Kurt Vile: Bottle It In (2018)

Auf seinem siebten Album beweist Kurt Vile mal wieder eindrucksvoll, dass gedankenverlorenes Gitarrengeschrammel und große emotionale Tiefe kein Widerspruch sein müssen.

MI0004481219

Erschienen am 12. Oktober 2018 bei Matador Records

Kurt Vile hat eine der seltsamsten Karrieren in der Musikwelt hingelegt. Der langhaarige Familienvater wirkt schon immer etwas aus der Zeit gefallen und manch einer wird seinen Ausstieg bei den inzwischen zur allgemeinen Konsensband avancierten The War On Drugs vor einigen Jahren als falsche Entscheidung abgetan haben. Doch spätestens mit seinem letzten Album B’lieve I’m Going Down (2015) und der erfolgreichen Kollaboration mit seiner prominenten Kollegin Courtney Barnett muss man feststellen, dass der Vorzeigegitarrist aus dem Schatten von seinem Kumpel Adam Granduciel getreten ist und sich als Solokünstler nicht nur in den Musikmedien, sondern auch in den Herzen des Publikums fest etabliert hat.

Das Musikvideo zur Single „One Trick Ponies“ auf Youtube:

Nun also das siebte Album, und auch diesmal wurde nicht an minutenlangen, unentschlossenen Wechselspielen zwischen zumeist wenigen und darüber hinaus auch noch unspektakulären Akkorden gespart. Doch wer das langweilig findet, hat einfach nicht richtig zugehört: Da passiert so unfassbar viel, alleine die ganzen winzigen Details in den Picking Patterns der Rhythmusgitarre, dann aber auch im Hintergrund zwischen den ganzen schwebenden Single Notes und schemenhaft wabernden Synthies. Am Ende hat man kaum mitbekommen, dass zwei Stunden vergangen sind, nicht unbemerkt bleibt aber mit Sicherheit die beruhigende und gleichzeitig euphorisierende Wirkung. Und das eigenartige Gefühl, dass Kurt Vile sich in seiner Kunst bei aller emotionaler Distanz und Zurückhaltung menschlich offenbart wie kaum jemand anders. In Ermangelung von sprachlich greifbaren Ecken und Kanten ist Bottle It In vielleicht kein Album für die Geschichtsbücher der Rockmusik, dafür aber umso mehr für die kleinen Ewigkeiten, die sich in unserem Leben immer mal wieder auftun.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:
Dick Stusso – In Heaven
Robert Earl Thomas – Another Age
Jackson Macintosh – My Dark Side

Courtney Barnett & Kurt Vile – Lotta Sea Lice: Musikgewordenes Slackertum

Courtney Barnett und Kurt Vile sind als Solokünstler inzwischen über jeden Zweifel erhaben. Nun haben sie ein gemeinsames Album aufgenommen, das zwar nicht ganz an die Qualität ihrer letzten Werke herankommt, aber dennoch eine bemerkenswerte Sammlung von Songs darstellt.

MI0004293889

13.10.2017 / Matador Records

Obwohl der Trend zu Duetten, Kollaborationen und Features auch vor der Indiewelt nicht Halt macht, ist ein gemeinsames Album von zwei Superstars ziemlich ungewöhnlich. Das hast allein schon mal organisatorische Gründe, denn alles vom Management über die Labels bis zu den Konzertagenturen muss in diesem Fall aufwändig synchronisiert werden. Das hat Kurt Vile nicht davon abgehalten, einen Song für Courtney Barnett zu schreiben und ihr damit die Einladung zur Zusammenarbeit die läppischen 10.000 Internetmeilen von Philadelphia nach Australien zu schicken. Glaubt man der offiziell kolportierten Backstory, so handelte es sich dabei um die erste Vorabsingle Over Everything. Und dass Courtney Barnett auf das Angebot einging, ist angesichts des entwaffnenden Charmes der Nummer immerhin glaubwürdig.

Auf Albumlänge macht sich nach diesem fulminanten Manifest des rockmusikgewordenen Slackertums erst mal so etwas wie Ernüchterung breit. Das klingt irgendwie alles gleich, so als hätte die Schnittmenge zwischen den beiden einfach nicht mehr hergegeben als Midtempo-Geschrammel mit den für beide typischen halb gesprochenen, nun eben auf zwei Stimmen aufgeteilte Anti-Melodien. Doch bei genauerem Hinhören entwickelt sich zumindest im Detail doch noch ein ergiebiger künstlerischer Dialog der beiden. In vielen Songs scheint sich ein spielerischer Streit um die musikalische Vorherrschaft niederzuschlagen, oft mit offenem Ausgang. Der Schleier der Langeweile verfliegt zunehmend, und wer mit den Soloalben der beiden etwas anfangen konnte, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch an dieser ungewöhnlichen Platte erfreuen können.