Molly Sarlé – Karaoke Angel (2019)

Kompromisslose Nahaufnahme: Molly Sarlé entdeckt auf ihrem ergreifend klangschönen Debüt den Rollentausch als Medium der Selbsterkenntnis.

Partisan Records / 20. September 2019

Schon die Ankündigung des Albums strotzt vor Mythologisierung: Da ist von einer Karaokebar die Rede, in der Molly Sarlé eines Nachts bei der Darbietung von Fleetwood Macs Dreams die Inspiration zu diesem Album gefunden haben will. Von unzähligen gescheiterten Aufnahmeversuchen in der erdrückenden Enge von verschiedenen Tonstudios. Und von einer alten Kirche, in der sie mit ihrem Produzenten Sam Evian Zuflucht fand.

Dieser Narrativ mag konstruiert wirken, doch die Musik auf Karaoke Angel löst sein atmosphärisches Versprechen locker ein. Die Aufnahmen gehen stets ganz nah ran an die gelernte Schauspielerin, die in jedem Song sowohl erzählerisch als auch musikalisch in eine andere Rolle schlüpft. Und irgendwo zwischen unwiderstehlichen Landstraßen-Grooves, spiritistischen Gesängen und windschiefen Balladenfragmenten setzt sich plötzlich wie ein Mosaik das Bild einer Künstlerin zusammen, die wie jede gute Charakterdarstellerin durch die Verkörperung von fiktiven Gestalten vor allem ihre eigene schillernde Persönlichkeit offenbart.



Nebenan im Plattenregal:
Sarah Bethe Nelson – Weird Glow (2019)
Stephen Steinbrink – Utopia Teased (2018)
Buck Meek: Buck Meek (2018)