Whitney – Forever Turned Around (2019)

Entspannt zuhause angekommen: Drei Jahre nach dem turbulenten Karrierestart mit dem gefeierten Debüt-Album richten sich die zwei Jungs aus Chicago in ihrer idyllischen Folk-Nische häuslich ein.

Secretly Canadian / 30. August 2019 / Text: Tobias Breier

Natürlich träumen die meisten Musikschaffenden davon, mit ihrem ersten Album gleich den großen Wurf zu landen. Für Whitney ist dieser Traum in Erfüllung gegangen, ihr Debüt Light Upon a Lake (2016) schlug gleichermaßen bei der Kritik und beim Publikum ein und bescherte den Jungs aus Chicago auf Anhieb eine ausverkaufte Welt-Tournee und den Sprung auf die größeren Bühnen von zahlreichen Festivals. Doch dann wurde es still um die Truppe, das zweite Album wurde erst angeteasert und dann immer wieder verschoben. Natürlich ist es nicht einfach, unter diesen Bedingungen sofort mit einem zweiten Album nachzulegen, zumal die Erwartungen erheblich gestiegen sind. Doch zwischenzeitlich liefen Whitney tatsächlich Gefahr, jedes Momentum zu verlieren und in Vergessenheit zu geraten.

Im August kam dann Forever Turned Around heraus, und die Reaktionen waren zunächst mal wenig euphorisch. Fast wirkte es auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium aus Songs, die für das Debüt nicht gut genug waren und nun aufgewärmt wurden. Doch gerade ein direkter Vergleich zeigt: Die musikalische Weiterentwicklung ist gigantisch, während der Charakter und die stilistische Identität erhalten geblieben ist. Whitney lebt im Speziellen davon, dass Julien Ehrlich gleichzeitig als Leadsänger den Ton angibt und am Schlagzeug die rhythmischen Akzente setzt. Dieser subtile, aber grundlegende Vorsprung in Sachen Dynamik liefert die Basis für die harmonische Zuckerwatte, die Gitarrist McMillen Kakacek mit seiner Bande aus Multi-Instrumentalisten anrührt. Pappsüß ist das zwar manchmal, aber niemals kitschig oder gar billig, dafür sind die Songs einfach zu elegant und detailverliebt. Unterm Strich ein adäquates zweites Album, das seinen teilweise übertrieben verehrten Vorgänger qualitativ eindeutig überragt und richtig Lust auf die nächste Tour macht.

https://open.spotify.com/album/2tEnM0jAnGCfNvrhVVVZ3h?si=EPClOu2OQZG_qSBNDVlNMA

Nebenan im Plattenregal:
Mapache – Mapache (2019)
Vetiver – Up on high (2019)
Big Search – Slow Fascination (2019)

Zukunftsmusik 5/19: Eure Plattenvorschau für den Mai

Diesmal mit Big Thief (Bild), Faye Webster, TK & The Holy Know-Nothings und Bedouine: Unsere Vorschau auf die Neuveröffentlichungen im Mai 2019.

Text: Tobias Breier / Photo Credit: Michael Buishas

Früher Bescheid wissen mit The Soft Rock Café: Ab sofort gibt es jeden Monat eine kleine Vorschau auf das, was an neuen Platten auf uns zu kommt. Auch im Mai konnten wir für euch aus dem Vollen schöpfen, es gibt noch jede Menge Veröffentlichungen die wir erst mal schweren Herzens aussortieren mussten. Was natürlich keineswegs bedeutet, dass sie nicht im Laufe des Monats doch noch berücksichtigt werden!


Big Thief: U.F.O.F. (3. Mai 2019 / 4AD)

Schon vor dem Release ihres dritten Albums sind Big Thief eine der wichtigsten Bands unserer Zeit. Adrienne Lenker, Buck Meek und Co haben mit ihrem treffend betitelten Debüt Masterpiece und dem nur ein Jahr später veröffentlichten zweiten Album Capacity bewiesen, dass sie zeitlosen Indie Rock mit zeitgenössischen Themen so krachend verbinden wie kaum jemand anderes. Auf der neuen Platte wird es ruhiger, folkiger und noch weirder als ohnehin schon. Extrem empfehlenswert!


Faye Webster: Atlanta Millionaires Club (24. Mai 2019 / Secretly Canadian)

So richtig aus dem Niemandsland der zahlreichen Indie-Folkies konnte sich Faye Webster mit ihren bisherigen Veröffentlichungen nicht wirklich herausstechen. Das dürfte sich mit ihrer neuen Platte ändern, aus der schon eine ganze Reihe vielversprechender Singles vorab zu hören sind. Die schönste ist vielleicht Room Temperature, eine liebevolle Hommage an Neil Youngs Ballade „Harvest Moon“ mit Meeresrauschen, Hawaii-Gitarren und doppeldeutigen, lasziv gehauchten Zeilen.


TK and the Holy Know-Nothings: Arguably OK (24. Mai 2019 / Mama Bird)

Taylor Kingman hat als Rampensau von The Hill Dogs sowie solo mit und ohne die grandios benannten The Holy Know-Nothings schon eine Menge erlebt. Davon erzählt er am liebsten in Form von halb gesungenen und halb am Mikrofon vorbeigenuschelten Phrasen mit reichlich zensurverdächtigem Vokabular, lose verteilt über folkige bis countryeske Rock-Grooves im wildromantischen Niemandsland zwischen The Band, The Flying Burrito Brothers und Grateful Dead.


Bedouine: Bird Songs of a Killjoy (31. Mai 2019 / Spacebomb)

2017 hat Bedouine anlässlich ihres Debüt-Album eine der unglaublichsten Vorgeschichten erzählt, die je zu einer Platte in Umlauf gebracht wurden – mehr dazu in unserem Artikel zur Veröffentlichung. Auf Bird Songs of a Killjoy konzentriert sie sich insgesamt noch mehr als bisher auf intime Songdetails, wagt sich aber mit Songs wie Echo Park auch immer mehr in die psychedelischen Gefilde des Indie-Folks.



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Stella Donnelly – Beware Of The Dogs (2019)

Auch unabhängig vom Weltfrauentag die Platte der Stunde: Mit ihrem beeindruckenden Debüt bei Secretly Canadian zeigt Stella Donnelly, dass sie eine der wichtigsten Stimmen in der immer noch männlich geprägten Welt der Gitarrenmusik werden kann.

Erschienen am 8. März 2019 bei Secretly Canadian

Text: Tobias Breier

Es hatte sich schon angedeutet, als sie im vergangenen Jahr ihre erste EP Thrush Metal inklusive des Mini-Hits Boys Will Be Boys veröffentlichte: Stella Donnelly ist ein Name, den man sich merken muss. Ausgerechnet am Weltfrauentag erscheint nun ihr Debüt-Album und schon nach wenigen Akkorden des grandiosen Openers Old Man ist klar, wo die Reise hingeht. Die Australierin denkt gar nicht daran, ihre im besten Sinne feministischen Ansagen hinter sperriger Musik zu verstecken. Im Gegenteil, ihre ausgeprägte Pop-Sensibilität und eine feine Erzählkunst kommen mit jedem Song mehr zum Vorschein. Würde Stella Donnelly diese Qualitäten noch ein bisschen stärker konzentrieren, eine Mainstream-Produktion zulassen und die absichtlich schrägen Indie-Elemente ganz weglassen, wären Songs wie Die oder Tricks ein klarer Fall für die Charts.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:


Naturgemäß wird Stella Donnelly mit ihrem Debüt vor allem Vergleiche mit anderen jungen Sängerinnen wie Soccer Mommy oder Snail Mail ernten. Das ist einerseits nachvollziehbar, andererseits aber auch extrem unsachgemäß und schade, auch wenn diese Vergleiche natürlich an sich keineswegs ehrenrührig sind. Natürlich ähneln Frauenstimmen immer noch eher Frauenstimmen und leider finden es offenbar immer noch viele (ausgerechnet männliche) Kommentatoren erstaunlich, wenn Frauen bestechend Gitarre spielen. Den spezifischen musikalischen Qualitäten und der künstlerischen Vision von Beware Of The Dogs würde man aber wohl am ehesten mit einem Verweis auf Mac DeMarco gerecht werden, der nun mal als erstes den schmalen Grat zwischen Slacker-Geschrammel und minutiös perfektionierten Ohrwürmern als Spielwiese ausgemacht hat. Dieses fantastische Debüt lässt jedenfalls hoffen, dass wir eines Tages auch umgekehrt Stella Donnelly und andere weibliche Künstlerinnen beim Name-Dropping als Maßstab ansetzen, sogar wenn es sich bei dem namenlosen Newcomer um einen Mann handelt.

Das ganze Album bei Spotify:


Nebenan im Plattenregal:

Mac DeMarco – This Old Dog (2017)
Natalie Prass – The Future and the Past (2018)
Devon Sproule – The Gold String (2017)

Damien Jurado – The Horizont Just Laughed (2018)

Damien Jurado ist schon seit den Neunzigern im Geschäft und hat die Nerven, sein Album vor dem digitalen Release erst mal sechs Monate ausschließlich auf Vinyl vertreiben zu lassen. Das kann tatsächlich funktionieren, vor allem wenn das Material so unwiderstehlich ist wie in diesem Fall.

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Erschienen am 4. Mai 2018 auf Secretly Canadian

Nach siebzehn Studioalben sollte man eigentlich das Gefühl haben, den Musiker Damien Jurado einigermaßen gut zu kennen. Weit gefehlt, auch mit „The Horizont Just Laughed“ gelingt es dem Kritikerliebling, im ausgetretenen Feld zwischen den Genres Singer/Songwriter und Indie Folk neue, bislang weitgehend unbeschrittene Pfade ausfindig zu machen. Das trifft in erster Linie auf Songs wie „Percy Faith“ zu, die mit einer für ihn eher untypischen Fröhlichkeit vor sich hin grooven.

Das Musikvideo zur Single „Percy Faith“ auf Youtube:

Kaum hat man sich auf die gute Laune eingelassen, packt Damien Jurado aber seine unverwechselbar zerbrechlichen Minimalsongs aus. Ein paar traurige Akkorde, sparsames Fingerpicking und poetische Zeilen, schwerelos und vom Winde verweht. In diesem Fall aber eine Einladung zu einem Video mit einer überwältigenden Bildsprache.

Das Musikvideo zur Single „Over Rainbows and Rainier“ auf Youtube:

Musikalisch und textlich ist Damien Jurado schon lange über jeden Zweifel erhaben. Eines Tages wird man ihn hoffentlich als sensiblen Chronisten seiner Zeit feiern. Als einen, der über Jahrzehnte frei von Zeitgeist und Retromanie seine Kunst abliefert und mit jedem Song ein ästhetisches Statement setzt. Ob man seinen Tonfall als transzendentrale Weltabgewandtheit oder Selbstmitleid empfindet, bleibt dabei natürlich jedem selbst überlassen. Unbestreitbar ist allerdings, dass Jurado einer beeindruckenden Reihe von exzellenten Alben nun ein weiteres bestechendes Kapitel hinzugefügt hat.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:
The Saxophones – Songs of the Saxophones (2018)
Sam Evian – You, Forever (2018)
Michael Nau – Michael Nau & The Mighty Thread (2018)