The 200s – Power Move (2019)

Unter dem Radar: The 200s aus Atlanta sind in erster Linie ein Spaßprojekt, dabei macht ihre zweite Platte so manchem Meilenstein im Bereich Psychedelic Rock ernsthaft Konkurrenz.

Self-released / 3. June 2019

Das Leben als Profimusiker ist von Kompromissen geprägt. Davon kann Spencer Pope aus Atlanta ein Lied singen, denn weder als Allzweckwaffe für fantastische Live-Bands wie Gringo Star noch als Musiklehrer kann er seine musikalischen Ideen ungebremst verwirklichen. Ein Segen, dass er mit Ben Williams, Ian Newberry und Evan Sarver drei Schicksalsgenossen gefunden hat, die ihm bei seiner Vision eines groove-basierten Psychechedelic Rocks folgen und diese mit traumwandlerischem Zusammenspiel zum Leben erwecken.

200s

Grob geschätzt bewegt sich die Truppe irgendwo zwischen den schwülheißen Rhythmen von Bands wie Little Feat und den scheinbar uferlos wabernden, aber in Wirklichkeit minutiös geplanten Songstrukturen à la Pink Floyd und Konsorten. Das wirft natürlich nebenbei die Frage auf, warum bisher noch so gut wie niemand auf die Idee gekommen ist, in diesem weiten Feld auf die Reise zu gehen – schließlich erfreuen sich beide Herangehensweisen einzeln betrachtet bis heute auch bei nachwachsenden Musikergenerationen außerordentlicher Beliebtheit. Der Grund dafür ist natürlich, dass dieser Brückenschlag ganz und gar nicht einfach ist: Es gibt ganz wenige Musiker, die auf beiden Terrains trittsicher sind und dass diese auch noch zufällig aufeinander treffen, kann man schon fast als kosmischen Zufall bezeichnen.

Mit Power Move ist The 200s ein extrem unterhaltsames, aber auch immer wieder nachdenkliches und tiefgründiges Album gelungen. Aus vorwiegend traditionellen kompositorischen Zutaten und Sounds rührt die Truppe futuristisch wirkende Tracks an, die zwar unüberhörbar aus dem blinden Verständnis beim händischen Zusammenspiel entstanden sein müssen und vermutlich größtenteils analog aufgenommen wurden, in Sachen Detailgrad aber durchaus mit vergleichbaren Produktionen aus elektronischer Manufaktur mithalten können. Das ist wohl nicht zuletzt Jason Kingsland zu verdanken, der sich die Credits für die Produktion mit Spencer Pope teilt. Unterm Strich ist die Platte ein großer Wurf, der eine weitaus größere Aufmerksamkeit in der Musikpresse und ein knackiges Vinyl-Release bei einem reichweitenstarken Label verdient hätte. Ein absoluter Geheimtipp!

Nebenan im Plattenregal:
The Mattson 2 – Paradise (2019)
Pavo Pavo – Mystery Hour (2019)
Halo Maud – Je Suis Une Île (2018)

Olden Yolk – Olden Yolk: Auf einem Trip in New York

Shane Butler hat mit seiner Band Quilt schon zwei bemerkenswerte Alben mit jeder Menge psychedelischem Dreampop herausgebracht. Dass er nun aus Boston nach New York gezogen ist und mit Olden Yolk ein zweites Projekt der gleichen Stilrichtung an den Start bringt, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich.

MI0004367115

23. Februar 2018 / Trouble in mind
LIVE: FR 23. März 2018 in Mannheim

Heutzutage widmen sich viele Bands einer spezifischen Zeit, sie suchen die Nähe zu dem charakteristischen Sound einer bestimmten Epoche. Schaut man sich bedeutende Alben aus der Vergangenheit an, fällt jedoch auf, dass es oft um konkrete Orte und ihren besonderen Klang ging. Mit ihrem Debüt knüpfen Olden Yolk an diese Tradition an und schicken ihre Hörer auf eine Reise in ihre neue Heimat New York. Dabei greifen sie verschiedene Stränge wie den psychedelischen Folk der 60er, den Art-Punk der 70er oder auch neuere Richtungen wie College-Rock und Dream-Pop auf. Aus diesen Zutaten entsteht eine erstaunlich homogene Mischung, die vor allem die Vielfalt und Atemlosigkeit der Ostküstenmetropole einfängt.

Die elektrisierende Wirkung dieser Musik fehlt dem bisherigen Schaffen Shane Butlers mit seiner Band Quilt, die es eher auf entspannten Wohlklang abgesehen hatte. Mit seiner neuen Partnerin Caity Shaffer ist er tatsächlich zurück nach New York gezogen, wo beide in den bewegten 90ern aufgewachsen waren. In ihrem Schlafzimmer wurde der Grundstein gelegt für ein großartiges Album, was die Intimität eines Homerecordings mit der Energie der Großstadt verbindet. Diese bahnt sich unwiderstehlich ihren Weg durch die Zimmerwände und Mikrofone bis hin zu unseren Kopfhörern oder Lautsprechern und bringt uns das große, ferne New York ein ganzes Stück näher.

Wer sich von diesem Album gerne nach Brooklyn entführen lässt, gönnt sich vielleicht auch zu den folgenden Platten die ein oder andere Sportzigarette auf der Feuertreppe:
The Sufis – After Hours: Schräger Indie Pop für späte Stunden
Henry Jamison – The Wilds: Neues aus dem Innenleben der Ostküste
OCS – Memory of a cut off head: Verspultes Folk-Vergnügen