Yves Jarvis – The Same But By Different Means (2019)

In blauen Wolken wunderbar geborgen: Yves Jarvis wirft mit seinem zweiten Album den letzten Rest Songstruktur über Bord und nimmt Kurs auf ein unentdecktes Land jenseits des Ozeans namens Psychedelic Soul.

Erschienen am 1. März 2019 bei Anti-Records

Text: Tobias Breier

Yves Jarvis wurde 1996 in Calgary als Jean-Sebastian Audet geboren und sorgte schon als Zwanzigjähriger unter dem Pseudonym Un Blonde mit einem erstaunlichen Debüt-Album für Aufsehen. Damals widmete er die Platte der Farbe Gelb und damit der Sonne. Auch wenn die Tracks kaum unterschiedlicher sein könnten, so hatten sie doch diesen sommerlichen Charakter als gemeinsamen Nenner. The Same But By Different Means ist nun der Farbe Blau gewidmet und damit der Nacht, dem Nebel, dem Zwielicht und vor allem dem Blues. Und erneut weigert sich Yves Jarvis standhaft, klassischen Songstrukturen zu entsprechen. Auch wenn er nun zwei bis drei mal ganz knapp daran vorbeischlittert.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

 

Dabei scheint Yves Jarvis ein Händchen für große Pop-Momente zu haben: Sobald etwas  greifbares aus dem Tohuwabohu herausragt, geht es sofort in Richtung Ohrwurm. Aber auch die sphärischen Tracks, die teilweise aus nicht viel mehr als Vogelgezwitscher und einer verhallten Mundarmonika oder gospelhafte Stimmen im Hintergrund bestehen, haben einiges zu bieten. Die Höhepunkte sind aber eindeutig die Stellen, bei denen sich das Ganze in hemmungslosen Grooves entläd. Dann klingt Yves Jarvis wie eine zeitgemäße Wiedergeburt des großen Shuggie Otis, der Anfang der Siebziger mit unterbelichteten Drumcomputern, vom Winde verwehten Gitarrensoli und seiner schwerelosen Stimme die Grundlage für den Boom psychedelischer Soulmusik legte. Insgesamt gelingt ihm hier ein herausragendes Album, das mit jedem Hören an Struktur und Bedeutung gewinnt.

Das ganze Album bei Bandcamp:

Nebenan im Plattenregal:

Sea Moya – Falmenta (2018)
Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (2017)
sir Was – Digging a tunnel (2017)

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Kali Uchis – Isolation (2018)

Nach ihrer EP „Por Vida“ wurde Kali Uchis schon 2015 als neue Pop-Hoffnung gefeiert. Im April 2018 erschien das Debütalbum „Isolation“ der kolumbianischen US-Amerikanerin, das zwar Assoziationen zu modernem Neo-Soul zulässt, aber viel mehr ist als ein weiteres R&B-Album im 90er-Jahre Nostalgiegewand.

Erschienen am 13. April 2018 bei Virgin EMI

Text: Schira Kissin

„Isolation“ ist eine Auseinandersetzung Uchis mit der Einsamkeit, die sie als Teenager erfahren hat. Nach einem Streit mit den Eltern zieht die damals 17-jährige aus und schläft monatelang in ihrem Auto. In dieser Zeit entstehen Gedichte, die später zu Songtexten wie dem von „Loner“, erschienen auf der EP „Por Vida“, oder „Killer“, dem Schlusstrack des Albums, werden. „If you loved me, you wouldn’t put me through it“, singt Uchis mit ihrer zart rauchigen Stimme in „Killer“ über missbräuchliches Verhalten innerhalb einer Beziehung, die sie über fünf Jahre führt und durch die sie sich tiefer von ihrer Umgebung isoliert.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

„I’m packing all my bags and leaving it behind / there’s no tracking where I’m going” kündigt Kali Uchis im Intro „Body Language“ an und setzt damit nicht nur inhaltlich sondern auch musikalisch den Ton für „Isolation“. Innerhalb der nächsten knappen Stunde überrascht die Sängerin immer wieder mit verschiedensten Einflüssen und scheut nicht davor zurück, sich dafür die ein oder andere Starbesetzung mit ins Boot zu holen. Von Rapperin BIA, mit der sie in „Miami“ den American Dream besingt, zu The Internet‘s Steve Lacy in der Selbstfeierungshymne „Just a Stranger“, Tame Impala’s Kevin Parker, der die träumerischen Sounds auf „Tomorrow“ einspielt, Jorja Smith in der neo-souligen Single „Tyrant“, Tyler The Creator und Funk-Legende Bootsy Collins in der Hitsingle „After The Storm“ bis hin zu Damon Albarn, mit dem sie sich auf melancholischste Art bei „In My Dreams“ eine Welt erträumt, in der die einzige Sorge die Wahl des Outfits ist.

Auf ihrem Debütalbum überzeugt Uchis mit Einflüssen aus Bossa Nova, Soul, Reggaeton und Funk und erschafft so ein überraschend kohärentes Werk, das sowohl instagramsüchtige Teenies als auch den ein oder anderen selbsternannten Musikexperten überzeugt.


Das ganze Album bei Spotify:


Nebenan im Plattenregal:

Natalie Prass – The Future and the Past (2018)
Homeshake – Fresh Air (2017)
Slow Dancer – In A Mood (2017)

Michael Nau – Michael Nau & The Mighty Thread (2018)

Schon im dritten Jahr in Folge veröffentlicht Michael Nau mitten im Sommer ein komplettes Album. Das neueste Werk überzeugt vor allem durch die Emanzipation seiner Band „The Mighty Thread“ von der reinen Begleitung seiner Folksongs zu einem Impulsgeber in Sachen Groove.

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Erschienen am 3. August 2018 auf Full Time Hobby

Man kann inzwischen die Uhr danach stellen: Jedes Jahr mitten im Sommerloch bringt Michael Nau eine neue Platte heraus und Bandcamp kürt sie kurzentschlossen zum Album of the day. Das geht jetzt schon seit 2016 so und kann auch gerne so weitergehen. Denn der Erfolg dieser Veröffentlichungen beruht nicht primär auf dem Mangel an Neuerscheinungen in der Sommerpause, sondern auf der enormen musikalischen Qualität. Ob mit seinen Bands Cotton Jones und Page France oder Solo unter eigenem Namen: Jeder Song von Michael Nau hat Hand und Fuß, aber vor allem auch ein Herz und eine Seele. Auf den letzten beiden Platten überwog noch eine scheinbar unüberwindbare, sonnengebleichte Melancholie. Nun fühlt man sich hier und da fast schon wie bei einer zwar immer noch ziemlich entspannten, aber durchaus feuchtfröhlichen Gartenparty mit Tanzorchester.

Das Musikvideo zur Single „On Ice“ auf Youtube:

Wie der Albumtitel schon sagt, verschiebt sich der Fokus von der Songwriting-Essenz noch ein wenig mehr in Richtung Band. Eine gewisse Funkyness stellt sich im instrumentalen Bereich ein, die Michael Nau auch gesanglich aufgreift. Schon auf der letzten Platte „Some Twist“ outete sich der ehemalige Folkie als Besitzer einer amtlichen Soulstimme, getragen von den ausladenden Grooves lässt er sie nun noch häufiger raus. Zudem lichtet sich der Nebel aus Hall und Lo-Fi-Knistern wieder ein wenig und gibt den Blick frei auf die außerordentlich detaillierten und geschmackvollen Arrangements. Da schleichen leise Orgeln und wabernde Synthies im Hintergrund umher, lateinamerikanische Percussions lockern die stoischen Schlagzeugrhythmen ein wenig auf und elektrische Vibrato-Gitarren überbieten sich gegenseitig mit lapidaren Solos. Und so perfektioniert Michael Nau erneut die vergessene Kunst, ein Album zu machen, das an einem heißen Sommertag einfach vorbeirauscht und doch einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Alben:

Michael Nau – Some Twist (2017)
Michael Nau – Mowing (2016)
Kevin Kratuer – Toss Up (2018))