019)

Zuhören wird belohnt: Cate Le Bon gelingt auf ihrem neuen Album Reward eine seltene Verflechtung aus experimentellen Strukturen und überzeugenden Popsongs.

Mexican Summer / 24. Mai 2019 / Text: Caroline Thiemann

Um ganz ehrlich zu sein: Das Erste, was mich an Cate Le Bon fasziniert hat, war ihr Promo-Foto. Was für eine Ausstrahlung! Was für ein Ausdruck von Eigensinn! Ich wollte ihre Musik direkt mögen. Derartige Vorerwartungen allein aufgrund eines Werbefotos aufzubauen würde ich im Allgemeinen übrigens nicht weiterempfehlen – die Wahrscheinlichkeit positiver Bestätigung ist nicht gerade bombastisch, die etwaige Enttäuschung dafür unangemessen tief. Wenn es aber nun einmal passiert ist, ist nicht reinhören auch keine Lösung.

Cate Le Bon hat, gänzlich außerhalb meiner Wahrnehmung, bereits vier Alben veröffentlicht. Es ist aber ihr aktuelles Werk „Reward“, das die Herzen von Musikjournalist*innen international höher schlagen lässt. Der erste Track „Miami“ erinnert mich ein bisschen an Kate Bush und transportiert eine faszinierende Mischung aus verspielter Leichtigkeit und dumpfer Schwere. Diese gedämpfte Grundstimmung zieht sich auch durch die folgenden Tracks und drückt die poppigen, luftigen Hooks in eine angenehme Melancholie. Mit „Mother’s Mother’s Magazin“ hebt sich der melancholische Schleier etwas und macht einer spannenden Klangschärfe und gewissen Kantigkeit Platz.

Cate Le Bons klare Stimme, die sich zum Beispiel in „Here it comes again“ zwischen Direktheit und Zerbrechlichkeit in kunstvolle Höhen aufschwingt um kurz darauf samtig tief über den komplexen Arrangements zu liegen, ist von einer geradezu theatralen Ausdrucksstärke. Sie bringt einen poetischen erzählerischen Sog mit sich, der durch die hingetupften Bläser, stakkatoartigen Rhythmen und tausend kleinen Einfälle, die in jedem weiteren Titel stecken, gleichzeitig gebrochen und unterstrichen wird. So stehen am Ende zwar einige Titel wie „Miami“ oder „Magnificent Gestures“ etwas mehr heraus als andere, das Album ist aber eindeutig ein Gesamtkunstwerk. Und ja, in der Tat eins, das ziemlich nah an meinen Eindruck des Fotos herankommt: gleichzeitig stark und zerbrechlich, bunt und trist und von einem faszinierenden Eigensinn.

Konzert-Tipp:
So 17.11.19 / Karlstorbahnhof Heidelberg

Men I Trust – Oncle Jazz (2019)

Die Zeit ist reif: Men I Trust liefern feiern ihr beeindruckendes Debüt mit einer ausladenden Kollektion aus bis zur Unkenntlichkeit vernebelten Popsongs.

Return to Analog / 13.9.2019

Lang ist es her, dass Men I Trust ihre erste LP ankündigten. Doch eine stetig wachsende Fangemeinde auf der ganzen Welt wurde immer wieder vertröstet. Der Release-Termin wurde mehrfach verschoben und löste sich irgendwann in einem vagen „out soon“ auf. Dann ging alles ganz schnell: Nachdem schon fünf Singles vorab erschienen waren, wurde aus dem Debüt plötzlich ein Doppel-Album.

Warum die Veröffentlichung so lange hinausgezögert hat, wird für immer das Geheimnis dieser drei Kids aus Montreal bleiben. Ebenso wie die Antwort auf die Frage, wo diese unverschämten Hits alle herkommen. Fast jeder Song könnte im Radio unbemerkt zwischen unsterblichen Klassikern aus den frühen 80ern laufen – wäre da nicht diese knietiefe Synthie-Zuckerwatte in Zartrosa, die sich über das makellose Pophandwerk legt wie eine tonnenschwere Kuscheldecke.

FAZIT: Die perfekte Platte für eine geschmackvolle Umsatzsteigerung auf dem nächsten Verkaufsevent für Vintage Fashion.

Nebenan im Plattenregal:
Totally Mild – Her (2018)
Kevin Krauter – Toss Up (2018)
Tops – Sugar at the Gate (2017)

Michael Nau – Less Ready to Go (2019)

Das vierte Album in vier Jahren: Michael Naus Terminkalender mag hektisch sein, seine Songs schweben aber immer noch in einer Wolke aus wabernden Akkorden, LoFi-Nebel und radikal entschleunigten Pyjama-Grooves.

PIAPTK & Soild Gold Recordings / 26.9.2019

Auf Michael Nau ist Verlass: Auch 2019 müssen wir nicht auf ein neues Album von ihm verzichten. Seine Vorgeschichte überspringe ich jetzt einfach mal und belasse es dabei, die Artikel über seine letzten drei Alben zu verlinken. Michael Nau – Michael Nau & The Mighty Thread (2018), Michael Nau – Some Twist (2017) und Michael Nau – Mowing (2016) sind weiterhin uneingeschränkt empfehlenswert.

Die neue Platte ist sperriger, verspulter und erweitert die klangliche Palette um leicht abgespacete elektronische Sounds und kurze Loops. Solche Spielereien hat Michael Nau eigentlich nicht nötig, aber anscheinend hat er sich mit Produzent Scott McMicken von Dr. Dog im Studio von der psychedelischen Atmosphäre des Joshua Tree Nationalparks inspirieren lassen und der Kreativität an dessen lustigen Maschinchen freien Lauf gelassen. Das Ergebnis lässt sogar den in ähnlich trüben Gewässern fischenden Mac DeMarco bisweilen ziemlich alt aussehen.

Nebenan im Plattenregal:
Homeshake – Helium (2019)
Mac DeMarco – This Old Dog (2017)
Stephen Steinbrink – Utopia Teased (2018)

Spencer Radcliffe – Hot Spring (2019)

Wie die Zeit vergeht: Spencer Radcliffe sucht nach den verlorenen Jahren noch recht jungen Musikerlebens und findet Songs wie alte Postkarten.

Run For Cover Records / 17. Mai 2019

Das Gefühl für das Vergehen der Zeit ist in Spencer Radcliffes Musik allgegenwärtig. Die Zeit in seiner Musik steht still, die Zeit rennt davon, die Zeit spielt mal keine Rolle und stellt im nächsten Moment die Weichen für den Rest des Lebens. Das gilt besonders für sein neuestes Album Hot Spring, das er zu großen Teilen gemeinsam mit seiner Band Everyone Else eingespielt hat. Kein Wunder, dass mit Clocktower der Zeit sogar ein eigenes Lied gewidmet wurde: Der siebenminütige Song mündet in die scheinbar endlose Wiederholung der lautmalerischen Worte „Tick Tock“ und einem nervenzehrenden Akkordloop, der die zähfließende Zeit selbst fühlbahr macht.

Doch das ist der einzige Song, bei dem uns Radcliffe derart auf die Folter spannt. Nummern wie True Love’s Territory oder Here Comes The Snow sind angenehm süß glasierte Popsongs, die so schnell zur Sache kommen wie ein Hund beim Abendessen. Die Arrangements leiten die zahlreichen Streichersätze und das singende Pedal Steel zumeist weiträumig am Kitsch vorbei, meistens schweben die Instrumente etwas nebulös im Hintergrund. So kommen die schon immer messerscharf beobachteten Songs von Radcliffe noch mal deutlich wirkungsvoller zur Geltung als bisher, auch wenn für ein vollständigs Hörerlebnis leider Kopfhörer notwendig sind. Dennoch ist Hot Spring Spencer Radcliffes Meisterstück und katapultiert ihn direkt in die erste Reihe der Indie-Folk-Barden unserer Zeit.

Nebenan im Plattenregal:
Holiday Ghosts – West Bay Playroom (2019)
Dr. Dog – Critical Equation (2019)
Bonny Doon – Long Wave (2019)

Faye Webster – Atlanta Millionaires Club (2019)

Das gibt’s nur in Atlanta: Faye Webster singt abgezockte Songs über R&B-Grooves, aber kann nicht genug bekommen vom Country-Sirup aus dem Pedal Steel.

Secretly Canadian / 24. Mai 2019

Als Künsterpersönlichkeit ist Faye Webster nicht leicht zu fassen. Atlanta scheint eine große Rolle für sie zu spielen, denn in den letzten Jahren dokumentierte sie die Rapszene der Südstaaten-Metropole als Fotografin und steuerte regelmäßig Vocals zu Aufnahmen des lokalen R&B-Kollektivs PSA bei. Nachdem ihr Debüt-Album etwas unentschlossen zwischen Singer/Songwriter-Pop und Indie Country pendelte, startet sie mit Atlanta Millionaires Club als vielschichtiges Produkt ihrer musikalisch sehr vielfältigen Heimatstadt neu.

Aus der Countryszene hat sie vor allem das Pedal Stelle mitgenommen, das in vielen Songs süßlich die Harmonien verklebt oder wenigstens leise im Hintergrund vor sich hin singt. Die traditionsreiche und lebendige R&B-Szene schlägt sich in zahlreichen schleppenden Grooves nieder, in funkigen Instrumentierungen mit Bläsersätzen und im hitzigen Zusammenspiel des Studiopersonals.

Eine ambitionierte Mischung, die aber ausgezeichnet zu den verträumten Songs mit erstaunlich geradlinigen Texten passt, meistens erzählt Faye Webster ganz konkrete Erlebnisse und erzeugt nur mit dem melodischen Spannungsbogen so etwas wie lyrischen Mehrwert. Ein unauffällig komplexes Album mit starker persönlicher Handschrift, das auf den ersten Blick unzusammenhängende Stränge der amerikanischen Popkultur fruchtbar ineinander flechtet.


Nebenan im Plattenregal:
Hannah Cohen – Welcome Home (2019)
Stella Donnelly – Beware Of The Dogs (2019)
Matty – Déjàvu (2018)