Yves Jarvis – Sundry Rock Song Stock (2020)

Psychedelic / Ambient / Free Form

Jetzt erst mal nach Hause, Kakao mit Bonusmaterial warm machen und ab auf die Couch. Die Blätter des Zitronenbaums vor dem Fenster wippen im Takt der Regentropfen, die Musik ist überall dazwischen. Du nimmst ein altes Buch vom Kaffeetisch, aber die Augen fallen immer wieder zu und du siehst nur noch blaue und gelbe Flecken. Na gut, dann halt einfach träumen. Von einer komplett grünen Welt ohne Menschen, aber mit vielen schrägen Vögeln. Wo immer die Sonne scheint und es immer regnet, wo immer Tag ist und immer Nacht. Wo die Bäume heimlich singen und tanzen, wo die Bäche aus dem Tal hinauf in die Berge fließen.

Nebenan im Plattenregal:
Yves Jarvis – The Same But By Different Means (2019)
Andre Ethier – Croak In The Weeds (2019)
Luke Temple – Both-And (2019)

The Long Run: Mit Sea Moya durch Amerika. Teil 1 – Von Montreal nach NYC

Endlose Landstraßen, Filterkaffee im Diner und ganz viel Musik: Wer träumt nicht von einem endlosen Roadtrip durch Nordamerika? Für Elias von Sea Moya wird dieser Traum gerade im Tourbus wahr und wir sind happy, seine Tagebucheinträge in drei Etappen hier zu veröffentlichen.

Vor einem Jahr haben Sea Moya aus Mannheim den Sprung nach Montreal gewagt. Nachdem im Oktober ihr großartiges Album Falmenta erschien, sind sie diesen Frühling nach einigen Konzerten in Europa zum ersten Mal im großen Stil in Kanada und in den USA unterwegs. Was für ein Glück, das Bassist und Vorzeige-Redhead Elias auf den zahlreichen langen Fahrten im Tourbus immer wieder die Zeit findet, von ihren Abenteuern im Land der unbegrenzten Musikmöglichkeiten zu berichten. Im ersten Teil geht es um die Reise von Frankfurt nach Montreal, die Vorbereitungen für die Tour und die ersten paar Shows in Städten wie Toronto, Chicago, Detroit und New York City.

Von Frankfurt nach Montreal



Shit, der Bass ist bestimmt viel zu groß für’s Handgepäck. Und unsere Koffer sind vollgestopft bis zum Anschlag, mit Instrumenten und Merchandise außenrum als Schutz. Ob das gut geht? Die Counter-Lady am Flughafen findet jedenfalls im letzten Moment heraus, dass wir leider doch den vollen Preis für das Gepäck bezahlen müssen. Schade, aber dafür ist wenigstens im Flieger alles easy: Normalerweise darf mein Bass sogar bei den Stewardessen in der Umkleidekabine dabei sein, weil es sonst nirgends Platz gibt. In diesem Riesenvogel aber passt er locker in die Box über unseren Sitzen. Schon extrem impressive.

So vergeht die Reise erst mal im wahrsten Sinne des Wortes “wie im Flug” und wir kommen gefühlt nach einer Stunde in Montreal an. Die Passkontrolle in Kanada ist anscheinend für eine deutsche Band kein Problem, mit den Worten “Are you famous or what?” werden wir einfach durchgewunken. Erst am Zoll erregen wir mit unserem ganzen Zeug natürlich besondere Aufmerksamkeit und werden sofort nach allen Regeln der Kunst gefilzt. Puh, alles ok! Erleichtert können wir endlich mit dem Uber nach Hause, zu unseren Freunden in der WG. Übrigens ist es arschkalt, selbst für kanadische Verhältnisse. Immer wieder ein Schock und eine Temperatur, an die man sich nie wirklich gewöhnen kann.



Direkt am nächsten Tag lege ich im Maison 2109 auf, ansonsten suchen wir auf den lokalen Kleinanzeigen-Plattformen nach einem geeigneten Fahrzeug für die Tour. Das ist definitiv auch eine dieser Aufgaben, die in der Berufsbeschreibung “Musiker” damals nicht angegeben wurde und auch in der Popakademie nicht zum Lehrplan gehört. Trotzdem eine interessante Erfahrung zu sehen, was für Schrottkarren tatsächlich noch zum Verkauf angeboten werden und wie dreist die Verkäufer einen bescheißen wollen. Wenn das so weitergeht, müssen wir uns wohl nach einer Pferdekutsche umschauen.

Dann endlich der Lichtblick: Ein riesiger Dodge Ram, aktuell im Besitz eines Musikers. Leider ist der Typ gerade auf Tour, aber seine unfassbar nette Freundin zeigt uns den Schneeberg, unter dem die Kiste im Winterschlaf liegt. Wider Erwarten finden wir nach dem Ausbuddeln ein wahres Schmuckstück vor, ich stecke natürlich gleich erstmal den Schlüssel falschrum rein und krieg ihn nicht mehr raus. Aber dann klappt alles, der Motor schnurrt wie ein riesiges Kätzchen und wir fühlen uns sofort zuhause. Jetzt gilt es erst mal, unsere ganzen Verstärker und die restlichen Instrumente einzusammeln. Die sind nämlich bei allen möglichen Bands, Freunden, Eltern von Freunden und Freunden von Eltern von Freunden abgestellt. Ja, auch in Montreal ist Platz Mangelware aber die Leute sind auch sehr hilfsbereit.

Unsere erste Show auf dem Tourplan ist am 25. Februar in der Casa Del Popolo in Montreal, wo wir normalerweise zum Publikum gehören. Hier stößt auch Miles Francis dazu, der uns auf dem ersten Teil der Tour begleiten wird. Richtig starker Typ, seine aktuelle EP „Doves“ ist der Hammer. Der Abend ist dann ein voller Erfolg, der Laden platzt aus allen Nähten. Nicht nur alle unsere Freunde sind da, sondern auch superviele Leute, die wir noch nie in unserem Leben gesehen haben. Das ist ein extrem gutes Gefühl, besser kann man wirklich nicht in eine Tour starten. Jetzt haben wir noch drei Tage Zeit, um letzte Vorbereitungen zu treffen und uns von Montreal zu verabschieden.

Von Montreal nach Chicago

Wir sind on the road, endlich! Wow, was ein geiles Gefühl in unserer Big Blue Bijou über den Highway zu brettern. Leider noch ohne Musik, weil das Soundsystem kaputt ist. Aber ein bisschen Stille tut auch manchmal gut und gibt Raum für musikalische Ideen, die ich im Kopf sammle und ab und zu per Sprachmemo festhalte. Unser erster Stopp ist Kingston, eine mittelgroße Stadt am Lake Ontario. Wir spielen in einem Plattenladen mit wenig Platz aber extrem gutem Sound, es erinnert ein bisschen an die Tiny Desk Concerts. Am nächsten Tag geht es weiter nach Ottawa, wo wir unser allererstes Konzert in Kanada hatten und ein paar Leute kennengelernt haben, die auch alle mit ihren Freunden zur Show kommen. Und da ist wieder so ein Homecoming-Feeling, obwohl wir die Stadt eigentlich null kennen. Liegt auch an Kenneth, einem extrem liebenswürdigen Dude bei dem wir immer crashen.

Das nächste Konzert ist in Toronto, in einem Club namens The Boat. Das Viertel heißt Kensington Market und ist extrem angesagt, gegenüber ist die Handlebar in der wir das letzte Mal gespielt hatten. Hier spielen wir mit Miles Francis und einer lokalen Band, organisiert wurde das ganze von unseren band buddies Beams. Der Vibraphonist Keith hat den vielleicht abgefahrensten Job der Welt: Er ist Rental Goalie. What? Man kann ihn für einen Fuffi mieten, um ihm eine Stunde lang beim Eishockey mit dem Puck zu beschießen. Damit war er letztens sogar in der New York Times! Anyways, seine Band ist auch richtig stark und wir haben einen geilen Abend mit den Jungs.



Dann geht es weiter nach Windsor, das ist so etwas wie das kanadische Pendant auf der anderen Seite des Detroit River. So ein bisschen wie LU und Monnem, wääsch? Dort erst mal angekommen in der Phog Lounge, schnell ausgeladen bei Eiseskälte und plötzlich meint der Bar Dude: Sorry Boys, wir haben hier jetzt noch ne private Vermietung, ihr könnt dann um neun wiederkommen. Der Promoter ist aber sehr nett und nimmt uns mit nach Hause und bestellt die angeblich beste Pizza Kanadas. Das sagen irgendwie alle, aber am Ende ist die dann immer doch nur mittelmäßig nach europäischen Maßstäben. Dafür ist die spontane Jam-Session in seiner Garage definitiv Weltklasse.

Am nächsten morgen dann in Detroit über die Grenze. Wir sind meganervös, weil wir beim letzten Versuch einfach abgewiesen wurden und die Shows in den USA ins Wasser fielen. Erst filzen uns die Kanadier bei der Ausreise, dann noch mal die Amis bei der Einreise. Große Erleichterung, als sich das Ganze mit dem soliden Arbeitsvisum als reine Formsache herausstellt. Fühlt sich gut an, willkommen zu sein! Den Unterschied merkt man dann sofort beim Fahren: Die Straßen sind plötzlich doppelt so breit, die Trucks auch. Nach Detroit reingefahren, richtig stark, dann aber gleich wieder raus und auf den Highway Richtung Chicago.

Von Chicago nach Detroit

In Chicago hatte uns Blake, der Gitarrist von
Durand Jones & The Indications eine Show gebucht. Super Band, mit denen wir im Januar in Europa auf Tour waren. Sehr cute, dass er uns dann auch gleich einen europäischen Empfang bereitet mit Snacks, Mineralwasser, Pitas, Hummus und frischem Obst. Das hört sich selbstverständlich an, aber in Amerika kann man froh sein wenn man ein paar Biermarken bekommt. Als Vorband sind die Dendrons am Start, ebenfalls “alte” Freunde, die wir das Jahr zuvor auf einem Festival in Arkansas kennenlernen durften.

Morgens geht es dann weiter nach Bloomington, Indiana. Krasser Sturm auf dem Highway und unsere Big Blue Bijou wird immer wieder ordentlich weggedrückt, ziemlich scary aber wir sind dann doch sicher angekommen. Im Secondhandladen Goodwill treffen wir zufällig den Bassisten von Dasher, die gerade eine Platte bei Jagjaguwar herausgebracht haben. Supernetter Kerl, der im Kofferaum unglaublich viel Essen für ein Homeless Shelter oder so geladen hat, später auch zu unserer Show kommt und mit uns abhängt. Diesmal war es übrigens der Bassist von Durand Jones, der uns den Gig besorgt hat. Die Show ist mau besucht, sehr früh aber sehr lustig, weil danach noch das Public Viewing von der Oscar-Verleihung kommt. Auch ganz spannend bzw. interessant zu sehen wie Amis das so wahrnehmen.



In Detroit am nächsten Tag werden wir sofort von einem ganz besonderen Vibe gepackt. Die Kombination aus Verfall und Aufbruchsstimmung erinnert an Erzählungen aus Berlin um 1990. Viel Leerstand, viel Armut, hier und da auch schon Investoren, die gezielt die black neighbourhoods gentrifizieren. Der Club ist Downtown, heißt Deluxx Fluxx und haut uns um. Die Vorband Pato y Pato spielen ein geniales Ambient Set mit Synthies. Miles Francis, der inzwischen ein richtig guter Freund geworden ist, liefert grandios ab. Geil ist auch, dass echt sauviele Leute nochmal gekommen sind, die schon in Windsor auf der Show waren.



Am Tag danach haben wir ein bisschen Zeit, weil die Fahrt nicht allzu lang ist. Wir gehen erstmal ausgiebig frühstücken bei einem Laden namens Dilla’s Delights, der dem Onkel von J Dilla gehört. Die Lady hinterm Tresen namens Boogie Brown ist natürlich auch MC und erzählt uns einfach alles über Detroit, von Theo Parrish bis Hip Hop. Dann ins Motown-Museum in dem Gebäude, das damals das erste von acht Studios war. Unfassbar, wie viele legendäre Platten hier aufgenommen wurden. Unser Highlight ist der Guide, der unglaublich gut singen kann und auch bei jeder Gelegenheit eine Hook in den Vortrag einstreut. Im Control Room merkt er dann, wie ich auf das Equipment abfahre und weist mich mit einem freundschaftlichen “Not for sale, brother” in die Schranken. Zum Abschied gehen wir noch zu Peoples Records und ich kaufe viel zu viele Platten.

Von Detroit nach NYC

Endlich geht’s weiter und in Cleveland wartet eine weirde Eckkneipe auf uns. Einer der wenigen Besucher sieht aus wie ein Pirat, knallt dauernd super laut seinen Gehstock auf den Holzboden und brabbelt ununterbrochen Lines von Public Enemy. Trotzdem macht der Gig extrem Laune, irgendwann liege ich mit meinem Bass auf dem Boden und Miles steht plötzlich daneben und spielt einfach mit. Auch grandios ist der Abstecher nach Youngstown am nächsten Tag, dort spielen wir im Keller einer Bowling Alley und es gibt Free Bowling, Free Beers und Free Pizza für uns. Die Promoter sind nett aber in so einer Kleinstadt mit 50.000 Einwohnern ist es natürlich immer bisschen schwierig mit dem Publikum.

Morgens fahren wir quer durch Pennsylvania, immer an hübschen Bächen vorbei durch wunderschöne Hügel. Ein Scenic Drive, wie die Amerikaner sagen. Nachmittags dann das krasseste Kontrastprogramm, das man sich vorstellen kann: Welcome to New York City! Um drei kommen wir an und um vier hab ich gleich mal ein DJ Set bei The Lot Radio, mit Blick auf den Sonnenuntergang über einem Parkplatz mit der Skyline von Manhattan im Hintergrund. Unfassbare Vibes! Dann rüber zum Venue, die Jungs haben schon alles aufgebaut. Auch wieder geniale Musik am Start mit Operator Music Band, die eine fantastische neue Platte dabei haben und Miles Francis, der diesmal mit einem gigantischen Ensemble aufspielt. Die Gitarristin und die Keyboarderin von TEEN ist mit auf der Bühne, außerdem eine Drummerin und auch noch zwei Tänzerinnen in Morphsuits, die er wie Marionetten dirigiert. Der Laden ist zwar nicht voll, aber wer da ist flippt aus.



Bevor wir uns auf den Weg nach Washington D.C. machen und dieses Tagebuch erst mal ein paar Tage Pause einlegt, wollte ich noch kurz ein paar Gedanken zu New York City festhalten: Die Stadt hat einfach eine Energie, die man sonst nirgendwo findet. Alle sind immer superbusy, zielstrebig und scheinbar auf sich allein gestellt. Aber wenn man Leute kennenlernt geht es immer zackzack, man kommt sofort zum Punkt und kann superschnell Kontake knüpfen. Mich pusht das extrem, ich sauge die Energie immer gierig auf und ehrlich gesagt kitzelt es mich jedes mal, irgendwann auch mal hier zu wohnen. So, genug gefaselt! Wir sind jetzt mal on the road again und ich melde mich dann bald wieder, viele Grüße nach Deutschland. Auch von David! XO

Teil 2 – „Von NYC in Richtung SXSW“ erscheint am 31.3.

Matty – Déjàvu (2018)

Von seiner Hauptaufgabe als Keyboarder von BadBadNotGood musste Matty Ende 2017 einen längeren Break nehmen. Über die kreativen Auswüchse dieser Phase freuen sich Fans von psychedelisch angehauchtem Bedroom-Pop.

matty dejavu 2018 album cover

Erschienen am 15. Juni 2018 auf Matty Unlimited

Jazz kann anstrengend sein und das Tourleben mit einer großen Band sowieso. Wenn man wie sich dann auch noch bei jeder Gelegenheit die Nächte als DJ um die Ohren schlägt wie Matty Tavares, kann das natürlich schnell mal zu viel werden. Als die Depressionen nicht mehr zu umschiffen sind, zieht er sich völlig zurück und beginnt wieder, für sich alleine Musik zu machen. Doch wer sich jahrelang darauf konzentriert hat, die kompositorischen Visionen von anderen umzusetzen, weiß oft gar nicht mehr so wirklich wohin mit den Tönen.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

An der Kreativität mangelt es bei Matty im Homestudio nicht, eher an der Stringenz. Also ruft er seinen Kumpel Frank Dukes an, der normalerweise mit Leuten wie Frank Ocean, Drake, The Weeknd oder Kendrick Lamar arbeitet. Zusammen finden sie einen roten Faden, der sich im Laufe des Albums aber irgendwo zwischen groß angelegten Melodiebögen, freischwebender Psychedelik und LoFi-Nostalgie verliert. Gerade deshalb ist Déjàvu aber ein extrem facettenreiches und stimmungsvolles Debüt für ein Projekt, das hoffentlich nicht als einmaliger Lückenfüller für eine persönliche Auszeit in die Annalen eingeht.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:

Kevin Krauter – Toss Up (2018)
Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (2017)
Childhood – Universal High (2017)

Childhood – Universal High (2017)

Das zweite Album von Childhood überzeugt mit einem fein abgeschmeckten Cocktail aus 70s Soul, psychedelischen Synthies und Yacht Rock. Die sonnendurchfluteten Grooves sorgen für gute Laune und eignen sich besonders für einen beschwingten Start in einen sonnigen Tag.

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VÖ: 21.7.2017 auf Marathon Artists
Klingt fast ein bisschen wie: Roy Ayers, Pablo Cruise, Nick HakimHomeshake
Stichworte: Morgens / Sonne / Kaffee / Zu zweit

Auf ihrem Debüt-Album hatten sich Childhood aus London noch ein wenig in der heiß umkämpften Retro-Welt zwischen Post-Punk, College Rock, Shoegaze und Dream-Pop verzettelt. Mit Universal High machen die Jungs einen großen Schritt nach vorne, denn in der dreijährigen Pause zwischen den Releases haben sie endlich einen eindeutig wiedererkennbaren, eigenen Stilmix gefunden. Der zeitliche Rahmen der Inspirationsquellen bleibt zwar ungefähr der gleiche, allerdings richtet sich der Blick nun eher auf die andere Seite des großen Teichs und auf die psychedelischen Experimente der Soulmusik in der zweiten Hälfte der Siebziger.

Im Vergleich zu stilistisch artverwandten Studio-Spezialisten spielt bei Childhood der Bandkontext und die damit verbundene Illusion einer Live-Performance aber eine wesentlich größere Rolle. Einige Songs erinnern fast ein bisschen an das kurzlebige Phänomen, das manche Musikjournalisten treffend als „Yacht Rock“ bezeichnet haben, also luftigen bis seichten Gitarrenpop mit ungenierten Anleihen aus Rock und Funk. Dieser Vergleich ist ein bisschen irreführend, da der Begriff heute eher als Schimpfwort in Gebrauch ist, denn die meisten Platten aus diesem Bereich waren schon nach kürzester Zeit wieder vergessen. Angesichts der durchgehend hohen Qualität von Universal High ist davon auszugehen, dass Childhood dieses Schicksal erspart bleibt.

Nick Hakim – Green Twins (2017)

Auf seinem Debüt beweist Nick Hakim, dass Soul sich nicht immer an den goldenen Sechzigern orientieren muss. Mit Green Twins gelingt ihm nicht nur auf Anhieb ein fantastisches Album, sondern auch ein wichtiger Impuls für eine musikalisch zuletzt etwas stagnierende Szene.

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VÖ: 19.5.2017 auf ATO
Klingt fast ein bisschen wie: Shuggie Otis, Roy Ayers, The Foreign Exchange
Stichworte: Nachts / Regen / Cola / Zu Zweit

Obwohl er noch gar nicht so alt ist, kann man Nick Hakim fast als Spätstarter bezeichnen. Erst mit zwanzig Jahren begann er, intensiv Musik zu machen und einzelne Songs im Internet zu veröffentlichen. Nach drei Jahren Arbeit veröffentlicht der Sänger und Gitarrist nun endlich sein Debüt-Album, auf dem er die psychedelischen Abwege des Soul Mitte der Siebzigern nachspürt und diese teilweise mit elektronischen Mitteln von heute neu interpretiert.

Dabei ist nicht nur extrem stilvolle und entspannte Musik entstanden, sondern auch eine Entdeckungsreise in eine oft links liegen gelassene Spielart psychedelischer Popmusik. Das Interesse an Soul richtet sich heute fast ausschließlich auf die klassische Zeit um 1970 und den fetten, geradlinigen Vintagesound von Labels wie Stax und Motown. Ein Bereich, aus dem selbst zweit- und drittrangige Namen heute gerade bei Plattensammlern wohlbekannt und teilweise äußerst begehrt sind. Von den Künstlern, die später mit psychedelischen Sounds aus Synthesizern und Drumcomputern herumexperimentiert haben, sind nur noch eine Handvoll im Gespräch. Das ist sehr schade, aber vielleicht kann Nick Hakim mit seinem fantastischen und vor allem in den USA vielbeachteten Album dazu beitragen, dass dieser zu Unrecht in Vergessenheit geratene Seitenarm der Popmusikgeschichte wiederentdeckt wird.