Loving – If I Am Only My Thoughts (2020)

Indie Folk / Folk Rock / Soft Rock

Ein kalter Herbstabend im Nordosten von Paris, du bist der frühe Vogel in diesem riesigen alten Schlachthof. Bis jetzt ist nur der Seitenflügel geöffnet, doch der erste Song der ersten Band weht schon herüber in den Eingangsbereich. Die Foodtrucks duften nach Raclette, Dim Sum und Flammkuchen, doch die leise Musik saugt dich hinein in diesen kleinen Raum mit Bar und Bühne, dessen Fensterfront den Blick zum Kanal öffnet und den Schein der Straßenlaternen hineinlässt. Doch du schaust nur nach vorne: Geschlossene Augen hinter den Mikrofonen, Streicheleinheiten fürs Schlagzeug, flauschige Gitarrenteppiche, Gänsehaut, ungläubige Blicke. Wenn der Abend so weiter geht, sind die Freudentränen nur eine Frage der Zeit.

Nebenan im Plattenregal:
Whitney – Forever Turned Around (2019)
Outer Spaces – Gazing Globe (2019)
Buxton – Stay Out Late (2018)

Kyle Forester – Hearts in Gardens (2020)

Indie Pop / Soft Rock / Dream Pop

Der Kaffee ist heiß, der Kuchen ist noch ein bisschen warm. Heute bleib ich einfach mal zuhause, ist doch auch schön hier. Und wenn ich Fernweh habe, dann mach ich die Augen zu und träume vom Meer oder den Bergen. Du kannst mitfahren, halte einfach deinen Daumen raus und warte ein paar Minuten. Mein imaginäres Auto ist klimafreundlich und muss weder in die Werkstatt noch in die Waschanlage. Aber wir können das Verdeck auf und das Radio anmachen, und dann fahren wir über die Landstraße nach Hause.

Nebenan im Plattenregal:
Stephen Steinbrink – Utopia Teased (2018)
Big Search – Slow Fascination (2019)
Hannah Cohen – Welcome Home (2019)

TOPS – I Feel Alive (2020)

Indie Pop / Soft Rock / Synth Pop

Schon wieder viel zu viel Vodka Soda gestern Abend. Ich hab immer noch meine Trainingsjacke an und liege rückwärts auf der Couch. Die Sonne scheint mir direkt ins Gesicht und in der Glotze läuft seit 3 Uhr morgens Full House als Dauerschleife. So lebendig habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Nebenan im Plattenregal:
Tops – Sugar at the Gate (2017)
Jackson Macintosh – My Dark Side (2018)
Tops – Picture You Staring (2014)

Office Culture – A Life of Crime (2019)

Amerikanischer Impressionismus als musikalisches Hörbuch: Office Culture entführen dich in eine Welt aus verblassten Erinnerungen, die harmonisch umeinander kreisen wie ein feingliedriges Mobile in einer lichtdurchfluteten Galerie.

Whatever’s Clever / 1. November 2019

Wenn du dieses Album hörst, fühlst du dich wie in einer alten Kneipe in der Nähe einer ehemaligen Wohnung: Die Leute an der Bar grüßen dich freundlich, die Drinks sind immer noch genauso stark wie früher, aber irgendwie ist es auch gruselig und du weißt nicht, ob du selbst der Geist ist oder die seltsam vertrauten Gesichter um dich herum. Beim ersten Mal willst du Winston Cook-Wilson in die Schublade von Donald Fagen, Warren Zevon und Tom Waits stecken. Typen, die aus der musikalischen Zeichnung von Szenen aus dem einsamen, verregneten Großstadtleben eine Kunstform gemacht haben. Doch dann kommt der Jazz durch die Hintertür und du entdeckst die Lebendigkeit eines guten Gesprächs in den Melodien, so als würde plötzlich Joni Mitchell mitreden.

Bei genauerer Betrachtung spielt der vermeintlich einsame Mann am Piano nicht einfach nur seinen Stiefel, sondern ist in das Zusammenspiel mit seinen Freunden vertieft: Ian Wayne an der Gitarre, Pat Kelly an den Drums und Charlie Kaplan am Bass. Du merkst sofort, dass die vier mit geschlossenen Augen auf einer Wellenlänge schweben. Die ruhige Intensität drückt dich in den Sitz wie bei Talk Talk, Blue Nile oder den übrigen Geheimtipps aus dem 80er-Fach deines Plattenregals. Die Stunden vergehen wie Minuten, die Sonne geht auf und du bist immer noch wach. Der Geruch von der Party gestern Abend hängt noch im Raum, aber die Luftballons liegen auf dem etwas klebrigen Boden und du öffnest das Fenster.

Nebenan im Plattenregal:
Cate Le Bon – Reward (2019)
The Mattson 2 – Paradise (2019)
Chris Cohen – Chris Cohen (2019)

Whitney – Forever Turned Around (2019)

Entspannt zuhause angekommen: Drei Jahre nach dem turbulenten Karrierestart mit dem gefeierten Debüt-Album richten sich die zwei Jungs aus Chicago in ihrer idyllischen Folk-Nische häuslich ein.

Secretly Canadian / 30. August 2019 / Text: Tobias Breier

Natürlich träumen die meisten Musikschaffenden davon, mit ihrem ersten Album gleich den großen Wurf zu landen. Für Whitney ist dieser Traum in Erfüllung gegangen, ihr Debüt Light Upon a Lake (2016) schlug gleichermaßen bei der Kritik und beim Publikum ein und bescherte den Jungs aus Chicago auf Anhieb eine ausverkaufte Welt-Tournee und den Sprung auf die größeren Bühnen von zahlreichen Festivals. Doch dann wurde es still um die Truppe, das zweite Album wurde erst angeteasert und dann immer wieder verschoben. Natürlich ist es nicht einfach, unter diesen Bedingungen sofort mit einem zweiten Album nachzulegen, zumal die Erwartungen erheblich gestiegen sind. Doch zwischenzeitlich liefen Whitney tatsächlich Gefahr, jedes Momentum zu verlieren und in Vergessenheit zu geraten.

Im August kam dann Forever Turned Around heraus, und die Reaktionen waren zunächst mal wenig euphorisch. Fast wirkte es auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium aus Songs, die für das Debüt nicht gut genug waren und nun aufgewärmt wurden. Doch gerade ein direkter Vergleich zeigt: Die musikalische Weiterentwicklung ist gigantisch, während der Charakter und die stilistische Identität erhalten geblieben ist. Whitney lebt im Speziellen davon, dass Julien Ehrlich gleichzeitig als Leadsänger den Ton angibt und am Schlagzeug die rhythmischen Akzente setzt. Dieser subtile, aber grundlegende Vorsprung in Sachen Dynamik liefert die Basis für die harmonische Zuckerwatte, die Gitarrist McMillen Kakacek mit seiner Bande aus Multi-Instrumentalisten anrührt. Pappsüß ist das zwar manchmal, aber niemals kitschig oder gar billig, dafür sind die Songs einfach zu elegant und detailverliebt. Unterm Strich ein adäquates zweites Album, das seinen teilweise übertrieben verehrten Vorgänger qualitativ eindeutig überragt und richtig Lust auf die nächste Tour macht.

https://open.spotify.com/album/2tEnM0jAnGCfNvrhVVVZ3h?si=EPClOu2OQZG_qSBNDVlNMA

Nebenan im Plattenregal:
Mapache – Mapache (2019)
Vetiver – Up on high (2019)
Big Search – Slow Fascination (2019)

The Mattson 2 – Paradise (2019)

Innovative Nostalgie: The Mattson 2 basteln aus jazzigen Licks und viel Hall verträumte Grooves mit gelegentlichen Vocals, in denen beiläufig Songstrukturen entstehen und vergehen.

Company Records / 7. Juni 2019

Wer allergisch auf jazzige Gitarrenlicks und gelegentliche Andeutungen von Polyrhythmik reagiert, findet auf der neuen Platte der Zwillingsbrüder aus San Diego die Hölle auf Erden. Doch das bisweilen endlose Gegniedel hat durchaus manchmal seinen Sinn, hier zum Beispiel eine Zeitreise in die goldenen Jahre von Bands wie Steely Dan oder Sea Level. Bands also, die eine Kombination aus Jazz und Soft Rock nicht als Widerspruch oder als direkten Weg in den Abgrund des Easy-Listenings interpretierten, sondern als kreativen Durchbruch.

Obwohl digital im Bastelverfahren aufgenommen, klingt das Material von Paradise eher wie eine Reihe von ziemlich perfekten Jam-Sessions in riesigen Hallräumen. Das Zusammenspiel ist wie bei einer guten Liveband perfekt unperfekt, hier zeigt sich das über Jahrzehnte verfeinerte, blinde Zusammenspiel der Brüder. An ihren Hauptinstrumenten Schlagzeug und Gitarre macht den beiden sowieso kaum jemand etwas vor, diesmal stimmt aber auch das Songwriting, das Arrangement und sogar der Gesang – auch wenn sich die Hälfte der Nummern auf die instrumentale Sphäre beschränkt. Das Ergebnis ist eine verträumte bis psychedelische Platte, die auf innovative Weise musikalische Nostalgie zelebriert.

Nebenan im Plattenregal:
Yves Jarvis – The Same But By Different Means (2019)
Connan Mockasin – Jassbusters (2018)
Stephen Steinbrink – Utopia Teased (2018)

 

Drugdealer – Raw Honey (2019)

Zeitsprung in die weirden Siebziger: Drugdealer pflügt mit Liebe zum Detail und viel Augenzwinkern durch eine Szenerie aus bekifften Rockstars und koksenden Hitproduzenten.

Erschienen am 18. April 2019 bei Mexican Summer

Drugdealer ist weniger eine Band als eine Spielwiese für Michael Collins und seine musikalischen Freunde, zu denen bekanntere (Ariel Pink, Weyes Blood) und unbekanntere Künstlerpersönlichkeiten (Harley Hill-Richmond, Doug Poole) gehören. Schon das überragende Debüt The End of Comedy vor drei Jahren war eine schillernde Ansammlung von skizzenhaften Studien im Bereich 70er Popkultur, auf Raw Honey wird dieser Weg noch konsequenter weitergeführt. Das Album beginnt mit einer instrumentalen Nummer mit dem treffenden Titel You’ve got to be kidding, die ohne weiteres als Titelmelodie für einen Softporno durchgehen würde. Dann kommt Weyes Blood, die vor wenigen Wochen mit Titanic Rising ihr bislang bestes Album veröffentlicht hat, und trällert eine ausufernde Countryrock-Ballade.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Das Herzstück des Albums ist aber die Single Fools, ein Song, für den Musikproduzenten vor 45 Jahren sogar ihre eigene Großmutter verkauft hätten. Den spezifischen Tonfall der damals im Goldrausch befindlichen Musikindustrie trifft Drugdealer wie immer mit millimetergenauer Präzision. Spätestens anhand des dazugehörigen Videos (und allerspätestens am Ende des Schlagzeug-Breaks bei 1:45) wird aber deutlich, dass es sich hier nicht nur um eine Hommage, sondern auch um eine Satire handelt. Die Gratwanderung zwischen pedantischer Rekonstruktion und messerscharfem Humor, zwischen großen Gefühlen und kleinen Gemeinheiten gelingt auch dank der fantastisch aufgelegten Gaststars durchweg und beschert uns nicht nur eine großartige Platte, sondern auch einen erfrischend albernen Gegenentwurf zur meistens bierernsten Rock-Retromanie.

Das ganze Album bei Bandcamp:

Nebenan im Plattenregal:

Weyes Blood – Titanic Rising (2019)
Charles Watson – Now That I’m A River (2018)
Buxton – Stay Out Late (2018)

Big Search – Slow Fascination (2019)

Weil sich Aufregung eher selten lohnt: Big Search kurbelt den Liegestuhl ganz weit zurück und genießt eine Spritztour durch die Musikwelten der amerikanischen Westküste.

Erschienen am 12. April 2019 bei 30th Century Records
Text: Tobias Breier

Hinter Big Search steckt der umtriebige kalifornische Musiker Matt Popieluch, der an einem sehr abwechslungsreichen Werdegang als Musiker bastelt. Stationen als Frontmann der Rockband Foreign Born, Filmkomponist und als Session Man für Cass McCombs, Papercuts oder Fool’s Gold begleiten seine Solokarriere, die 2016 mit dem unbedingt hörenswerten vierten Album Life Dollars einen vorläufigen Höhepunkt fand. Auch wenn der ganz große Publikumserfolg bislang leider ausblieb, ist Big Search spätestens seit dieser Veröffentlichung eine feste Größe der Westküsten-Szene.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Zur Schau gestellte musikalische Innovationen oder stilistische Statements hatte Popieluch derweil noch nie wirklich nötig und so ist es auch weder überraschend noch enttäuschend, dass er sich auch auf Slow Fascination an einem im positivsten Sinne des Wortes konventionellen Modell abarbeitet: Ein guter Song, ein klassisches Rock-Instrumentarium, und eine tiefenentspannte Performance im Studio. Das Ergebnis ist ein zeitloses Album, das einfach Spaß macht und die ein oder andere stilistische Spitzfindigkeit sowie so manchen etwas tiefgründigeren Exkurse perfekt in seine Alltagstauglichkeit integriert.

Das ganze Album bei Spotify:

Nebenan im Plattenregal:

Chris Cohen – Chris Cohen (2019)
Nicholas Krgovich – Ouch (2018)
Sam Evian – You, Forever (2018)

Charles Watson – Now That I’m A River (2018)

Als Teil von Slow Club und zuletzt The Surfing Magazines mag Charles Watson schon einigen von euch begegnet sein. Auf seinem Solo-Debüt zeigt er endlich sein wahres Gesicht und überzeugt mit fantastischem Songwriting sowie äußerst geschmackvollen Arrangements.

Erschienen am 18. Mai 2018 bei Moshi Moshi

Zusammen mit Rebecca Lucy Taylor erzielte Charles Watson zehn Jahre lang beachtliche Erfolge beim Publikum und der Kritik. Zu Recht, denn als Slow Club gelang den beiden eine ganze Reihe von sehr guten Platten mit überwiegend verträumtem, aber sehr facettenreichem Soft Rock. Rebecca machte sich schließlich unter dem Pseudonym Self Esteem mit deutlich experimentellerem Electro-Pop selbstständig, während Charles zusammen mit David Tattersall und Franic Rozycki von The Wave Pictures sowie Dominic Brider die Pubrock-Supergroup The Surfing Magazines gründete.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

In Rahmen der oben genannten stilistischen Eckpunkte spielt sich nun auch das Solodebüt von Charles Watson ab: Die Songs sind die Stars und bekommen jeweils einen musikalischen Mantel auf den Leib geschneidert. Wenn jemand für sich alleine ein ganzes Album auf diese Weise aufnimmt, wird das in der Regel eine sehr individuelle Angelegenheit. Das kann gerne mal in die Hose gehen, hier passt aber alles. Denn Charles Watson ist ein sympathisch verspielter Kerl, dessen musikalisches Empfinden ständig unbekannte Wege erschließt. Diese führen meistens von bewährten Ausgangspunkten hin zu völlig neuen Ideen und machen sein spätes Solodebüt so zu einem gleichermaßen vergnüglichen und ergiebigen Hörerlebnis.

Das ganze Album auf Bandcamp:

Ähnliche Platten:

Kevin Krauter – Toss Up (2018)
Nicholas Krgovich – Ouch (2018)
Jackson Macintosh – My Dark Side

Connan Mockasin – Jassbusters (2018)

In der blühenden Musikszene Neuseelands hat sich Connan Mockasin über die Jahre den Status des Vorzeige-Weirdos erarbeitet. Auf seinem vierten Album erzählt er nun die Geschichte der fiktiven Band Jassbusters mithilfe von leise verschwurbeltem Soft Rock.

Erschienen am 12. Oktober 2018 bei Mexican Summer

Die Jassbusters sind eigentlich nichts weiter als eine Gruppe von Lehrern mittleren Alters, die eine Band gründen und seichte Grooves spielen. Die Charaktere haben zwar Namen, werden aber kaum näher beleuchtet. Auch eine Handlung fehlt weitestgehend, eigentlich geht es immer nur um die Musik. In Deutschland würde so etwas wahrscheinlich von Helge Schneider kommen und fürchterlich nach Jazz, Bier und billigem Rasierwasser riechen. Doch Connan Mockasin beweist mit diesem schrägen Konzept mal wieder, dass er Neuseelands schillerndster Popmusiker ist: Kaum hatte er sich als Kollaborateur von großen Stars wie James Blake oder MGMT ein wenig Rampenlicht gesichert, stürzt er sich Hals über Kopf in das absurdeste Albumprojekt seit Frank Zappas Joe’s Garage.


Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Minutenlang nuschelt sich Mockasin also fast unverständlich durch Beschreibungen von irgendwelchen belanglosen Szenerien, ohne Unterlass nudelt er mit einem unterbelichteten Gitarrensound über sehr wenige sanfte Akkorde. Zwischen den Songs gibt es kryptische Hörspielfragmente, die vorgeben, den nicht mal ansatzweise nachvollziehbaren Pseudo-Plot voranzutreiben. Das klingt auf den ersten Blick wie das Produkt einer bekifften Nacht im WG-Zimmer, so ziellos und windschief wird um den heißen Brei herumgespielt. Doch in diesem zur Schau gestellten Nebel der Lethargie verstecken sich Anmutungen eines atmosphärischen Narrativs und schließlich auch unzählige große Pop-Momente, die erst beim wiederholten Hören deutlich hervortreten. Ein extrem wunderliches Album, dessen Entdeckung sich für ein aufgeschlossenes Publikum über alle Maßen und auf Dauer lohnt.


Das ganze Album auf Bandcamp:


Nebenan im Plattenregal:

Kevin Krauter – Toss Up (2018)
Nicholas Krgovich – Ouch (2018)
Stephen Steinbrink – Utopia Teased (2018)