Vetiver – Up on high (2019)

Schluss mit den Experimenten: Das neue Album von Vetiver verzichtet nach ein paar Jahren Pause auf unnötiges Dekor und rückt Andy Cabics packendes Songwriting ins Zentrum.

Mama Bird Recordings / 1. November 2019 / Text: Tobias Breier

Andy Cabic fabriziert mit seinem Bandprojekt Vetiver schon seit fast zwei Jahrzehnten wie am Fließband Platten, darunter unter anderem das vielleicht beste Cover-Album aller Zeiten. Zuletzt hat er sich ein paar Jahre Pause gegönnt, in denen die gut geölte Songwriting-Maschine allerdings keinerlei Rost angesetzt hat. Nachdem er zu Beginn seiner Karriere vor allem auf fließend assoziative Strukturen gesetzt hatte, wendet er sich spätestens mit Up On High endgültig dem klassischen Songwriting zu.

Dass Cabic ein gefühlvoller Gitarrist ist und ihm überzeugende Melodien offensichtlich mühelos zufliegen, war schon relativ lange deutlich hörbar. Doch obwohl er innerhalb der nordamerikanischen Indie-Folk-Szene schon lange eine feste Größe ist, blieb ihm der ganz große Publikumserfolg bislang verwehrt. Das könnte sich nun ändern, denn mit Up On High gelingt ihm sein bislang zugänglichstes und kompaktes Werk.

Nebenan im Plattenregal:
Michael Nau – Less Ready to Go (2019)
Big Search – Slow Fascination (2019)
Buxton – Stay Out Late (2018)

Zukunftsmusik 5/19: Eure Plattenvorschau für den Mai

Diesmal mit Big Thief (Bild), Faye Webster, TK & The Holy Know-Nothings und Bedouine: Unsere Vorschau auf die Neuveröffentlichungen im Mai 2019.

Text: Tobias Breier / Photo Credit: Michael Buishas

Früher Bescheid wissen mit The Soft Rock Café: Ab sofort gibt es jeden Monat eine kleine Vorschau auf das, was an neuen Platten auf uns zu kommt. Auch im Mai konnten wir für euch aus dem Vollen schöpfen, es gibt noch jede Menge Veröffentlichungen die wir erst mal schweren Herzens aussortieren mussten. Was natürlich keineswegs bedeutet, dass sie nicht im Laufe des Monats doch noch berücksichtigt werden!


Big Thief: U.F.O.F. (3. Mai 2019 / 4AD)

Schon vor dem Release ihres dritten Albums sind Big Thief eine der wichtigsten Bands unserer Zeit. Adrienne Lenker, Buck Meek und Co haben mit ihrem treffend betitelten Debüt Masterpiece und dem nur ein Jahr später veröffentlichten zweiten Album Capacity bewiesen, dass sie zeitlosen Indie Rock mit zeitgenössischen Themen so krachend verbinden wie kaum jemand anderes. Auf der neuen Platte wird es ruhiger, folkiger und noch weirder als ohnehin schon. Extrem empfehlenswert!


Faye Webster: Atlanta Millionaires Club (24. Mai 2019 / Secretly Canadian)

So richtig aus dem Niemandsland der zahlreichen Indie-Folkies konnte sich Faye Webster mit ihren bisherigen Veröffentlichungen nicht wirklich herausstechen. Das dürfte sich mit ihrer neuen Platte ändern, aus der schon eine ganze Reihe vielversprechender Singles vorab zu hören sind. Die schönste ist vielleicht Room Temperature, eine liebevolle Hommage an Neil Youngs Ballade „Harvest Moon“ mit Meeresrauschen, Hawaii-Gitarren und doppeldeutigen, lasziv gehauchten Zeilen.


TK and the Holy Know-Nothings: Arguably OK (24. Mai 2019 / Mama Bird)

Taylor Kingman hat als Rampensau von The Hill Dogs sowie solo mit und ohne die grandios benannten The Holy Know-Nothings schon eine Menge erlebt. Davon erzählt er am liebsten in Form von halb gesungenen und halb am Mikrofon vorbeigenuschelten Phrasen mit reichlich zensurverdächtigem Vokabular, lose verteilt über folkige bis countryeske Rock-Grooves im wildromantischen Niemandsland zwischen The Band, The Flying Burrito Brothers und Grateful Dead.


Bedouine: Bird Songs of a Killjoy (31. Mai 2019 / Spacebomb)

2017 hat Bedouine anlässlich ihres Debüt-Album eine der unglaublichsten Vorgeschichten erzählt, die je zu einer Platte in Umlauf gebracht wurden – mehr dazu in unserem Artikel zur Veröffentlichung. Auf Bird Songs of a Killjoy konzentriert sie sich insgesamt noch mehr als bisher auf intime Songdetails, wagt sich aber mit Songs wie Echo Park auch immer mehr in die psychedelischen Gefilde des Indie-Folks.



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Haley Heynderickx – I need to start a garden: Folksongs von einem anderen Stern

Haley Heynderickx aus Portland blickt mit den fragilen Preziosen auf ihrem Debüt zwar ganz tief in ihr Innenleben, die überragende Performance katapultiert sie aber auf Anhieb in die höchsten Sphären des Folk-Universums.

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2.3.2018 / Mama Bird Recording Company

Introvertierte Folkplatten schießen zur Zeit wie Pilze aus dem Boden. Denn erstens sprechen diese der Generation „Neo-Biedermeier“ aus dem Herzen, die stets auf der Suche nach dem passenden Soundtrack für das Cocooning-Wochenende in der Altbauwohnung mit „schön Kochen“ und „gemütlich Lesen“ ist. Zweitens ist die Studioproduktion günstig, die Kosten für die Tour sind überschaubar und die Chancen auf ein Listing in erfolgsversprechenden Playlists wie „Kaffeehausmusik“ stehen gut. Das Revival der Singer/Songwriter entlarvt also vor allem das gegenwärtige Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität, sowohl bei den Konsumenten als auch auf Seiten der Musikindustrie. Tatsächlich haben jedoch die wenigsten Beiträge zu dieser Welle genügend Substanz, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Das gelingt Haley Heynderickx vor allem dadurch, dass sie die Grenzen des Genres immer wieder herausfordert, überwindet und schließlich stilistisch weit darüber hinauswächst.

Dabei hat diese Musik so gar nichts rebellisches, aufständisches, sie fließt eher gleichmäßig und natürlich vor sich hin wie ein klarer Bach in den Bergen. Diese phlegmatische Distanz könnte darauf zurückzuführen sein, dass Haley Heynderickx  bereits drei mal an der Produktion ihres ersten Albums scheiterte und immer wieder bei Null anfangen musste. Umso erstaunlicher ist deshalb die expressiven Qualität ihrer Performance, die in keinem Moment die Spannung verliert. Haley Heynderickx deutet an, dass sie eines Tages zu den ganz Großen der Folkmusik stoßen könnte und schenkt uns ein nicht nur eine großartige Platte zum Zuhören und Durchatmen, sondern auch eines der beeindruckendsten und charakterstärksten Debüts der letzten Monate.

Wer bei diesem Album vom nächsten Wanderurlaub träumt, trinkt den Filterkaffee am morgen vielleicht auch gerne zu diesen Platten:
Bedouine – Bedouine (2017)
Tara Jane O’Neil – Tara Jane O’Neil (2017)
The Weather Station – The Weather Station: Intimer Folk mit elektrischen Impulsen