Die Nerven – Fake (2018)

Um das Stuttgarter Trio „Die Nerven“ war es nie wirklich still. Zwischen ihrem Debütalbum „Asoziale Medien“ und ihrem vierten Werk namens „Out“ lagen knapp drei Jahre. Umso größer war die Erwartungshaltung, als nach weiteren zweieinhalb Jahren Album Nummer fünf angekündigt wurde.

 

Erschienen am 20. April 2018 bei Glitterhouse

Text: Mischa Kissin

In der Zwischenzeit hatten sich alle drei Bandmitglieder ihren diversen, teilweise in den Himmel gelobten Nebenprojekten wie „All diese Gewalt“, „Karies“ oder „Peter Muffin“ gewidmet und 2017 das Live-Album „Live in Europa“ herausgebracht. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde nicht nur der deutschen Musikkritik klar, dass die wohl beste Liveband des Landes schlichtweg eine unzähmbare, brachiale Urgewalt ist, die sich mit ihren hypnotisierenden Shows tief in die Herzen ihres Publikums spielt.


Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

 

Die vermeintliche Politisierung des zuvor diesbezüglich nicht besonders auffälligen Trios bleibt auf ihrer fünften Platte, die den heutzutage recht aufgeladenen Titel „Fake“ trägt, für das breite Publikum aus. Das Politische passiert zwischen den Zeilen und offenbart sich nur durch die subversive Rezeption der Hörerschaft. Im Fadenkreuz steht dabei genauso der muffige Rand der Gesellschaft wie der narzisstische moderne Mensch, der sich ausschließlich durch Selbstoptimierung definiert. Musikalisch dominieren die altbewährten Strategien, das Wechselspiel zwischen Leisem und Lautem verschärft sich auf dem von Ralv Milberg in der Toskana aufgenommenen Meisterwerk, das dadurch eine fast schon poppige Finesse bekommt. Dabei wäre die Bezeichnung „Pop“ nur eine infame Unterstellung, die sich ob der nicht existenten Massentauglichkeit der „am miesesten gelaunten Rockband“ des Landes (Die Zeit) als haltlos erweist.


Das ganze Album auf Bandcamp:


 

 

The New Year – Snow (2017)

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VÖ: 21.4.2017 auf Undertow Music Collective
Klingt fast ein bisschen wie: Low, Red House Painters, Wye Oak
Passt gut zu: Regenwetter, Ledercouch, Rauch

Text: Mischa Kissin

Wenn Lieblingsbands nach einem guten Jahrzehnt mal wieder ein Album veröffentlichen, stellt man sich bei aller Vorfreude oft die Frage, wohin das denn führen soll. Denn eine Band, die sich eigentlich auf ihrem Legendenstatus ausruhen könnte, stellt diesen mit jeder neuen Platte in Frage. Die Gebrüder Kadane, die den Kern der Band bilden, bewiesen schon zu Zeiten des Vorgängerprojekts Bedhead, dass sich die Langsamkeit und das Innehalten manchmal auszahlen können. Nicht ganz zu Unrecht wurden sie damit in die Genreschublade „Slowcore“ gesteckt, was in Anbetracht der Frequenz ihrer Veröffentlichungen eine ganz neue Note bekommt. Vor allem bei Gruppen wie The New Year, die sich nach Außen hin vor allem durch Unauffälligkeit auszeichnen, drängt sich umso mehr die Sorge auf, dass sich hinter der neuen Veröffentlichung ein komplett aus der Reihe fallendes, liebloses Alterswerk verbirgt. Zum Glück bewahrheitet sich im Fall von ‚Snow‘, Nachfolgewerk des neun Jahre zuvor erschienenen selbstbetitelten Vorgängers, keine dieser Befürchtungen.

The New Year machen auf Snow genau dort weiter, wo sie aufgehört haben: Das musikalische Fundament ist die Kombination aus langsamen Tempi und zurückhaltenden Arrangements. Der verhältnismäßig leise Gesang versteckt sich ein wenig hinter der staubtrocken aufgenommene Rhythmusgruppe und dynamischen Gitarren. Klangliche Lücken werden bewusst nicht gefüllt und wie aus dem Nichts kapselt sich manchmal das ein oder andere Gitarrensolo von der perfekten Symbiose der Instrumente ab, ohne dabei die klangliche Homogenität zu durchbrechen. Eines der Markenzeichen sind vollkommen beiläufige Taktwechsel, die zum Beispiel den titelgebenden Track prägen und schon aus der Zeit von Bedhead bekannt sind.

Dennoch gibt es Überraschungen wie zum Beispiel die wiederholte Suche nach Eingängigkeit oder den Einsatz eines Fender Rhodes. Im Kosmos einer Band, die sich durch radikalen Minimalismus auszeichnet, ist das wirklich schon sehr viel. Aber auch textlich gesehen ist melancholische Gelassenheit der entscheidende Pfeiler. Sänger und Gitarrist Matt Kadane, der inzwischen als Geschichtsprofessor tätig ist, fordert uns auf der vorab erschienenen Single „Recent History“ dazu auf, unseren egozentrischen Blick auf das Weltgeschehen zu überdenken: „There’s nothing wrong with the 21st century that wasn’t wrong with the 20th too.” Und was vor zehn Jahren auf dem letzten Album von The New Year gut und richtig war, ist heute immer noch gut und richtig.

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