Twain – Adventure (2019)

Cosmic American Music / Indie Folk

Er war monatelang auf Tour in Europa und hatte sich unterwegs beim Schwimmen im Atlantik den Fuß gebrochen. Am Himmelfahrtstag spielte er nachmittags eine Show im Freien, ungefähr 50 Meilen entfernt. Mein Freund fuhr mit seinem alten Mercedes hin und holte ihn ab, gegen sechs Uhr Abends trafen die beiden in der Scheune ein. Mit seiner improvisierten Krücke gab er zunächst ein mitleidserregendes Bild ab, doch als er mit seiner Gitarre auf dem Barhocker saß, wirkte er plötzlich sehr lebendig. Wir tranken Rotwein aus großen Gläsern und als er anfing zu spielen, waren alle geschockt von der Schönheit seiner Musik, dem elektrisierenden Klang der Saiten und dem Feuer in seiner Stimme. Später zogen wir weiter und setzten uns auf meinen Balkon, es war noch sehr warm. Ich ging rein und legte Astral Weeks auf, während er das geprägte Leder auf meinem antiken Klavierhocker bewunderte. Morgens lief ich zu einem Bauernhof und kaufte frische Erdbeeren. Als er ausgeschlafen hatte frühstückten wir in der Sonne. Danach nahm er ein Bad und sang dabei laut ein paar Songs von Creedence Clearwater Revival.

Nebenan im Plattenregal:
Simon Joyner – Pocket Moon (2019)
Twain – Rare Feeling (2017)
Twain – Life Labors in the Choir (2014)

Zukunftsmusik: Eure Plattenvorschau für den März 2019

Früher Bescheid wissen mit The Soft Rock Café: Ab sofort gibt es jeden Monat eine kleine Vorschau auf das, was an neuen Platten auf uns zu kommt. Für den März konnten wir für euch aus dem Vollen schöpfen, so viele heiße Scheiben haben sich schon lange nicht mehr in einem Monat angekündigt. Unser Autor Tobias ist deshalb auch schon richtig aufgeregt und konnte seine Vorfreude beim Schreiben offensichtlich nur sehr schwer zurückhalten…

Text: Tobias Breier

So ein Text über die zahlreichen Veröffentlichungen im März kann eigentlich nicht wirklich ohne kitschige Verweise auf das aktuelle Frühlingswetter über die Bühne gehen: Ja, im März erwacht nicht nur die Natur, sondern auch die Plattenindustrie! So wie man bei einem Spaziergang gerade Acht geben muss, um nicht die süßen kleinen Blümchen (Wie heißt die Mehrzahl von Krokus eigentlich in korrektem Deutsch, Krokusse oder Kroki? Oder doch Krokeen?) plattzutreten, so muss man auch höllisch aufpassen, um im Moment kein hörenswertes Album zu verpassen. Genug gelabert, ran an die Kroketten:



Living Hour: Softer Faces (1. März 2019)

Ok wow, ich gebe es gleich zu: Ich habe überhaupt nicht gecheckt, dass es eine Live Session ist und kein Musikvideo mit Studiosound. Was zur Hölle ist mit diesen jungen Menschen aus Winnipeg los? Das hier ist nicht nur einer der besten Dreampop-Songs den ich seit Jahren gehört habe, sondern möglicherweise eine der besten Live-Performances, die jemals auf Video gebannt wurden. Kein Witz! Und selbst wenn der Rest des Albums klingen würde wie die Deutschpop-Playlist von Spotify, wäre Softer Faces alleine aufgrund dieser Nummer immer noch eindeutig besser als neunzig Prozent aller Platten, die in den Nullerjahren erschienen sind.



Hand Habits: Placeholder (1. März 2019)

Mit dem ersten Album haben Hand Habits 2017 schon gezeigt, dass zwischen Acts wie Soccer Mommy, Snail Mail und Lucy Dacus noch jede Menge Platz ist für queerfeministisch angereicherten Songwriterpop. Dass sie musikalisch ganz oben mitspielen, hatten sie zuvor schon durch ihre Gitarrenarbeit für Kevin Morby bewiesen. Mit Placeholder kommt jetzt die schwierige zweite Platte, aber so ausgereifte und dabei gleichzeitig ungekünstelt verträumte Songs wie Can’t Calm Down lassen auf ein weiteres Erfolgsalbum hoffen.


Ten Fé: Future Perfect (8. März 2019)

Ten Fé aus London sind so etwas wie die britische Antwort auf den durchschlagenden Erfolg von The War On Drugs: Ein bisschen zu alt und ungepflegt für Instagram, aber eindeutig zu cool, um in den ewigen Jagdgründen des Dadrock unterzugehen, aus denen sie den größten Teil ihres musikalischen Vokabulars stibitzt haben. Wie es sich für die traditionell an Zuspitzung interessierten Insulaner gehört, ist ihre Version natürlich etwas greller, poppiger und unverschämter als das amerikanische Original. Doch schon das Debüt Hit the light aus dem Jahr 2017 hatte gezeigt, dass sie damit gerade auf Albumlänge auch ihre eigenen Akzente zu setzen wissen.



E.B. The Younger: To Each His Own (8. März 2019)

Wer schon länger auf das neue Album von Midlake wartet und den Ausflug mit der Supergroup BNQT mochte, wird Eric Pulidos Debüt als Solo-Künstler E.B. the Younger entweder hassen oder lieben. Es besteht zwar musikalisch größtenteils aus den gleichen Zutaten, der inhaltliche Approach und die Grundstimmung haben sich aber um 540 Grad gedreht: Pulido hat ein Set von Confessional Songs geschrieben, die dann im Studio mit zahlreichen Kollaborateuren auf eine ungewohnt dramatische und für viele Midlake-Fans wahrscheinlich zu pompöse Weise als Americana-Musical inszeniert werden. Das überlange, nostalgische und irgendwie auch grandiose Video mit viel Baseball und Texas Twang ist für deutsche Geschmäcker daher ein guter Gradmesser.



Stella Donnelly: Beware of the Dogs (8. März 2019)

Stella Donnellys gehypte Debüt-EP letztes Jahr ist mir abgesehen vom witzigen Cover nicht wirklich in Erinnerung geblieben. Schön, dass sie bei Old Man nur fünf Takte und drei Akkorde auf der Gitarre braucht, um sich für immer in meinem Gehörgang einzunisten. Von der vokalen Performance fange ich an dieser Stelle lieber gar nicht erst an zu schwärmen, der Teil kommt dann beim Review. Unbedingt erwähnt werden muss aber das grandiose Songwriting: Noch selten wurde dem zu Übergriffigkeiten neigenden Teil der Männerwelt so deutlich und dabei gleichzeitig charmant und erfrischend beiläufig der Kopf gewaschen wie hier. Und auch der Rest der bislang aufgetauchten Ausschnitte aus dem Album sowie ihr unfassbar intensives Tiny Desk Concert lassen erwarten, das mit Stella Donnelly eine überragende Künstlerin auf uns zu kommt.



C Duncan: Health
 (29. März 2019)

C Duncan aus Schottland ist ein klassischer Einzelgänger, hat an einem klassischen Konservatorium Komposition und Arrangement studiert und scheint bis heute nicht wirklich eine Verbindung zur Musikszene entwickelt zu haben. Dabei ist Health bereits sein drittes Album und die bisher erschienenen Werke haben beide nicht nur bei der Kritik, sondern auch bei vielen Kollegen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Mit der Single Impossible bleibt er seinem detailverliebten, akustisch-elektronischen Kunst-Pop im Großen und Ganzen treu, verschiebt den Fokus aber zunehmend vom Schlafzimmer in Richtung Tanzfläche.



Chris Cohen: Chris Cohen (29. März 2019)

So ein Feeling hatte ich beim Musikhören nicht mehr, seit ich als Fünfjähriger mit meiner Familie über verregnete, in der Sonne glänzende Landstraßen Richtung Schwarzwald geruckelt bin und auf SWR 1 irgendwelche wundervoll verschlafenen Songs aus den 70ern liefen, die der alternde Programmchef noch bis zu seiner Pensionierung Anfang des neuen Jahrtausends wie eine Löwenmutter verteidigte als essentiellen Bestandteil der Rotation. So war es, bevor unter der neuen Führung irgendwelche Analysetools heißliefen und als Ergebnis lieferten, das der Durchschnittsmensch lieber ekelhaft laut produzierte Scheißmusik im Radio hören will. Vielleicht werde ich eine Petition starten, die Edit Out und am besten auch noch jeden anderen Song von Chris Cohens neuem Album ins öffentlich-rechtliche Radio bringt. Und zwar immer am Samstagmorgen, wenn es nachts geregnet hat und die Sonne rauskommt.



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Zukunftsmusik: Januar 2019

Früher Bescheid wissen mit The Soft Rock Café: Ab sofort gibt es jeden Monat eine kleine Vorschau auf das, was an neuen Platten auf uns zu kommt. Los geht es mit drei alten Bekannten und einem vielversprechenden Debütanten.

Zu Jahresbeginn sieht es meistens etwas dünn aus mit Neuveröffentlichungen. Oft gibt es nur ein paar versprengte Platten, die nicht rechtzeitig für das Weihnachtsgeschäft aus dem Presswerk kamen. Dieses Jahr ist verhältnismäßig viel los, vor allem sind mit Twain (Bild) und Steve Gunn zwei richtige Kracher dabei. Ausführliche Infos zu diesen und weiteren Alben bekommt ihr hier dann im Laufe des Monats, also bleibt dran!

Angelo De Augustine: Tomb (18. Januar 2019)

Vielleicht ist das bevorstehende Debüt von Angelo De Augustine klanglich ein bisschen zu fragil, um auf Anhieb einen richtig tiefen Eindruck zu hinterlassen. Wer auf leise Töne steht, darf sich aber auf zahlreiche gemütliche Stunden mit dieser Platte freuen.



Steve Gunn: The Unseen in Between (18. Januar 2019)

Gitarren-Raketen wie Steve Gunn werden häufig auf ihre instrumentale Virtuosität reduziert. Dabei hat der Kanadier auch im Bereich Songwriting einiges anzubieten, wie er schon auf seinem letzten Album eindrucksvoll gezeigt hat.



Pedro The Lion: Phoenix (18. Januar 2019)

David Bazan hat seine Band Pedro The Lion 15 Jahre ruhen lassen und seither als Singer-Songwriter unter seinem eigenen Namen einige beachtliche Alben veröffentlicht. Der alte Bandname spiegelt sich wieder in einer Rückkehr zum leicht angezerrten Rock aus seinen besten Zeiten.



Twain: 2 EPs (25. Januar 2019)

Wenn jemand zwei alte EPs noch mal als Album verticken will, gehen normalerweise alle Alarmleuchten an. Nicht so bei Twain: Denn erstens sind die beiden Releases schon lange vergriffen und zweitens liefert der Amerikaner stets dermaßen zeitlose und einzigartige Songs ab, dass sich jeder Zweifel an der Relevanz dieser Veröffentlichung verbietet.



Diese Videos sind Teil einer Playlist auf Youtube, die jeden Monat aktualisiert wird:

Twain – Rare Feeling: Musik an der Schwelle zur Magie

Auf seinem letzten Album „Life labors in the choir“ hat sich Twains unglaubliche Energie 2014 zum ersten Mal so richtig entladen. Mit „Rare Feeling“ balanciert er wieder auf dem schmalen Grat zwischen melancholischem Folk und herzzerreißendem Blues.

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20.10.2017 / Keeled Scales

Wenn Musik als existenzielle Ausdrucksform empfunden wird, ist das oft nicht nur für das Publikum eine Herausforderung. Twain hat jahrelang mit seiner Musik gehadert, sich in Projekten und Kollaborationen verheddert, alles versucht und alles aufgegeben, nur um sich 2014 mit Life labors in the choir wie aus dem Nichts ein Denkmal für die Ewigkeit zu setzen. Da kein Label bereit war, dieses monumentale Album zu verlegen, ruinierte sich Twain temporär durch die Entscheidung, es auf eigene Kosten zu wagen.

Das letzte Album wurde direkt auf Tape aufgenommen

Doch nach und nach wollten immer mehr Leute diese Platte, die wie im Rausch direkt auf Tape aufgenommen wurde und auf dem Weg ins Presswerk nie digitalisiert wurde. Heute ist die erste Auflage schon lange ausverkauft und sehr begehrt. Und weiterhin ist die Suche nach Direktheit und Unberührtheit der Musik ein großes Anliegen, deshalb gibt es etwa auch keine produzierten Musikvideos von den Songs des neuen Albums. In den improvisierten Sessionaufnahmen ist man ganz nah dran an der fabelhaften Stimme, am Menschen, seinen Songs und seiner Geschichte.

Diese puristische Intensität wäre auf Albumlänge vielleicht ein wenig zu viel. Deshalb hat sich Twain auch diesmal wieder lange mit den Arrangements herumgeschlagen, die nun die Essenz der Songs noch besser erfahrbar machen. In etwa so, wie ein Schluck Wasser einen allzu sperrigen Whisky eben nicht verwässert, sondern erst so richtig zur Entfaltung bringt. Die gleiche Notwendigkeit zeigt sich außerdem in der eigenartigen Angewohnheit, die Songs an bestimmten Stellen eine Weile anzuhalten. Immer wieder gibt es Phasen, in denen nichts passiert, in denen Erholung möglich ist. Doch dann geht es weiter, und selbst das sanfte Anrollen der Gitarre erscheint wie eine heftige Explosion.

Mit dem neuen Label Keeled Scales geht es hoffentlich weiter bergauf

Man darf Twain beglückwünschen, denn er hat sich durch schwere Zeiten gekämpft und ist dabei als Musiker immer kompromisslos seinen Weg gegangen. Mit einem aufstrebenden Label wie Keeled Scales im Rücken sollte es ihm nun endlich gelingen, in der Öffentlichkeit eine adäquate Würdigung seines immensen Talents, seiner einzigartigen Persönlichkeit und vor allem seiner fantastische Musik zu erzielen. Denn Twain ist einer der ganz wenigen Musiker, die mit handwerklichen Fähigkeit und unbedingtem Gestaltungswillen den Zwischenschritt in die komplexe Sphäre der Kunst einfach überspringen und direkt auf die Welt der Magie zugreifen.

https://open.spotify.com/album/7Lzc47VySqQYLS2ZR1bi5M

Twain – Life Labors in the Choir (2014)

VÖ: 11.3.2014 (Ohne Label)
Namedropping: Tim Buckley, Van Morrison, Mickey Newbury, Gram Parsons

Passt gut zu: Kopfkino, Fernweh, Tagträumen

Nachdem er ein paar Jahre als Multi-Instrumentalist bei der Indie-Folk-Band The Low Anthem vor sich hingedümpelt hatte, setzte sich Twain auf seinen Hosenboden und schrieb aus dem Nichts ein heimliches Meisterwerk, das nie bei einem Label erschien oder von irgendwelchen Medien berücksichtigt wurde. Die erste, auf eigene Kosten gepresste Edition von 300 Exemplaren war aber auf Bandcamp nach kurzer Zeit ausverkauft. Kein Wunder, denn hier gibt es nicht nur geniales Songwriting und bestechend geschmackvolle Arrangements, sondern eben auch eine herzergreifende Performance und vor allem ganz viel Seele. Eine ganz besondere Platte von einem ganz besonderen Künstler, die so langsam die Aufmerksamkeit bekommt, die sie schon seit drei Jahren verdient.

Achtung, Re-Release: Der Pre-Sale zur extrem begehrten zweiten Auflage erscheint am Donnerstag, den 23.2.2017. Unbedingt gleich hier vorbestellen!