Molly Burch – First Flower (2018)

Nach einem vielversprechenden Debüt liefert Molly Burch ihr Meisterstück ab: First Flower ist zurecht auf gefühlt jeder Jahresbestenliste vertreten.

 

Erschienen am 5. Oktober 2018 auf Captured Tracks

Text: Samira Wacker

2018 war ein gutes Jahr für weibliche Künstlerinnen: Da wäre einmal das grandiose Comeback von Robyn, die uns nach 8 Jahren quasi aus dem Nichts „Honey“ um die Ohren haut, Hinds, die sich nach dem diesjährigen Dockville Festival endgültig in mein Herz gespielt haben und schlussendlich Cardi B, die uns mit ihrer Erfolgsstory zeigt, dass es doch noch Märchen gibt. Auch wenn sie 2018 im Stripclub und nicht hinter den sieben Bergen beginnen. Bei der Auswahl an starken Alben möchte ich euch aber eine Künstlerin empfehlen, die dieses Jahr leiser, aber nicht weniger bestimmt, verzaubert hat – Molly Burch. Die 27-Jährige wuchs in der Schauspielszene LAs auf, entschied bewusst gegen den Trubel der City of Angels und zog nach North Carolina, um dort Jazzgesang zu studieren. Ihre Labelheimat hat sie bei Captured Tracks gefunden. Nach einem vielgelobten Debüt, indem sie vorrangig eine gescheiterte Liebesbeziehung verarbeitete, erschien im Herbst nun das schwierige zweite Album. Die instrumentale Ummantelung auf „First Flower“ ist warm, kleinteilig und trotzdem zurückgenommen genug, um dem Gesang genug Freiraum zu geben. Der Sound erinnert an verträumte 60s-Balladen, aber auch Einflüsse von Gesangsgrößen wie Nina Simone, die Burch als große Inspiration nennt, kann man heraushören. Stimmlich verfügt Molly über eine große Bandbreite, was sicher auf ihre professionelle Ausbildung zurückzuführen ist. Der Gesang wirkt stellenweise brüchig und weich, in anderen Momenten der Platte stark und bestimmt. Die ganz eigene Art, Worte wie Kaugummi langzuziehen, um sie danach abrupt abzusägen, ist beeindruckend. Mit den Worten „Why do I care what u think? You‘re not my father.“ beginnt das Album sofort mit einem Highlight. „Candy“ ist die bittersüße, tanzbare Abrechnung mit einer toxischen Beziehung.


Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Während Songs wie „Without You“ und „Dangerous Place“ sich, wie bereits auf ihrem Debüt, mit gescheiterter Liebe auseinandersetzen, überzeugt „First Flower“ mit einer thematisch größeren Bandbreite. Besonders hervorzuheben ist hier „To The Boys“, der mit seiner sanften aber bestimmten Fuck-You-Attitüde begeistert. “I don’t need to scream to get my point across/I don’t need to yell to know that I’m the boss.” – Zeilen wie diese zeigen, dass sich Molly Burch während der Arbeit an „First Flower“ mit den eigenen Ängsten auseinandergesetzt und Friede mit ihren vermeintlichen Schwächen geschlossen hat. Diese emotionale Transparenz ist, was „First Flower“ als Album dieses Jahr so besonders macht – ein 11-Track-starkes Loblied auf die Softness. Während das Debüt konsequent von Herzschmerz durchzogen war, gibt es auf dem Nachfolger mit „Candy“, „Wild“ und „To The Boys“ auch Momente des Triumphes, eine Feier der eigenen Imperfektion. Gesangliche Finesse gekoppelt mit der verträumten musikalischen Ummantelung überzeugen im Zusammenspiel. „First Flower“ hinterlässt ein warmes und zufriedenes Gefühl, macht Lust aufs Verlieben und überzeugt auf Platte genauso wie live.


Das ganze Album bei Bandcamp:


 


Nebenan im Plattenregal:

The Saxophones – Songs of the Saxophones (2018)
Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)
Anna St. Louis – If Only There Was A River (2018)

Buxton – Stay Out Late (2018)

Sergio Trevino und seine Band Buxton haben seit 2009 alle drei Jahre ein solides Album abgeliefert. Stay out late ist da keine Ausnahme und schreibt den Weg von alternativem Country hin zu kunstvollem Post Rock überzeugend fort.

a0956838685_10

Erschienen am 19. Oktober 2018 bei New West Records

Als vor drei Jahren das vierte Studio-Album namens Half A Native erschien, war die Verwunderung groß. Vom texanischen Twang und dem klaren Bekenntnis zur Country-Schublade war nichts mehr übrig, Buxton klang wie jede andere sehr gute Band in der großen Komfortzone zwischen Indie Folk und Soft Rock. Für die fünfte Platte haben sich Sergio Trevino und seine Freunde ein paar Wochen in LA bei Thom Monaham eingenistet, dem Produzenten von Vetiver und Devendra Banhart. Wer Wettereinflüsse bei Musik wahrnehmen kann, wird die kalifornische Sonne hier sicherlich nicht überhören.

Das Musikvideo zur Single „Jan“ auf Youtube:

Abgesehen von der eher konventionellen Vorab-Single „Jan“ rückt die Platte den etwas unentschlossenen Vorgänger dann endlich ins rechte Licht. Anscheinend haben Buxton so etwas wie ein Übergangsalbum gebraucht, um sich selbst und ihre Fans auf einen neuen musikalischen Horizont vorzubereiten. Mit erstaunlich knackigen Synthies und bewusst undurchsichtigen Songstrukturen macht man ungefähr da weiter, wo zum Beispiel Talk Talk am Ende der 80er aufgehört haben. Die Extrameile lohnt sich aber durchaus auch beim Zuhören: Die Platte fließt wunderbar vor sich hin, hinterlässt auf Anhieb ein paar undefinierbare Ohrwurm-Fragmente und schreit förmlich nach dem nächsten Durchgang.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:

Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)
Lorain – Through Frames (2018)
River Whyless – Kindness, A Rebel (2018)

Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)

In ihrer Heimat Texas tauchte Jess Williamson musikalisch immer weiter in eine tiefe Melancholie ab. Mit dem Umzug nach LA und ihrem neuen Album überwindet sie nun diese Einbahnstraße und beweist ein besonderes Talent für eine extrem stimmungsvolle Vertonung von gemischten Gefühlen.

Erschienen am 11. Mai 2018 bei Mexican Summer

Manche Platten erschließen sich weder auf den ersten noch auf den zweiten oder dritten Blick, sondern zunächst gar nicht. Und dann kommen irgendwann aus den Tiefen des Bewusstseins Phrasen und Akkorde zum Vorschein, die das innere Auge für große Orientierungsschwierigkeiten stellen. Wo und wann habe ich dieses Lied eigentlich gehört, dass mir seit Tagen fragmentarisch im Kopf herumspukt? Und noch wichtiger: Von wem ist das und warum habe ich mir die Platte nicht gleich gekauft? In diesem Fall ist dieses Phänomen sogar bei mehreren Liedern unabhängig voneinander eingetreten, zuerst mit „Awakening Baby“, dann mit „Wild Rain“ und zum Schluss auch noch mit „I see the white“ – welch eine Erlösung, Monate später endlich auf den Zusammenhang zu stoßen.

Das Musikvideo zur Single „I see the white“ auf Youtube:

 

 


Und wieder ist da ein ganz großes Rätsel: Was ist die magische Zutat, die aus solchen unscheinbaren Liedern dermaßen hartnäckige Ohrwürmer macht? Wahrscheinlich ist es ein Zusammentreffen von mehreren Faktoren. Zum einen, dass die Songs nicht zielstrebig auf einen Punkt zusteuern, sondern eher beiläufig ein vertrautes Gefühl umkreisen. Zum anderen, dass Texte und Melodien fast minimalistisch reduziert sind. Vor allem aber ist  da diese halb flüsternde Stimme und eine alles umschließende klangliche Atmosphäre, so als würde man bei Freunden im Schlafzimmer-Studio auf dem Bettvorleger liegen und heimlich bei den Aufnahmen lauschen. Das Ergebnis ist ein absolut singuläres Album, dass sich unfassbar schwer in Worte fassen lässt und dessen vage Beschreibung alleine mehrere Anläufe und wochenlanges Grübeln benötigte.


Das ganze Album auf Spotify:

 


Ähnlich einzigartige Platten:
Lorain – Through Frames (2018)
Buck Meek – Buck Meek (2018)
Halo Maud – Je Suis Une Île (2018)

Okkervil River – In the rainbow rain

Es ist total nachvollziehbar, wenn Fans von Okkervil River dieses Album nach ein paar Takten abwürgen und die Band für immer verfluchen. Allerdings verpassen sie dann eine unglaublich facettenreiche Platte, die weit über den nostalgischen Folkrock des bisherigen Schaffens der Texaner hinausgeht.

MI0004412997.jpg

27.4.2018 / ATO Records

Am Ende des ersten Songs zitiert die Leadgitarre minutenlang „Waterloo Sunset“ von The Kinks über einen Loop aus euphorischem Yacht Rock und flirrenden Synthies. Diese Momentaufnahme reicht aus, um die grenzenlose Spielfreude zu charakterisieren, die Okkervil River anscheinend bei den Aufnahmen zu ihrem aktuellen Album überfallen hat. Denn bisher war die Musik der Gruppe aus Austin zwar immer schön anzuhören, aber meistens eher voraussehbar als überraschend. Darunter wird jetzt ein deutlich hörbarer Schlussstrich gezogen, Wiedererkennungswert bieten auf „In the rainbow rain“ nur noch die Stimme von Will Sheff, die ungewohnte Hochglanzproduktion und die Tatsache, dass jeder Song auf seine ganz eigene Art Hitpotential hat.

Deshalb fällt es auch schwer, potentiellen Zuhörern konkret zu vermitteln, was sie zu erwarten haben. Vergleiche zu Giganten wie Pink Floyd, David Bowie, Todd Rundgren oder womöglich sogar Madonna (!) könnten im Hinblick auf bestimmte Aspekte in die richtige Richtung deuten, verbieten sich aber sowieso. Bands wie The War on Drugs, Paper Kites, Tame Impala oder My Morning Jacket haben ähnlich wenig Berührungsängste mit dem, was man als zeitlosen Mainstream bezeichnen könnte, legen sich aber stilistisch viel eindeutiger fest. Was bleibt, ist eine gewisse Ratlosigkeit und gleichzeitig ein ungläubiges Staunen über ein vollkommen unübersichtliches, aber irgendwie doch kohärentes Feuerwerk aus musikalischen Ideen, von denen die meisten erfolgreich auf dem schmalen Grat zwischen popkultureller Genialität und Kitsch ausgetragen werden.

Danach könnte man es mal mit diesen Platten probieren:
The War on Drugs – A Deeper Understanding (2017)
Dick Stusso – In Heaven
Fancey – Love Mirage (2017)