The Berries – Berryland (2019)

Die Bandmitglieder durften nur auf das Foto: Matt Berry schließt sich mit einem klassischen Rock-Instrumentarium im Studio ein und nimmt quasi im Alleingang sein zweites und bislang bestes Album auf.

Run For Cover Records / 20. September 2019

Nichts ist in Ordnung, das ist weiterhin die gefühlsmäßige Grundformel von den allermeisten Songs aus der Feder von Matt Berry. Relativ neu sind allerdings die Mittel zur Vertonung dieser Perspektive auf eine Welt, die fast täglich mehr Anlass zu skeptischen Zukunftsaussichten gibt. Denn wo in seinen früheren Projekten verzerrte Gitarren und gereizte Stimmbänder um die Wette zu schreien schienen, plätschern die Songs auf Berryland vielleicht nicht unbedingt gefällig, doch durch die Bank angenehm und luftig durch eine fast schon ländlich anmutende Idylle.

Die Reibung zwischen teilweise apokalyptischen Inhalten und größtenteils sanft fließenden Harmonien sorgt immer wieder für Irritationen, garantiert aber einen tragfähigen Spannungsbogen zwischen den Songs. Die stilistische Palette reicht von verschlafenen Countryballaden bis hin zu hypernervösem Post-Punk und es ist durchaus beeindruckend, dass Matt Berry so unterschiedliche Stimmungen zu einem funktionierenden Ganzen zusammenfügt. Das Ergebnis ist ein Album mit Ecken und Kanten, das mit jedem Durchlauf an emotionalem Gewicht gewinnt.

FAZIT: Die perfekte Platte für Schreibtisch-Lumberjacks, die auf dem Weg nach Hause innerlich noch mal richtig abrocken wollen.

Nebenan im Plattenregal:
Craig Finn – I Need a New War (2019)
Cass McCombs – Tip of the Sphere (2019)
Dick Stusso – In Heaven (2018)

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Damien Jurado – The Horizont Just Laughed (2018)

Damien Jurado ist schon seit den Neunzigern im Geschäft und hat die Nerven, sein Album vor dem digitalen Release erst mal sechs Monate ausschließlich auf Vinyl vertreiben zu lassen. Das kann tatsächlich funktionieren, vor allem wenn das Material so unwiderstehlich ist wie in diesem Fall.

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Erschienen am 4. Mai 2018 auf Secretly Canadian

Nach siebzehn Studioalben sollte man eigentlich das Gefühl haben, den Musiker Damien Jurado einigermaßen gut zu kennen. Weit gefehlt, auch mit „The Horizont Just Laughed“ gelingt es dem Kritikerliebling, im ausgetretenen Feld zwischen den Genres Singer/Songwriter und Indie Folk neue, bislang weitgehend unbeschrittene Pfade ausfindig zu machen. Das trifft in erster Linie auf Songs wie „Percy Faith“ zu, die mit einer für ihn eher untypischen Fröhlichkeit vor sich hin grooven.

Das Musikvideo zur Single „Percy Faith“ auf Youtube:

Kaum hat man sich auf die gute Laune eingelassen, packt Damien Jurado aber seine unverwechselbar zerbrechlichen Minimalsongs aus. Ein paar traurige Akkorde, sparsames Fingerpicking und poetische Zeilen, schwerelos und vom Winde verweht. In diesem Fall aber eine Einladung zu einem Video mit einer überwältigenden Bildsprache.

Das Musikvideo zur Single „Over Rainbows and Rainier“ auf Youtube:

Musikalisch und textlich ist Damien Jurado schon lange über jeden Zweifel erhaben. Eines Tages wird man ihn hoffentlich als sensiblen Chronisten seiner Zeit feiern. Als einen, der über Jahrzehnte frei von Zeitgeist und Retromanie seine Kunst abliefert und mit jedem Song ein ästhetisches Statement setzt. Ob man seinen Tonfall als transzendentrale Weltabgewandtheit oder Selbstmitleid empfindet, bleibt dabei natürlich jedem selbst überlassen. Unbestreitbar ist allerdings, dass Jurado einer beeindruckenden Reihe von exzellenten Alben nun ein weiteres bestechendes Kapitel hinzugefügt hat.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:
The Saxophones – Songs of the Saxophones (2018)
Sam Evian – You, Forever (2018)
Michael Nau – Michael Nau & The Mighty Thread (2018)