Cass McCombs – Tip of the Sphere (2019)

West-Coast-Rocker Cass McCombs singt vom Leben im postfaktischen Amerika.

Erschienen am 8. Februar 2019 bei Anti-Records

Obwohl ihm das Etikett gerne anhaftet: Americana ist an Cass McCombs eigentlich nur seine Biographie als autodidaktischer Hobo, der seine Zwanziger auf Sofas von Bekannten, in schummrigen Bars und Universitätsbibliotheken zwischen San Francisco und New York verbracht hat. Ansonsten ist der oft ein wenig enigmatisch daherkommende Kalifornier vor allem ein Genre-Anarchist. Seine früheren Platten zitieren noisigen Punk, Garage-Rock, Blues, Folk und den smoothen Westküsten-Sound der 70er – irgendwo zwischen Grateful Dead und Little Feat.

Ein kleiner Vorgeschmack bei Youtube:

Auch auf seinem neunten Album nimmt McCombs alles mit, was die 70er an Brauchbarem hinterlassen haben und baut sich daraus wieder ein ganz eigenes musikalisches Heim. Der zweite Track „The Great Pixley Train Robbery“ (Video oben), lockt da mit seinem zwingenden Outlaw-Rock allerdings erst einmal auf die falsche Fährte. Denn auf dem Rest der Platte dominieren die für McCombs mittlerweile so typischen subtilen Gesten – auch in den Lyrics. Und doch – oder gerade deswegen – lohnt sich in beiden Bereichen wieder einmal das genaue Hinhören. Denn auch wenn das Rhodes Piano noch so leichtfüßig grooven mag, textlich zeigt sich McCombs als einer der wenigen zeitgenössischen Künstler, dem es um mehr als nur Beziehungsanalysen, Kifferfantasien und Eskapismus geht. Der Kalifornien beschäftigt sich auf „Tip of the Sphere“ mit Phänomen der postfaktischen Demokratie, Ungerechtigkeit oder der Psychologie des Verbrechens. Cass McCombs beweist damit: Auch das Subtile ist politisch.

Das ganze Album bei Bandcamp:

 

 

Ten Fé – Hit the light (2017)

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VÖ: 27.1.2017 auf Some Kinda Love
Klingt fast ein bisschen wie: Future Islands, The Cure, The War on Drugs
Passt gut zu: Autobahn, Sonnenbrille, Coladose

Das lange erwartete Debüt-Album des britischen Duos Ten Fé ist in vielerlei Hinsicht ein zweischneidiges Schwert. Es ist nicht leicht, das Feeling von klassischer Rockmusik mit einer dezidierten Synthiepop-Ästhetik zu verbinden, deshalb lohnt es sich auf jeden Fall, ein bisschen genauer hinzuhören. Einerseits ist die Platte insgesamt eine verdammt solide Angelegenheit und beeindruckt mit einer dichten Atmosphäre, viel Liebe zum Detail und vielen guten Songs. Andererseits fällt es im Vergleich zu den großen Vorbildern, denen hier ziemlich offensichtlich nachgeeifert wird, erwartungsgemäß ein bisschen ab. Unterm Strich finde ich das Ganze aber durchaus empfehlenswert, auch weil die Jungs das Schicksal vieler wirklich guter Musiker teilen und zu Unrecht ein bisschen durch das Raster fallen. Für wirklich ambitionierte Musikhörer, die sich unter einem Album ein Gesamtkunstwerk mit musikalischem, textlichem und konzeptionellem Mehrwert vorstellen, ist es einfach ein bisschen zu flach und kitschig. Dagegen vermisst der Ottonormalverbraucher wahrscheinlich sowohl die Hits als auch die Leichtigkeit. Wer aber wie ich manchmal anspruchsvolle, aber leicht zugängliche Musik einfach laufen lassen will und offen ist für ein gleichberechtigtes Miteinander von Gitarren und Keyboards, findet hier eine potentielle Lieblingsplatte.

Twain – Life Labors in the Choir (2014)

VÖ: 11.3.2014 (Ohne Label)
Namedropping: Tim Buckley, Van Morrison, Mickey Newbury, Gram Parsons

Passt gut zu: Kopfkino, Fernweh, Tagträumen

Nachdem er ein paar Jahre als Multi-Instrumentalist bei der Indie-Folk-Band The Low Anthem vor sich hingedümpelt hatte, setzte sich Twain auf seinen Hosenboden und schrieb aus dem Nichts ein heimliches Meisterwerk, das nie bei einem Label erschien oder von irgendwelchen Medien berücksichtigt wurde. Die erste, auf eigene Kosten gepresste Edition von 300 Exemplaren war aber auf Bandcamp nach kurzer Zeit ausverkauft. Kein Wunder, denn hier gibt es nicht nur geniales Songwriting und bestechend geschmackvolle Arrangements, sondern eben auch eine herzergreifende Performance und vor allem ganz viel Seele. Eine ganz besondere Platte von einem ganz besonderen Künstler, die so langsam die Aufmerksamkeit bekommt, die sie schon seit drei Jahren verdient.

Achtung, Re-Release: Der Pre-Sale zur extrem begehrten zweiten Auflage erscheint am Donnerstag, den 23.2.2017. Unbedingt gleich hier vorbestellen!

Ryan Adams – Prisoner (2017)

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VÖ: 17.2.2017 auf Blue Note / Virgin EMI
Klingt fast ein bisschen wie: Bruce Springsteen, The War on Drugs
Passt gut zu: Whiskey, Landstraße, Trennungsblues

Ryan Adams hat in den letzten zwanzig Jahren einen unglaublichen Output hingelegt. Leider ist ihm zuletzt ein bisschen die Luft ausgegangen, deshalb freue ich mich wirklich sehr, dass er mit seinem neuen Album wieder richtig in die Vollen geht. Obwohl er in den Songs seine Scheidung von Mandy Moore verarbeitet, wird hier unterm Strich vor allem eine extrem mitreißende Aufbruchsstimmung verbreitet. Euch erwartet eine grandiose Mischung aus Herzschmerz, zupackenden Gitarrenriffs und einem Vintage-Bandsound, den man selten gleichzeitig so fett und transparent bekommt.