Andre Ethier – Under Grape Leaves (2017)

Indie Folk / Bedroom Pop / Ambient

Ich kann es immer noch sehen, es ist wirklich als würde ich es gerade jetzt zum ersten Mal sehen. Dort in einem großzügigen, sommerlich warmen Speisesaal sitzt er, mit dem Rücken zum Meer, in dem Rochen und vielleicht Haie schwammen. Ich saß ihm gegenüber, am gleichen Tisch, und doch scheint es als würde er mich durch die Tür beobachten, durch die schon alle anderen gegangen sind, sodass nur noch wir beide übrig blieben, die wir als letztes angekommen und zum Mittagessen erschienen waren. Das ganze Wochenende lag vor uns, Paracas war nicht weit weg. Wir könnten am Montagmorgen zurück in die Stadt fahren und immer noch pünktlich an der Schule ankommen. Meine Mutter hatte keine Zeit, deswegen nahm er mich mit. Er nahm mich immer auf seine Reisen mit, wenn sie ihn nicht begleiten konnte. Seine Firma bezahlte ihm meistens die Übernachtungen in schicken Hotels. Ich glaube er mochte die Reisen mit mir, aber für mich waren sie das Größte, denn ich hatte Paracas und die ganzen anderen Orte noch nie zuvor besucht.

Nebenan im Plattenregal:
Andre Ethier – Croak In The Weeds (2019)
Aoife Nessa Frances – Land Of No Junction (2019)
Cate Le Bon – Reward (2019)

Aoife Nessa Frances – Land Of No Junction (2019)

Psychedelic Folk / Indie Folk / Chamber Pop

Sie saß am Fenster und beobachtete, wie der Abend die Allee eroberte. Ihr Kopf berührte die Vorhänge und in ihrer Nase sammelte sich der Geruch von staubiger Baumwolle. Sie war müde und verträumt, denn nur wenige Menschen zogen an ihrem Haus vorbei. Der Mann aus dem Haus am Ende der Straße kam, zuerst hörte sie seine Schritte auf den Pflastersteinen, dann das Knirschen auf dem Schotter in der Einfahrt zu seinem Haus. Dort war früher eine Brache, auf der sie früher jeden Abend mit den Nachbarskindern spielte. Ende der Sechziger wurde das Grundstück verkauft und reiche Leute bauten Häuser darauf, nicht klein und braun wie ihres, sondern groß und aus rotem Backstein mit glänzenden Dächern. Sie sah sich in ihrem Zimmer um und ließ ihren Blick schweifen über die ganzen Erinnerungsstücke, die sie jede Woche abstaubte und sich dabei wunderte, wo der ganze Staub denn herkam.

Nebenan im Plattenregal:
Mega Bog – Dolphine (2019)
Luke Temple – Both-And (2019)
Weyes Blood – Titanic Rising (2019)

The Fernweh – The Fernweh (2018)

Die Mitglieder von The Fernweh haben jahrelang mit unzähligen Bands auf Bühnen gestanden und im Studio gewerkelt. Die Erfahrung und Inspiration aus dieser Zeit wanderte nun in ein unfassbar ausgereiftes Debüt, das gleich mehrere goldene Epochen der britischen Musikhauptstadt auferstehen lässt.

The Fernweh

Erschienen am 30. November 2018 bei Skeleton Key

Folk Rock von den britischen Inseln hatte immer seinen ganz eigenen Charakter. Das fängt schon beim Akzent an, der im Gegensatz zur bodenständigeren amerikanischen Variante häufig schon fast eine aristokratische Nostalgie heraufbeschwört. Dazu trugen in der Vergangenheit natürlich auch die verwendeten Themen bei, die nicht nur bei Fairport Convention und Genesis immer wieder aus dem unerschöpflichen Fundus alter englischer Adelsgeschichten ausgeliehen wurden. Dazu noch ein paar Besuche im Studio von den ehemaligen Kommilitonen aus der Musikhochschule mit ihren Streichinstrumenten und Flöten, und schon ist man von der nordamerikanischen Spielart dieser Musikrichtung weiter weg als Notting Hill vom Laurel Canyon.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

The Fernweh haben es sich offensichtlich vorgenommen, dieser Distinktion ein Update zu verpassen. Auf ihrem ersten Album belassen sie es nämlich nicht bei der bloßen Folk-Nostalgie, sondern finden auch in weiteren dezidiert britischen Stilentwicklungen Anknüpfungspunkte. Das Spektrum reicht dabei von klassischem Gitarrenpop der Marke British Invasion über Dream-Pop und Post-Punk bis hin zu progressiv angehauchtem, delikat instrumentiertem Chamber Pop. Das wirkt bisweilen etwas überladen, trifft aber außergewöhnlich genau den spezifischen Tonfall der jeweiligen Vorbilder und stellt dennoch die nötige Kohärenz her. Für Fans des britischen Sonderwegs in der Popmusik ein lohnendes und extrem vielfältiges Hörerlebnis, das viele bekannte Stilelemente kreativ rekontextualisiert und neue, reizvolle Zusammenhänge herstellt.

Das ganze Album auf Spotify:

Ähnliche Platten:

Olden Yolk – Olden Yolk (2018)
OCS – Memory of a cut off head (2018)
Henry Jamison – The Wilds (2018)

 

Olden Yolk – Olden Yolk: Auf einem Trip in New York

Shane Butler hat mit seiner Band Quilt schon zwei bemerkenswerte Alben mit jeder Menge psychedelischem Dreampop herausgebracht. Dass er nun aus Boston nach New York gezogen ist und mit Olden Yolk ein zweites Projekt der gleichen Stilrichtung an den Start bringt, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich.

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23. Februar 2018 / Trouble in mind
LIVE: FR 23. März 2018 in Mannheim

Heutzutage widmen sich viele Bands einer spezifischen Zeit, sie suchen die Nähe zu dem charakteristischen Sound einer bestimmten Epoche. Schaut man sich bedeutende Alben aus der Vergangenheit an, fällt jedoch auf, dass es oft um konkrete Orte und ihren besonderen Klang ging. Mit ihrem Debüt knüpfen Olden Yolk an diese Tradition an und schicken ihre Hörer auf eine Reise in ihre neue Heimat New York. Dabei greifen sie verschiedene Stränge wie den psychedelischen Folk der 60er, den Art-Punk der 70er oder auch neuere Richtungen wie College-Rock und Dream-Pop auf. Aus diesen Zutaten entsteht eine erstaunlich homogene Mischung, die vor allem die Vielfalt und Atemlosigkeit der Ostküstenmetropole einfängt.

Die elektrisierende Wirkung dieser Musik fehlt dem bisherigen Schaffen Shane Butlers mit seiner Band Quilt, die es eher auf entspannten Wohlklang abgesehen hatte. Mit seiner neuen Partnerin Caity Shaffer ist er tatsächlich zurück nach New York gezogen, wo beide in den bewegten 90ern aufgewachsen waren. In ihrem Schlafzimmer wurde der Grundstein gelegt für ein großartiges Album, was die Intimität eines Homerecordings mit der Energie der Großstadt verbindet. Diese bahnt sich unwiderstehlich ihren Weg durch die Zimmerwände und Mikrofone bis hin zu unseren Kopfhörern oder Lautsprechern und bringt uns das große, ferne New York ein ganzes Stück näher.

Wer sich von diesem Album gerne nach Brooklyn entführen lässt, gönnt sich vielleicht auch zu den folgenden Platten die ein oder andere Sportzigarette auf der Feuertreppe:
The Sufis – After Hours: Schräger Indie Pop für späte Stunden
Henry Jamison – The Wilds: Neues aus dem Innenleben der Ostküste
OCS – Memory of a cut off head: Verspultes Folk-Vergnügen

OCS – Memory of a cut off head: Verspultes Folk-Vergnügen

John Dwyer ist offensichtlich nicht ausgelastet mit seinen Projekten The Oh Sees, Damaged Bug und dem Label Caste Face. Mit OCS kehrt er überzeugend zu seinen Wurzeln zurück, die bis tief in den psychedelischen Folk der frühen Siebziger reichen.

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17.11.2017 / Castle Face

OCS war ein mal der Ausgangspunkt für die erfolgreichen The Oh Sees, mit denen John Dwyer den Garage Punk als popkompatibles Erfolgsmodell neu erfand. Auf Memory of a cut off head kehrt er aber nicht zurück zu den Lo-Fi-Experimenten der frühen Tage. Vielmehr handelt es sich um einen Neuanfang mit psychedelischem Folk, wie er ab Ende der 60er Jahre in England entstand. Dieser irgendwann ausgetrocknete Seitenarm unterscheidet sich vom Freak Folk der 00er Jahre vor allem durch eine größere Ernsthaftigkeit, handwerkliche Präzision und kompositorische Komplexität.

Eine ganze Reihe von Songs knüpft nahtlos an Qualitäten an, die immer zu erkennen sind, wenn Dwyer im Spiel ist. Da wäre vor allem eine außerordentliche musikalische Dynamik zu nennen, aber auch intensive poetische Bilder und großartige Melodiebögen, die immer über der jeweiligen stilistischen Spielart zu schweben scheinen. Dazugekommen ist ein herausragendes Gespür für Arrangements, vor allem die kammermusikalischen Extras über der geschmackvoll zurückhaltenden Band-Grundlage sind bestechend. Unterm Strich gelingt ihm damit ein Album, das erfolgstechnisch vielleicht nicht unbedingt an seine anderen Projekte heranreicht, aber aufgrund von verdientermaßen euphorischen Rezensionen hoffentlich eine Fortsetzung findet.